Leben, eine Biographie - Fortey, Richard
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Dieses Buch erzählt die große Geschichte des Lebens. Es führt uns von einem unfruchtbaren Planeten, der seine Bahn durch den Weltraum zieht, zu den allerersten Frühformen des Lebens. Es schildert die Bildung von Zellen und die Entstehung der Erdatmosphäre. Schließlich beschreibt es das Erscheinen des Homo Sapiens, mit dessen Ankunft "unsere" Geschichte, die Geschichte der Menschheit, beginnt.…mehr

Produktbeschreibung
Dieses Buch erzählt die große Geschichte des Lebens. Es führt uns von einem unfruchtbaren Planeten, der seine Bahn durch den Weltraum zieht, zu den allerersten Frühformen des Lebens. Es schildert die Bildung von Zellen und die Entstehung der Erdatmosphäre. Schließlich beschreibt es das Erscheinen des Homo Sapiens, mit dessen Ankunft "unsere" Geschichte, die Geschichte der Menschheit, beginnt.
  • Produktdetails
  • Verlag: Beck
  • 1999.
  • Seitenzahl: 442
  • Deutsch
  • Abmessung: 230mm
  • Gewicht: 755g
  • ISBN-13: 9783406447013
  • ISBN-10: 3406447015
  • Artikelnr.: 08177507
Autorenporträt
Richard Fortey ist Leitender Paläontologe am Natural History Museum in London und seit 1997 Mitglied der Royal Society. Sein Buch "The Hidden Landscape" wurde 1993 als "Natural World Book of the Year" ausgezeichnet.
Rezensionen
Besprechung von 30.11.1999
Wesen, die leben, beißen auch
Conodonten küsst man nicht: Richard Fortey füllt die Zahnlücken der Zeit / Von Diemut Klärner

Diplodocus war kein Schlappschwanz. Zwar begrüßt er die Museumsbesucher nicht erhobenen Hauptes - viele Meter über dem Boden wäre der Saurierkopf allzu weit entrückt. Doch der zehn Meter lange Schwanz schwingt raumgreifend zur Seite, statt wie bei älteren Rekonstruktionen schlaff herabzuhängen. Dass die kleinsten Schwanzwirbel nun in größerer Höhe montiert sind, hat auch einen ganz praktischen Nutzen: Niemand wird in Versuchung geführt, einen handlichen Dinosaurierknochen als Souvenir einzustecken. Früher, so weiß der Paläontologe Richard Fortey, hielt man am Natural History Museum in London eine Schachtel mit Gipsabgüssen bereit, um verschwundene Teile rasch wieder ersetzen zu können. Am Senckenbergmuseum in Frankfurt hätte man solche Verluste übrigens nicht so leicht verschmerzt. Schließlich steht dort keine bloße Kopie eines versteinerten Diplodocus-Skeletts, sondern ein unersetzliches Original, in Europa das einzige seiner Art.

Bei einem Streifzug durch die Geschichte des Lebens dürfen die Dinosaurier nicht fehlen. Figuren wie Triceratops und Tyrannosaurus verkörpern nun einmal die urzeitliche Fauna par excellence. Dass sie am Ende der Kreidezeit so abrupt von der Bildfläche verschwanden, macht sie umso faszinierender. Den "Schreckensechsen" war wohl ein Ende mit Schrecken beschieden: Vieles deutet darauf hin, dass ein riesiger Meteorit auf Mittelamerika herabstürzte und eine globale Verwüstung anrichtete. In diesem Inferno gingen Meeresbewohner wie Ammoniten und Ichthyosaurier offenbar ebenso jämmerlich zu Grunde wie Dinosaurier und Flugsaurier. Dass die Fauna drastisch dezimiert wurde, gab bisherigen Randgruppen eine Chance. Seit hundert Millionen Jahren hatten die Säugetiere - die meisten nicht größer als Spitzmäuse - im Schatten der imposanten Echsen gelebt. Ungehindert entfalten konnten sie sich erst nach dem katastrophalen Ende der Kreidezeit. Aus den Überlebenden entwickelten sich Kängurus und Fledermäuse, Wiesel und Wale und schließlich auch das Menschengeschlecht. Sich allzu ausgiebig mit unserer Ahnengalerie zu beschäftigen ist Forteys Sache allerdings nicht. Ein Großteil des Buches ist Geschöpfen gewidmet, die gewöhnlich zu kurz kommen, weil sie lange vor Dinosauriern und Säugetieren die Bühne des Lebens betraten. Dabei geht der Autor bis in Zeiten zurück, als die Erde wüst und leer war. Die ersten Spuren von Lebewesen, Überreste winziger Bakterien, sind mehr als drei Milliarden Jahre alt. Vielzellige Organismen tauchen erst viel später auf: siebenhundert Millionen Jahre alte Gesteine bergen Abdrücke von quallenartigem Getier. Andere Akteure des Präkambriums wirken vollkommen fremdartig und entziehen sich gängiger Klassifizierung.

