Muslimischer Antisemitismus - Ranan, David
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  • Broschiertes Buch

Unbestritten sind anti-jüdische Einstellungen unter Muslimen weit verbreitet. Aber warum? Die gängigen Definitionen und Erkenntnismuster, erklärt David Ranan, reichen nicht mehr aus, um den Antisemitismus vieler Muslime zu beschreiben. Hat das Ganze nur mit dem Nahostkonflikt zu tun oder sind Muslime grundsätzlich antisemitisch? Ist Judenhass ein integraler Teil des Islam? Oder ist er eine Erscheinungsform des Islamismus? Um eine Antwort zu finden, hat Ranan mehr als 70 Interviews mit jungen muslimischen Studierenden und Akademikern vor allem in Deutschland geführt. Im Zentrum standen ihre…mehr

Produktbeschreibung
Unbestritten sind anti-jüdische Einstellungen unter Muslimen weit verbreitet. Aber warum? Die gängigen Definitionen und Erkenntnismuster, erklärt David Ranan, reichen nicht mehr aus, um den Antisemitismus vieler Muslime zu beschreiben. Hat das Ganze nur mit dem Nahostkonflikt zu tun oder sind Muslime grundsätzlich antisemitisch? Ist Judenhass ein integraler Teil des Islam? Oder ist er eine Erscheinungsform des Islamismus?
Um eine Antwort zu finden, hat Ranan mehr als 70 Interviews mit jungen muslimischen Studierenden und Akademikern vor allem in Deutschland geführt. Im Zentrum standen ihre Haltungen und Gefühle zu Juden, Judentum, dem Holocaust und Israel und schließlich die Frage, wie sie sich zu Deutschland stellen, seiner Israelpolitik und seiner Geschichtskultur.
Mit den Ergebnissen der Gespräche, die er in die historischen Beziehungen zwischen Juden und Muslimen und den ungelösten Nahostkonflikt einbettet, zeigt Ranan, dass dieses brisante, heftig umkämpfte Feld neu angegangen werden muss.
  • Produktdetails
  • Verlag: Dietz, Bonn
  • Seitenzahl: 224
  • Erscheinungstermin: April 2018
  • Deutsch
  • Abmessung: 204mm x 144mm x 23mm
  • Gewicht: 316g
  • ISBN-13: 9783801205249
  • ISBN-10: 380120524X
  • Artikelnr.: 50351553
Autorenporträt
Ranan, David
David Ranan, geb. 1946, PhD, Kultur- und Politikwissenschaftler, wuchs in Israel und in den Niederlanden auf. Er lebt und arbeitet in London und Berlin. Seine Bücher über junge Israelis in der Armee und das Leben junger Juden in Deutschland fanden jüngst große Beachtung.
Rezensionen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 03.04.2018

