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Primaten und Philosophen - De Waal, Frans
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Sind wir zum Egoismus verdammt? Oder gehört auch die Moral zu unserer Natur? Der Verhaltensforscher Frans de Waal präsentiert überraschende Antworten auf philosophische Fragen. Forschungen mit Affen haben seine Vermutung bestätigt, dass moralisches Verhalten evolutionäre Vorteile sichert, die für Tiere genauso bedeutsam sind wie für Menschen. Er widerlegt damit die Vorstellung, Menschen seien schon auf genetischer Ebene als egoistische Wesen konzipiert. Der Band stellt de Waals Theorien vor und dokumentiert die daran anschließende Diskussion.…mehr

Produktbeschreibung
Sind wir zum Egoismus verdammt? Oder gehört auch die Moral zu unserer Natur? Der Verhaltensforscher Frans de Waal präsentiert überraschende Antworten auf philosophische Fragen. Forschungen mit Affen haben seine Vermutung bestätigt, dass moralisches Verhalten evolutionäre Vorteile sichert, die für Tiere genauso bedeutsam sind wie für Menschen. Er widerlegt damit die Vorstellung, Menschen seien schon auf genetischer Ebene als egoistische Wesen konzipiert. Der Band stellt de Waals Theorien vor und dokumentiert die daran anschließende Diskussion.
  • Produktdetails
  • Verlag: Hanser
  • Seitenzahl: 219
  • Erscheinungstermin: 9. September 2008
  • Deutsch
  • Abmessung: 219mm
  • Gewicht: 428g
  • ISBN-13: 9783446230835
  • ISBN-10: 3446230831
  • Artikelnr.: 23797702
Autorenporträt
Frans de Waal, geboren 1948 in Den Bosch, Niederlande, lehrt Primatenverhalten u.a. an der Emory University in Atlanta und zählt aufgrund seiner Bücher zu den bekanntesten Primatologen der Welt. Bei Hanser erschien zuletzt: Primaten und Philosophen. Wie die Evolution die Moral hervorbrachte (2008).
Rezensionen
Besprechung von 15.10.2008
Weg mit den Gurken, her mit den Trauben!
Frans de Waal möchte wissen, wie die Moral unter Primaten entstanden ist / Von Helmut Mayer

Wir sprechen manchmal davon, dass ein Mensch sich "wie ein Tier" verhalten habe. Es ist eine Formel des moralischen Abscheus. Gegenüber Menschen, nicht gegenüber Tieren. Letzteren werfen wir nicht vor, sich ihrer Natur und momentanen Affektlage gemäß zu verhalten. Unterläuft das dagegen Menschen, trifft sie der Vorwurf.

Auf das Tier fällt dabei kein gutes Licht. Was bei ihnen Instinkt und Affekt ist, das scheint in diesem Vergleich immer auf etwas hinauszulaufen, das in der Welt menschlicher Handlungen moralisch verwerflich ist. Moralität wäre danach, was dem tierischen Verhalten, also auch unserem eigenen tierischen Erbteil, strikt entgegengesetzt ist. Etwas, das zwar zu diesem Erbteil hinzukommt, ihm aber äußerlich bleibt: eine kulturelle Hülle, die einen rohen natürlichen Kern umschließt, der hin und wieder nach außen fatal durchschlagen kann.

Fassadentheorie nennt Frans de Waal diese Vorstellung vom menschlichen Wesen, und dem renommierten Affenforscher geht es darum, ihre Unhaltbarkeit vor Augen zu führen: dass Moralität also nicht lediglich eine späte kulturelle Zugabe zum Zweck der mühsamen Einhegung widerstrebender Naturanlagen ist, sondern sich aus ebendiesen Anlagen irgendwie entwickelt hat. Diese Grundthese lässt freilich schon ahnen, womit de Waal in seinen nun auf Deutsch erschienenen "Tanner-Lectures on Human Value" als Erstes zu kämpfen hat: halbwegs interessante zeitgenössische Gegenpositionen auszumachen, von denen sich zu Recht behaupten lässt, dass sie auf eine solche Fassadentheorie menschlicher Natur hinauslaufen.

