Verteidigung des Liberalismus - Kersting, Wolfgang

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Wie bringen wir wirtschaftliche Freiheit und sozialen Ausgleich zusammen? Wie lauten die neuen Leitsätze gesellschaftlichen und marktwirtschaftlichen Handelns? Wer den ideengeschichtlichen und argumentativen Unterbau für die Beantwortung dieser Fragen sucht, wird in diesem grundlegenden Essay des Philosophen Wolfgang Kersting fündig.…mehr

Produktbeschreibung
Wie bringen wir wirtschaftliche Freiheit und sozialen Ausgleich zusammen? Wie lauten die neuen Leitsätze gesellschaftlichen und marktwirtschaftlichen Handelns? Wer den ideengeschichtlichen und argumentativen Unterbau für die Beantwortung dieser Fragen sucht, wird in diesem grundlegenden Essay des Philosophen Wolfgang Kersting fündig.
  • Produktdetails
  • Verlag: Murmann Publishers
  • Seitenzahl: 237
  • Erscheinungstermin: Oktober 2009
  • Deutsch
  • Abmessung: 200mm x 129mm x 20mm
  • Gewicht: 300g
  • ISBN-13: 9783867740739
  • ISBN-10: 3867740739
  • Artikelnr.: 26364762
Autorenporträt
WOLFGANG KERSTING ist Professor für Philosophie an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Seit 2008 leitet er dort auch das Forum für Wirtschaftsethik und politische Philosophie.
Rezensionen
Besprechung von 27.11.2009
Prävention! Aber welche?

Wolfgang Kersting nimmt den Liberalismus noch einmal beim Wort: Ein freier Bürger zu sein heißt Vorsorge zu treffen auf unübersichtlichem Gelände.

Von Christian Geyer

Eine Verteidigung des Liberalismus zu schreiben ist originell. Welcher Erzreaktionär möchte schon nicht als liberal gelten? Aus der Feder von Wolfgang Kersting verspricht eine derartige Verteidigungsschrift Substantielles. Der Kieler Professor für politische Philosophie ist für seine geschliffenen, zuspitzenden Formulierungen bekannt, gepaart mit analytischer Hellsichtigkeit. Kersting verspricht nicht zu viel, wenn er in der Einleitung seines "lockeren Essays, der sich auf Vorträge über Freiheit, Gerechtigkeit und Sozialstaat stützt", ankündigt: "Es wird keine störende Gelehrsamkeit angehäuft, es werden keine Spezialkenntnisse verlangt. Mehr als Bereitschaft zur Nachdenklichkeit und Interesse an begrifflicher Darstellung ist nicht vorausgesetzt." Mit anderen Worten: Ein philosophisches Buch der guten Art.

Das Buch hat eine sozialpolitische und eine anthropologische Seite. Letztere verfängt besonders. Denn Kersting gelingt es, mit wenigen Strichen unsere Situation in der "Freiheitswachstumsgesellschaft" zu beschreiben, den Zustand des Eingeschüchtertseins angesichts der wachsenden Zumutung, das Leben in die eigenen Hände nehmen zu sollen. Noch immer haben wir Angst, uns in die Lage der Selbstmächtigkeit zu versetzen. Noch immer wollen wir lieber im regressiven Wärmestrom mitschwimmen und nur ja nicht unter Liebesentzug geraten. "Aber die Zeiten seliger Unmündigkeit sind vorbei", erklärt Kersting. "Autoritäten sind knapp geworden. In der Moderne schlägt die Stunde des Individuums."

Ja, man hört richtig: Es ist die Rhetorik des Pamphletisten, die dieser Autor auf weiten Strecken nicht verschmäht, sondern treffsicher einzusetzen weiß. Kersting bedient sich eines Freiheitspathos, von dem er zugleich sagt, es werde wohl nur "mit verlegenem Schulterzucken" beantwortet. Tatsächlich gehört Kersting zu denen, die es darauf anlegen, dem windelweich gespülten Begriff des Liberalismus seine ursprüngliche Anstößigkeit zurückzugeben. Die Neutralitätsphilosophie, wie sie dem liberalen Gemeinwesen zukommt, dürfe selbst nicht neutral sein, schreibt er. Vielmehr müsse sie die Ansprüche hochhalten, die sich aus der Bereitschaft ergeben, für die Folgen eigenen Tuns und Unterlassens geradezustehen.

Das ist, wenn man so will, urliberaler Korpsgeist. Kersting entfaltet ihn rund um den Begriff der Selbstsorge. "Die Verwandlung der technischen Verfügungsfreiheit und der ethischen Gestaltungsfreiheit in Selbstmächtigkeit ist die grundlegende Aufgabe, die die modernen Menschen bewältigen müssen."

