Homo occidentalis - Bammé, Arno

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Es ist inzwischen gemeines Bewusstsein, dass die äußere Krise, die Krise der Umwelt, durch das Wachstum des ökonomischen Systems bewirkt wird. Das aber beruht auf der Logik der Kapitalakkumulation des ökonomischen Systems. Wenn deshalb das extensive Wachstum preisgegeben wird, dann muss auch die Logik des ökonomischen Systems und mit ihm die kapitalistisch verfasste Marktgesellschaft preisgegeben werden. Notwendig ist, sagt Günter Dux, eine Dekonstruktion des Kapitalismus und mit der Dekon-struktion des Kapitalismus eine Dekapitalisierung von Produktion und Verteilung. In der Welt nach der…mehr

Produktbeschreibung
Es ist inzwischen gemeines Bewusstsein, dass die äußere Krise, die Krise der Umwelt, durch das Wachstum des ökonomischen Systems bewirkt wird. Das aber beruht auf der Logik der Kapitalakkumulation des ökonomischen Systems. Wenn deshalb das extensive Wachstum preisgegeben wird, dann muss auch die Logik des ökonomischen Systems und mit ihm die kapitalistisch verfasste Marktgesellschaft preisgegeben werden. Notwendig ist, sagt Günter Dux, eine Dekonstruktion des Kapitalismus und mit der Dekon-struktion des Kapitalismus eine Dekapitalisierung von Produktion und Verteilung. In der Welt nach der Krise des Kapitalismus muss die Gesellschaft eine Ordnung finden, in der der Ausgleich zwischen Gesellschaft und Natur ebenso sichergestellt ist wie der Ausgleich zwischen den Bedingungen der Lebensführung der Subjekte. In dieser Welt muss auch die Demokratie eine andere Organisation erfahren. Sie muss die Teilhabe aller an der ökonomischen Gestaltung der Gesellschaft ebenso sicherstellen wie an der kulturellen. Das Verfahren, die Entscheidung schlicht Mehrheiten zuzuweisen, die doch immer nur wieder eine Machtagglomeration in der Gesellschaft abstützen, gehört zur Welt von gestern.
  • Produktdetails
  • Verlag: Velbrück
  • Seitenzahl: 360
  • Erscheinungstermin: Mai 2011
  • Deutsch
  • Abmessung: 228mm x 159mm x 66mm
  • Gewicht: 1305g
  • ISBN-13: 9783942393034
  • ISBN-10: 3942393034
  • Artikelnr.: 32674592
Autorenporträt
Arno Bammé, Jahrgang 1944, ist Ordentlicher Universitätsprofessor an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt (Kärnten), Vorstand des Instituts für Technik- und Wissenschaftsforschung an der Fakultät für interdisziplinäre Forschung und Fortbildung, Direktor des Institute for Advanced Studies on Science, Technology and Society in Graz (Steiermark).
Inhaltsangabe
0. Prolog
1. Wissenschaftsforschung im Härtetest:
Paradigmen und Probleme
2. Drei Etappen auf dem Wege zur Weltgesellschaft.
Eine geschichtsphilosophische Interpretation
3. Wurzeln und Wege der abendländischen
Wissenschaft
4. Vom primitiven zum wissenschaftlichen Denken
5. Gerechtigkeitsmoral oder Gemeinschaftsethos?
6. Von der Realabstraktion zur Denkabstraktion
7. Die sozioökonomische Dynamik der drei Zäsuren
Rezensionen
Besprechung von 13.01.2012
Warum wir sind, wie wir sind
Arno Bammé erkundet den westlichen Sonderweg
Für dieses Buch braucht man einen langen Atem und viel Sitzfleisch. Knapp tausend Seiten anspruchsvoller Wissenschaftsprosa wollen erst einmal durchgearbeitet werden. Aber dann erlebt der Leser, sofern er sich auf den Gedankengang des Autors einlässt, eine angenehme Überraschung: Der Weg ist bereits das Ziel. Im Vollzug der Lektüre erschließt sich ihm eine lebendige Weltgeschichte der okzidentalen Rationalität, wie man sie umfassender, erschöpfender und kompakter bisher nirgends fand. Wer wissen will, warum wir, die Abendländer, sind, was wir sind, ist bei Arno Bammé bestens aufgehoben.
