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Für alle, die wissen wollen, wie Wirtschaft wirklich funktioniert.
Abendliches Insolvenz-Entertainment im TV verzeichnet Spitzenquoten, die deutsche Staatsverschuldung erzeugt Weltuntergangsstimmung. Dabei ist unser ganzer Reichtum nur durch Schulden entstanden. In vormodernen Zeiten hat sich der materielle Wohlstand alle 500 bis 1000 Jahre verdoppelt, in den letzten beiden Jahrhunderten alle 40 Jahre. Woran lag das? Erst durch die Erfindung der systematischen Schuldenwirtschaft war es möglich, aus Geld mehr Geld zu machen. Aber Kredite sind Wetten auf eine bestimmte Zukunft. Wenn diese so…mehr

Produktbeschreibung
Für alle, die wissen wollen, wie Wirtschaft wirklich funktioniert.
Abendliches Insolvenz-Entertainment im TV verzeichnet Spitzenquoten, die deutsche Staatsverschuldung erzeugt Weltuntergangsstimmung. Dabei ist unser ganzer Reichtum nur durch Schulden entstanden. In vormodernen Zeiten hat sich der materielle Wohlstand alle 500 bis 1000 Jahre verdoppelt, in den letzten beiden Jahrhunderten alle 40 Jahre. Woran lag das? Erst durch die Erfindung der systematischen Schuldenwirtschaft war es möglich, aus Geld mehr Geld zu machen. Aber Kredite sind Wetten auf eine bestimmte Zukunft. Wenn diese so nicht eintritt, dann gibt es eine Krise. Das ist kein Unfall, sondern systemimmanent. So funktioniert der Kapitalismus! Und die Staaten der Welt bilden die Nachhut. Sie können gar nicht anders. Auf der Wirtschaftsbestsellerliste
  • Produktdetails
  • dtv Taschenbücher Bd.24831
  • Verlag: Dtv
  • Orig.-Ausg.
  • Seitenzahl: 272
  • Erscheinungstermin: 20. Oktober 2010
  • Deutsch
  • Abmessung: 210mm x 135mm x 26mm
  • Gewicht: 382g
  • ISBN-13: 9783423248310
  • ISBN-10: 3423248319
  • Artikelnr.: 29744210
Autorenporträt
Thomas Strobl, Jahrgang 1968, gebürtiger Österreicher, ist Ökonom, Manager und Publizist. Er führt einen der bekanntesten deutschen Wirtschaftsblogs, mit seinen Beiträgen im Feuilleton der FAZ löst er regelmäßig kontroverse Debatten aus.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 07.11.2010

Am Anfang waren die Schulden
Was hat die Menschen erfolgreich gemacht? Finanzexzesse! Ein Vorabdruck / Von Thomas Strobl

Erinnern Sie sich an "The Who"? Nur dunkel? Falls Ihnen aber jetzt "I can't get no satisfaction" durch den Kopf geht: Sorry, das waren die anderen. Sie wissen schon: Mick Jagger & Co. Die Rolling Stones sind zwar auch Legende, aber hier ist von Roger Daltrey und Pete Townshend die Rede: Gemeinsam rockten sie mit den Kollegen John Entwistle und Keith Moon als The Who in den sechziger und siebziger Jahren, was der Stand der Tontechnik hergab.

Die Story von The Who liest sich wie eine Kurzgeschichte des Kapitalismus. Im Ernst. Und zwar nicht des guten oder des bösen Kapitalismus. Sondern des Kapitalismus in seiner Gesamtheit, seiner positiven wie auch seiner negativen Seiten. Des Kapitalismus, den wir für seine Innovationskraft schätzen; für den formidablen Lebensstandard, den er uns beschert hat. Den wir aber gleichzeitig für seine Exzesse und Ungerechtigkeiten hassen; für das ganze Elend, das er in der Welt verbreitet. Die Rede ist vom Kapitalismus, wie er uns alle betrifft: Weil wir unsere Existenz auf ihm aufbauen; ja, aufbauen müssen - ob uns das nun passt oder nicht. Der Kapitalismus fällt mit Vorliebe von einem Extrem ins andere. Er ist launisch und ungerecht. Und dann wieder brillant. Das ist so ähnlich wie bei den vier Rockrabauken von The Who, über die das englische Fachblatt "Melody Maker" im Juni 1965 schrieb: "Ihr Sound ist bösartig; ihre Charaktere und ihre Musik haben sadistische Züge."

