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Der Mann, der den SPIEGEL machte. Im Spiegel eines großen Autors politischer Biographien.
Rudolf Augstein war der einflußreichste Journalist der Nachkriegszeit. Peter Merseburger, bekannt für seine großartig erzählte Brandt-Biographie, legt nach jahrelangen intensiven Recherchen und Quellenstudien ein Lebensbild des SPIEGEL-Gründers vor, das den bedeutenden Publizisten in all seinen faszinierenden Widersprüchen zeigt.
Rudolf Augstein hat mit der Gründung des SPIEGEL im Jahr 1947 - da war er gerade 23 Jahre alt - nicht nur das erfolgreichste politische Magazin der Bundesrepublik
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Produktbeschreibung
Der Mann, der den SPIEGEL machte. Im Spiegel eines großen Autors politischer Biographien.

Rudolf Augstein war der einflußreichste Journalist der Nachkriegszeit. Peter Merseburger, bekannt für seine großartig erzählte Brandt-Biographie, legt nach jahrelangen intensiven Recherchen und Quellenstudien ein Lebensbild des SPIEGEL-Gründers vor, das den bedeutenden Publizisten in all seinen faszinierenden Widersprüchen zeigt.

Rudolf Augstein hat mit der Gründung des SPIEGEL im Jahr 1947 - da war er gerade 23 Jahre alt - nicht nur das erfolgreichste politische Magazin der Bundesrepublik geschaffen, er hat auch den politischen Diskurs des Landes über Jahrzehnte mitbestimmt. Die Geschichte des "Sturmgeschützes der Demokratie" , wie Augstein den SPIEGEL einmal ironisch nannte, ist auch eine Geschichte der Bundesrepublik.

Von vielen bewundert, von nicht wenigen gefürchtet, war Augstein eine faszinierende Persönlichkeit, unabhängig und kritisch, mit Witz und scharfem Verstand begabt. Politiker aller Parteien stießen sich ein ums andere Mal an seinem "Schmutzblatt" . Bei aller prinzipiellen Liberalität schwang jedoch immer ein konservativer Grundton mit, und wie Willy Brandt forderte er die deutsche Einheit, als andere sie längst aufgegeben hatten.

Peter Merseburger, Verfasser zweier großer Biographien über Kurt Schumacher und Willy Brandt, ist eine vielschichtige und einfühlsame Biographie dieser genialen und schwierigen Persönlichkeit gelungen.
- Peter Merseburger ist der führende Autor großer politischer Biographien
- Merseburgers Willy-Brandt-Biographie - ausgezeichnet mit dem Deutschen Bücherpreis

"Den tausend Details in der komplexen Existenz dieses komplizierten Menschen nachzuspüren, ohne sich in ihrem Gestrüpp zu verirren - das ist eine harte Prüfung intellektueller Klarheit: Der Biograph hat sie bestanden... Dies ist eine melancholische Lebensbeschreibung, die zum Mitgefühl einlädt: die auf fatale Weise 'definitive Biographie'." Süddeutsche Zeitung

