Generation Hoyerswerda - Spangenberg;Kleffner
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Brandanschläge, Morde und Überfälle - Rechte Gewalttäter verbreiteten schon in den 1990er-Jahren Angst und Schrecken im Land Brandenburg. Ihr Vorbild: "Hoyerswerda" - die sächsische Stadt, aus der 1991 nach schweren Krawallen alle Flüchtlinge evakuiert worden waren. Dieses Buch zeichnet nach, wie sich brandenburgische Neonazis radikalisierten, Untergrundzellen aufbauten und Anschläge begingen. Dabei geraten auch die Rolle des Verfassungsschutzes und Verbindungen in das Netzwerk der Terrorgruppe NSU in den Fokus. Schließlich wird gezeigt, wie Neonazis der "Generation Hoyerswerda" heute die…mehr

Produktbeschreibung
Brandanschläge, Morde und Überfälle - Rechte Gewalttäter verbreiteten schon in den 1990er-Jahren Angst und Schrecken im Land Brandenburg. Ihr Vorbild: "Hoyerswerda" - die sächsische Stadt, aus der 1991 nach schweren Krawallen alle Flüchtlinge evakuiert worden waren. Dieses Buch zeichnet nach, wie sich brandenburgische Neonazis radikalisierten, Untergrundzellen aufbauten und Anschläge begingen. Dabei geraten auch die Rolle des Verfassungsschutzes und Verbindungen in das Netzwerk der Terrorgruppe NSU in den Fokus. Schließlich wird gezeigt, wie Neonazis der "Generation Hoyerswerda" heute die Proteste gegen Flüchtlingsheime anfachen: Droht eine Welle rechter Gewalt - mit Pogromszenen wie vor 25 Jahren?
  • Produktdetails
  • Verlag: be.bra verlag
  • Seitenzahl: 304
  • Erscheinungstermin: Februar 2016
  • Deutsch
  • Abmessung: 212mm x 135mm x 25mm
  • Gewicht: 420g
  • ISBN-13: 9783898091275
  • ISBN-10: 3898091279
  • Artikelnr.: 44284348
Autorenporträt
Heike Kleffner, geboren 1966, ist Geschäftsführerin des Verbands der Beratungsstellen für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt. Die Journalistin schreibt seit den 1990er Jahren über rechte Gewalt, Neonazis und die Situation von Geflüchteten, u. a. für »taz«, »ZEIT online«, Tagesspiegel und »Frankfurter Rundschau«. Anna Spangenberg, geboren 1970, ist seit 2006 Geschäftsführerin des brandenburgischen Aktionsbündnisses gegen Gewalt, Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit mit Sitz in Potsdam. Zuvor leitete sie die Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus in Thüringen. Von 2010 bis 2015 gehörte sie außerdem dem Vorstand des Vereins für demokratische Kultur in Berlin an, dem Trägerverein der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus in Berlin.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 21.06.2016

Hohes Aggressionspotential
Neonationalsozialistische Gruppierungen in Brandenburg

Seit Monaten steigt die Zahl rechtsextremistischer und anderer Attacken auf Flüchtlinge und ihre Unterkünfte, darunter bewohnte Einrichtungen. Gerade auch in den östlichen Bundesländern häufen sich derzeit fremdenfeindliche und rassistische Straftaten. Weil in Ostdeutschland wesentlich mehr rechtsextremistische Straftäter agieren und deutlich weniger Migranten samt ihren Nachkommen leben, ist dort auch die Wahrscheinlichkeit höher, Opfer einschlägiger Gewalt zu werden. Umso wichtiger ist es, Rechtsextremismus zu analysieren.

Der Sammelband "Generation Hoyerswerda" konzentriert sich auf Rechtsextremismus in Brandenburg seit 1990. Der Titel des Buches rekurriert auf die fremdenfeindlichen Ausschreitungen 1991 im sächsischen Hoyerswerda. Nach tagelangen Übergriffen von Neonationalsozialisten - unter Beifall von vermeintlichen "Normalbürgern" - flohen damals viele Asylbewerber aus der Stadt, woraufhin die Täter Hoyerswerda "ausländerfrei" nannten. Das motiviert Rechtsextremisten auch in Brandenburg immer noch, einschlägige Gewalttaten zu begehen. Bis heute gehört das Land zu den rechtsextremistischen Schwerpunkten in Deutschland - bereits Ende 1990 tötete eine größere Gruppe an Neonationalsozialisten im brandenburgischen Eberswalde den Angolaner Amadeu Antonio.

Detailliert beschreiben die Autoren des Bandes, darunter Sozialwissenschaftler und zivilgesellschaftliche Praktiker, wie Neonationalsozialisten in Brandenburg seit 1990 agieren und agitieren, wie sie auch überregional kooperieren und Netzwerke knüpfen, wie sie Menschen einschüchtern und bedrohen, wie sie - zum Teil bis unter die Schädeldecke ideologisiert und fanatisiert - auch schwere Gewalttaten begehen. Einzelne Beiträge des Bandes artikulieren darüber hinaus mehr oder minder plausible Mutmaßungen über mögliche Verbindungen von Brandenburger Rechtsextremisten zum NSU.