Unter den bevorzugten Forschungsobjekten des Autors gibt es zwar ebenfalls seltsame Gestalten. Doch zumindest lassen sich die Trilobiten stets problemlos als Gliederfüßer identifizieren, als Verwandte von Spinnen, Insekten und Krebsen. Manche ähneln auf den ersten Blick den Asseln, die sich im Garten gern unter Steinplatten und Blumenschalen tummeln. Was aber soll man von Fossilien halten, die winzigen Kämmen oder absonderlich geformten Zähnchen gleichen? Die meisten Conodonten messen mitsamt ihren vielgestaltigen Zacken und Zinnen nur Bruchteile eines Millimeters. Ebenso zahl- wie formenreich kennzeichnen sie Sedimentgesteine des Paläozoikums. Wer solche Zeichen zu deuten weiß, kann einzelne Schichten sehr exakt datieren.

Doch welche Art von Lebewesen steckt hinter dieser fossilen Zeitskala? Die Fundorte verweisen auf Organismen, die etwa dreihundert Millionen Jahre lang die Meere bevölkert haben. Dass Conodonten zuweilen in wohlgeordneten Gruppen auftreten, ist ebenfalls seit langem bekannt. Nicht aber, wozu solche Strukturen dienten und wer sich ihrer bediente. Erst in den achtziger Jahren entdeckten die Forscher, wonach sie so lange vergeblich gesucht hatten: Überreste des zugehörigen Tierkörpers. Bei diesen Fossilien zeichnen sich anatomische Details ab, die das rätselhafte Wesen eindeutig in die Nähe der Wirbeltiere rücken. Der lang gestreckte Körper birgt V-förmige Muskelpakete und endet in einem flossengesäumten Schwanz. Bei einem Exemplar ist sogar ein Paar runder Augen zu erkennen. Die Conodonten selbst entpuppten sich als Mundwerkzeuge. Stabil genug, um dem Zahn der Zeit zu trotzen, sanken sie nach dem Tod ihrer Besitzer auf den Meeresboden hinab. Das zarte Gewebe des übrigen Körpers hinterließ nur äußerst selten fossile Spuren. Um solch einen Fund zu machen, ist außergewöhnliches Glück vonnöten.

Entdeckerfreuden werden ebenso lebhaft geschildert wie die Mühen der geologischen Geländearbeit. Dabei lässt der Autor nicht nur viel Autobiografisches einfließen, von seiner ersten Bekanntschaft mit Trilobiten und Schneestürmen auf Spitzbergen bis zu seinen Expeditionen in tropische Gefilde. Den werten Kreis der Fachkollegen lernt der Leser ebenfalls kennen, und die Pioniere der Paläontologenzunft werden auch nicht vergessen. Nie um eine amüsante Anekdote verlegen, spart Fortey persönliche Eigenarten und Schwächen nicht aus. Im Mittelpunkt steht jedoch stets die Leidenschaft für die Wissenschaft.

Letztlich geht es um Seelilien und Samenfarne, um Eiszeiten und Plattentektonik. Wer lässt sich nicht gerne einmal in längst vergangene Erdzeitalter entführen, um die Vierbeiner bei ihren ersten Gehversuchen zu beobachten oder zwischen baumhohen Schachtelhalmen und Bärlappgewächsen umherzuschlendern? Doch so anschaulich der Autor zu erzählen versteht, hier und da wünscht man sich eine zusätzliche Illustration. Zu den Conodonten etwa - für viele Leser sicher keine alten Bekannten - gibt es nicht eine einzige Abbildung. Schade, denn diese Fossilien könnten auch zeigen, welchen Trugschlüssen ein gewissenhafter Paläontologe erliegen kann. Conodontenfunde sinnvoll zu ordnen gelang nicht immer auf Anhieb. Unterschiedlich geformte Exemplare wurden zuweilen als verschiedene Arten beschrieben, bis sich herausstellte, das sie als Teil einer komplexen Struktur untrennbar zusammengehören.