'Jetzt hat Augstein, wenn man das so sehen will, auch posthum das Glück (exakter: nur die noch Lebenden haben es), dass er in Peter Merseburger einen Biografen gefunden hat, der mit Fleiß und Akribie ein Leben nachzeichnet, dessen große Linien in den mit immensem Ordnungssinn gegliederten Einzelereignissen nicht verloren gehen.' Der Spiegel, Hellmuth Karasek
  • Produktdetails
  • Verlag: Dva
  • Deutsch
  • Abmessung: 22 cm
  • Gewicht: 709g
  • ISBN-13: 9783421058522
  • ISBN-10: 3421058520
  • Artikelnr.: 22827448
Autorenporträt
Peter Merseburger, 1928 in Zeitz geboren, studierte Germanistik, Geschichte und Soziologie. Er war von 1960 bis 1965 Redakteur und Korrespondent beim "Spiegel" und moderierte ab 1967 das Fernsehmagazin "Panorama". 1969 wurde er TV-Chefredakteur des NDR, 1977 ARD-Korrespondent und Studioleiter in Washington, 1982 in Ostberlin und von 1987 bis 1991 in London. Der Autor lebt heute als freier Publizist in Berlin und Südfrankreich.
Rezensionen
Besprechung von 20.09.2007
Der Geist der Zeit war ihm voraus
Eine Geschichte des Erfolgs und eine des Scheiterns: Peter Merseburgers melancholische Biographie des „Spiegel”-Gründers Rudolf Augstein
Über Rudolf Augsteins bewegtes Leben zu schreiben, ohne den Atem zu verlieren – das verlangt die Ausdauer des Marathonläufers auf einer Berg- und Talbahn: Peter Merseburger hat sie bewiesen. Die Wechselfälle der langen Karriere des Spiegel-Mannes, ihre Konflikte, ihre Triumphe, ihre Niederlagen, ihre Aufschwünge zu moralischer Leistung und ihre Abstürze in die schiere Bosheit nachzuzeichnen, ohne je den Willen zu gerechter Wertung preiszugeben: Das fordert eine geistige Disziplin, die der Kritiker dem Autor neidet. Den tausend Details (in denen, wie wir wissen, der Teufel wie der liebe Gott hocken) in der komplexen Existenz dieses komplizierten Menschen nachzuspüren, ohne sich in ihrem Gestrüpp zu verirren – das ist eine harte Prüfung intellektueller Klarheit: Der Biograph hat sie bestanden.
Was für eine Fülle der Informationen, von denen manche auch für den aufmerksamen Zeugen des deutschen Weges durch die Jahrzehnte seit 1945 neu und überraschend sind, zumal in der Erzählung von den zufälligen und so bescheidenen Anfängen der Zeitschrift: das Kind der guten Laune eines britischen Besatzungsoffiziers. Es machte Merseburgers Aufgabe nicht leichter, dass er die Zeitgeschichte, die sich, wörtlich und bildlich, im Geschick Rudolf Augsteins spiegelt, zum guten Teil als Kollege – für einige Jahre selber in den Diensten des Hamburger Blattes – miterlebt und mit geprägt hat, soweit dies auf unser Gewerbe zutrifft: und dennoch versteht er es, Abstand zu halten.
Damit geraten wir schon in die Nähe eines Urteils über das Werk und über die Wirkung dieses ungewöhnlichen Zeitgenossen, dessen Persönlichkeit keinen, fast keinen lesenden Bürger seiner eigenen Generation, der vor ihm und der nach ihm gleichgültig ließ. Merseburger bescheinigt ihm in den letzten Zeilen seiner Studie, dass die Nation mit ihm einen Mann verlor, „der ein zentrales Stück ihrer Geschichte geschrieben hat”. Tat er das? Vielleicht. Rascher stimmen wir der Feststellung zu, dass er „mit seinem Spiegel geholfen hat, den Deutschen obrigkeitsstaatliches Denken auszutreiben”, und sie damit zu „jener aufgeklärten, liberalen Gesellschaft zu machen, in der wir heute zu Hause sind”. Ohne Zweifel lernten wir mit ihm, durch ihn, manchmal auch gegen ihn, dass „Widerspruch und Opposition . . . das Salz der Demokratie”, in Wirklichkeit ihre Substanz sind. Des Autors Fazit: „Die Geschichte des Journalisten Augstein ist eine Erfolgsgeschichte – welcher andere Große aus dieser Zunft hätte je mehr erreicht?”
Für den Journalisten Augstein mag die kräftige Formulierung gelten. Er hat ein Wochenmagazin von erstaunlicher Vitalität hinterlassen, das noch immer eine Millionenauflage hält und ein beträchtliches, wenngleich nicht ungefährdetes Ansehen zu behaupten weiß. Aber dies ist nicht nur die Biographie eines schwierigen Helden und die Würdigung seines Werkes, sondern die Beschreibung eines Lebens, das sich im Spiegel nicht erfüllen wollte. Man braucht die mehr als fünfhundert Seiten des Bandes nicht gegen den Strich des Verfassers zu lesen, um sie auch als die Chronik eines grandiosen Scheiterns zu begreifen, ja, als das Protokoll einer kaum verborgenen Tragödie. Als das Zeugnis einer manchmal jammervollen Vergeblichkeit, vor allem in den späten Jahren Augsteins. Als die Dokumentation eines Ehrgeizes, der immer wieder über den Spiegel hinausstrebte – und mit bitterer Konsequenz zurückgewiesen wurde. Auch als Nachweis der Unfähigkeit eines Menschen zum Glück.
Zweimal scheiterte sein Versuch, via FDP und Bundestag unmittelbar in die deutsche Politik einzugreifen, das zweite und letzte Mal geradezu blamabel, als er im Herbst 1972 ausgerechnet in einem der schwärzesten Wahlkreise der Republik gegen den agilen Christdemokraten Barzel antrat, mit viel Geld und gewaltigem Getöse, das zuletzt nur demonstrierte, dass er für die Arenen der Demokratie nicht geschaffen war. Zwar gelangte er über die Landesliste ins Parlament, doch die Parteifreunde erteilten seiner Bewerbung um das Amt des stellvertretenden Fraktionschefs eine schnöde Abfuhr und wiesen ihm einen Sitz – nein, nicht im Außenpolitischen Ausschuss, sondern in dem für die Medienpolitik zu. Mit mühsam gezähmtem Groll zog er sich nach Hamburg zurück. Für die Verletzung seines nicht allzu stabilen Selbstbewusstseins musste mancher der Bonner Routiniers noch nach langen Jahren büßen – zum Beispiel der Graf Lambsdorff.