Im Zentrum steht natürlich die Frage, was den „Homo occidentalis“ im Besonderen auszeichnet. Was unterscheidet ihn in erkenntnistheoretischer Perspektive etwa vom Homo orientalis, Homo japanensis oder Homo africanus? Überhaupt von allen anderen nichtokzidentalen Ho-mines? Gewöhnlich wird ein ominöses „griechisches Wunder“ in Anschlag gebracht, wenn der westliche Sonderweg erklärt werden soll. Aber was hat es mit diesem Wunder auf sich?
Um 700 bis 500 vor Christus setzte im ägäischen Raum eine Entwicklung ein, die sich scharf und charakteristisch von derjenigen unterschied, die andere Hochkulturen der „Achsenzeit“ (Karl Jaspers), etwa die chinesische oder die mesopotamische, einschlugen. Der Übergang „vom Mythos zum Logos“, wie die oft zitierte Formel lautet, war nicht einfach der zu einer neuen Gestalt der Welterzählung, in der Götter und Helden durch Philosophie und Geometrie abgelöst wurden. Vielmehr entwickelte die frühe griechische Zivilisation im Zeichen der Polis eine Reihe von präzisen Instrumentarien, die in der Summe einen enormen Rationalitätsschub bewirkten.
Revolutionär war die Übernahme und Weiterentwicklung des phönizischen Alphabets durch die Griechen, wie vor Bammé schon andere gezeigt haben, etwa der französische Wissenschaftshistoriker André Pichot („Die Geburt der Wissenschaften“). Der Vorteil des griechischen Alphabets gegenüber allen anderen Zeichensystemen liegt darin, dass die einzelnen Zeichen/Buchstaben keinerlei Eigenbedeutung haben, aber durch ihre beliebige Kombinierbarkeit zur Darstellung aller möglichen Bedeutungen taugen. Strukturell ähnlich verhält es sich mit der griechischen Erfindung des Münzgeldes um 600 vor unserer Zeit. Genau wie der einzelne Buchstabe semantisch leer ist, ist auch das Geld semantisch leer, das heißt reiner Tauschwert. Marx hat diesen Sachverhalt sinngemäß so ausgedrückt: Der Gebrauchswert von Geld besteht darin, nichts als Tauschwert zu sein. Der heute so gut wie vergessene Neomarxist Alfred Sohn-Rethel hat wiederum schon in den Dreißigerjahren des letzten Jahrhunderts die gut begründete Vermutung geäußert, dass „Geld und Geist“ aufs engste verschwistert seien: ohne Tauschabstraktion keine Denkabstraktion. Die Parallelität von Alphabet und Münzgeld liegt sozusagen auf der Hand, und die historische Gleichzeitigkeit, mit der beide Phänomene auftraten, sorgte für jene kulturelle Revolution, die später als „griechisches Wunder“ mystifiziert wurde.
Aber es musste ein Drittes hinzutreten, um das Wunder perfekt zu machen. Bammé zufolge bedeutete die Einführung der Demokratie in den griechischen Stadtstaaten, das heißt die Gleichheit der Bürger vor dem Gesetz, einen weiteren entscheidenden Schritt auf dem Weg zu einer Gesellschaft, die ihre soziale Ordnung hinfort auf Kommunikation, Interaktion und Reflexion gründete. Das Gesellschaftliche war jetzt nicht mehr naturwüchsig und gottgewollt geregelt, sondern unterlag den Standards einer Rationalität, die sich nicht von selbst verstand, vielmehr unter den Bürger-Individuen der Polis immer neu ausgehandelt und hergestellt werden musste.
Wenn diese erste Zäsur in der westlichen Zivilisationsgeschichte – Alphabetschrift, Münzgeld, Demokratie – die gesellschaftlichen Beziehungen auf eine neue, abstraktere und zugleich flexiblere Grundlage stellte, so markiert die zweite Zäsur zu Beginn der frühen Neuzeit ein neues Verhältnis des Homo occidentalis zur Natur. In der Newton’schen Physik mit ihren theoriegeleiteten Experimenten wird die griechische Protowissenschaft eines Thales, Heraklit und Parmenides in die Praxis rationaler Naturbeherrschung und -aneignung überführt. Resultat dieser wissenschaftlichen Revolution ist die industrielle Revolution und die Entstehung einer „großen Industrie“, die sich das, was wir Natur nennen, im planetaren Maßstab anverwandelt und unterwirft.
