Heimlich im Kalten Krieg - Domentat, Tamara; Heimlich, Christina
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Aus dem ersten Flirt, der sich im Jahr 1945 bei Kaffee und Steinhäger anbahnte, wurde bald mehr. Denn von diesem Tag an konnten die blonde Kabarettistin Christina Ohlsen und der amerikanische Oberstleutnant Bill Heimlich nicht mehr voneinander lassen. Aber ihre Liebe musste zunächst so heimlich bleiben wie seine Tätigkeit als Chef des amerikanischen Geheimdienstes, die ihn kreuz und quer durch das zerstörte Berlin bis in den Führerbunker führte. Als erster RIAS-Direktor schließlich sollte Bill Heimlich die Deutschen zur Demokratie erziehen, während Christina Ohlsen als Botenkind Tine die…mehr

Produktbeschreibung
Aus dem ersten Flirt, der sich im Jahr 1945 bei Kaffee und Steinhäger anbahnte, wurde bald mehr. Denn von diesem Tag an konnten die blonde Kabarettistin Christina Ohlsen und der amerikanische Oberstleutnant Bill Heimlich nicht mehr voneinander lassen. Aber ihre Liebe musste zunächst so heimlich bleiben wie seine Tätigkeit als Chef des amerikanischen Geheimdienstes, die ihn kreuz und quer durch das zerstörte Berlin bis in den Führerbunker führte. Als erster RIAS-Direktor schließlich sollte Bill Heimlich die Deutschen zur Demokratie erziehen, während Christina Ohlsen als Botenkind Tine die unvergessene "Stimme Berlins" schuf. Und trotz aller Wirren der Nachkriegszeit kommt die Liebesgeschichte zwischen Bill und Christina noch zum Happy End.
  • Produktdetails
  • Verlag: Aufbau-Verlag
  • Seitenzahl: 299
  • Abmessung: 220mm
  • Gewicht: 467g
  • ISBN-13: 9783351025076
  • ISBN-10: 3351025076
  • Artikelnr.: 24693071
Rezensionen
Besprechung von 22.05.2000
Operation Backtalk
Tamara Domentats Buch über Liebe und Propaganda in Berlin
Diese Geschichte von Bill und Christina gehört zu jenen, die nur in besonderen Zeiten möglich sind – wenn Konventionen außer Kraft gesetzt sind, wenn für einen Augenblick alles möglich scheint. Als Tamara Domentat für ihr Buch „Hallo Fräuleinüber die Beziehungen deutscher Frauen und amerikanischer Soldaten recherchierte, stieß sie auf ein bemerkenswertes Paar und hat gleich ein neues Buch daraus gemacht. „Heimlich im Kalten Krieg” erzählt die love story der hübschen Kabarettistin Christine Ohlsen mit Bill Heimlich, dem Leiter der politischen Abteilung der US-Militärregierung, später Direktor des RIAS – doch leider in Ohio verheiratet.
Der „unheimliche” Mr. Heimlich, wie er von Gegnern und Freunden genannt wurde, war kurz vor Kriegsende nach Berlin gekommen, um etliche ungeklärte Selbstmorde von NS-Größen zu untersuchen. Er verhörte Rudolf Hess, forschte über die letzten Tage im Führerbunker und sollte den besiegten Deutschen Nachhilfe in Demokratie erteilen. Währenddessen versuchte Christine Ohlsen, der Arbeit in der Rüstungsindustrie zu entgehen und sich in Berlin ohne Geld und Wohnung durchzuschlagen.
Im Wechsel werden die Ereignisse in der Sicht Christinas und Bills erzählt. Weil Bill 1996 gestorben ist, verwendete die Autorin seine Aufzeichnungen aus der Zeit seines Deutschlandaufenthalts, die als Buch in den USA veröffentlicht wurden. Bei der Lektüre wird offensichtlich, dass es schon kurz nach Kriegsende nicht mehr um die Schuld der Deutschen ging, sondern um die Probleme und Querelen mit der sowjetischen Armee. Ganz anders als etwa Saul K. Padover, in seinem Buch „Lügendetektor”, der aus seiner Abneigung gegen die Besiegten keinen Hehl machte, zeigt der gebildete Mr. Heimlich von Anfang an viel Verständnis für die Sorgen der Hauptstadtbewohner. Wie in einer verkehrten Welt konzentriert sich sein ganzer Hass auf die Russen, auf ihre Primitivität und auf die