Christoph Geisselhart veröffentlichte eine Chronik der Band mit dem Titel "Maximum Rock". Der erste Teil der Trilogie verkürzt die psychedelische Periode der Band auf folgende Schlagzeile: "Riesige Schuldenberge, Streitereien, Drogen- und Alkoholexzesse." Als ich diese Episode auf mich wirken ließ, diese emotionale, künstlerische und nicht zuletzt finanzielle Berg-und-Tal-Fahrt, den bizarren Cocktail aus Sex, Drogen, Genie und Gewalt, da wurde mir eines klar: The Who mit ihrer gleichermaßen produktiven wie zerstörerischen Anarchie sind die perfekte Verkörperung des Kapitalismus!

Zunächst einmal musste die Band sich selbst erfinden. Eine Metamorphose nach der anderen war nötig, um auch nur in die Nähe der Charts zu gelangen. Ganz so, wie es Karl Marx für die Verwandlungskünste der kapitalistischen Güterwelt feststellte: "Die Waren gehen zunächst unvergoldet, unverzuckert, wie der Kamm ihnen gewachsen ist, in den Austauschprozess ein." Mit diesem Satz aus dem "Kapital" hätte er sicher auch die frühen Gehversuche von The Who kommentiert, wenn er im London der Swinging Sixties gewohnt hätte. Aber das blieb ihm versagt, stattdessen lebte er dort Mitte des 19. Jahrhunderts und lag seinem Freund Friedrich Engels auf der Tasche. Und wie jeder Wochenendtourist weiß: London ohne genügend Geld ist einfach nicht "London". Kein Wunder daher, dass Marx die Weltrevolution ausheckte - aus finanziellem Frust wahrscheinlich.

Die Transformation der Band fand ihren Ausdruck vor allem in der wechselhaften Erscheinung von Frontmann Roger Daltrey: Dessen Look spiegelte zunächst die Überzeugung wider, dass "ein Mod mit Locken einfach unmöglich" aussieht. Die anfängliche Skepsis verflog aber allmählich, bis sich 1969 der messianische Friedensengel "Tommy" materialisierte: Daltrey trat mit ungebändigter Lockenpracht vor sein Publikum und verkündete die Botschaft von Love, Peace and Harmony. Eine Ikone der Pop-Art war geboren.

Zwischen den Bandmitgliedern war es jedoch mit Liebe, Frieden, und Harmonie nicht weit her. Andererseits: Gerade diese ständigen Eruptionen erzeugten die kreative Dynamik, die aus der erfolglosen Mod-Combo "The High Numbers" den massenkompatiblen Top-Act "The Who" formte. Der bandinterne Krieg war für The Who der Vater aller Dinge, er führte sie aus der Tristesse drittklassiger englischer Provinz-Clubs in das Rampenlicht der großen Bühnen der Welt. In den radikalen Individualisten von The Who begegnet uns der Archetyp des kapitalistischen Unternehmers: der "kreative Zerstörer" des Ökonomen Joseph A. Schumpeter.

Für die Fans des Unternehmertums war Schumpeters kreativer Zerstörer immer schon der größte Held der Marktwirtschaft. Als Messias des Kapitals bringt er der Welt den Fortschritt, indem er sich mit dem Besseren verbündet und gegen das Gute einen Krieg anzettelt. Ein Krieg, der keine Moral kennt und in dem keine Gefangenen gemacht werden. Schumpeters Entrepreneure treiben die wirtschaftliche Entwicklung im Glauben an eine Welt voran, in der nur der Erste die großen Gewinne einstreicht, während auf den Zweiten und Dritten mitleidige Gesichter warten. Das spornt sie an. Diese Überzeugung drängt sie förmlich dazu, mit ihren Konkurrenten nicht bloß in Wettbewerb zu treten, nein: Die Regeln des Spiels zu verändern. Darin liegt für sie die Herausforderung. Indem sie den produktiven Verhältnissen ihren Stempel aufdrücken, den Wettbewerb durch Innovation zu ihren Gunsten verändern, sichern sich Schumpeters Unternehmer die Pole-Position im Grand Prix der Marktwirtschaft. Ihre unablässige Jagd nach dem Neuen, der erbarmungslose Angriff der Imagination auf das ökonomische Establishment verhalf der Menschheit zu ihren großen Errungenschaften: erreichbar nicht nur für Könige und Feudalherren, sondern auch das breite Massenpublikum.

