Rechter Terror - Steinhagen, Martín
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Der Mord an Walter Lübcke markiert eine weitere Eskalationsstufe des rechten Terrorismus in Deutschland. Er ist weder als Zufall noch als Einzelfall erklärbar, sondern zeigt wie unter einem Brennglas die gegenwärtige Dynamik dieses Terrors. Denn dahinter steht eine Geschichte der Radikalisierung, die sich gut an den Biografien der Mörder von rechts und ihren Taten zeigen lässt. Martín Steinhagen erzählt die Geschichte des Opfers, des Täters, der Tat und beleuchtet das gesellschaftliche Klima, im dem das Attentat möglich wurde. Zugleich legt er Strategie, Taktik und Tradition des…mehr

Produktbeschreibung
Der Mord an Walter Lübcke markiert eine weitere Eskalationsstufe des rechten Terrorismus in Deutschland. Er ist weder als Zufall noch als Einzelfall erklärbar, sondern zeigt wie unter einem Brennglas die gegenwärtige Dynamik dieses Terrors. Denn dahinter steht eine Geschichte der Radikalisierung, die sich gut an den Biografien der Mörder von rechts und ihren Taten zeigen lässt.
Martín Steinhagen erzählt die Geschichte des Opfers, des Täters, der Tat und beleuchtet das gesellschaftliche Klima, im dem das Attentat möglich wurde. Zugleich legt er Strategie, Taktik und Tradition des Rechtsterrorismus in Deutschland offen - und die wachsende, sich wandelnde Bedrohung von rechts. Das erste Buch über den politischen Mord an Walter Lübcke und seine Wurzeln im neuen Rechtsextremismus
  • Produktdetails
  • Rowohlt Polaris
  • Verlag: Rowohlt TB.
  • Artikelnr. des Verlages: 27768
  • Seitenzahl: 302
  • Erscheinungstermin: 21. April 2021
  • Deutsch
  • Abmessung: 211mm x 135mm x 32mm
  • Gewicht: 369g
  • ISBN-13: 9783499005992
  • ISBN-10: 3499005999
  • Artikelnr.: 60560035
Autorenporträt
Steinhagen, Martín§
Martin Steinhagen ist freier Journalist. Er recherchiert seit Jahren zu Ursprung und Gegenwart der radikalen und militanten Rechten, darunter der NSU. Gemeinsam mit dem Investigativ-Ressort der ZEIT hat er seit Juni 2019 über den Mord an Walter Lübcke berichtet und den Prozess beobachtet. Er hat Politikwissenschaft und Philosophie in Frankfurt, New York und Tübingen studiert und war nach seinem Volontariat bei der Frankfurter Rundschau dort Politik-Redakteur.
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Sehr engagiert bespricht Tanjev Schultz zwei Neuerscheinungen zum Thema rechte Gewalt und vergleicht sie miteinander. Die Recherche des freien Journalisten zum Mord an Walter Lübcke findet er "stark" besonders da, wo die Verknüpfung individueller Motive und gesellschaftlicher Stimmung behandelt ist. Ihm hat gefallen, wie Steinhagen die Leben von Opfer und Täter zusammenführt, aber besonders fasziniert und erschreckt haben ihn die Resultate der Recherche zum hessischen Verfassungsschutz - und zwar im Bericht von dessen eigener Selbsteinschätzung. Der Dreischritt vom Aufzeigen rechter Gewalt, dem Versagen der Behörden und einem rassistischem Denken, das bis "in die Mitte der Gesellschaft" reicht, scheint dem Kritiker in diesem Buch am Beispiel des Mordes an Walter Lübkes besonders gut gelungen.