Seine literarischen Träume sanken im November 1947 nach dem kläglichen Durchfall des hochpathetischen Stückes „Die Zeit ist nahe” ein für allemal in sich zusammen. Es lässt sich auch nicht behaupten, dass er als Buchautor gleißenden Ruhm geerntet hätte. Der kritische Essay über Friedrich den Großen geriet Augstein zur einer überfrachteten Spiegel-Polemik, auf seltsame Weise formlos. Sechs Jahre später wagte er sich – von einer Dokumentations-Equipe seines Hauses hochgerüstet – mit dem Jesus-Buch auf das verminte Gelände der Religionsgeschichte und Theologie. Den Protest der Experten auf Kanzeln und Kathedern, der Prädikanten in Soutane und Talar hatte er erwartet, aber es schmerzte ihn, dass der weltoffene und kluge Jesuit Karl Rahner über die „Lawine der Halbgelehrsamkeit” spottete, die auf den Leser niedergehe.
Vergebens bemühte er sich Mitte der fünfziger Jahre, im Bündnis mit dem wunderlich-spätkonservativen Irrläufer Richard Tüngel – vor dem Marion Dönhoff nach New York und London entflohen war – gleichsam durch die Seitentür Zutritt zu der seriösen Zeit zu gewinnen: gegen den (eher liberalen) Christdemokraten Bucerius, mit dem er sich einige Jahre danach dennoch auf eine Fusion ihrer Verlage einlassen wollte. Eine gespenstische Allianz, bei der keiner der Partner dem andern über den Weg traute: Bucerius listig auf die Chance lauernd, Augstein über den Tisch zu ziehen (wie es ihm beim Stern-Gründer Henri Nannen so virtuos gelungen war), während Augstein darauf hoffte, dass er den Bucerius in einem günstigen Augenblick mit einem heimlichen Fußtritt vom Hocker stürzen könne. Die seltsamen Bettgenossen lösten die bizarre Ehe, noch ehe sie vollzogen war. Den Traum vom eigenen Wochen- oder gar Tageblatt gab Augstein lange nicht auf, doch jeder Versuch ging im Anlauf zugrunde.
Wichtiger: Vier seiner fünf Ehen müssen als ein Fiasko bezeichnet werden, wie es Merseburger wahrhaftig und zugleich mit vorbildlicher Diskretion angedeutet hat; es waren Bindungen von jenem „Destruktionspotential”, von dem die kluge, sensible und schöne Maria Carlsson sprach, die Mutter von Franziska und Jakob, denen freilich Augstein selber den Zugang zu seinem publizistischen Erbe verwehrte, als er sich 1971 in seinem Luzerner Vertrag mit Gruner und Jahr darauf einließ, dass die Sperrminorität eines Viertels, die das Mitspracherecht der Familie gesichert hätte, bei seinem Tod um jeweils ein halbes Prozent zugunsten der Mitarbeiter-KG und der Bertelsmann-Filiale reduziert werde. Jedes spätere Bemühen, die fatale Klausel zu revidieren, wurde in Gütersloh mit einem höflich-kalten Nein beschieden. So bleibt der Tochter, die in seinen letzten Lebensjahren eine gewisse Nähe zum Vater gewann, so bleibt dem Sohn, der verlegerische Ambitionen zeigt, zusammen mit den beiden Halbgeschwistern nur das Geld, aber kein Einfluss auf die Institution, die Rudolf Augstein geschaffen hat. Den schlau-generösen Entschluss, der Belegschaft die Hälfte des Verlages zu schenken, um nach 1968 der drohenden Entmachtung durch die innere Mitbestimmung zu entgehen, rügte er in der Neige seiner Tage als „den größten Fehler seines Lebens”.
Keine seiner tausendunddrei erotischen Beziehungen, die sich dank seines jungenhaften Charmes, seines Witzes, seiner Bildung, auch dank des Sexappeals von Macht und Reichtum so rasch ergaben, scheint sich im Gang der Jahre in einer verlässliche Freundschaft verwandelt zu haben. Auch jede der sogenannten Männerfreundschaften in seinem Berufskreis zerbrach oder zerschliss, selbst die mit Hans Detlev Becker, dem eckarttreuen Partner so vieler Jahrzehnte. Kaum ein Chefredakteur, der für die Nähe nicht mit bösen Demütigungen bestraft wurde. Wenn an seine Machtposition auch nur gerührt zu werden schien, war er – selbst im Zustand des fortgeschrittenen Alkoholismus – sofort hellwach. Vielleicht erklärt sich seine nervöse Witterung für den Missbrauch der Macht mit dem unsterblichen Qualtinger-Satz: „I trau denen nöt – i kenn’ mi”?
Merseburger rückt die Kette des Scheiterns eher beiläufig ins Bild. Und er täuscht sich nicht: der Sturz des ebenso begabten wie unberechenbaren Franz-Josef Strauss aus dem Amt des Verteidigungsministers, sein segensreicher Rückzug nach München, die Vergeblichkeit seiner Kanzlerkandidatur gegen Helmut Schmidt, mit der Kohl den Rivalen der genau kalkulierten Niederlage preisgab: das war die entscheidende politische Leistung des Journalisten Augstein – und sie hat in der Tat Geschichte gemacht. Die Machtprobe der Spiegel-Affäre 1962, die der Herausgeber, seine Chefredakteure und Conrad Ahlers mit der Charakterprüfung einer (zunächst) keineswegs luxuriösen Untersuchungshaft zu bestehen hatten, etablierte die Medien als „vierte Gewalt” in der bundesdeutschen Republik, die seitdem niemals mehr ernsthaft angefochten wurde. Die triumphale Selbstbehauptung des Spiegel war überdies ein erstes Signal für den fälligen Machtverzicht des Patriarchen Adenauer und damit die Ouvertüre der Liberalisierung unserer Gesellschaft, ohne die eine Kanzlerschaft Willy Brandts nicht denkbar gewesen wäre.
So weit, so sehr gut. Es ist ein Vergnügen, wenngleich zuweilen ein gemischtes, Rudolf Augstein alias Jens Daniel alias Moritz Pfeil bei „seiner messerscharfen Kritik am politischen Kurs des Gründungskanzlers” anhand der virtuos präzisierten Interpretationen des Biographen zu folgen, über alle Bocksprünge und Widersprüche der Argumentation hinweg. Dann und wann scheint der Autor freilich von kleinen Nostalgien heimgesucht worden zu sein, da seine Positionen als linksliberaler Publizist gelegentlich von denen des Spiegel-Chefs nicht allzu weit entfernt waren, freilich niemals durch den nationalen Akzent gezeichnet, der bei Augstein eine Konstante ist, der schwarz-weiß-roten Grundierung seines Gemütes gemäß.
