Nicht nur Putins Militärapparat, auch seine Propagandamaschine läuft seit dem Überfall auf die Ukraine im Februar 2022 auf Hochtouren: Im Netz führt die russische Regierung einen Cyberkrieg gegen unliebsame Zivilisten, Politiker und Institutionen aus dem In- und Ausland. In ihrem Debüt Putins Armee der Trolle legt die preisgekrönte - und wegen ihrer kritischen Berichterstattung verfolgte - finnische Investigativjournalistin Jessikka Aro die Strategien hinter der Propagandaschlacht des Kremls offen. Sie schildert, wie vom russischen Staatsapparat orchestrierte Internettrolle systematisch gegen Oppositionelle, Medienhäuser und NGOs hetzen und nahezu unbemerkt an der Destabilisierung westlicher Demokratien arbeiten, etwa durch das bewusste Anheizen politischer Unstimmigkeiten innerhalb der Europäischen Union sowie die massive Beeinflussung der Wählerwahrnehmung im Vorfeld der US-Wahlen 2016 oder des Brexit-Referendums. Aros schockierende Schilderungen, in die Insiderberichte und ihre eigenen traumatischen Erfahrungen mit den Trollen Putins einfließen, lassen keinen Zweifel daran, dass Russland in Form von Internet-Spionage, Social-Media-Trolltum und Deepfakes alle Register des Cyberkriegs zieht, um Fehlinformationen zu verbreiten und seine Feinde auszuschalten. Eine unverzichtbare Lektüre für alle, die die Netz-Propaganda des Kremls als elementaren Bestandteil russischer Kriegsführung verstehen und ihr etwas entgegensetzen wollen.
Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension
Rezensent Florian Keisinger liest beunruhigt dieses Buch der finnischen Journalistin Jessikka Aro, die seit 2014 die Technikern russischer Troll-Fabriken recherchiert. Was sie in ihrem im Original 2019 erschienenen Report zusammenträgt, erscheint Keisinger nicht alles neu, aber sehr anschaulich. So erkläre sie die verschiedenen Methoden der Desinformationskampagnen: Bei der Methode 60:40 etwa sollen 60 Prozent der gestreuten Informationen stimmen, um die Glaubwürdigkeit für die ausgedachten 40 Prozent zu erhöhen. Bei der Methode "Fauler Hering" muss der Fisch, dem man einer unbescholtenen Person anhängt, nur genug stinken, damit ein übler Geruch hängen bleibt. Aber Keisinger nimmt auch Positives aus der Lektüre mit: Die Qualitätskontrollen seriöser Medien werden besser!
© Perlentaucher Medien GmbH
© Perlentaucher Medien GmbH