Es geht nicht darum, die Tradition über Bord zu werfen. Es geht darum, sie sich auf neue, nicht allgemeinverbindliche Art verbindlich zu machen. "Menschen sind agoraphob, haben einen großen Bedarf an Grenzen und Ordnungen. Wird dieser Bedarf nicht mehr gedeckt, wird die kulturelle Umwelt unbekömmlich. Und das Gespann von Liberalismus und Kapitalismus vermag diesen Bedarf bei weitem nicht zu decken. Denn beide sind die zentralen kulturellen Produktivkräfte der zerstörerischen Moderne. Ihrer emanzipatorischen Dynamik konnte nichts standhalten. Sie haben Ordnungen aufgelöst, Bindungen gelockert, Autoritäten gestürzt, Gewissheiten abgeschafft. Sie haben individualisiert und pluralisiert, die Dramatik der Entscheidung durch die Prosa der Wahl ersetzt, das existentiell riskante Oder durch das belanglose Und abgelöst."

Kersting ist kein Defätist, auch wenn es gelegentlich so klingen mag, sondern - wie Ludger Heidbrink im Nachwort richtig sieht - Humanist und Existentialist. Der Liberalismus ist für Kersting die Denkform, in der sich das existentiell riskante Oder zurückgewinnen lässt. Um dieses bedeutsamen Oders willen ist ihm der Liberalismus lieb und teuer. Wie anders ließe sich das belanglose Und überwinden als durch das freiheitliche Pathos, aus jeder Situation das Beste machen zu wollen? Man täusche sich nicht: Wir haben es heute mit der "kompliziertesten Lebensform" zu tun, "die in der Weltgeschichte bislang entwickelt worden ist". Die Kompliziertheit dieser Lebensform verlangt dem Bürger ein Höchstmaß an "reflexiven Tugenden" ab: "Er muss Ungewissheit ertragen und den Verführungen des Einfachen widerstehen können."

Wenn sich immer weniger von selbst versteht, ist Prävention das Gebot der Stunde. Kerstings Appell zur Selbstsorge ist einer zur Vorsorge auf unübersichtlichem Gelände. Um alles muss sich der agoraphore Zeitgenosse, dem der Himmel über dem Kopf abhanden kam, selber kümmern. Auf sich selbst zurückgeworfen, rückt jedes Tun und Unterlassen in die Perspektive der Vorsorge, auch wenn die Kausalitäten immer schwerer, immer weniger eindeutig zuschreibbar sind. Da alles zur Wahl steht, nimmt der Entscheidungsdruck zu. Wo die Kulturkritik vom totalitären Potential der Präventionsidee spricht - Vorsorge sei prinzipiell unbegrenzt, tendiere dazu, die Gegenwart im Zeichen der Zukunft zu enteignen -, da verteidigt Kersting die liberale Daseinsvorsorge als kaltes Projekt, das von heißen Herzen zu Unrecht als Überforderung empfunden werde.

In komplexen Funktionszusammenhängen hat alles Folgen. Und auch wenn es wegen ihrer Wechselwirkungen immer schwieriger wird, die Folgen richtig abzuschätzen, ändert das nichts an der neuen Dringlichkeit des präventiven Lebensstils. Prävention mag komplizierter geworden sein. Doch das ist kein Argument gegen sie, sondern für die angemahnte verstärkte Übung "reflexiver Tugenden", sprich: die Ausbildung des Denkvermögens, um dem permanenten Bedarf an Wahlentscheidungen nicht kopflos zu begegnen. Mit Worten des Autors: "Tugenden müssen gelernt werden, Bürger fallen nicht vom Himmel; und eine liberale Gesellschaft sollte die Ausbildung liberaler Bürgerlichkeit nicht dem Zufall überlassen." Fabelhaft, wie Wolfgang Kersting es versteht, den ausgeblichenen, verschlissenen Liberalismus noch einmal beim Wort zu nehmen.

Wolfgang Kersting: "Verteidigung des Liberalismus". Mit einem Nachwort von Ludger Heidbrink. Murmann Verlag, Hamburg 2009. 234 S., br., 16,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Voll und ganz einverstanden zeigt sich Rezensent Christian Geyer mit diesem Versuch des Philosophen Wolfgang Kersting, dem Liberalismus seine ganze Härte und Schärfe zurückzuerstatten. Im Zentrum dieses Versuchs steht, wie es sich für einen Liberalen gehört, das "Individuum" in seiner ihm zuzumutenden Mündigkeit. Oder, auf den noch schärferen Begriff gebracht: in seiner von ihm anzustrebenden und auszuhaltenden "Selbstmächtigkeit". Entscheidungen gilt es zu treffen, das riskierende Oder an die Stelle des verharmlosenden Und zu setzen. Einfach darf es das Individuum sich keinesfalls machen, reflexionsfähig muss es sein, Komplexität aushalten und gezielt Vorsorge treffen. All das kann ein begeisternd nickend referierender Rezensent nicht anders als "fabelhaft" finden.

© Perlentaucher Medien GmbH