Wirklich erfolgreich ist er dabei nicht. Warum sollte man sich schließlich auch prinzipiell darauf festlegen wollen, dass unsere moralischen Kompetenzen sich gegen einen evolutionär herausgebildeten vorkulturellen Zustand unserer Natur durchgesetzt haben. Naheliegender ist es wohl, sie wie unsere anderen Fähigkeiten auch vor dem Hintegrund einer evolutionären Geschichte zu sehen, die sich spätestens für die Hominiden gar nicht mehr so einfach in Natur- und Kulturgeschichte aufspalten lässt. Zumal damit vorerst gar nicht viel behauptet ist. Denn die wirklich entscheidende Frage bleibt dabei offen: Wie man sich diese Herausbildung eines moralischen Sinns denn nun konkret vorstellen sollte. Wer sich für graduelle evolutionäre Übergänge stark macht, kann da immer noch schnell ins Schwimmen kommen.

De Waals Antwort auf diese Frage bleibt vor allem deshalb unscharf, weil er sich einen leichten Gegner zurechtmacht. Fassadentheorie meint bei ihm letztlich, dass der in ihr vorgestellte tierische Kern strikt asozial ist und nur die blinde, vollkommen unkooperative Durchsetzung von Überlebens- und Dominanzinteressen steuert. Dann ist aber im Gegenzug auch klar, dass weder Tier- noch Menschenaffen als Beispiel für einen solchen Naturzustand herhalten können: Natürlich sind sie als soziale Tiere zu beschreiben, und de Waal hat selbst einige faszinierende Züge zu diesen Beschreibungen beigetragen.

Aber wie lässt sich ein Weg beschreiben, der bei diesen Formen tierischer Sozialität beginnt und bei menschlicher Moralität endet? De Waal setzt dafür auf die bereits bei Affen ausgebildeten Fähigkeiten, sich in ihre Artgenossen hineinzuversetzen. Formen "emotionaler Ansteckung" lassen sich schon bei Tieraffen beobachten, während Menschenaffen Weisen des Einfühlens in den Gefühlszustand und die Absichten ihrer Genossen erkennen lassen, die mit kognitiven Zügen verknüpft sind: Ein Schimpanse kann zum Beispiel durchaus wissen, dass der Rivale nicht weiß, dass er selbst weiß, wo der Versuchsleiter den Leckerbissen versteckte - und sich entsprechend verhalten.

Als Basis der empathischen Fähigkeiten nimmt de Waal eine Art von Spiegelmechanismus an, der dafür sorgt, dass beim Beobachter, der bestimmte Zustände seines Artgenossen wahrnimmt, genau jene neuronalen und körperlichen Repräsentationen aktiviert werden, die diesen Zuständen entsprechen. Das lässt sich neurowissenschaftlich an die Annahme von Netzen sogenannter Spiegelneuronen knüpfen. Es ist dieser körperlich-emotive Kern von Empathie im sozialen Austausch, an den sich für de Waal dann kognitive Erweiterungen anlagern, die in Richtung unserer moralischen Vorstellungen von Reziprozität, Fairness und Angemessenheit weisen: Anbahnungen menschlicher Moralität, die selbst auf diesen emotiven Voraussetzungen aufbaut.

Soweit das bloß meint, dass die uns geläufigen Formen moralischer Praxis auf sozialen Kompetenzen aufruhen, die wiederum ohne evolvierte Formen des Wissens um die "inneren" Empfindungen und Einstellungen der anderen hinfällig wären, lässt sich dagegen absolut nichts sagen. Interessanter ist die Frage, wie weit man mit den auf Empathie gegründeten "sozialen Instinkten" bei Primaten an Verhaltensweisen herankommt, die man zu Recht unter moralischer Perspektive betrachten kann. Die von de Waal angeführten Beobachtungen sollen vor Augen führen, dass Affen in dieser Hinsicht bereits einige erstaunliche Verhaltensweisen demonstrieren.

Meist haben diese Beobachtungen anekdotischen Charakter, aber auch einige Experimente sind dabei. Darunter eines mit Kapuzineräffchen, denen beigebracht wird, Spielmarken gegen Nahrungshäppchen als Belohnung zu tauschen. Für Gurkenstückchen hält sich ihre Begeisterung dabei eher in Grenzen, während Trauben von ihnen sehr begehrt sind. Im Experiment wurde dann untersucht, wie die Affen bei diesem Tauschspiel reagierten, wenn sie einen anderen Affen beobachten konnten, der die delikaten Trauben umsonst, also ohne die Gegenleistung von Jetons bekam: Bot man ihnen danach die minderen Gurkenstückchen an, verweigerten sie den Tausch oder warfen die Belohnung samt Spielmarke gar aus dem Versuchskäfig. Ein Kontrollversuch konnte bestätigen, dass tatsächlich die kostenlose Vergabe an andere Affen diese Verweigerung auslöste.