Von Fremden
und Feinden
Für David Ranan ist Antisemitismus von Muslimen
vor allem eine Folge des Nahostkonflikts
VON LUDGER HEID
Ein Gespenst geht um in Deutschland – das Gespenst des Antisemitismus. Aktuell erleben viele Juden im Land der Täter Ablehnung und Hass in neuem Gewand – muslimischer Antisemitismus bestimmt die Schlagzeilen. Und das in Deutschland, wo jedwede Form von Judenfeindlichkeit nach dem Holocaust argwöhnisch registriert wird. Wenn auf Anti-Israel-Demonstrationen Nationalflaggen mit dem Davidstern brennen, „Juden ins Gas“ skandiert wird, ein Rabbiner 2012 in Berlin von arabischen Jugendlichen attackiert und verletzt wird, 2016/17 ein jüdischer Schüler in Berlin-Friedenau so lange von muslimischen Mitschülern gemobbt wird, bis seine Eltern ihn von der Schule nehmen, oder wenn ganz aktuell eine Zweitklässlerin in Berlin-Tempelhof angepöbelt wird, weil sie nicht an Allah glaubt, – Beispiele pars pro toto –, erschrickt die deutsche Öffentlichkeit. Der Zentralrat der Juden äußert dann seine tiefe Besorgnis, und die politisch Handelnden geben pflichtschuldig ihre bekannten Statements ab.
Mit muslimischem, islamischem oder islamistischem Antisemitismus setzen sich seit Längerem nicht nur Politiker, sondern auch Wissenschaftler auseinander. Einer von ihnen ist der Kultur- und Politikwissenschaftler David Ranan, der kategorisch feststellt, dass mit Antisemitismus auch Politik gemacht wird. Seine These: Nach vielen Jahren, in denen mit Antisemitismus gegen Juden Politik gemacht wurde, werde auch mit Antisemitismus von jüdischer und israelischer Seite Politik gemacht, indem Kritiker und Gegner „gern“ als Judenfeinde bezeichnet werden (siehe SZ vom Osterwochenende).
Der Befund einer vom Bundestag in Auftrag gegebenen Studie des „Unabhängigen Expertenkreises Antisemitismus“ aus dem Jahr 2017, der Perspektiven der jüdischen Bevölkerung im Umgang mit Antisemitismus erkunden sollte, ist deutlich: 88 Prozent der Befragten gaben an, dass antisemitische Vorkommnisse sie sehr berühren würden. Besonders häufig wurden muslimische Personen als Täter angegeben. Antisemitismus im Internet, in Diskussionsforen und sozialen Netzwerken („bedeutende Triebfedern des Antisemitismus“) sehen 87 Prozent als eher großes oder gar sehr großes Problem, Antisemitismus auf Demonstrationen 78 Prozent, antisemitische Kommentare in Diskussionen (Schule/Arbeitsplatz) 74 Prozent, verbale Beleidigungen oder Belästigungen gegenüber Jüdinnen/Juden 69 Prozent und körperliche Angriffe 50 Prozent. Als Erklärung für ihre Befürchtungen wurde von nahezu allen Befragten die Einwanderung von Flüchtlingen mit muslimisch-arabischem Hintergrund genannt, die den Antisemitismus aus ihren Heimatländern mitbrächten. Doch dieselbe Studie zeigt, dass sich 77 Prozent der Interviewten in Deutschland wohlfühlen. Ein Paradox. Daran ändert auch nichts, dass jüdischerseits ein Verzicht „auf das Tragen jüdischer Symbole“ in der Öffentlichkeit diskutiert wird.
In Deutschland wie in anderen europäischen Ländern scheint der Antisemitismus die Politik mehr zu beschäftigen als Fremdenfeindlichkeit und Rassismus. Aber auch für die Muslime selbst, folgert Ranan, also die tatsächlichen oder vermeintlichen „Täter“, ist Antisemitismus eine relevante Größe oder sollte es zumindest sein. Denn durch die Annahme eines muslimisch motivierten Antisemitismus werden „die Muslime“ stigmatisiert – und in einer Zeit, in der sie aus anderen Gründen bereits unter Beobachtung stehen, macht der Antisemitismusvorwurf es ihnen nicht leichter.
All das birgt einiges an Sprengstoff, denn zwei Faktoren kommen zusammen: Die muslimische Welt erlebt seit Jahren einen internen theologischen und ideologischen Macht- und Deutungskampf, dem sich Hass auf die Existenz eines Judenstaats inmitten der arabischen Welt hinzugesellt. Beim Thema muslimischer Antisemitismus werden nun beide hochexplosiven Topoi in einen Topf geworfen. Während auf jüdischer Seite Angst herrscht, gibt es auf Seiten der Mehrheitsgesellschaft ein großes Unbehagen – sowohl in der Beziehung zu Juden als auch zu Muslimen, zu deren „Verhalten und den Sorgen“, die damit verbunden sind. Auf muslimischer Seite wiederum herrscht im Allgemeinen Unverständnis über die Beschuldigung, obwohl auch Stimmen zu hören sind – allerdings nicht viele –, die muslimischen Antisemitismus als Problem wahrnehmen.