Aber ohne den „Muff der fünfziger Jahre” kommen wir nicht davon, obschon zu bedenken wäre, dass eine Gesellschaft, die fünfzehn Millionen entwurzelte Landsleute zu behausen, zu nähren, in Arbeit zu bringen hatte, mühsam genug eine Art von Ordnung zusammenbastelte, die sich aus der Ferne wie die Fassade des untergegangenen Bürgertums ausnehmen mochte: „Restaurativ” aber konnte eine Gesellschaft nicht sein, die durch Diktatur und Krieg, Zerstörung und Selbstzerstörung, Schuld und Strafe von tieferen Verheerungen heimgesucht war als jemals ein Volk seit dem Dreißigjährigen Krieg. Nach „revolutionären Veränderungen” war ihr, fürs Überleben schuftend, nicht zumute, zumal das vermeintlich revolutionäre Regime jenseits des Zaunes rascher erstarrt und vermufft war, als es die westdeutsche Linke zur Kenntnis zu nehmen wagte.
In den bundesdeutschen Gründungsjahren wurden die großen Sozialgesetze beschlossen, die unsere Gesellschaft bis heute prägen, wurde – dank des Lebenswillens der Davongekommenen, dank des Marshall-Planes und in gewisser Hinsicht auch dank des Kalten Krieges, der keine mutwillig-imperialistische Erfindung der Amerikaner war – eine wirtschaftliche und soziale Dynamik freigesetzt, die den Deutschen bewies, dass die Demokratie leistungsfähiger ist, als sie es sich je hätten träumen lassen.
Nazis gab es hüben wie drüben, Nazis setzten sich in allen Ämter fest, weil man sie angeblich brauchte, Nazis schlichen sich in alle Parteien ein – in einigen der kleineren Formationen (wie der Deutschen Partei, dem Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten, partiell auch den Freidemokraten) hatten sie beinahe das Heft in der Hand –, Nazis, ja SS-Chargen hockten in fast jeder der großen Redaktionen, auch in der des Spiegel, was Merseburger mit der gebotenen Klarheit nachwies, Nazis blockierten – dies war die schlimmste Versündigung – die Selbstreinigung der Justiz und damit lange Jahrzehnte die Bestrafung der deutschen Verbrechen im Dritten Reich (bis zur Wende des Auschwitzprozesses).
Natürlich war das Verbot der kommunistischen Partei eine Dummheit – die freilich unvermeidbar zu sein schien, weil das Bundesverfassungsgericht zuvor die rechtsradikale Deutsche Reichspartei verboten hatte. Doch entscheidend: dass den Ex- und Neo-Nazis keine Chance geboten wurde, den Kurs und das Klima des jungen Staates zu bestimmen, dass sie sich der demokratischen Autorität zu beugen hatten. Dazu brauchte es die Patriarchengestalt des Alten von Rhöndorf samt seinen autoritären Anflügen. Die Mehrheit der Deutschen – Merseburger weiß es, anders als Augstein – wäre in den fünfziger Jahren einer libertären Demokratie im Stile Willy Brandts noch nicht gewachsen gewesen. Aber kein Zweifel: Es brauchte den klirrenden Widerstand des Spiegel gegen die „Kanzlerdemokratie” des meist so hellwachen Greises in Bonn, um das Gemüt der Deutschen auf eine freie Gesellschaft in einem freien Staatswesen einzuüben.
Merseburger weiß freilich auch, was Rudolf Augstein niemals begriff: dass der Deutschland-Vertrag, gegen den der Spiegel-Chef aus allen Rohren Sperrfeuer schoss, dass die „Westbindung” der Bundesrepublik, dass die Mitgliedschaft in der Atlantischen Allianz, dass vor allem die Gründung der Europäischen Gemeinschaft historischen Notwendigkeiten gehorchten, durch die unsere vermeintlich patriotische Pflicht zur Wiederherstellung eines deutschen Nationalstaates – womöglich um den Preis der Neutralisierung – zunächst außer Kraft gesetzt wurde. Augstein – die Biographie macht dies erschreckend deutlich – interessierte sich für Europa kaum nebenbei. Frankreich blieb ihm Zeit seiner Tage verdächtig, England sah er durch die Brille der üblichen deutschen Illusionen, von Amerika verstand er nichts (und es reizte seine Neugier nur wenig), Russland meinte er als Landser und Jungoffizier zur Genüge kennengelernt zu haben, der Rest der Welt ließ ihn gleichgültig. Der verspätete Bismarckianer war, anders als sein (nur leicht angekratztes) Idol, im genauen Sinn des Wortes weltfremd: ein Binnendeutscher.
Augstein hat nie verstanden, dass die historische Uhr des Nationalstaates abgelaufen war, obschon er unter den Fittichen Europas noch einige essentielle Funktionen zu übernehmen hat. Was dieses Europa angeht: Der junge Augstein (und auch noch der gealterte) rannte mit hastigen Sprüngen dem rheinischen Greis in seinen Siebenmeilenstiefeln hinterher, ohne ihn je einholen zu können. Dies mag der Kern seiner Tragödie oder doch die Grundursache seines Scheiterns sein: der Geist der Zeit war ihm voraus.
Seine Seele hing im Deutschland Bismarcks und Richard Wagners fest. Vielleicht nährte sich seine – sozusagen vormoralische, ja zuweilen infantile – Lust an der Zerstörung aus dem Unbehagen der eigenen historischen Impotenz: Da ist nur an den Widerstandsmann und konservativen Demokraten Gerstenmaier zu denken, den er mit einem unerbittlichen Hass verfolgte, weil dieser ihm ethisch und intellektuell überlegen war. Trotz Merseburgers hochgestimmtem Abgesang: Dies ist eine melancholische Lebensbeschreibung, die zum Mitgefühl einlädt: die auf fatale Weise „definitive Biographie”.KLAUS HARPPRECHT
PETER MERSEBURGER: Rudolf Augstein. Biographie. DVA, München 2007. 560 Seiten, 29,95 Euro.
Ja, Augstein hat geholfen, den Deutschen ihr obrigkeitsstaatliches Denken auszutreiben
Der verspätete Bismarckianer war im genauen Sinn des Wortes weltfremd: ein Binnendeutscher
Der Journalist Rudolf Augstein – hier 1972 – wurde 1923 geboren, rief 1947 das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel” ins Leben und starb 2002. Foto: Sven Simon
Diktat der Macht? Rudolf Augstein mit Willy Brandt. Foto: ddp
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
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Besprechung von 10.10.2007
Er war stets Partei, nur nicht immer auf derselben Seite
"Mr. Spiegel" und sein Sturmgeschütz: Das Leben Rudolf Augsteins, so wie es sein Kollege Peter Merseburger kennengelernt hatte / Von Michael Hanfeld