Für de Waal lässt das Ergebnis erkennen, dass bereits bei diesen Tieraffen Erwartungshaltungen ausgebildet werden, die sich aus einer vergleichenden Bewertung von Leistungen ergeben. Die Protestreaktionen der Kapuzineräffchen zeigen implizit, wie die Nahrung fair hätte verteilt werden sollen, um das Spiel in Gang zu halten - und solche "Sollwerte" verweisen auf den Bereich der Moral.

Beweisen die Kapuzineräffchen am Ende sogar Gerechtigkeitssinn? Der Philosoph und Kenner evolutionstheoretischer Debatten Philipp Kitcher erinnert in seinem Kommentar daran, dass de Waal einer solchen Deutung ursprünglich nicht ganz abgeneigt war. Aber Proteste benachteiligter Parteien seien nun einmal kein besonders überzeugender Beleg für Gerechtigkeitsgefühl.

Solche kleinen Scharmützel um überzogene Deutungen einiger Beobachtungen und Experimente liegen aber nur am Rande der kritischen Einwendungen, mit denen de Waal von philosophischer Seite konfrontiert wird. Sowohl Kitcher wie auch Christine Koorsgaard und Peter Singer - eine exzellente Besetzung - halten sich ans Wesentliche. Für die attackierte Fassadentheorie haben alle drei nichts übrig, und dass moralische Kompetenzen sich irgendwie entwickelt haben müssen, stellen sie nicht in Abrede. Aber von de Waals konkreten Vorschlägen, Moral als Weiterentwicklung sozialer Instinkte aufzufassen, sind sie nicht beeindruckt.

Ihre Einwände zielen auf zu schnell gemachte Übergänge. Sie halten gegen die bei de Waal im Hintergrund stehende Annahme, dass Moralität letztlich auf eine Form von Altruismus, nämlich auf die Entwicklung von idiosynkratischem Mitgefühl, hinauslaufe: Die Entwicklung solcher Empathie mag notwendig sein, aber der Weg zur Moral ist damit nicht gleich gebahnt (Kitcher). Sie rücken die Annahme zurecht, dass Tieren überhaupt die Durchsetzung von Interessen zugesprochen werden kann, und nehmen die Vorstellung aufs Korn, wonach die Moral einer Handlung eine Sache der in ihr realisierten Absichten sei: Dass wir uns zu unseren Absichten wertend verhalten, eröffnet erst das Terrain von Moralität (Koorsgaard). Und sie erinnern an eine grundlegende Unterscheidung: Evolutionäre Voraussetzungen von Kompetenzen herauszufinden ist nicht zu verwechseln mit der Ableitung dieser Kompetenzen aus den evolutionären Wurzeln (Singer).

Durch die Kommentare, auf die de Waal zum Schluss noch einmal antwortet, gewinnt der Band ungemein. Er bietet eine gute Gelegenheit, sich mit evolutionsbiologisch grundierten Ansprüchen unserer Selbstdeutung auseinanderzusetzen. Festhalten kann man ja daran, dass unter den Bedingungen wachsender Lebenserfahrung die zoologische Perspektive auf unseren sozialen Austausch an Triftigkeit gewinnt: Wobei man nur im Auge haben sollte, dass unser Vergnügen an einer solchen Betrachtung aus genau dieser Perspektive sich nicht erhellt. Zurück führt eben kein Weg.

Frans de Waal: "Philosophen und Primaten". Wie die Evolution die Moral hervorbrachte. Aus dem Amerikanischen von Hartmut Schickert, Birgit Brandau und Klaus Fritz. Carl Hanser Verlag, München 2008. 224 S., Abb., geb., 19,90 [Euro].