David Ranan beschäftigt sich, eigener Selbsteinschätzung nach, mit dem Thema nicht „unbedarft“. Er ist ein in Israel aufgewachsener Jude, der mit der allgemeinen Einstellung, dass „der“ Araber der Feind sei, zwar nicht erzogen wurde, aber doch umgeben war. Aus dem Ringen um den Nahostkonflikt entstanden zwei Narrative: „Ersonnen“ wurde eine palästinensische Nationalgeschichte, während auf israelischer Seite an einem muslimischen Antisemitismus gearbeitet worden sei. In einer Welt, in der Rassismus, Kolonialismus und Antisemitismus negativ konnotiert sind, versuchten Muslime, Israel und das ganze Konzept des jüdischen Landes als Kolonialprojekt und als rassistisch zu delegitimieren. Dagegen bemühe sich Israel, die Muslime als antisemitisch zu brandmarken.
Ranan, der gerade in Berlin forscht, hat für sein Buch mehr als 70 in Deutschland lebende Muslime, vor allem Studenten und Akademiker, interviewt. Als Indikator für die Vermessung einer antisemitischen Haltung zeigte sich: Es gibt ein Repertoire von Stereotypen, Vorurteilen und Verschwörungstheorien; der Koran spielt keine Rolle für die Haltung gegenüber Juden; der Nahostkonflikt ist zentral für die Meinungen über und die Einstellung zu Juden, wobei die Verwechslung der Begriffe Jude, Zionist und Israeli verbreitet ist. Während Nichtmuslime antijüdische Haltungen aus politischer Korrektheit oder wegen der allgemeinen Tabuisierung des Antisemitismus in antiisraelische (antizionistische) Aussagen umleiten, geht David Ranan davon aus, dass es sich bei den meisten Muslimen, die negativ über Israelis oder Zionisten sprechen, nicht um „getarnten“ Antisemitismus handelt. Bei ihnen bestehe ein direkter Bezug zum ungelösten Territorialkonflikt, weil sie entweder persönlich von ihm betroffen sind oder weil sie sich mit den Betroffenen aus „panarabischen Gründen“ oder solchen, die die „muslimische Weltgemeinschaft“ betreffen, identifizieren.
Ranans Antwort auf die im Untertitel gestellte Frage lautet: Ja, es gibt einen Antisemitismus, der unter Muslimen „angeblich prävalent“ oder „jedenfalls prävalenter“ ausgeprägt ist als in der nicht muslimischen Welt. Für ihn ist er „unangenehm, manchmal sogar bedrohlich“, aber eine Gefahr für den gesellschaftlichen Frieden will Ranan nicht erkennen. Doch könnte die Art, in der man den Nahostkonflikt wie auch „sporadische antijüdische Eruptionen manipuliert“, dazu führen, dass daraus tatsächlich eine Gefahr entsteht.
Dennoch: die jüdische Gemeinschaft in Deutschland hat allen Grund, besorgt zu sein, dass unter den Menschen, die in Deutschland Zuflucht suchen, viele aus Ländern stammen, in denen Israel zum Feindbild gehört. Sie sind zionistenfeindlich sozialisiert und übertragen ihre Ressentiments häufig auf Juden generell. Auch wenn Ranan sehr oft den Konjunktiv benutzt („könnte man meinen“) und das Wort „scheint“ bemüht, lautet sein Fazit auf den Punkt gebracht: Die Verknüpfung von Antisemitismus und muslimischer „Gefahr“ ist ein leicht entzündliches Gemisch.
Ludger Heid ist Neuzeithistoriker und lebt in Duisburg.
Die These des Politologen: Mit
Antisemitismus machen
Muslime und Juden auch Politik
Der Nahostkonflikt ist zentral
für die Meinungen über
und die Einstellung zu Juden
David Ranan:
Muslimischer Antisemitismus. Eine Gefahr für den gesellschaftlichen Frieden in Deutschland? Verlag J. H. W. Dietz Nachf., Bonn 2018. 222 Seiten, 19,90 Euro.
Nach der Entscheidung von Donald Trump, die US-Botschaft nach Jerusalem zu verlegen, gab es
weltweit Proteste. Palästinenser beanspruchen Ost-Jerusalem als ihre Hauptstadt.
Der Nahostkonfliktführt immer wieder zu anti-israelischen Aufwallungen. Im Bild eine Demonstrantin
in Berlin mit einem Foto der Al-Aksa-Moschee auf dem Tempelberg.
Foto: Sean Gallup/Getty
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 24.04.2018