Doch bevor sich unsere Unternehmer in die Schlacht stürzen konnten, mussten sie sich Kapital besorgen. Daher waren sie verschuldet, noch bevor es richtig losging: "Ihr erstes Bedürfnis ist ein Kreditbedürfnis", schreibt Schumpeter. Der erste Unternehmer, der mittels Kredit in die Marktwirtschaft aufbrach, stieß für die gesamte Menschheit das Tor zur Moderne auf: Kaufkraft war nicht mehr nur auf die Quellen der Gegenwart begrenzt, sondern floss ab sofort auch aus einer ideell verfügbaren Zukunft.

Eine Wirtschaft, die unter Drogeneinfluss steht, erkennt man sofort: Die Unternehmen florieren, die Gewinne steigen, die Aktienkurse schießen nach oben, vom Himmel regnet es Tausende neue Arbeitsplätze, die Steuereinnahmen sprudeln. Allseits beliebte Politiker bereiten sich auf ihre Wiederwahl vor. Die zur reinen Formsache verkommt. Denn Politiker, die sich "ihren" Aufschwung an die Brust heften können, wählt man gerne. Aber das natürlich nur, wenn vor der Wahl nicht plötzlich der "Cold Turkey" einsetzt, weil die Schuldendroge von einem Moment zum nächsten ausbleibt und schwere Entzugserscheinungen das Leben zur Hölle machen. Jeder Drogenjunkie weiß: So was geht schneller, als man glaubt. Die Ökonomen wissen das, soweit es die Weltwirtschaft betrifft, mittlerweile auch. Und die Beschäftigten, die zu Tausenden entlassen werden, bekommen die Folgen des Entzugs so richtig hart zu spüren. Diese Misere ist kein Unfall und kein Ungleichgewicht. So funktioniert der Kapitalismus!

Wo der Chronist von The Who Schulden und Exzesse in Szene setzt, erzählt er eine weitaus größere Geschichte als die einer Rockband: Seit der Erfindung von Geld und Kredit kann man seine Story auf die menschliche Gesellschaft übertragen. Auf ihre phantastischen Errungenschaften und ihre grandiosen Fehlschläge gleichermaßen. Die Formel "Schulden und Exzesse" ist der kürzest mögliche Hinweis auf das wahre Movens hinter all unseren beeindruckenden Leistungen der Wissenschaft, Technik und Kultur, von den Spitzenplazierungen in der Disziplin "Materieller Wohlstand" ganz zu schweigen. Wenn man die Erfolge der kapitalistischen Gesellschaft als alleinigen Maßstab einer evolutionistischen Ausdeutung der Welt betrachtet, kann man mit Fug und Recht behaupten, dass Schulden und Exzesse die Menschheit zur "Krone der Schöpfung" gemacht haben.

"Wie bitte?", höre ich Sie sagen, "Errungenschaften? Krone der Schöpfung? Haben uns Schulden und Exzesse nicht gerade eben erst an den Rand des Ruins getrieben?" Natürlich haben Sie recht: Auch hinter dieser anderen, der schmutzigen Seite des Kapitalismus stehen Schulden bis zum Exzess. Und das ist nicht erst seit gestern so, sondern seit Jahrtausenden. Einige der frühesten menschlichen Aufzeichnungen stammen aus dem antiken Königreich Ur. Sie sind rund 4000 Jahre alt, haben die Form von Tontafeln und dokumentieren was? Liebesprosa? Gotteslob? Heldengesänge? Nein: Schuldscheine!