Montag war "D-Day" der Bonner Republik: Mit Skandalrecherchen und Rudolf Augsteins Kommentaren und Essays las der "Spiegel" den Mächtigen dieses Landes die Leviten.

Was der "Spiegel"-Gründer Rudolf Augstein bewegt hat, welch ungeheure Rolle er für die Nachkriegsgeschichte Deutschlands spielte, weit über die eines Publizisten hinaus, das weiß man. Der Kanonier hat mit seinem "Sturmgeschütz der Demokratie" fünfzig Jahre lang die Schlachtreihen der deutschen Politik besetzt und gelichtet. Er hat Konrad Adenauers Entscheid für die Westbindung als Irrweg in die ewige Teilung des Landes gebrandmarkt und bekämpft. Franz Josef Strauß als Bundeskanzler hat Augstein verhindert; die sozial-liberale Koalition hingegen hat er im Bewusstsein einer historischen Mission beschworen und die Ostpolitik Willy Brandts unterstützt. Rudolf Augstein war stets Partei, nur nicht immer auf ein und derselben Seite. "Ein Nationaler und ein Liberaler und als solcher sich treu geblieben", sagt Peter Merseburger.

Rudolf Augstein war der "Spiegel", und der "Spiegel" war eine Macht. Solange er als Chefredakteur und Herausgeber fungierte, war der Montag nicht einfach "Spiegel-Tag", sondern der wöchentlich wiederkehrende "D-Day" der Bonner Republik. Bewegt durch Skandalrecherchen und durch Augsteins Kommentare und Essays, in denen er den politisch Handelnden die Leviten las. Ein Monolith, scheinbar. Und doch haderte der Meister mit seinem Instrument, war unsicher in seinen Entscheidungen, wankelmütig in seiner Kommentierung und fühlte sich am Ende wohl eher dem Scheitern näher denn dem Triumph. Er war getrieben von der "Lust zur Selbstzerstörung". Wer war Rudolf Augstein? Und was wollte er?