Ein entschiedenes Ja, aber
Muslimischer Antisemitismus - gespeist vor allem durch den Palästina-Konflikt?

Der Verdacht liegt schnell auf der Hand: Der Antisemitismus unter Muslimen müsse auf den Koran zurückgehen. Schließlich wünscht er in Sure 2, Vers 65 den Juden, sie sollten zu "verstoßenen Affen" werden. Der in Berlin lebende israelische Politikwissenschaftler David Ranan, der einer deutsch-jüdischen Familie entstammt, begnügte sich nicht mit diesem Verdacht. In Deutschland und Großbritannien führte er mit 70 jungen Muslimen Interviews. Dabei kommt Ranan zu dem Ergebnis, dass der Judenhass unter vielen Muslimen auf den Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern zurückgeht und somit, im Gegensatz zum Antisemitismus im Abendland, ein junges Phänomen ist.

Hart geht Ranan mit vielen Umfragen zum Antisemitismus ins Gericht. Er nimmt sich besonders die Anti-Defamation League aus New York vor, die gegen die Diskriminierung und Diffamierung der Juden eintritt. Ranan wirft deren Umfragen zum Antisemitismus und auch denen anderer Organisationen vor, sie nähmen mit ihren Fragestellungen das gewünschte Ergebnis vorweg. Dann werde der Antisemitismus-Vorwurf instrumentalisiert, um den Gegner zu diskreditieren. Ranan hält Behauptungen über einen erhöhten Antisemitismus unter Muslimen sogar oft für ideologisch motiviert, sie entsprängen einem antimuslimischen Vorurteil. Daher wollte Ranan in Interviews, die im Durchschnitt zwei Stunden gedauert haben, dem Antisemitismus unter Muslimen auf den Grund gehen.

Unter den vielen Definitionen zum Antisemitismus macht er sich jene des britischen Philosophen Brian Klug zu eigen: Antisemitismus als Art Feindseligkeit gegen Juden als Juden. Ranan unterscheidet zwischen dem Juden, der seine Religion befolgt, dem Zionisten, der der Nationalbewegung zur Gründung und Vergrößerung eines Staates für die Juden folgt, und dem Israeli, dem Bürger dieses Staates.

In den Interviews hätten seine Gesprächspartner, auch die sehr religiösen unter ihnen, für ihr Verhalten direkte religiöse Begründungen und den Koran nicht ins Feld geführt. Keiner habe den Koran als Ursprung, der an einigen Stellen ja auch zu einem friedlichen Zusammenleben mit den Juden aufrufe, für seine antijüdischen Gefühle genannt. Sie hätten nicht einmal die einschlägigen Stellen im Koran gekannt. "Sie sagen Jude und meinen Israeli", schreibt Ranan. Ständig bringen die Gesprächspartner die Begriffe Jude, Zionist und Israeli durcheinander.

Bekannt waren den Gesprächspartnern indessen Pamphlete wie die "Protokolle der Weisen von Zion", eine aus dem Russischen stammende Hetzschrift aus dem Jahr 1903, die eine jüdische Weltverschwörung belegen sollte. Ranan hörte ein breites Repertoire von Stereotypen, Vorurteilen und Verschwörungstheorien. Die Juden seien reich, hätten Macht und könnten sich deshalb im Palästinakonflikt alles herausnehmen. Ganz ins Reich der Fabeln verweist Ranan dieses Vorurteil nicht. So gehörten die jüdischen Milliardäre Haim Saban und Sheldon Adelson zu den größten Spendern im amerikanischen Präsidentenwahlkampf, und es sprach kein ausländischer Politiker so häufig vor dem amerikanischen Kongress wie der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu.

Obwohl der Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern das Hauptmotiv für die negativen Einstellungen gegenüber Israel und den Juden ist, kannten sich die Gesprächspartner in der Geschichte des Konflikts nicht besonders gut aus, stellt Ranan fest. Ein bemerkenswertes Unwissen fand er auch bei dem Thema Holocaust.

