Gesundheitspolitik ohne Rezept - Nützel, Nikolaus
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Produktdetails
  • dtv Taschenbücher Bd.24614
  • Verlag: Dtv
  • Seitenzahl: 219
  • Erscheinungstermin: April 2007
  • Deutsch
  • Abmessung: 21mm x 135mm x 210mm
  • Gewicht: 340g
  • ISBN-13: 9783423246149
  • ISBN-10: 3423246146
  • Artikelnr.: 20937989
Autorenporträt
Nikolaus Nützel wurde 1967 in Rothenburg ob der Tauber geboren. Nach einer Ausbildung zum Fremdsprachenkorrespondenten und Dolmetscher, absolvierte er die Deutsche Journalistenschule in München. Zeitgleich studierte er Journalistik und Romanische Sprachwissenschaft. Seit 1994 arbeitet Nikolaus Nützel als freier Journalist für den "Bayerischen Rundfunk" und andere ARD-Sender sowie für verschiedene Printmedien. Als Autor verfasste er bereits einige Reiseführer. Nikolaus Nützel lebt mit seiner Familie in München.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 21.03.2007

Feindflüge über dem Medizinbetrieb
In der Geldverteilungsmaschine Von Joachim Müller-Jung

Eine kurzweilige und noch dazu verständliche Gebrauchsanweisung der deutschen Gesundheitspolitik, das erinnert stark an die Steuererklärung auf dem Bierdeckel. Ein schöner Traum. Wie wir alle wissen, ist aus dem Pappdeckel für den Fiskus nichts geworden. Zu verfahren, zu verworren, zu eingefahren, zu komplex - die Erklärungsversuche für die Unauflösbarkeit des einen Knotens lassen sich zwanglos auf die Undurchdringlichkeit des zweiten, die Gesundheitspolitik, übertragen. Vielleicht, so konnte man sich ja als Beobachter und Opfer gelegentlich fragen, vielleicht sind Gesundheitsreformen für uns ja nicht deshalb zum lebenslangen Begleitgegenstand geworden, weil die Dinge so kompliziert zu regeln sind, sondern weil sie bisher einfach noch keiner richtig verstanden hat. Selbstorganisation kann halt doch ins Chaos führen, soll die Kybernetik doch sagen, was sie will.

Nun hat sich mit Nikolaus Nützel glücklicherweise kein Netzwerkanalytiker an den gordischen Knoten Gesundheitssystem gesetzt, sondern ein vierzigjähriger "Veteran von Klinikstreiks, Ärztetagen und Kassenärztlichen Versammlungen", der uns unterhaltsame Orientierung verspricht. Wie es aussieht, hat Nützel jedenfalls seinen Spaß an der Beschäftigung mit der weithin diskreditierten Gesundheitspolitik nicht verloren. Richtig gepackt hat es ihn beim Schreiben immer dann, wenn es um die Tiefenpsychologie der Reformatoren und Reformierten ging. Wenn er uns etwa schildert, warum Ärzte (er betont: nicht alle) betrügen, ja mit dem vorhandenen - und auch mit jedem denkbaren anderen - Abrechnungssystem zum Betrügen geradezu verführt werden. Und weshalb die Doktoren von einer "gefühlten Verarmung" aufgefressen werden: "Es zerrt an ihren Nerven, dass sie mal mehr und mal weniger verdienen, völlig unabhängig davon, ob sie mehr oder weniger gearbeitet haben." Das klingt plausibel. Über die Befindlichkeiten und Antriebe der gesundheitspolitischen Triebkräfte, über die Leiden und Leidenschaften der Machthaber im System erfahren wir so viel, dass wir am Ende zwar die Psychologie des maroden Selbstverwaltungsmodells im deutschen Krankenwesen tatsächlich besser zu durchschauen glauben. Aber eigentlich bleibt nur der Schluss: Weg damit. Und damit sind wir da, wo uns der Autor abgeholt hat: Schön wär's, wenn's anders wär. Wie könnten wir uns auch je mit Ärzten abfinden, die sich die Augen auskratzen und uns hinters Licht führen, weil ihnen die Urlaubsvertretung die Patienten abspenstig gemacht hat ("Feindflug-Syndrom"), oder mit Krankenkassen-Verwaltungsräten, die sich mit Pseudowahlen ("Friedenswahlen") von ihren Vorgängern berufen lassen? Nein, das rezeptlose System muss verrottet sein von A bis Z, so viel scheint sicher. Aber statt uns diese Gewissheit zu lassen, die immerhin den Impuls für den allseits gewünschten Befreiungsschlag liefern könnte, strapaziert der Autor am Ende dann doch noch mal die Dialektik, indem er das deutsche Gesundheitssystem international positioniert und plötzlich moderate Töne anschlägt. Nicht da, wo einige der deutschen Dauerreformatoren es verorten (SPD-Mann Lauterbach: "Wir zahlen für einen Mercedes, fahren aber nur Golf"), sondern ganz an der Spitze direkt hinter Frankreich rangiere das hiesige Gesundheitswesen. Und das alles ganz ohne Rezept. Was wollen wir mehr?

Nikolaus Nützel: "Gesundheitspolitik ohne Rezept". Warum Deutschlands Medizinbetrieb so schwer zu kurieren ist. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2007. 219 S., br., 14,- [Euro].

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Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 21.03.2009

Zum Thema
Ein Wegweiser
Michael Simon: Das Gesundheitssystem in Deutschland. Ein Einführung in Struktur und Funktionsweise. 2. Auflage, Verlag Hans Huber, Bern 2008, 406 Seiten, 29,95 Euro.
Simon gibt eine sehr gründliche – und nicht allzu trockene – Einführung in den Irrgarten des Gesundheitssystems.
Zum Wundern
Nikolaus Nützel: Gesundheitspolitik ohne Rezept. Warum Deutschlands Medizinbetrieb so schwer zu kurieren ist. dtv, München 2007, 219 Seiten, 14 Euro.
Kenntnisreich, spannend und dabei erstaunlich gelassen. Der Journalist Nikolaus Nützel erzählt die Geschichten hinter den Fakten, ohne übliche Klischees und Skandale zu bedienen.
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Kein Zweifel kann daran bestehen, dass Nikolaus Nützel sich in Fragen der deutschen Gesundheitspolitik auskennt. Ausgesprochen viel Hoffnung auf die Lösung der geschilderten Probleme mache der Autor, so der Rezensent Joachim Müller-Jung, zwar nicht, dafür aber habe er einleuchtende Thesen zu jenen psychologischen Beweggründen zu bieten, die Ärzte und Reformer antreiben. Wenn man dann allerdings als Leser bereit sei, die Flinte ins Korn zu werfen, werde man von einer Volte des Verfassers überrascht. Im internationalen Vergleich nämlich, stelle er am Ende seltsam optimistisch heraus, stehe das deutsche System gleich hinter Frankreich auf einer Spitzenposition.

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