© Perlentaucher Medien GmbH

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 26.04.2021

Die breite Spur des rechten Terrors
Justus Bender und Martín Steinhagen beleuchten die Pläne und Mordtaten
der rechtsextremistischen Szene in Deutschland – und ziehen unterschiedliche Schlüsse daraus
VON TANJEV SCHULTZ
Trotz zahlreicher Morde und Anschläge, die Rechtsextremisten verübt hatten, herrschte in den Behörden der Bundesrepublik lange Zeit die Vorstellung, zu organisiertem Terrorismus wären Neonazis nicht in der Lage. Für eine „braune RAF“ würden die Konzepte, die Köpfe und die Strukturen fehlen. Auch in der öffentlichen Wahrnehmung war das Bild dumpfer Glatzköpfe verbreitet, die im Suff zuschlagen, sonst aber wenig auf die Reihe bekommen. Es war ein Zerrbild.
„Solange Rechtsterroristen als irrationale Hassverbrecher gesehen werden, nimmt die Öffentlichkeit sie nicht als geeignete Adressaten von Wut und Empörung wahr“, schreibt Justus Bender. Die Geistlosigkeit der Neonazis bedeute nicht, dass sie keinen Plan hätten. Schon seit Jahrzehnten kursieren in der militanten Szene Strategiepapiere und Terroranleitungen, einige stellt Bender in seinem Büchlein vor. Als Journalist der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung recherchiert er schon länger zum Rechtsextremismus. Und auch er verfolgt nun einen Plan: Das Studium der Pamphlete, die einen „führerlosen Widerstand“ und den Aufbau terroristischer Zellen propagieren, soll die gesellschaftlichen Abwehrkräfte stärken.
Denn wer den Plan der Rechtsterroristen kenne, habe ihn bereits durchkreuzt. Von der Erkenntnis, dass auch Neonazis „kalt und berechnend“ vorgehen, verspricht sich Bender eine Art Befreiungsaktion für die kollektive Psyche. Werden die Täter in ihrer perfiden Rationalität ernst genommen, haben sie „unseren Zorn, unsere Ablehnung und unsere Ansprache“ verdient. Wird die Wut jedoch aufgestaut, richte sie sich gegen Institutionen des Staates, denen man vorwerfe, das Morden nicht verhindert zu haben.
Doch sind solche Vorwürfe nicht oft vernünftig und berechtigt? Wenn jemand die von Bender analysierten Strategiepapiere verkannt hat, so waren das zunächst einmal die Beamten in den Kriminal- und Verfassungsschutzämtern, die sich hauptberuflich damit befassen sollen. Ihre Rolle kritisch zu beleuchten, muss ja auch nicht unbedingt bedeuten, die Schuld der rechtsextremistischen Täter kleinzureden.
So elegant Benders Essay erscheint, inhaltlich blendet er zu vieles aus. Wer das weitsichtige „Eskalationsmodell“ heranzieht, dass ein Team um den Soziologen Wilhelm Heitmeyer entwickelt hat, kann erkennen: Die von Bender behandelten Strategietexte entspringen einem Planungs- und Unterstützungsmilieu, das die Terroristen anregen und versorgen kann – aber diesen Gewaltkern umgeben weitere soziale Schichten, die ideologische Schützenhilfe leisten, ohne im juristischen Sinne schuldig zu werden.
Diesen Zusammenhang zum gesellschaftlichen Klima, das dazu beiträgt, dass sich Rechtsterroristen – ob die Neonazis des NSU oder der Mörder Walter Lübckes – zur Tat ermächtigt fühlen, ignoriert das Buch weitgehend. Deutlich besser arbeitet diesen Zusammenhang Martín Steinhagen in seiner Darstellung des Attentats auf Lübcke heraus. Der freie Journalist schildert nicht nur die teilweise anrührende Geschichte des Opfers und die erschreckende Biografie des Mörders Stephan Ernst. Er referiert nicht nur die Erkenntnisse aus dem Gerichtsprozess, der im Frühjahr mit der Verurteilung von Ernst zu einer lebenslangen Haftstrafe endete. Ausgehend von diesem Fall zeigt das Buch die breite Spur rechter Gewalt, die sich durch die Bundesrepublik zieht.
Stark ist das Buch, wo das Zusammenspiel individuellen Handelns und gesellschaftlicher Stimmungen greifbar wird. Stephan Ernst verbrachte bereits seine Jugend im Hass. An dem Tag, als im November 1992 aus Mölln die Nachricht von drei Toten kam, die durch einen rassistisch motivierten Brandanschlag ums Leben kamen, schlug auch Ernst zu. In Wiesbaden stach er auf einer Bahnhofstoilette mit einem Messer einen Imam nieder. Eine Notoperation rettete dem Mann das Leben.
Vieles war zuletzt zwar schon in der Berichterstattung über den Mordprozess im Fall Lübcke zu lesen gewesen, Steinhagen sortiert die Erkenntnisse nun aber gut lesbar und verbindet sie mit hilfreichem Hintergrundwissen. Er hat umfassend recherchiert und so auch die noch jahrzehntelang unter Verschluss stehende Akte einsehen können, in der festgehalten ist, wie der hessische Verfassungsschutz nach dem NSU-Debakel seine eigene Arbeit bilanziert hat. Der Name von Stephan Ernst taucht mehrmals in diesem Bericht auf.
Das Zeugnis, das sich die Behörde selbst ausstellte, sei „vernichtend“, so Steinhagen. Offenbar herrschte in der Behörde „Chaos schon in der Ablage“. Material wurde nicht registriert, manches ist einfach verschwunden. Oft sei bei Quellen in der Neonazi-Szene weder nachgefragt noch versucht worden, Informationen zu verifizieren oder in einer Gesamtschau zu analysieren. Interessanten Hinweisen, so halte es der Bericht fest, wurde „sowohl in der Auswertung als auch in der Beschaffung nicht immer konsequent nachgegangen“.
Ein ähnliches Bild hatte sich im Zuge der Aufarbeitung des NSU-Falls bereits in anderen Ämtern gezeigt. Wie Justus Bender zu Recht schreibt, ist eines der Ziele rechter Terroristen die „Entfremdung zwischen den Opfergruppen und den Sicherheitsbehörden“. Sein Rat, Hinterbliebene von Opfern müssten zuerst dieses Ziel verdammen, bevor sie eine womöglich berechtigte Kritik an Ermittlern oder Verfassungsschützern äußerten, wirkt jedoch angesichts des Versagens der Ämter, das Steinhagen herausarbeitet, etwas anmaßend. Es unterstellt den Menschen, sie seien zu einfältig, um mehrere Ebenen gleichzeitig in den Blick nehmen zu können: die brutalen Pläne und Taten der militanten Rechten, die unverantwortliche Arbeitsweise der Sicherheitsbehörden und die rassistischen Diskurse, die bis in die Mitte der Gesellschaft reichen.
Bei einigen Sicherheitsbehörden
herrschte sogar schon
„Chaos in der Ablage“
Der Mörder erschoss ihn auf seiner Terrasse: Trauerakt für den Regierungspräsidenten von Kassel, Walter Lübcke, im Juni 2019.
Foto: Sean Gallup/Getty Images
Justus Bender:
Der Plan. Strategie und Kalkül des
Rechtsterrorismus.
Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2021.
80 Seiten, 10 Euro.
E-Book: 6,99 Euro.
Martín Steinhagen:
Rechter Terror. Der Mord an Walter Lübcke und die Strategie der Gewalt. Rowohlt Polaris, Hamburg 2021, 303 Seiten, 18 Euro.
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"Stellenweise fesselt das Sachbuch wie ein Krimi." Hessische Niedersächsische Allgemeine