Nicht lieferbar
Smarte neue Welt - Morozov, Evgeny
  • Gebundenes Buch

Jetzt bewerten

Ein renommierter junger Autor zerpflückt kompetent die Dogmen des digitalen Zeitalters
Dem Silicon Valley verdanken wir die technischen Errungenschaften, die unsere Welt so ganz anders machen, als sie einst war. Mehr noch, die Vordenker aus den Eckbüros von Google, Apple und Facebook lieferten die dazugehörige Philosophie gleich mit - und wir alle haben sie verinnerlicht. Das Internetzeitalter gilt als epochaler Einschnitt. Die digitale Revolution stellt die Daseinsberechtigung althergebrachter Strukturen und Institutionen infrage. Politik, Wirtschaft, Kultur und unsere Lebenswege sind…mehr

Produktbeschreibung
Ein renommierter junger Autor zerpflückt kompetent die Dogmen des digitalen Zeitalters

Dem Silicon Valley verdanken wir die technischen Errungenschaften, die unsere Welt so ganz anders machen, als sie einst war. Mehr noch, die Vordenker aus den Eckbüros von Google, Apple und Facebook lieferten die dazugehörige Philosophie gleich mit - und wir alle haben sie verinnerlicht. Das Internetzeitalter gilt als epochaler Einschnitt. Die digitale Revolution stellt die Daseinsberechtigung althergebrachter Strukturen und Institutionen infrage. Politik, Wirtschaft, Kultur und unsere Lebenswege sind heute transparent, individualisiert und jederzeit abrufbar. Evgeny Morozov hinterfragt diese smarte neue Welt mit Verve. Ist sie wirklich besser, sicherer, lebenswerter?
Evgeny Morozov entlarvt diese digitale Utopie in seinem weitgreifenden Werk als gefährliche Ideologie. Durch die Brille der digitalen Utopisten sehen wir ineffizient, unberechenbar und ungenügend, kurz: nicht optimiert aus. Wir sind nicht smart genug. Und die Lösung für dieses vermeintliche Problem heißt: mehr Technik - mehr Daten, mehr Algorithmen, mehr Kontrolle. Mit "Smarte neue Welt" drängt Morozov darauf, diese Brille abzusetzen und differenziert darüber nachzudenken, wie wir das digitale Universum mit unserem analogen Dasein sinnvoll in Einklang bringen und Demokratie, Kreativität und Selbstbestimmung retten können.
  • Produktdetails
  • Verlag: Blessing
  • Seitenzahl: 656
  • Erscheinungstermin: 2. Oktober 2013
  • Deutsch
  • Abmessung: 217mm x 146mm x 52mm
  • Gewicht: 875g
  • ISBN-13: 9783896674760
  • ISBN-10: 3896674765
  • Artikelnr.: 38037522
Autorenporträt
Evgeny Morozov, geboren 1984 in Weißrussland, studierte u.a. an der Georgetown und der Stanford University, als Stipendiat war er in Bulgarien und Berlin tätig. Buchautor und schreibt regelmäßig für eine Vielzahl von Zeitungen, darunter die "New York Times", "The Wall Street Journal", "Wired", "The Guardian", "Die Zeit", die "Süddeutsche Zeitung" und die "Frankfurter Allgemeine Zeitung", wo er eine eigene Kolumne unterhält.

Henning Dedekind, geboren im Krautrock-Jahr 1968, beschäftigt sich seit frühester Jugend mit Musik. Nach diversen eigenen Tonträgerveröffentlichungen begann er Mitte der Neunziger, hauptberuflich über die Rock- und Popszene zu schreiben. Er arbeitet heute als freier Autor für verschiedene deutschsprachige Medien. Zahlreiche seiner Übersetzungen sind im Hannibal-Verlag erschienen.
Rezensionen
"Jenseits von Wikipedia-Wissen! Fundiert! Gelehrt! Sorgfältig!" Maximilian Probst, Die Zeit

Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Evgeny Morozov ist das, was man im modernen Netzsprech einen "Troll" nennt, einer, der mit polemischen Kommentaren provoziert und Aufmerksamkeit auf sich lenkt, erklärt Eduard Kaeser. Sein erklärtes Ziel: die "Zerstörung der Ideologiepfeiler des Internets", und genau darum geht es auch in seinem Buch "Smarte neue Welt", berichtet der Rezensent. Das Mittel seiner Wahl ist das Ad-absurdum-Führen von utopischen oder auch sehr realen Tendenzen des Internets, das alle Probleme mit einem Klick beheben möchte, dafür aber erst einmal die Probleme so definieren muss, dass sie auf diese Weise lösbar werden, fasst Kaeser zusammen. Das Buch ist ziemlich witzig und gänzlich unbesorgt übersteht man es nicht, verspricht der Rezensent - dem Dialog, der Alternativen verspricht, winkt es allerdings nur aus der Peripherie, bedauert Kaeser.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 09.12.2013
Ist Ingenieur sein denn glamourös?