"Sind Kritiker Israels Antisemiten?", fragt Ranan. So hatten 2016 immerhin 40 Prozent der deutschen Bevölkerung Antworten gegeben, die einen israelbezogenen Antisemitismus belegen. Dazu zählt die Aussage, Israel führe einen Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser. Auf diese Art kann sich Judenhass als Kritik an Israel tarnen. Ein entgegengesetztes Phänomen beobachtet Ranan bei Muslimen, insbesondere arabischen. Denn dort reflektierten Meinungen über Juden eigentlich Meinungen über Israel. Ein Syrer sagte: "Wenn die Syrer schlecht über Juden sprechen, meinen sie Israel, sie sagen Juden, aber im Kopf denken sie Israel. Es geht nicht um Religion." Der abendländische Judenhass basiert auf dem Vorwurf des Gottesmordes, den die Kirchen und die Staaten über Jahrhunderte geschürt haben. Die Judenfeindschaft unter Muslimen ist jedoch ein spätes Phänomen. Sie habe in muslimischen Ländern nie die Tiefen und die Barbarei der christlichen Judenverfolgung erreicht, schreibt Ranan. Die Gewalttaten gegen Juden in muslimischen Ländern seien auf keinen Fall vergleichbar mit der systematischen christlichen Judenverfolgung in Europa. Für gefährlich hält er jedoch den radikalen politischen Islam mit dessen Antisemitismus.

Als Strategie schlägt Ranan vor, gegenüber dem Islam und den Muslimen offen zu sein. Statt der verbreiteten Islamophobie solle man zu einem Zusammenleben mit den Muslimen bereit sein. "Ist also muslimischer Antisemitismus eine Gefahr für den gesellschaftlichen Frieden in Deutschland?", fragt er. Der sei zwar immer unangenehm, aber nicht eine Gefahr für den gesellschaftlichen Frieden. Kriminelle Handlungen, etwa Übergriffe auf Juden oder das Verbrennen einer israelischen Flagge, dürften nicht geduldet werden. Aber unehrlich sei die Behauptung, dass antiisraelische Äußerungen, deren Quelle offensichtlich der territoriale Streit um Palästina sei, antijüdisch und damit antisemitisch seien.

RAINER HERMANN

David Ranan: Muslimischer Antisemitismus. Eine Gefahr für den gesellschaftlichen Frieden in Deutschland? Verlag J.H.W.Dietz Nachf., Bonn, 2018, 222 Seiten, 19,90 Euro.

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Von Fremden
und Feinden

Für David Ranan ist Antisemitismus von Muslimen
vor allem eine Folge des Nahostkonflikts

VON LUDGER HEID

Ein Gespenst geht um in Deutschland – das Gespenst des Antisemitismus. Aktuell erleben viele Juden im Land der Täter Ablehnung und Hass in neuem Gewand – muslimischer Antisemitismus bestimmt die Schlagzeilen. Und das in Deutschland, wo jedwede Form von Judenfeindlichkeit nach dem Holocaust argwöhnisch registriert wird. Wenn auf Anti-Israel-Demonstrationen Nationalflaggen mit dem Davidstern brennen, „Juden ins Gas“ skandiert wird, ein Rabbiner 2012 in Berlin von arabischen Jugendlichen attackiert und verletzt wird, 2016/17 ein jüdischer Schüler in Berlin-Friedenau so lange von muslimischen Mitschülern gemobbt wird, bis seine Eltern ihn von der Schule nehmen, oder wenn ganz aktuell eine Zweitklässlerin in Berlin-Tempelhof angepöbelt wird, weil sie nicht an Allah glaubt, – Beispiele pars pro toto –, erschrickt die deutsche Öffentlichkeit. Der Zentralrat der Juden äußert dann seine tiefe Besorgnis, und die politisch Handelnden geben pflichtschuldig ihre bekannten Statements ab.