Probleme mit der Verwaltung der in vier Sektoren geteilten Stadt. Man ahnt, warum die Deutschen lieber von den Amerikanern besetzt waren als von den Russen, deren Land zuvor von der Wehrmacht in Schutt und Asche gelegt worden war und die allen Grund für Rachegefühle hatten. Mit der Operation „Paperclip”, die NS-Wissenschaftlern Ausreise und Anstellung in wichtigen Forschungseinrichtungen der USA ermöglichte, hatte Bill Heimlich ebenso wenig Schwierigkeiten wie im Umgang mit den „Otto Normalverbrechern”, sofern sie nicht zu den Kommunisten übergelaufen waren.
Natürlich ging es bei allen von Anfang an um die Macht in der geteilten Stadt. Um die Schwierigkeiten, Verwaltungen und Parteien aufzubauen, und auch um eine Nachkriegsordnung, von der jeder wusste, dass sie die Welt in zwei unversöhnliche Lager spalten würde. Der Kalte Krieg hatte sehr früh begonnen, und es hieß, sich möglichst rasch wirkungsvolle Propagandamittel zu sichern. Von Anfang an hatten die Russen den Berliner Rundfunk in ihrer Hand, der mit seiner weit reichenden Frequenz anderen Sendern keine Chance ließ. Bill Heimlich erhielt mit „Operation Backtalk” den Auftrag, einen Gegensender aufzubauen, der die russische Propaganda mit US-Unterhaltungsprogrammen, Jazz und politischer Aufklärung empfindlich treffen sollte. So entstand der RIAS, bei dem zahlreiche deutsche Künstler Arbeit fanden. Neben Christina Ohlsen, der „Stimme Berlins”, waren etwa Erik Ode und der Kabarettist Günther Neumann von der ersten Stunde an dabei.
Kurz zuvor hatten sich Heimlich und Ohlsen kennen und lieben gelernt – was nicht wenigen Amerikanern passierte, die sich im zerstörten Deutschland aufhalten mussten. Ungewöhnlich ist eher das Happy-End: Nach jahrelangen Querelen mit der Ehefrau wurde Heimlich geschieden und Christina konnte ihm nach Amerika folgen. Diese Geschichte wird von Bill Heimlich in seinem Buch nicht erwähnt, wird von Ohlsen erzählt. So ist unfreiwillig eine Zweiteilung des Textes entstanden – der Mann schreibt über Politik, die Frau übers Private. Trotzdem kommt kein Unbehagen auf, denn Ohlsen strahlt vor Selbstbewusstsein, ist von ihren Fähigkeiten zum Entertainment und ihrem komödiantischen Talent, die sie weit über die Stadt hinaus als die „Stimme Berlins” bekannt machten, überzeugt.
Bill Heimlich dagegen erzählt von den bitteren Jahren des Kalten Krieges, der in der Blockade seinen vorläufigen Höhepunkt fand. Hier wurde der RIAS lebenswichtig für die Hauptstadtbewohner, die durch die „Rosinenbomber” versorgt werden mussten und ihre Informationen lediglich aus dem Radio beziehen konnten. Christine Ohlsen verstärkte mit ihrem Programm und ihren Liedern (wie „Mensch, lass dich gegen Pessimismus impfen”) den Durchhaltewillen – so wird in einer Liebesgeschichte, die das schöne Wortspiel mit Bills Namen im Titel trägt, die ganze Dimension einer längst vergessenen Zeit eingefangen, eines Ausnahmezustands, der jahrelang dauern sollte. Für Bill scheint es ein großes Abenteuer gewesen zu sein: der Spionagekrieg zwischen den Großmächten, die Radiokämpfe, das Herausschmuggeln der Goebbels-Tagebücher aus der sowjetischen Zone, das ihm später so viele Schwierigkeiten mit dem amerikanischen Geheimdienst bescheren sollte. Und dazu die Liebe seines Lebens . . .
ELKE SCHUBERT
TAMARA DOMENTAT: Heimlich im Kalten Krieg. Die Geschichte von Christina Ohlsen und Bill Heimlich. Aufbau-Verlag, Berlin 2000. 299 S. , 39,90 Mark.
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung exklusiv über www.diz-muenchen.de
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Besprechung von 24.07.2000
Kalter Krieg und kühle Küsse
Fast wie im Leben: Berlin im Schmelztiegel der Nachkriegsliebe