Die dritte und vorläufig letzte Zäsur in der ebenso faszinierenden wie erschreckenden Geschichte des Homo occidentalis situiert Bammé in der Gegenwart. In ihr, so seine Diagnose, verschmelzen Gesellschaft und Natur zu einem Hybrid, indem die Gesellschaft selbst zum Labor, das heißt zum Anwendungsfall der Wissenschaft wird. Naturwissenschaftliche Experimente, in früheren Zeiten auf abgeschlossene, kontrollierte Räume beschränkt, werden heute am offenen Herzen der Gesellschaft durchgeführt: Tschernobyl und Fukushima, Ozonloch und Klimawandel, BSE und Genmais, Facebook und Twitter sind nur Chiffren dafür, dass die „Wissensgesellschaft“, die mit den Griechen rudimentär begann, ein Stadium erreicht hat, in welchem sie selbst Subjekt und Objekt, Arzt und Patient zugleich ist.
Die großartige Leistung von Bammés Studie besteht weniger darin, dass sie völlig neue Thesen und Ergebnisse präsentiert. Vielmehr darin, dass sie das breite, aber zerstreute Wissen, das Philosophie und Soziologie, Wissenschafts- und Technikgeschichte, Kognitionswissenschaft und Moralpsychologie, Rechts- und Religionswissenschaft zur Tiefenstruktur des westlichen Zivilisationsmodells erschlossen haben, in souveräner Synopse zusammenführt und integriert. Alles, was gut und teuer ist, hat bei Bammé seinen Platz: von den Vorsokratikern und Platon über Hegel, Marx, Max Weber und Piaget bis Luhmann, Lévi-Strauss, Sohn-Rethel und Gotthard Günther. Wenn man so will, kann man diese Erzählung auch als eine Art gigantischen Literaturbericht lesen (in den sich leider ein paar Redundanzen und Wiederholungen eingeschlichen haben). Seine unbezweifelbare Stärke liegt darin, dass die Triumph- und Leidensgeschichte des Homo occidentalis nicht als Geschichte des autonomen abendländischen Geistes ausgebreitet wird, sondern als eine Geschichte komplexer sozialökonomischer Einflüsse und Entwicklungen, die jenen „Geist“ erst hervorgebracht haben. Arno Bammés große Erzählung kann deshalb als gelungenes Exempel dafür gelten, was ein inzwischen aus der Mode gekommener geschichtsmaterialistischer Ansatz auch heute noch zu leisten vermag.
HANS-MARTIN LOHMANN
ARNO BAMMÉ: Homo occidentalis. Von der Anschauung zur Bemächtigung der Welt. Zäsuren abendländischer Epistemologie. Velbrück Wissenschaft, Weilerswist 2011. 958 Seiten, 78 Euro.
Alphabet, Münzgeld,
Demokratie und Labor formten
den „abendländischen Geist“
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Mächtig Eindruck hat Arno Bammes knapp tausend Seiten umfassende Studie über die Genealogie abendländischer Rationalität auf Jochen Hörisch gemacht. Er attestiert dem Autor, alles, was von Heraklit über Hegel und Max Weber bis Luhmann zum Thema gedacht wurde, kundig und konzentriert darzustellen. Auch Außenseiter wie Gotthard Günther oder Alfred Sohn-Rethel kommen zu seiner Freude zu Wort. Im Zentrum sieht Hörisch die Frage nach den Zäsuren bei der Entwicklung abendländischer Rationalität, wie die Erfindung des Geldes oder des Vokal-Alphabets. Deutlich wird für Hörisch, dass die Rationalität des Homo occidentalis letztlich zutiefst sozioökonomisch geprägt ist. Bamme gelingt es seines Erachtens, Philosophie, Kultur- und Technikgeschichte, Soziologie, Kognitionswissenschaft und vieles mehr zu integrieren und so eine "große Erzählung" zu schaffen. Sein Fazit: ein Werk, das das "Zeug zum Klassiker" hat.

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