Unter einer Art verstehen die Biologen eine Gruppe von Pflanzen oder Tieren, die bei dem Geschäft der Fortpflanzung unter sich bleiben. Angehörige verschiedener Arten paaren sich nicht miteinander oder produzieren, wie Pferd und Esel, nur unfruchtbaren Nachwuchs. Bei längst ausgestorbenen Organismen hilft diese Definition freilich nicht weiter. Wer fossile Arten gegeneinander abgrenzen will, muss auf andere Kriterien zurückgreifen. Undmanchmal ist dabei detektivischer Spürsinn gefragt. Mit den einschlägigen Problemen dürfte der Autor wohlvertraut sein. Dass neuartige Fossilien oft nach verdienten Forschern benannt werden, ist aber so ziemlich das Einzige, was der Leser darüber erfährt. Er kann sich dann erklären, warum Trilobiten und andere urzeitliche Tierchen Namen wie Dickinsonia, Longfengshania oder Forteyops tragen. Dass die Mechanismen der Evolution nicht allzu ausführlich erörtert werden, ist hingegen verständlich. Um diesen Aspekt angemessen zu würdigen, müsste man ein weiteres Buch beginnen.

Wo sich der Autor von seinem Spezialgebiet entfernt, macht er sich eingehend sachkundig. Nur selten stößt man auf Zweifelhaftes. Die Anmerkungen zur Photosynthese gehören allerdings in diese Kategorie: "Das Bakterium . . . verwendete die Lichteinstrahlung auf das grüne Pigment Chlorophyll, um das gasförmige Kohlendioxyd in zwei Teile zu zerlegen: in Kohlenstoff, das es für die eigene Ernährung und sein Wachstum nutzte, und in Sauerstoff." Selbst wenn man sich die Details ersparen will - der freigesetzte Sauerstoff stammt nicht aus dem Kohlendioxyd, sondern aus Wasser. Wenn die grünen Pflanzen Lichtenergie einfangen, um sie als chemische Energie zu speichern, wird aus Wassermolekülen Sauerstoff abgespalten. Um Kohlendioxyd in organische Substanz einzubauen, sind dagegen weder Chlorophyll noch Licht unmittelbar notwendig. Gewöhnlich stockt dieser Prozess dennoch im Dunkeln, weil der Energienachschub ausbleibt. Wer Photosynthese betreibt, muss aber nicht zwangsläufig auf Wassermoleküle zurückgreifen. Einige Bakterien bevorzugen Schwefelwasserstoff und hinterlassen deshalb Schwefel statt Sauerstoff.

Mancher Leser mag sich auch darüber wundern, dass die Übersetzer bei ihrer Wortwahl mitunter recht eigenwillig verfahren: Wer leicht seekrank wird, ist wohl ein schlechter Seemann, aber nicht unbedingt ein "schlimmer". Und das Skelett eines Archäopteryx war sicher fragil, aber kaum sonderlich "sensibel". Sieht man über solche Schönheitsfehler hinweg, ist die Lektüre ein Vergnügen. Unterhaltsam plaudernd bietet der Autor interessante Einblicke in die Entwicklungsgeschichte des Lebens - von der Blaualge bis zum Paläontologen.

Richard Fortey: "Leben. Eine Biographie". Die ersten vier Milliarden Jahre. Aus dem Englischen von Friedrich Griese und Susanne Kuhlmann-Krieg. Verlag C. H. Beck, München 1999. 443 S., Abb., geb., 58 DM.

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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Zu den Naturwissenschaftlern, denen es gelingt, ihr Fachgebiet auch interessierten Laien verständlich zu vermitteln, zählt Klaus Gauger auch den britischen Paläontologen Richard Fortey. Gauger hebt anlässlich Forteys Band "Leben - Eine Biografie" besonders die in seinen Augen gelungene Mischung zwischen knapper und präziser Darstellung wissenschaftlicher Fakten einerseits und auflockernden Anekdoten andererseits hervor. Dabei zeige Fortey einen "humorig einfärbten" Ton und erweise sich als "unterhaltsamer Chronist des Lebens". Bezeichnend sei für Forty darüber hinaus, dass er der Entwicklung des Menschen nur einen relativ kurzen Abschnitt widme.

© Perlentaucher Medien GmbH
"Die Geschichte des Lebens ist selten mit soviel Esprit und Eleganz erzählt worden. Fortey beschreibt nicht nur urzeitliche Landschaften, er spaziert mit uns mitten in sie hinein. Sein Enthusiasmus ist absolut ansteckend. Der Leser möchte am liebsten auf die nächste Fossilienexpedition nach Spitzbergen oder in die Wüste von Oman mitkommen." Boston Globe

"Entdeckerfreuden werden ebenso lebhaft geschildert wie die Mühen der geologischen Geländearbeit."FAZ

"Besonders amüsant lesen sich die Anekdoten aus dem Leben der Paläontologen, einer offenbar schrulligen Spezies." Die Woche