Elektronisches Gerät an, gesunder Menschenverstand aus? Evgeny Morozov wirft den Technikenthusiasten in seinem Buch "Smarte neue Welt" vor, die soziale Urteilskraft allzu leicht über Bord zu werfen.

Dieses Buch ist zu umfangreich, es hat zu viele Themen, und sein Autor regt sich zu sehr auf. Und dieses Buch ist fabelhaft, eine unglaubliche Fundgrube. Geschrieben hat es der neunundzwanzigjährige Evgeny Morozov, der gerade am Fachbereich für Wissenschaftsgeschichte der Harvard University promoviert. Hier legt er unter dem Titel "Smarte neue Welt" eine Zeitdiagnose vor. Wie andere Zeitdiagnosen hält auch sie sich an die neueste Technologie, um zu beschreiben, in welcher Gesellschaft wir leben.

Die neueste Technologie ist die digitale. Morozov erörtert, was mit der Nutzung von Smartphones, Suchmaschinen und elektronischen Bekanntschaftsnetzwerken alles einhergeht: an Nutzen, an Schaden, an unbeabsichtigten Folgen. Dabei bezieht Morozov seine Motive weniger aus der Technik selbst. Es geht ihm vielmehr vorrangig um die Versprechungen, die an sie geknüpft werden, die Phantasie, die sie entbindet, den Denkstil ihrer Enthusiasten. Denn es gibt kein gesellschaftliches Gebiet mehr, auf dem nicht digitale Technologien die Verbesserung des öffentlichen wie privaten Universums in Aussicht stellen.

Beispiele? Die Website hunch.com verspricht jedem Nutzer, aus seinen Antworten auf Testfragen, seinem Verhalten im Netz und den Präferenzen seiner "Freunde" optimale Kaufempfehlungen für alles zu errechnen. Die Logik, die dahintersteckt: Männer um die vierzig, die abends grünen Tee trinken, lesen auch gerne Micky Maus. Oder das Beispiel, mit dem Morozov einsteigt: BinCam. Das ist ein Projekt, bei dem Smartphones auf der Innenseite von Müllereimerdeckeln fotografieren, was weggeworfen wird, um die Bilder auswerten zu lassen und auf Facebook hochzuladen, wo dann ein Wettbewerb um das nachhaltigste Wegwerfverhalten einsetzen soll.

Oder nehmen wir die Webseite eines Argentiniers aus Bahía Blanca, die öffentliche Ausgaben der Stadt in leicht verständliche Grafiken umsetzt. Ist das im Sinne der Transparenz und Bürgerbeteiligung nicht vorbildlich? Und war der Aufschrei, als die Stadtverwaltung zwar nach wie vor alle Zahlen im Netz veröffentlichte, aber Algorithmen wie denen des jungen Programmierers den Zugriff auf sie versperrte, nicht berechtigt?

Morozov zweifelt. Denn für ihn sind das alles Beispiele einer Ideologie, die er "Solutionisms" nennt. Damit bezeichnet er die Neigung, gesellschaftliche Probleme - zum Beispiel Klimawandel, Politikverdrossenheit, ungesunde Ernährung, die Verteilung von Geldern - lösen zu wollen, bevor man sie verstanden hat. Oder etwas - Was soll ich lesen? - zu einem technischen Problem zu erklären, weil man im Besitz einer universellen Lösungstechnik ist. Wie würde man beispielsweise "Transparenz" beurteilen, wenn es nicht um öffentliche Ausgaben, sondern um Planungsdiskussionen in Verwaltungen ginge? Webcams in jedes Sitzungszimmer? In Amerika wird, seit die Protokolle von Treffen der Notenbanker öffentlich sind, in den Sitzungen nachweislich weniger kontrovers diskutiert. Und seit dort die Anwesenheit von Politikern bei Abstimmungen veröffentlicht wird, sind die Sitzungssäle auch dann voll, wenn es um unwichtige Abstimmungen geht und viele die Zeit besser nutzen könnten.