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Besprechung von 05.02.2009
Haarsträubend
Primatenforscher Frans de Waal, die Evolution und die Moral
Frans de Waal, der weltbekannte niederländische Primatenverhaltensforscher, hat sich eine Auffassung vom Menschen und der Moralität vorgeknöpft. Er nennt sie die „Fassadentheorie”, er hält sie für weit verbreitet unter Evolutionsbiologen und das stört ihn sehr. Der Ausgangspunkt dieser Fassadentheorie ist die Vorstellung, der Mensch sei von Natur aus schlecht, seine Moralität mithin nicht angeboren, sondern nur „eine kulturelle Tünche, eine dünne Schicht, die unser ansonsten selbstsüchtiges und brutales Wesen verbirgt”. Nun vermag sich kein anderes Tier als der Mensch kulturelle Fassaden anzueignen. Daher betrachtet de Waals Fassadentheoretiker die Moralität als zoologisch einmaliges Merkmal des Menschen. Nicht nur das: Er klammert die Moralität, ausnahmsweise, aus der Erklärungsdomäne der Evolutionsbiologie schlechthin aus.
Sich selbst sieht de Waal in einer entgegengesetzten Tradition. Sie betrachtet die „Moralität als direkte Fortentwicklung der sozialen Instinkte, die wir mit anderen Tieren teilen”. Hier, bei der empirisch gestützten Argumentation für die Existenz von Vorformen der Moralität bei Tieren, kommt seine eigentliche Expertise ins Spiel. Hier schöpft der 60-jährige, der in Atlanta lehrt, aus seinem in Jahrzehnten gewonnenen Fundus an Beobachtungen zu Schimpansen und anderen nichtmenschlichen Primaten. Unter anderem deshalb enthalten die Vorlesungen de Waals, seine Anhänge und seine Antwort auf die – ebenfalls abgedruckten – Kommentare vierer namhafter Theoretiker eine Menge interessantes
Material.
Der größere Teil dieses verhaltensbiologischen, moralpsychologischen, philosophischen und ideengeschichtlichen Stoffes ist auch ohne tiefreichendes Vorwissen zugänglich. Die vier kommentierenden Aufsätze sind fokussiert, und das Konzept, ein Wissenschaftsbuch so diskursiv wie dieses anzulegen, ist ohnehin ein hervorragendes. Nur liegt ausgerechnet im Herzstück des Bandes vieles im Argen: dort also, wo de Waal sein Anliegen beschreibt und die vermeintlichen theoretischen Frontverläufe skizziert. Der auffälligste Mangel ist natürlich, dass die Annahme von einer ausschließlich schlechten menschlichen Natur ein Strohmann ist. Doch die Probleme reichen tiefer.
Schon die Gegenüberstellung einer evolutionären Erklärungsperspektive auf die Moralität und einer Auffassung von der Moralität als exklusiv menschliche Errungenschaft ist verunglückt. Denn auch de Waal ist ja, trotz der evolutionären Perspektive, keineswegs bereit, anderen Tieren genuine Moralität zuzusprechen. Auch er betrachtet Moralität sensu stricto als allein menschliche Eigenschaft. In seinen maßgeblichen Aussagen spricht er davon, dass die Moralität „eine Fortentwicklung” sozialer Instinkte in Tieren sei oder dass in Tieren „die Bausteine der Moralität” vorhanden seien – mehr allerdings nicht. Und zwar aus gutem Grund. Denn de Waal hat eine klare Vorstellung davon, was Schimpansen zu echter Moralität fehlt, wie an anderer Stelle deutlich wird: „Moralische Empfindungen sollten von der eigenen unmittelbaren Situation losgelöst sein: Sie haben mit Gut und Böse auf abstrakterer, nicht eigennütziger Ebene zu tun. Erst wenn wir allgemeine Urteile darüber treffen, wie jeder behandelt werden sollte, können wir anfangen, von moralischer Zustimmung oder Missbilligung zu reden. Auf diesem spezifischen Gebiet scheinen Menschen radikal weiter zu gehen als andere Primaten.”
Diese Einschätzung ist plausibel und alles andere als unorthodox. Nicht zufällig wird sie in mindestens dreien der vier Kommentare unabhängig und ausdrücklich vertreten. Sowohl der Wissenschaftstheoretiker Philip Kitcher als auch die Moralphilosophen Christine Korsgaard und Peter Singer betrachten die Fähigkeit, universelle normative Urteile zu fällen, als entscheidend für das Vorliegen von Moralität. Aus diesem und ähnlichen Gründen setzt Moralität nach einer verbreiteten Auffassung Rationalität voraus. Im außermenschlichen Tierreich ist Rationalität in diesem Sinne nicht anzutreffen. Angesichts der Tatsache, dass de Waal dies unzweideutig zugesteht, fragt man sich schon, was ihn dazu getrieben hat, der Vorstellung von einer phylogenetischen Diskontinuität zwischen Mensch und Tier im Hinblick auf die Moralität so entgegenzutreten, wie er es tut.
Man muss sich das vor allem angesichts der haarsträubend unpräzisen Charakterisierungen der Fassadentheorie fragen, die de Waal abgesehen von dem Pappkameraden mit der ausschließlich schlechten Natur aufbietet. Fast alle seine Charakterisierungen lassen sich mühelos auf Theoretiker anwenden, die nie eine andere Diskontinuität als die von de Waal anerkannte im Sinn hatten.