Mit muslimischem, islamischem oder islamistischem Antisemitismus setzen sich seit Längerem nicht nur Politiker, sondern auch Wissenschaftler auseinander. Einer von ihnen ist der Kultur- und Politikwissenschaftler David Ranan, der kategorisch feststellt, dass mit Antisemitismus auch Politik gemacht wird. Seine These: Nach vielen Jahren, in denen mit Antisemitismus gegen Juden Politik gemacht wurde, werde auch mit Antisemitismus von jüdischer und israelischer Seite Politik gemacht, indem Kritiker und Gegner „gern“ als Judenfeinde bezeichnet werden (siehe SZ vom Osterwochenende).

Der Befund einer vom Bundestag in Auftrag gegebenen Studie des „Unabhängigen Expertenkreises Antisemitismus“ aus dem Jahr 2017, der Perspektiven der jüdischen Bevölkerung im Umgang mit Antisemitismus erkunden sollte, ist deutlich: 88 Prozent der Befragten gaben an, dass antisemitische Vorkommnisse sie sehr berühren würden. Besonders häufig wurden muslimische Personen als Täter angegeben. Antisemitismus im Internet, in Diskussionsforen und sozialen Netzwerken („bedeutende Triebfedern des Antisemitismus“) sehen 87 Prozent als eher großes oder gar sehr großes Problem, Antisemitismus auf Demonstrationen 78 Prozent, antisemitische Kommentare in Diskussionen (Schule/Arbeitsplatz) 74 Prozent, verbale Beleidigungen oder Belästigungen gegenüber Jüdinnen/Juden 69 Prozent und körperliche Angriffe 50 Prozent. Als Erklärung für ihre Befürchtungen wurde von nahezu allen Befragten die Einwanderung von Flüchtlingen mit muslimisch-arabischem Hintergrund genannt, die den Antisemitismus aus ihren Heimatländern mitbrächten. Doch dieselbe Studie zeigt, dass sich 77 Prozent der Interviewten in Deutschland wohlfühlen. Ein Paradox. Daran ändert auch nichts, dass jüdischerseits ein Verzicht „auf das Tragen jüdischer Symbole“ in der Öffentlichkeit diskutiert wird.

In Deutschland wie in anderen europäischen Ländern scheint der Antisemitismus die Politik mehr zu beschäftigen als Fremdenfeindlichkeit und Rassismus. Aber auch für die Muslime selbst, folgert Ranan, also die tatsächlichen oder vermeintlichen „Täter“, ist Antisemitismus eine relevante Größe oder sollte es zumindest sein. Denn durch die Annahme eines muslimisch motivierten Antisemitismus werden „die Muslime“ stigmatisiert – und in einer Zeit, in der sie aus anderen Gründen bereits unter Beobachtung stehen, macht der Antisemitismusvorwurf es ihnen nicht leichter.

All das birgt einiges an Sprengstoff, denn zwei Faktoren kommen zusammen: Die muslimische Welt erlebt seit Jahren einen internen theologischen und ideologischen Macht- und Deutungskampf, dem sich Hass auf die Existenz eines Judenstaats inmitten der arabischen Welt hinzugesellt. Beim Thema muslimischer Antisemitismus werden nun beide hochexplosiven Topoi in einen Topf geworfen. Während auf jüdischer Seite Angst herrscht, gibt es auf Seiten der Mehrheitsgesellschaft ein großes Unbehagen – sowohl in der Beziehung zu Juden als auch zu Muslimen, zu deren „Verhalten und den Sorgen“, die damit verbunden sind. Auf muslimischer Seite wiederum herrscht im Allgemeinen Unverständnis über die Beschuldigung, obwohl auch Stimmen zu hören sind – allerdings nicht viele –, die muslimischen Antisemitismus als Problem wahrnehmen.