Mit viel Empathie für (potentielle) Gewaltopfer leistet der Band einerseits einen wichtigen Beitrag, das hohe Aggressions- und Eskalationspotential neonationalsozialistischer Gruppierungen in Brandenburg zu verdeutlichen. Dadurch eignet sich das Buch, mehr Bürger für ein Engagement gegen Rechtsextremismus zu sensibilisieren und zu aktivieren. Andererseits kratzt das Buch analytisch weit überwiegend eher wort- als gedankenreich an der Oberfläche seines wichtigen Themas, ohne wesentliche Ursachen des heutigen Rechtsextremismus näher zu beleuchten.

Weit überwiegend bietet der Band unzureichende Diagnosen, die erfolgreiche Therapien erschweren. Fast vollständig meidet er zum Beispiel genauere Antworten auf die zentrale und komplexe Frage, warum Rechtsextremismus und Demokratieverachtung bis heute in Ostdeutschland zumindest bei Minderheiten deutlich verbreiteter sind. Selbst ein SED-Insider warnte frühzeitig: "Eine Ursache rechter Gewalt liegt sicher in der DDR [...]. Die DDR war ein abgeschottetes Land. Schon dort gab es Neofaschismus, aber darüber durfte nicht diskutiert werden. In der DDR lebten eine halbe Million sowjetische Soldaten und viele vietnamesische Vertragsarbeiter. Die wurden ghettoisiert und abgeschottet. Niemand musste kulturelle Widersprüche leben. Die DDR war ein Law-and-order-Staat, das ist für Neonazis bis heute ein Anknüpfungspunkt." Die kommunistische Bewegung habe "schon vor 1933 Konzepte verfolgt, der gleiche Denkweisen und ähnliche Symbole wie der NS-Bewegung zu Grunde lagen": "Nur wenn wir diese kulturellen Ursachen des Rechtsextremismus in Ostdeutschland reflektieren, werden wir eine Antwort auf die rechte Gefahr finden." Bis heute schätzen viele Rechtsextremisten die SED-Diktatur gerade auch wegen ihrer juden-, christen- und migrantenfeindlichen Politik.

Daneben ignoriert der Band über weite Strecken, wie rechtsextremistische und rechtspopulistische Gruppierungen und Parteien gemäß Umfragen nicht nur von irrationalen Ängsten, sondern auch von realen und potentiellen Integrationsproblemen in Deutschland profitieren. Seit Monaten nutzen und instrumentalisieren einschlägige Kräfte - samt mitlaufenden "Wutbürgern" - vor allem das kampagnenfähige Asylthema, um ein geistiges Klima zu schüren, das Hass, Hetze und Gewalt gegen Flüchtlinge, Politiker und andere Personen seit Monaten begünstigt und fördert. Weitgehend übergeht das Buch hierbei die Anfälligkeit gerade auch "kleiner Leute" für rechtsextremistische und rechtspopulistische Propaganda - das unterstreichen jüngste Wählerwanderungen bei Landtagswahlen in West- und Ostdeutschland.

Einen Kontrapunkt zum Tenor des Bandes liefert Erardo Cristoforo Rautenberg, Generalstaatsanwalt von Brandenburg und Fachmann für strafrechtliche Auseinandersetzungen mit Rechtsextremismus. So plädiert er am Ende des Buches für mehr Differenzierung in der Flüchtlingsdebatte. Mit viel humanem Realismus mahnt er, die Asylpolitik stärker auf Personen zu konzentrieren, "die aus politischen Gründen verfolgt werden oder aus einem Kriegsgebiet kommen und wirklich nur ihre Haut gerettet haben. Wenn man die Tore auch für die sogenannten Wirtschaftsflüchtlinge aufmacht, befürchte ich, dass wir wieder mit einer derartig explosiven Stimmung in der Gesellschaft konfrontiert sein werden wie in den frühen 1990er-Jahren und uns Rechtsextreme geradezu züchten."

HARALD BERGSDORF

Heike Kleffner/Anna Spangenberg (Herausgeber): Generation Hoyerswerda. Das Netzwerk militanter Neonazis in Brandenburg. Bebra Verlag, Berlin 2016. 304 S., 20,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Die Analyse von Rechtsextremismus scheint Harald Bergsdorf wichtiger denn je. Mit dem Sammelband von Heike Kleffner und Anna Spangenberg, der sich auf den Rechtsextremismus in Brandenburg seit 1990 konzentriert und aus sozialwissenschaftlicher wie zivilgesellschaftlicher Perspektive detailliert die Handlungen und Netzwerke von Neonationalsozialisten beschreibt, erhält der Rezensent einen mit viel Empathie für die Opfer verfassten Beitrag zur Erkenntnis des Aggressionspotentials neonazistischer Gruppen in Brandenburg. Laut Bergsdorf eine Lektüre, die nicht zuletzt Bürgerengagement fördern kann. Als Mangel empfindet der Rezensent, dass die Beiträge eher oberflächlich bleiben, anstatt tiefere Ursachenforschung zu betreiben, etwa über die weite Verbreitung des Rechtsextremismus in Ostdeutschland oder die Instrumentalisierung des Asylthemas durch Rechtsextreme.

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