Überhaupt, de Waals völliger Mangel an Präzision: Fortwährend wirft er die verschiedensten Kategorien und Dichotomien ineinander. Etwa verweist er im Einspruch gegen ein düsteres fassadentheoretisches Menschenbild auf die wesentlich soziale Natur des Menschen – als sei soziale Einbettung nicht mit reinstem Egoismus verträglich. Er klagt auch wiederholt darüber, wie sträflich die Emotionen zugunsten der Rationalität vernachlässigt worden seien. Sehen wir einmal davon ab, dass de Waal hier, angesichts der jüngeren Geschichte der Psychologie, der Philosophie und zahlreicher Sachbuch-Bestseller, ungefähr so klingt wie jemand, der sich im Jahr 1990 über die Verbreitung der Schlaghose beklagt. Wie kommt er eigentlich darauf, all die dunklen Seiten der Emotionen vollkommen auszublenden und ihre angebliche Vernachlässigung so undifferenziert mit dem düsteren Menschenbild der
Fassadentheorie in Verbindung zu
setzen?
Vielleicht am merkwürdigsten ist jedoch, wie de Waal eine Betonung des Guten in der menschlichen Natur stillschweigend mit der Befürwortung evolutionsbiologisch ambitionierter Erklärungen der Moralität ineinssetzt. Das ist wirklich neu: Gilt es sonst immer die Unterstellung auszuräumen, evolutionäre Perspektiven auf menschliches Verhalten seien inhärent böse und reaktionär, muss man hier auf einmal daran erinnern, dass sie auch nicht gleich Hippiebotschaften im Gepäck haben müssen.
Im Schlussaufsatz hat man stellenweise den Eindruck, es werde auf einmal deutlicher, worauf es de Waal ankommt. Im Grunde, so scheint es, stört ihn an den Fassadentheoretikern einfach, dass sie den „moralischen Empfindungen” – in erster Linie wohl der emotionalen Empathie und dem Gerechtigkeitssinn – keine konstitutive Teilhabe an der Moralität zugestehen, während de Waal selbst in ihnen die phylogenetisch älteste Schicht der Moralität sieht. Beträfe sein zentrales Anliegen aber einfach die Frage, welche Rolle Empfindungen für die Moralität spielen, dann hätte er es zuvor wortreich verfehlt. Abgesehen davon bliebe dann immer noch fraglich, ob die grundlegende Gegenüberstellung zweier vermeintlicher Schulen auch nur halbwegs Sinn ergibt.
Wenn Evolutionsbiologen Organismen als kühl kalkulierende Akteure beschreiben, ist das häufig nur eine praktische, metaphorische Redensart. Eine wesentliche Beteiligung von Emotionen an der Verursachung eines Verhaltens muss damit nicht bestritten werden.
Gut möglich, dass de Waal ein Abstrahieren von bestimmten Gefühlen in evolutionären Erklärungen mit einer Leugnung ihrer kausalen Relevanz schlechthin verwechselt. Es wäre nicht das erste Mal, dass ein Forscher es versäumt, die elementare Unterscheidung zwischen verhaltensbiologischen Erklärungen zu beachten, die auf unmittelbare Ursachen abzielen und solchen, die auf evolutionäre Ursachen abzielen.
Dass de Waal solche Verwechslungen zuzutrauen sind, wird nirgends klarer als bei seiner Einordnung des berühmten Kollegen Richard Dawkins. Ihn präsentiert er allen Ernstes als wichtigsten zeitgenössischen Gegner einer evolutionären Erklärung der Moralität. Ausgerechnet Dawkins, der im Klassiker „Das egoistische Gen” 1976 jene Ideen zur Evolution des Altruismus überhaupt erst verbreitete, die de Waal als Grundlage dienen.
De Waal scheint auch noch nichts davon gehört zu haben, dass seit 20 Jahren eine zweite Auflage von „Das egoistische Gen” existiert, mit einem Kapitel zur Evolution der Kooperation und einem ausführlichen Anmerkungsanhang. Er präsentiert ein paar knappe Zitate des angeblichen Fassadentheoretikers Dawkins und widerspricht ihm mit der Bemerkung, es fehle jede Erklärung dafür, wie wir Menschen denn gegen unsere „egoistischen Gene” rebellieren können sollten – das ist sein Haupteinwand gegen die Fassadentheorie! Nicht einmal die Unterscheidung zwischen „egoistischen Genen” und egoistischen Individuen wird hier beachtet. Wichtiger noch: De Waal ignoriert vollkommen, dass Dawkins in seiner gesamten Laufbahn zu Recht den bloß statistischen Einfluss von Genen auf unser Verhalten betont hat. Von einem Wissenschaftler dieses Kalibers erwartet man mehr. Viel mehr.
MALTE DAHLGRÜN
FRANS DE WAAL: Primaten und Philosophen. Wie die Evolution die Moral hervorbrachte. Aus dem Amerikanischen von Hartmut Schickert, Birgit Brandau und Klaus Fritz. Hanser, München 2008. 220 Seiten, 19,90 Euro.
Ständig werden verschiedene Kategorien und Dichotomien ineinander geworfen
Richard Dawkins ist bei de Waal plötzlich Gegner einer evolutionären Erklärung der Moral
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Perlentaucher-Notiz zur FR-Rezension