David Ranan beschäftigt sich, eigener Selbsteinschätzung nach, mit dem Thema nicht „unbedarft“. Er ist ein in Israel aufgewachsener Jude, der mit der allgemeinen Einstellung, dass „der“ Araber der Feind sei, zwar nicht erzogen wurde, aber doch umgeben war. Aus dem Ringen um den Nahostkonflikt entstanden zwei Narrative: „Ersonnen“ wurde eine palästinensische Nationalgeschichte, während auf israelischer Seite an einem muslimischen Antisemitismus gearbeitet worden sei. In einer Welt, in der Rassismus, Kolonialismus und Antisemitismus negativ konnotiert sind, versuchten Muslime, Israel und das ganze Konzept des jüdischen Landes als Kolonialprojekt und als rassistisch zu delegitimieren. Dagegen bemühe sich Israel, die Muslime als antisemitisch zu brandmarken.

Ranan, der gerade in Berlin forscht, hat für sein Buch mehr als 70 in Deutschland lebende Muslime, vor allem Studenten und Akademiker, interviewt. Als Indikator für die Vermessung einer antisemitischen Haltung zeigte sich: Es gibt ein Repertoire von Stereotypen, Vorurteilen und Verschwörungstheorien; der Koran spielt keine Rolle für die Haltung gegenüber Juden; der Nahostkonflikt ist zentral für die Meinungen über und die Einstellung zu Juden, wobei die Verwechslung der Begriffe Jude, Zionist und Israeli verbreitet ist. Während Nichtmuslime antijüdische Haltungen aus politischer Korrektheit oder wegen der allgemeinen Tabuisierung des Antisemitismus in antiisraelische (antizionistische) Aussagen umleiten, geht David Ranan davon aus, dass es sich bei den meisten Muslimen, die negativ über Israelis oder Zionisten sprechen, nicht um „getarnten“ Antisemitismus handelt. Bei ihnen bestehe ein direkter Bezug zum ungelösten Territorialkonflikt, weil sie entweder persönlich von ihm betroffen sind oder weil sie sich mit den Betroffenen aus „panarabischen Gründen“ oder solchen, die die „muslimische Weltgemeinschaft“ betreffen, identifizieren.

Ranans Antwort auf die im Untertitel gestellte Frage lautet: Ja, es gibt einen Antisemitismus, der unter Muslimen „angeblich prävalent“ oder „jedenfalls prävalenter“ ausgeprägt ist als in der nicht muslimischen Welt. Für ihn ist er „unangenehm, manchmal sogar bedrohlich“, aber eine Gefahr für den gesellschaftlichen Frieden will Ranan nicht erkennen. Doch könnte die Art, in der man den Nahostkonflikt wie auch „sporadische antijüdische Eruptionen manipuliert“, dazu führen, dass daraus tatsächlich eine Gefahr entsteht.

Dennoch: die jüdische Gemeinschaft in Deutschland hat allen Grund, besorgt zu sein, dass unter den Menschen, die in Deutschland Zuflucht suchen, viele aus Ländern stammen, in denen Israel zum Feindbild gehört. Sie sind zionistenfeindlich sozialisiert und übertragen ihre Ressentiments häufig auf Juden generell. Auch wenn Ranan sehr oft den Konjunktiv benutzt („könnte man meinen“) und das Wort „scheint“ bemüht, lautet sein Fazit auf den Punkt gebracht: Die Verknüpfung von Antisemitismus und muslimischer „Gefahr“ ist ein leicht entzündliches Gemisch.

Ludger Heid ist Neuzeithistoriker und lebt in Duisburg.

Die These des Politologen: Mit
Antisemitismus machen
Muslime und Juden auch Politik

Der Nahostkonflikt ist zentral
für die Meinungen über
und die Einstellung zu Juden

David Ranan:
Muslimischer Antisemitismus. Eine Gefahr für den gesellschaftlichen Frieden in Deutschland? Verlag J. H. W. Dietz Nachf., Bonn 2018. 222 Seiten, 19,90 Euro.

Nach der Entscheidung von Donald Trump, die US-Botschaft nach Jerusalem zu verlegen, gab es
weltweit Proteste. Palästinenser beanspruchen Ost-Jerusalem als ihre Hauptstadt.
Der Nahostkonfliktführt immer wieder zu anti-israelischen Aufwallungen. Im Bild eine Demonstrantin
in Berlin mit einem Foto der Al-Aksa-Moschee auf dem Tempelberg.
Foto: Sean Gallup/Getty

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