Ob Transparenz nützlich ist oder nur dazu führt, dass bestimmte Interessenten Lärm machen, woraufhin sich das Verhalten der Beobachteten ändert, ist eine fallweise zu klärende Frage. Doch, so Morozov, wenn faszinierende Technologien zuhanden sind, wird die technische Lösung auch ohne ein soziales Problemverständnis favorisiert. Die Leute werfen Nahrungsmittel weg? Lasst uns Fotos von ihren Mülleimern posten. Aber wenn sie dann die Nahrungsmittel in einen anderen werfen? Steht am Ende die Komplettüberwachung aller Haushalte?

Es ist also der Verzicht auf soziale Urteilskraft, die Morozov den Technikenthusiasten vorhält. Während Unsummen in "Open Access" zu wissenschaftlichen Aufsätzen gesteckt werden, liegt deren Durchschnittsleserzahl bei ungefähr 1 und wissen Romanisten im sechsten Semester nicht, wer Flaubert ist. Das spricht nicht gegen die Digitalisierung, aber gegen die "solutionistischen" Erwartungen. Die größten Gewinne der technologischen Versprechen fallen meist nicht dort an, wo die Probleme liegen, sondern bei den Ausrüstern.

Der Verzicht auf Urteilskraft führt auch zur Blindheit gegenüber Nebenfolgen: Man ist fasziniert von der Möglichkeit, die Kriminalitätsraten verschiedener Stadtquartiere ins Netz zu stellen. Dass aber elf Prozent der von einem Versicherungsunternehmen Befragten angaben, einen Vorfall nicht angezeigt zu haben, weil das den Wert ihrer Immobilie beinträchtige, sollte die Freude über digitale Aufklärung bremsen. "Langfristig", so der Technologieprophet und Anhänger der Selbstvermessung Kevin Kelly, "ist bisher alles besser geworden, was wir quantifizieren konnten." Das ist so idiotisch, dass man es gar nicht diskutieren muss. Vom Wiegen werden die Schweine nicht fetter, und selbst wenn das Wiegen eine Voraussetzung dafür sein mag, sie gezielt fetter zu machen, ist es eine offene Frage, für wen die fetteren die besseren Schweine sind.

Wer einwendet, für den Zahlenaberglauben könnten doch digitale Technologien nichts, rennt bei Morozov - trotz seiner Kapitel über den engen Zusammenhang von Quantifizierung und elektronischem Datensammeln und -auswerten - offene Türen ein. Denn die andere zeitgenössische Ideologie besteht für ihn im Glauben, durch das Internet träten wir in eine neue Epoche ein, in der nichts mehr gilt, was wir bis dahin dachten. Morozov ist kein Kulturpessimist, er regt sich nur über Phrasen auf, so sehr, dass er sich sogar von mehr ethischer Besinnung etwas verspricht. Nicht die Ansammlung heterogener Tatbestände, die wir das Internet nennen, ist also für ihn problematisch, sondern die teils törichten, teils geschäftstüchtigen Projektionen, nichts könne mehr ohne sie gut werden.

Bildung? Schulen ans Netz! Gesundheitsprobleme? Self-Tracking und DNA-Analyse! Demokratieverdruss? Rund-um-die-Uhr-Demoskopie und Open Government! All dies mündet in Sprüche wie "Das Wissen ist jetzt im Besitz des Netzes", als habe es zuvor keine Netzwerke gegeben, oder "Die Teilhabe von allen an allem jederzeit", als würde etwas schon dadurch besser, dass man es leichter versenden kann.

Viele Enthusiasten des Internets pflegen dabei, so Morozov, Ressentiments gegen den Staat und traditionelle Berufsrollen. Dass weder das Internet noch die Post, weder die Universitäten noch der Rundfunk, weder die Zeitungen noch Eisenbahnen ohne staatliches Handeln sich entwickelt hätten, wird verschwiegen. Dass andererseits das Internet gewiss keine Technik ist, die Vermachtung und Monopolbildung ausschließt, sollte inzwischen der letzte "2.0"-Anhänger oder "Weg mit den Privilegien"-Blogger begriffen haben. Wenn ein Viertel der gesamten Textmenge auf Wikipedia aus Debatten über die Redaktionspolitik besteht, dürfte sich auch die Illusion vom Netz als einer bürokratiefreien Zone erübrigen.