Nicht ganz klar wir, ob Christian Thomas sich in dieser Rezension auf mehrere Bücher des Primatenforschers Frans de Waal bezieht oder nur auf "Primaten und Philosophen". Im neu erschienenen Werk untersucht de Waal jedenfalls die Frage nach dem Zustandekommen der "Sozialität der menschlichen Natur". Dabei geht er davon aus, dass menschliches Handeln immer mit dem Verhalten des Mitmenschen zu tun hat. Daraus lässt sich eine positive und eine negative Erkenntnis für den "Menschen als Gemeinschaftstier" gewinnen: Zum einen entsteht moralisches Handeln aus sozialen Emotionen; zum anderen entsteht das Gemeinschaftsgefühl durch Abgrenzung von Fremdem. Inwiefern diese menschlichen Eigenschaften auch auf Tiere angewandt werden können, diskutiert de Waals mit vier Forschern, deren Hintergrund nicht weiter erläutert wird.

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"De Waal ist der Humanist unter den Verhaltensforschern und setzt dem Prinzip Eigennutz Mitleid, Einfühlung, Interesse und Selbstlosigkeit entgegen." Richard David Precht, Der Spiegel, 06.10.08 "Frans de Waal ergründet, wie sehr biologische Gemeinschaften Vorläufer unserer Gesellschaft sind und dessen, was als ihr wichtigster Kitt gilt: Die Moral. Der führende Primatologe weist nach, wie sehr soziale Gefühle bereits das Zusammenleben von Schimpansen und Bobos prägen." Andreas Weber, Die Zeit, 09.10.08 "Ist die Moral dem Menschen vorbehalten oder findet sie sich auch im Tierreich? Frans de Waal gibt darauf eine kluge Antwort. Sein Buch bietet nicht nur Einblick in einen bisher unterbelichteten Bereich des tierischen Verhaltens, sondern mahnt uns, nicht alles Leben nach menschlichen Kategorien zu bewerten." Thomas Groß, Die Welt, 11.10.08 "De Waal bringt den von der Philosophie eingeordneten Kompass gehörig durcheinander. ... Unvergesslich dabei eine wunderbare Anekdote: So beobachtete de Waal eines Tages ein Bonoboweibchen, das einem kleinen, hilflos hingesunkenen Vogel aufhalf - auf dass das so ganz andere Wesen wieder fliege." Christian Thomas, Frankfurter Rundschau, 14.10.08