In der letzten Phase des Zweiten Weltkriegs konnte die deutsche "Wunderwaffe" das Blatt nicht mehr wenden. Dafür gab es nach dem Krieg das deutsche "Fräulein-Wunder". Tamara Domentat, Berliner Journalistin und Schriftstellerin, veröffentlichte 1998 ihre Recherchen zum Thema "Deutsche Frauen und amerikanische Soldaten" im Band "Hallo Fräulein". Für das Ende dieses Buches aufgehoben blieb die Liebesgeschichte des ersten (amerikanischen) Direktors des RIAS Berlin, Bill Heimlich, und der Berliner Kabarettistin Christina Ohlsen, über die beide in ihrer Wohnung in einem Vorort Washingtons der Autorin willig Auskunft gegeben hatten. Nun ist aus dem Schlusskapitel ein ausgewachsenes neues Buch geschlüpft.

Vor anderthalb Jahrzehnten hat Carola Stern in ihrer halb autobiographischen Darstellung "In den Netzen der Erinnerung" die "Liebesgeschichte zweier Menschen" beschrieben, die am Ende eines Wegs der Täuschungen und Enttäuschungen zusammenfinden: die ehemalige Jungmädelführerin und der ehemalige Kommunist Zöger, Insasse von Zuchthäusern im "Dritten Reich" und in der DDR. Die ungleichen Lebensgeschichten laufen wie ein Kontrastprogramm nebeneinander her. Auch in Tamara Domentats und Christina Heimlichs Band wechseln sich die Erzählungen von Bill Heimlich und Christina ab. Um es auf eine Formel zu bringen: Bill ist zuständig für den Kalten Krieg, Christina für die "heißen Küsse".

Schneller als bei Carola Stern verschlingen sich die Fäden der beiden Biographien. Aber Tamara Domentat behält den roten Faden in der Hand, verbindet auch manche Kapitel mit kurzen historischen Kommentaren. Sie wertet die aufgeschriebenen Erinnerungen von Bill Heimlich, der seine Laufbahn als "Spezialberater mit Schwerpunkt sowjetische Geheimdienste" im Weißen Haus beendete und 1996 starb, und andere zeitgeschichtliche Dokumente aus, fühlt sich aber auch zu "Umkompositionen" und Ergänzungen ermächtigt. Literarisch ist dieser Text ein Mischling, weder Autobiographie noch Roman oder dokumentarische Prosa - zweifellos aber ein geschicktes Arrangement.

Denn Bill Heimlichs Zugehörigkeit zum amerikanischen militärischen Geheimdienst, seine Tätigkeit in der agentenverseuchten geteilten Stadt Berlin und seine Berufung zum Direktor eines Senders mit politischem Auftrag bringen seinen Bericht immer wieder in die Nähe jener Spionagegeschichten, die wir aus so manchem in Berlin lokalisierten Nachkriegsfilm kennen. Während des Kalten Kriegs galt er als einer der "Hardliner". Als solcher wurde er nach dem Ende der Blockade abgelöst. Als auf das "Tauwetter" neue Vereisungen folgten, lebte er längst wieder in den Vereinigten Staaten.

Von vornherein war es das strategische Konzept des RIAS-Direktors Heimlich, die sowjetische Propagandawalze auf die Minen der Satire laufen zu lassen. Schon vorher war er auf die Kabarettistin Christina Ohlsen getroffen. Wie das "Fräulein" und der verheiratete amerikanische Offizier zunächst nur Partisanen der Liebe sein können, wie Heimlich, dessen Vorfahren im achtzehnten Jahrhundert aus Deutschland gekommen sind, nach der Scheidung sein Treuegelöbnis wahr macht und Christina zum Traualtar in der Washingtoner Kirche am Capitol Hill führt - das alles fügt sich zu einer Love-Story, die das Zeug zur Kinoromanze hat.

Andererseits lassen Christinas Erzählungen wieder eine Phase der Berliner Kulturgeschichte lebendig werden, die ganz unverwechselbar durch die Situation der geteilten Stadt geprägt wird. Die Künstlerin aus dem "Kabarett der Komiker" wird, als "Tina, das Botenkind", in der Sendung "Die Stimme Berlins" zum Star; ihren Refrain "Det vasteh ick nich, det vasteh ick nich, dazu bin ick noch zu kleen" krähen auf den Straßen Kinder nach. Eine Vielzahl von Texten der "Stimme Berlins" ist über das Buch verteilt und dokumentiert Zeitgeschichte im Hohlspiegel der demaskierenden Satire. Die Texte stammen von Günter Neumann, der auch mit dem Kabarett "Die Insulaner" Furore machte.

"Heimlich im Kalten Krieg" ist kein Buch, das den Historiker zu Revisionen und den Literaturkritiker zu Ovationen nötigt. Aber wie sich der Zweite Weltkrieg im Frieden fortsetzt mit der kriegsähnlichen Konfrontation der bisher Verbündeten, das wird hier aus interner und persönlicher Sicht erzählt - fesselnd, weil das Buch den Leser an eine der Schaltstellen führt, wo Interessen der Geheimdienste, der politischen Aufklärung und der kämpferischen Kunst zusammenliefen.

WALTER HINCK

Tamara Domentat / Christina Heimlich: "Heimlich im Kalten Krieg. Die Geschichte von Christina Ohlsen und Bill Heimlich". Aufbau-Verlag, Berlin 2000. 299 S., geb., 39,90 DM.

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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

In einer Kurzrezension weist der Autor mit dem Kürzel "rox." darauf hin, dass von den selben Autorinnen bereits vor zwei Jahren ein Buch über die "Fräulein" erschien, also die deutschen jungen Frauen, die sich nach dem Krieg in amerikanische Soldaten verliebten. Dabei seien die Autorinnen auch auf die Geschichte von Christina Ohlson und Bill Heimlich gestoßen, er ein Geheimdienst-Agent, der in Berlin nach dem Krieg den RIAS aufbaute, sie eine Kabarettistin, die sich in diesem Radiosender kabarettistisch mit den Russen befasste. Weniger als die Liebesgeschichte dieser beiden interessiert den Rezensenten dabei die zeitgeschichtliche Information.

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