Peter Merseburger, der von 1960 bis 1965 Redakteur des "Spiegel" war, bevor er zum Norddeutschen Rundfunk ging und in der ARD Chefredakteur und Amerika-Korrespondent wurde, gibt in seiner Biographie zunächst eine Antwort, die wir zu kennen glauben: Augstein sei "ein gnadenloser Realist" gewesen, ein "melancholischer" und "positiver Zyniker", ausstaffiert mit einer "Grundeinstellung, die im Lebensgefühl jener Frontgeneration wurzelt, der er angehörte - die sich missbraucht und verheizt fühlte und, die dröhnenden Propagandalügen des NS-Systems noch im Ohr, nach dem Krieg nicht nur ,Dies nie wieder!' schwor, sondern seither jedem Wort misstraute." So sei der "Spiegel" zu einem "Institut der Respektlosigkeit" geworden, zu einer "Volkshochschule der Ehrfurchtsverweigerung und Skepsis gegenüber aller Autorität, zu einem Blatt des Infragestellens", ohne die ein demokratischer Diskurs nicht zu denken sei.

Zu denken ist dieser Diskurs im Nachkriegsdeutschland vielleicht in der Tat nicht ohne Augstein und ohne den "Spiegel". Wobei dem späten Leser sich die Frage aufdrängt, ob Augstein und seine Leute wirklich "jedem" Wort misstrauten oder nicht doch "jedem" außer dem eigenen - das ex cathedra, im Brustton moralischer Überlegenheit und mit der Lust an der rhetorischen Vernichtung formuliert wurde. Seite um Seite liest man bei Merseburger nun den brachial geführten Kulturkampf des "Spiegel" in den fünfziger und sechziger Jahren nach, der 1962 in der "Spiegel"-Affäre mündete, in deren Folge Augstein wochenlang in Haft saß, am Ende aber triumphierte und Franz Josef Strauß seine bundespolitische Karriere fürs Erste begraben musste.