Zum Beispiel den hier: "Amil-Mirra schuldet dem Inhaber 330 Sila Gerste, zahlbar nach der nächsten Ernte." Und ein paar hundert Jahre später, als man schon von Getreidegeld auf Silber umgestiegen war: "10 Minen Silber, Forderung des Iddin-Marduk zu Lasten von M und S. Ende des Jahres werden sie dieses Silber, 10 Minen, zahlen. Pro Monat wächst auf eine Mine 1 Schekel Silber zu ihren Lasten hinzu." Der Zins war also offenbar auch schon mit im Spiel, wie sich aus dieser Formulierung deutlich erkennen lässt. Und das keineswegs zu knapp: Da geliehenes Geld von denen, die sowieso nichts hatten, meist nicht pünktlich zurückgezahlt werden konnte, entwickelte sich im Babylonien des zweiten Jahrtausends vor Christus ein ausgedehntes Kreditwesen. Mit Zinssätzen zwischen 20 und 33 Prozent. Wer soll das bezahlen? Wer hat so viel Geld? Das dachten sich die damaligen Schuldner auf ihrem Weg in die Knechtschaft vermutlich auch. Die drohte ihnen und ihren Familien nämlich, wenn sie mit ihren Zahlungen in Rückstand gerieten.

In der Kreditwirtschaft gilt seit eh und je die gleiche Regel wie für Drogen: In der richtigen Dosierung ein Elixier - doch wehe dem, der zu viel davon einnimmt! Dann verwandelt sich das Tonikum blitzschnell in Gift. Schulden sind weder Fluch noch Segen unserer Gesellschaft, sondern beides zugleich: Ohne Schulden läuft einfach gar nichts! Die Finanzgeschichte des Abendlandes ist deshalb eine von Licht und Schatten: Kolumbus konnte Amerika entdecken, weil ihm seine gefährliche Fahrt von risikofreudigen Investoren vorfinanziert wurde. 500 Jahre später scheiterten europäische Banken bei dem Versuch, ihn nachzuahmen: Erneut wollten sie den amerikanischen Kontinent erobern, diesmal über den Umweg des Hypothekenkreditmarktes.

Die smarten Eliteabsolventen in den Bankentürmen von London, Frankfurt und Paris, die "Masters of the Universe", wie sie sich selbst gerne nannten, unterscheiden sich nur unwesentlich von den Kaperfahrern des 15. und 16. Jahrhunderts. Investoren werden heute wie damals mit großartigen Versprechungen geködert, dank ihrer Finanzierung wird das riskante Unternehmen in Angriff genommen. Entweder endet die Sache mit einem Erfolg und lauter strahlenden Siegern (inklusive daytradender New Yorker Taxifahrer und Börsenhotlines betreibender Friseusen); oder sie schlägt fehl und es gibt jede Menge Ärger.

Und wo sich zu viele Erfolgshungrige gleichzeitig zu sicher sind, ist es nur ein kurzer Weg vom ersten, schüchternen AAA-Rating einer synthetischen Schuldverschreibung, in der Immobilienkredite an einkommensschwache Amerikaner gebündelt sind, bis zur Mutter aller neuzeitlichen Finanzkrisen. Subprime - alleine schon der Name ist ein Abenteuer. Ein Ozean der unliebsamen Überraschungen, so groß wie jener, der vor Kolumbus lag, als er in See stach. Er wollte im Auftrag der spanischen Krone ja eigentlich nach Indien, die Subprime-Investoren wollten risikolose Renditen: Falsch lagen sie also letztlich alle miteinander. So weit ab vom Schuss zu landen und trotzdem auf sagenhafte Reichtümer zu stoßen wie Kolumbus: Dieses Glück hat ja schließlich auch nicht jeder.

Thomas Strobl: "Ohne Schulden läuft nichts. Warum uns Sparsamkeit nicht reicher, sondern ärmer macht." Deutscher Taschenbuch Verlag, 272 Seiten, 14,90 Euro

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"Strobl zeigt in seinem Buch, dass Wachstumszwang die kapitalistische Welt beherrscht und Schuldenmachen eine Investition in die Zukunft ist: Ein Albtraum, aber ein realer." -- Börsenblatt