Weil alles "im Internet" ist und der Begriff "Information" sich auf alles anwenden lässt - auch auf Desinformation -, fließt Morozovs Buch vor Themen über. Die angebliche Ersetzung von Restaurantkritik durch Gästebewertungen nimmt er sich ebenso vor wie die Rufschädigung von Personen durch Googles "Autocomplete"-Funktion, die zum Namen gleich noch ein Attribut anbietet. Er handelt über Kommunikationskaskaden im Netz, die große PR-Industrien begünstigen, und über die "prädikative Überwachung" durch amerikanische Polizeibehörden, die sich auf algorithmisch ermittelte Urteile des Typs "Wer eine Straftat begeht, twittert kurz zuvor bestimmte Worte" verlässt.

Keine soziale Phantasie, zu der es nicht eine Software gibt und eine Fangruppe, die sich "datensexuell" verhält wie diejenigen, die sich mittels ihrer smarten Geräte in allen Lebensdimensionen selbst überwachen. Der Autor selbst liest offenbar Tag und Nacht, auf jeder Seite bekommt der Leser neue Hinweise auf jüngste technologische Erfindungen - und auf die Dummheit, die gerade bei denen nicht ausstirbt, die sich für besonders avanciert halten. Das ist es, was ihn aufregt: wie viele, die sich besonders schlau und als Zukunft vorkommen, den gesunden Menschenverstand ausschalten, wenn sie ein elektronisches Gerät sehen.

Mit dem moralischen Überschuss des Anti-Propheten haut Morozov ihnen ihre Phrase um die Ohren, weist auf Forschung hin, die es zu ihren Versprechungen gibt, erinnert daran, dass "Effizienz" auch ein anderer Name für "Unfug" sein kann und dass Ingenieur zu sein nicht reicht, um ein guter Ingenieur zu sein. Das gilt besonders für Sozialingenieure.

