Marktplatzangebote
10 Angebote ab € 3,15 €
Produktdetails
  • Verlag: Südwest
  • Seitenzahl: 384
  • Erscheinungstermin: 29. September 2010
  • Deutsch
  • Abmessung: 215mm x 135mm
  • Gewicht: 624g
  • ISBN-13: 9783517086330
  • ISBN-10: 3517086339
  • Artikelnr.: 29501030
Autorenporträt
Sabine Czerny, 1972 bei München geboren, arbeitet seit über zehn Jahren an diversen Grundschulen in Bayern und absolvierte in dieser Zeit zahlreiche Aus- und Weiterbildungen im pädagogischen, psychologischen und heilpraktischen Bereich.
Rezensionen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 27.11.2010

Das Schulsystem zwingt uns,
Verlierer zu produzieren
Die Lehrerin Sabine Czerny rebellierte gegen die Selektion
– jetzt hat sie ein Buch geschrieben / Von Freerk Huisken
„. . . und ich will es bis heute nicht glauben.“ So lautet das Ende eines Schlüsselsatzes in dem gerade erschienenen Erfahrungsbericht von Sabine Czerny, jener bayerischen Lehrerin, die wegen zu guten Unterrichts abgemahnt wurde. Der Fall machte Schlagzeilen und ermunterte sie, auf fast 400 Seiten zusammenzutragen, „was wir unseren Kindern in der Schule antun und wie wir das ändern können“ – so der Titel des Buches. Trotzig resümiert sie ihren Fall: „Ich hatte davon gehört, dass es politisch gar nicht erwünscht ist, dass alle Kinder gut lernen, konnte es aber nie glauben und will es bis heute nicht glauben.“ Glaube hin, Glaube her, eben diese Erfahrung musste sie machen, wurde gemobbt, der Unkollegialität geziehen und sprach schließlich nur noch im Beisein ihrer Anwältin mit der Schulleitung. Die machte ihr unmissverständlich klar: „Auch bei Ihnen muss es Vierer, Fünfer und Sechser geben!“ Das freundliche Angebot der Behörde, sich selbst ein Berufsverbot zu erteilen und mit Mitte dreißig in den vorzeitigen Ruhestand zu gehen, lehnte sie ab. Das Ergebnis: Strafversetzung.
Deswegen ist ihr Glaubensbeschluss so erstaunlich. Er zeigt einerseits einen erfahrungsresistenten Idealismus, der ohne Zweifel jenen Schulkindern gut bekommt, denen sie sich weiterhin mit ungebrochenem Engagement und enormer Zuwendung widmet. Auf der anderen Seite steht er für die Weigerung, ihrer – durchaus nicht nur für Bayern, sondern für das deutsche Schulwesen exemplarischen – behördlichen Disziplinierung auf den Grund zu gehen. Das macht die Irritation aus, die sich beim Lesen dieses Buches einstellt.
In sieben Kapiteln nebst einem Epilog stellt Czerny die Schule mit Schwerpunkt Primarstufe vor. Sie gibt Einblick in ein System, das „in hohem und unverantwortlichem Maße Kinder zu Versagern und Verlierern macht“, in dem „alle Opfer“ seien, „Eltern, Lehrer und Schüler“, und das „der Gesellschaft schadet“. Kontrastierend dazu gibt sie als Resümee ihrer Anstrengungen der Überzeugung Ausdruck, „dass alle Kinder gut lernen können, und dass es keine dummen Kinder gibt. Aber wir (die Lehrer) produzieren Versager oder besser: Das System lässt uns Versager produzieren.“ Als Grundübel der Schule hält sie zutreffend fest, dass die Schule „eine Prüfschule mit dem Ziel der Selektion“ ist und empfindet es als „grotesk“, dass Lernen zu einer „reinen Frage der Zeit – einer Frage von recht wenig Zeit“ wird. Sie resümiert: „Guter Unterricht und vielfaches Üben, so dass jedes Kind die Inhalte verstanden hat, wird aufgrund dieser Vorgaben zu einem Fehlverhalten.“
Einerseits formuliert die Autorin eine reflektierte Kritik am schulischen Unterricht, die selten in dieser Schärfe vorgelegt worden ist. Dies ist der Grund, warum die Lektüre zu empfehlen ist. Andererseits blendet Czerny eine explizite Befassung mit der Frage aus, warum es dieses System seit rund sechzig Jahren gibt und warum keine der zahlreichen Schulreformen je etwas Prinzipielles daran geändert hat, dass per Notendiktat die Mehrheit des Nachwuchses von jener weiterführenden Bildung ausgeschlossen wird, die hierzulande die zwingende Voraussetzung dafür ist, in der Arbeitswelt nicht völlig unter die Räder zu kommen.