Und man wundert sich, wie akribisch der Biograph die Irrungen und Wirrungen der politischen Standpunkte Augsteins benennt - die ihn oft nicht als Realisten, sondern als Situationisten, wenn nicht Opportunisten erscheinen lassen. Man wundert sich, wie detailliert Merseburger den Aufbau der Redaktion auch mit Autoren schildert, die ihr Handwerk im NS-Reich gelernt hatten, um am Ende doch stets zu dem Ergebnis zu kommen, dass Augstein nicht anders handeln konnte oder musste, als er es tat. Das wirkt - und an einigen Stellen spricht der Biograph, der Augstein gegen jeden Antisemitismus-Verdacht verteidigt und vorsichtig seine Haltung zu Frankreich erörtert, es explizit aus -, als wolle er Augstein nachträglich vor dem Urteil jüngerer Autoren bewahren, etwa dem eines "Achtundsechzigers" wie Lutz Hachmeister. In diesem Habitus ähnelt Merseburger dem, den er schildert, wenn Augstein von der NS-Herrschaft oder vom Krieg schrieb oder gegen das Engagement deutscher Soldaten auf dem Balkan oder im Nahen Osten wetterte: Die Nachgeborenen, sie verstehen einfach nicht. In weiten Teilen liest sich Merseburgers Augstein-Biographie wie eine verständnisvolle Einführung in die deutsche Nachkriegsmentalitätsgeschichte. Die große Sympathie, die der Autor für "Mr. Spiegel" empfindet, ist unverkennbar, doch verstellt sie Merseburger glücklicherweise nicht ganz den Blick.

Die besten Kapitel der glänzend geschriebenen Biographie handeln von dem jungen und von dem durch seine Alkoholkrankheit gezeichneten alten Augstein. Hier macht sich bemerkbar, dass Merseburger Zugang zu persönlichen Aufzeichnungen Augsteins hatte und sich intensiv in seinem engen persönlichen und beruflichen Kreis umgehört hat. So lernen wir Augstein endlich einmal als den am 5. November 1923 in Hannover geborenen, oft kränklichen Spross einer neunköpfigen katholischen Familie kennen, die es in die Hannoveraner Diaspora verschlagen hat - womit sich für Augstein das Gefühl einer gewissen Heimatlosigkeit verbindet. In der Schule ist er ehrgeizig, in seine Aufsätze schmuggelt er Widerworte gegen die im Unterricht durchgepaukte NS-Ideologie. Er will Journalist werden, volontiert im Feuilleton des "Hannoverschen Anzeigers". Doch dann kommen der Arbeitsdienst und die Einberufung zur Wehrmacht. Noch als Soldat an der Ostfront schreibt Augstein kleine Feuilletons.

Nach dem Krieg, mit Anfang zwanzig, gerät Augstein in Hannover an die richtigen, an die unorthodoxen britischen Presseoffiziere John Seymour Chaloner, Henry Ormond und Harry Bohrer, die ihn und Andere kritische Artikel schreiben und schließlich ein Magazin entwickeln lassen, das seiner Zeit in Deutschland weit voraus ist: ein "Lasso-Satz" zu Beginn, der die Leser einfängt, und dann eine spannende Reportage oder Recherche. Wie sich daraus der berüchtigte "Spiegel"-Jargon entwickelte, das beschreibt Merseburger als Prozess kollektiver Selbstfindung: Man meine beim Durchblättern der alten Hefte "förmlich zu spüren, wie sich die Redaktion vorsichtig von Position zu Position tastet", schreibt er. Die Bezeichnungen allerdings, die sich in diesen Heften der Bundeskanzler Adenauer einfing, bezeugen das "vorsichtige Tasten" ganz und gar nicht und auch nicht die großangelegten Serien, mit denen der "Spiegel" aufwartete, eine davon stammte aus der Feder des ehemaligen NS-Wirtschaftsministers Hjalmar Schacht.

Interessant ist, dass Merseburger Augstein in der "Spiegel"-Krise nicht als Helden, sondern als jemanden ausweist, der sich zunächst einmal wegducken wollte, der angibt, die fragliche Titelgeschichte, die dem "Spiegel" die Ermittlungen wegen angeblichen Geheimnisverrats eintrug, überhaupt nicht gesehen zu haben. In der Haft aber zeigt sich Augstein unbeugsam und siegt am Ende, weil sich eine Solidarisierung in der Öffentlichkeit und in der Presse einstellte, wie wir sie seither nicht mehr gesehen haben. In den sechziger und siebziger Jahren läuft das Geschäft, und Augstein langweilt sich. Es gilt neue Flure zu finden, und dabei ist Augstein als Verleger viel weniger erfolgreich denn als Journalist.