JÜRGEN KAUBE

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
…mehr
Besprechung von 25.10.2013
Aberwitz des
Lösungswahns
Evgeny Morozov attackiert die digitale „Smarte neue Welt“
Um Evgeny Morozov richtig wütend zu machen, braucht es nicht viel. Es reicht, sein neues Buch als „perfekt“ zu loben. Der aus Weißrußland stammende Publizist, der heute in den USA lebt, wird das nicht gerne hören und vielleicht in eine digitale Debatte gegen dieses Urteil ziehen. Er nimmt die Idee vom Dialograum Internet sehr ernst und streitet auf zahlreichen Kanälen für seine Sache. Diese Sache lässt sich im doppelten Sinn als Kampf für das Gute beschreiben, das manchmal schon gut genug ist und nicht durch das vermeintlich Perfekte ersetzt werden muss.
  Morozov erkennt im Perfekten den Feind eben dieses Guten und die Ursache für einen Lösungsfanatismus, gegen den er sich auf mehr als 650 Seiten wendet. Im englischen Original schafft es dieser „Solutionism“ sogar aufs Cover des Buches, das im Untertitel den „Aberwitz des technologischen Lösungswahns“ beklagt. „To Save Everything, Click Here“ heißt das bereits im Frühjahr in Amerika heftig diskutierte Werk im Originaltitel, was eine ironische Anspielung auf die Haltung ist, die Lösungen per Mausklick verspricht. „To save“ lässt sich nämlich als retten und speichern übersetzen. Diese Doppeldeutigkeit ist im Deutschen nicht so schön einzufangen – was nicht nur ein sprachliches Problem ist. Auch die Haltung, gegen die Morozov zu Felde zieht, findet man im deutschen Sprachraum höchstens abgeschwächt. Die Evangelisten der Digitalisierung, denen Morozov „Internetzentrismus“ attestiert, der sich in dem genannten Lösungsfanatismus ausdrückt, sind hierzulande amerikanische Adaptionen – und zudem eher selten. Die deutsche Debatte wird von der Skepsis eines Frank Schirrmacher bestimmt. Einen deutschen Tim O’Reilly gibt es im Land von Leistungsschutzrecht und Streetview-Verpixelung nicht – und auch die Euphorie, die der amerikanische Verleger und Begründer des Begriffs „Web 2.0“ an den Tag legt, muss man in Deutschland lange suchen. Morozov arbeitete sich im Frühjahr in einem Porträt an O’Reillys Haltungen ab, was – genau wie das Buch – nicht falsch, aber alles in allem zu lang und zu emotional geriet. Der Text trug den Titel „Der Meme-Stricher“. Eine tolle Werbung für das Buch, das jetzt in Anspielung auf Aldous Huxley als „Smarte neue Welt“ auf deutsch erscheint, war er allemal.
  Die kulturellen Unterschiede zwischen deutscher und amerikanischer Netzdebatte werden dem Erfolg von Morozovs fulminanter Wut keinen Abbruch tun, denn „Smarte neue Welt“ ist tatsächlich ein perfektes Buch – für Menschen, die ihr Unwohlsein mit der digitalen Revolution wortreich bestätigt sehen wollen. Morozov holt extrem weit aus und begründet extrem ausführlich ein Grundgefühl der Skepsis – gegen die digitalen Veränderungen und die Verfechter dieser Veränderungen. Es ist nichts falsch daran, diese Haltung einzunehmen, in seiner Wut bedient Morozov allerdings vor allem das wohlige Schaudern des Kulturpessimismus, eine konstruktive Debatte über die Folgen der Digitalisierung bringt er damit keinen Schritt voran.
  Zentraler Zielpunkt dieser Form der Technologiedebatte ist das Marketing für die Person des Autors. Morozov hat die Methoden der Meme-Stricher, die er kritisiert, sehr genau analysiert und bringt sie nun selber zur Anwendung, wenn er etwa im Nachwort erklärt, „dass die meisten Internetdenker einem imaginären Gott eigener Schöpfung huldigen und die Wahrheit nicht erkennen wollen“. Mit dieser Dummheit ihrer Gegner haben fast alle Wahrheitswisser auf der Welt zu kämpfen und fast alle ziehen daraus selbstgewisse Schlüsse, die im besten Fall ärgerlich und im schlechtesten Fall gefährlich sind: „Unsere Technikdebatte zu säkularisieren und vom schädlichen Einfluss des Internetzentrismus zu säubern, ist heute die bei Weitem wichtigste Aufgabe des Technologieintellektuellen.“ Dieser Säuberungskreuzzug ist nicht nur deshalb unschön, weil man auf den Seiten zuvor gelesen hat, dass Morozov hier keine sprachliche Ungenauigkeit unterlaufen ist. Sie nimmt vor allem den richtigen Ansätzen, die Morozov benennt, ihre Überzeugungskraft und macht den Autor zu einem Anti-Evangelisten, der sich in Überzeugungsgewissheit kaum von denen unterscheidet, die er kritisiert.
  Die emotionale Konfrontation verfolgt Morozov mit Ausdauer (das Wort Internet wird konsequent in Anführungszeichen gesetzt) und ohne Selbstzweifel. Sein Ziel ist es, Internetdenker scheitern zu sehen und stattdessen eine „Post-Internet-Herangehensweise an die Technik“ zu etablieren, die besser, klüger und schlauer ist. Wortreich lobt Morozov als Vorzug seines Ansatzes, „dass er die oberflächlichen und historisch unkundigen Darstellungen entlarvt, die einen großen Teil unserer Technikdebatte beherrschen, und sie für facettenreichere und historisch wichtige Erfahrungen öffnet“.
  Wenn man sich die Mühe macht, die Worte von ihrem selbstgefälligen Wahrheitsanspruch zu befreien, entdeckt man sehr interessante Gedanken, die eine notwendige Debatte bereichern könnten. Morozov weist zu Recht darauf hin, dass „das Internet“ ein gesellschaftliches Konstrukt ist, das nicht per se Lösungen bereithält oder an gesellschaftlichen Verschlechterungen Schuld trägt, sondern häufig zunächst den Interessen derjenigen dient, die es als analytische Kategorie heranziehen. Technik – das sollte man sich immer wieder in Erinnerung rufen – fällt nicht vom Himmel. Evgeny Morozovs Post-Internet-Ansatz aber eben auch nicht. Auch er verfolgt Interessen – und eine konstruktive Debatte zählt dabei nicht zu den obersten Zielen.
DIRK VON GEHLEN
Evgeny Morozov: Smarte neue Welt. Digitale Technik und die Freiheit des Menschen. Aus dem Englischen von Henning Dedekind und Ursel Schäfer. Karl Blessing Verlag, München 2013. 655 Seiten, 24,99 Euro. E-Book 19,99 Euro.
Evgeny Morozov , geboren 1984 in Weißrussland, studierte an diversen Universitäten in den USA, war für ein Stipendium auch in Berlin und attackiert in zahlreichen internationalen Zeitungen die Welt des Internets. FOTO: IMAGO/SVEN SIMON
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
…mehr