Sie greift mit Recht die Schule als System an, hält nicht etwa einzelne Bildungspolitiker oder Schulleiter für Versager, und lässt doch den Leser mit der sich anschließenden Frage nach den gesellschaftlichen Zielen dieses Schulsystems allein. Es besteht gar kein Zweifel: Sabine Czerny plädiert für eine Schule ohne Noten, ohne Selektion und mit so viel Zeit zum Lernen, wie die Kinder sie jeweils brauchen. Aber auch daran kann es keinen Zweifel geben: Ein daran orientiertes pädagogisches Bemühen gilt in der Staatsschule allerdings als ein Zeichen für ein gröbliches Missverständnis des Lehrerauftrags. Und deswegen steht in ihrer Botschaft von der Machbarkeit der „guten Schule“ ihr eigener Fall auf dem Kopf: „Seht her, mit viel gutem Willen und Zeitaufwand geht es doch!“, lautet ihr unausgesprochenes Credo. Als sei die Schule eine private pädagogische Hobbywerkstatt und nicht das staatliche Instrument zur Herstellung von passendem Nachwuchs für diese Gesellschaft.
Czerny kann sich das Schulsystem nur als Anachronismus erklären. Dass hierzulande ein Schulsystem funktional ist, das all das den Kindern antut, was sie in ihrem Buch überzeugend zusammengetragen hat, will sie bis heute nicht glauben. „Das kann doch niemand wollen!“, lautet das Credo, das man ihrer Schrift entnehmen kann. In der Tat, das will wirklich niemand! Keiner der gestandenen Bildungspolitiker von CSU bis SPD will den Kindern „Böses“. Sie treten alle in der Überzeugung an, den Schülern nur „Gutes“ zu offerieren. Jeder sei doch seines Glückes Schmied, verkünden sie und organisieren eine Schulkonkurrenz, die zugleich die Verlogenheit dieser Botschaft offenbart: Ist doch damit von vornherein festgelegt, dass das Interesse aller Schüler, in der Schule gut abzuschneiden, nicht für alle aufgehen darf. Dass immer Sieger und Verlierer produziert werden sollen, auch wenn sich alle Schüler noch so sehr anstrengen, ist das Prinzip dieser Konkurrenz. Und die bringt jene Beschädigungen hervor, die dieses Buch zusammenträgt. Bezweckt sind sie von der Bildungspolitik nicht, als pädagogische Kollateralschäden in Kauf genommen allemal.
Fast wie eine Entschuldigung der Bildungspolitik kommt es deswegen daher, wenn Sabine Czerny zur Erklärung nur anzubieten hat, dass „. . . unser Schulsystem auf einem überholten Menschenbild und einer veralteten Begabungstheorie“ aufbaut. Als ob Menschenbilder politische Entscheidungsgründe abgäben. Mit ihnen werden Entscheidungen über Standortvorteile, Transferzahlungen oder Kriegsbeteiligungen mit dem nötigen philosophischen Tiefgang versehen, und letztlich mit dem Verweis auf das, was „der Mensch“ eigentlich sei, als unwidersprechlich vorgestellt. Die Sache mit der „veralteten Begabungstheorie“ verhält sich ähnlich. Auch hier hat Czerny das Verhältnis von Theorie und politischem Interesse auf den Kopf gestellt. Denn je nach aktuellem bildungspolitischem Interesse taugt einmal die nativistische Variante der Begabungstheorien zur Legitimation von Entscheidungen und mal die sozialisationstheoretische.
Aber all das will sie bis heute nicht glauben.
SABINE CZERNY: Was wir unseren Kindern in der Schule antun . . . und wie wir das ändern können. Südwest-Verlag, München 2010. 386 Seiten, 17,99 Euro.
Der Rezensent bekleidete bis 2006 einen Lehrstuhl für „Politische Ökonomie des Ausbildungssektors“ an der Universität Bremen.
„Guter Unterricht und
vielfaches Üben wird
zu einem Fehlverhalten“
Wegen guter Noten bestraft: Grundschullehrerin Sabine Czerny. Foto: oh
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung exklusiv über www.sz-content.de
…mehr

Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Lesenswert scheint Freerk Huisken dieses Buch über unser Schulsystem, das Sabine Czerny vorgelegt hat. Die Autorin, die als Lehrerin gegen die schulische Selektion rebellierte und deswegen einige Schwierigkeiten mit Schulleitung und Schulbehörde bekam, zeigt für ihn überzeugend auf, inwiefern das Schulsystem Schüler, Eltern und Lehrer zu Opfern macht und darauf angelegt ist, Gewinner und Verlierer zu produzieren. Ihrer ebenso scharfen wie "reflektierten" Kritik der Schule als Prüfschule mit dem Ziel der Selektion kann Huisken nur zustimmen. Allerdings hält er der Autorin vor, die Frage, warum es dieses System seit sechzig Jahren gibt, auszublenden. Kritisch sieht er insbesondere die Weigerung der Autorin anzuerkennen, dass es politisch nicht unbedingt gewünscht ist, dass alle Kinder gut lernen und dass hierzulande das Schulsystem funktional ist, um geeigneten Nachwuchs für die Gesellschaft zu produzieren.

© Perlentaucher Medien GmbH