Die geplante Überkreuzfusion mit Gerd Bucerius und der "Zeit" misslingt ebenso wie die Entwicklung einer eigenen Zeitung. Im "Spiegel" behält Augstein zwar das Sagen, überantwortet seinen Mitarbeitern aber schon 1971 die Hälfte des Kapitals und entmachtet seine Kinder, die nach seinem Tod von seinen fünfundzwanzig Prozent Kapitalanteilen jeweils ein halbes Prozent an die Mitarbeiter KG und an den dritten Teilhaber Gruner + Jahr abgeben müssen. Das ist ein Punkt, der Augsteins Kinder quält, vor allem seine Tochter Franziska. Denn der Weg zur Macht im "Spiegel" scheint ihnen - zumindest direkt - verbaut. Hochumstritten ist deshalb die Frage, ob Rudolf Augstein es ernst meinte, als er den Bertelsmann-Patriarchen Reinhard Mohn - als obersten Boss seines Teilhabers Gruner + Jahr - bat, die Verfügung mit den zwei halben Prozenten zurückzunehmen. Erwartete der "gnadenlose Realist" Augstein tatsächlich, dass Mohn sich bereitfände, genau den Anteil, der im "Spiegel" über Macht und Ohnmacht entscheidet, freiwillig zurückzugeben? Oder wollte Augstein nur seinen Kindern einen Gefallen und so tun, als ob er sich engagiere? Oder gab er nur ihrem Drängen nach? Obwohl sich das nicht eindeutig klären lässt, gibt Merseburger der Interpretation den Vorzug, dass Augstein tatsächlich etwas für seine Kinder tun wollte. Doch für eine dynastische Lösung war es zu spät.

Mit bewundernswerter Eleganz umschreibt Merseburger das wechselvolle Privatleben Augsteins, seine außerehelichen Amouren und seine Ehen, die so schnell Risse bekamen, wie sie geschlossen worden waren. Weil Merseburger die Perspektive durchs Schlüsselloch fremd ist, vermag er die pikanten Geschichten umso lapidar-schöner zu erzählen, was ihn immer wieder auch auf die entscheidenden Punkte von Augsteins Vita führt, wie die Frage, ob nicht die grundstürzende Idee, den "Spiegel" quasi hälftig zu vergesellschaften, auf Augsteins Freundin und dann Frau Gisela Stelly zurückgeht.

Peter Merseburger bleibt in seiner Biographie fast immer auf Halbdistanz zu seinem Gegenstand. Nur eines scheint ihm erstaunlicherweise zu fehlen: Ein Gespür für die Hybris, die sich mit der Geschichte und mit den Ansprüchen eines Rudolf Augstein genauso verbindet wie mit denen eines Axel Cäsar Springer oder eines Henri Nannen: Bundeskanzler kamen und gingen, sie schrieben, druckten oder verlegten für Deutschland oder vielleicht sogar für die halbe Welt.

Am Ende, das sieht Merseburger, und das hat wohl auch Augstein gesehen, ficht der "gnadenlose Realist" auf verlorenem Posten - er hat von seinem Reich abgegeben, heute tummeln sich dort andere. Doch kann man darin auch ein Element von Augsteins Größe erkennen. Einen erfolgreicheren Journalisten hat es in diesem Land nicht gegeben. Außer ihm selbst, dem "Verehrungsverweigerungsgenie", dürften das viele so sehen, so auch Merseburger.

Peter Merseburger: "Rudolf Augstein". Biographie. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2007. 560 S., Abb., geb., 23,50 [Euro].

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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Eine durchweg gelungene Biografie Rudolf Augsteins ist das, konstatiert Michael Hanfeld, "glänzend geschrieben", mit besonderen Stärken im Porträt des jungen und dann des alten Augstein. Merseburger, der von 1960 bis 1965 selbst Spiegel-Redakteur war und seine grundsätzliche "Sympathie" für seinen Gegenstand nicht verbirgt, bleibe die allermeiste Zeit "auf Halbdistanz". Dies erst ermögliche ihm, das Porträt des Spiegel-Gründers im weiten und genau getroffenen Kontext einer "deutschen Nachkriegsmentalitätsgeschichte" zu situieren. Auch dass er Zugang zu unpublizierten Aufzeichnungen Augsteins hatte, komme der Biografie zugute. Merseburgers Einschätzung, dass sich Augstein bei allen Erfolgen doch auch als immer wieder Scheiternden und zuletzt vielleicht sogar als Gescheiterten sah, hält Hanfeld zudem für zutreffend.

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"Die definitive Biographie." Süddeutsche Zeitung