Ein bedrohtes Paradies - Schefold, Reimar
22,00 €
versandkostenfrei*

inkl. MwSt.
Sofort lieferbar
0 °P sammeln
  • Gebundenes Buch

Anfang des Jahres 1967 reist der Anthropologe Reimar Schefold zu den Mentawai-Inseln westlich von Sumatra und hält sich dort zwei Jahre bei den Sakuddei auf, einer abgeschottet lebenden Ethnie auf der Insel Siberut. Er wird ohne Vorbehalte in der Gemeinschaft aufgenommen, ihm dabei Zugang zu ihrer Welt geboten. Die Sakuddei leben in einer egalitären Gesellschaft ohne Arbeitsteilung und Geldwirtschaft. Ahnen und Geister spielen eine wichtige Rolle in ihrer religiösen Welt. Einen großen Stellenwert hat dabei die Seele. Anhand seiner Aufzeichnungen und Tagebücher berichtet der Autor Jahrzehnte…mehr

Produktbeschreibung
Anfang des Jahres 1967 reist der Anthropologe Reimar Schefold zu den Mentawai-Inseln westlich von Sumatra und hält sich dort zwei Jahre bei den Sakuddei auf, einer abgeschottet lebenden Ethnie auf der Insel Siberut. Er wird ohne Vorbehalte in der Gemeinschaft aufgenommen, ihm dabei Zugang zu ihrer Welt geboten. Die Sakuddei leben in einer egalitären Gesellschaft ohne Arbeitsteilung und Geldwirtschaft. Ahnen und Geister spielen eine wichtige Rolle in ihrer religiösen Welt. Einen großen Stellenwert hat dabei die Seele. Anhand seiner Aufzeichnungen und Tagebücher berichtet der Autor Jahrzehnte später von seiner Zeit bei den Sakuddei. In der Beschreibung seiner bisweilen unorthodoxen ethnologischen Feldforschung liest sich sein Bericht wie ein Roman, der seinen besonderen Reiz darin hat, dass sich der Autor 2009 erneut auf Siberut aufhielt und miterleben konnte, wie die Sakuddei dem fortwährenden Druck der indonesischen Regierung, sich "zivilisieren"
zu lassen, trotzen und ihre traditionelle Lebensweise und Religionsausübung bewahren.
  • Produktdetails
  • Verlag: Verlag für Berlin-Brandenburg
  • Seitenzahl: 376
  • Erscheinungstermin: Juni 2017
  • Deutsch
  • Abmessung: 218mm x 144mm x 30mm
  • Gewicht: 614g
  • ISBN-13: 9783945256916
  • ISBN-10: 3945256917
  • Artikelnr.: 47231509
Autorenporträt
Schefold, Reimar
Prof. Dr. Reimar Schefold, geboren 1938, ist Professor em. für kulturelle Anthropologie und Soziologie von Indonesien an der Universität Leiden. Er betrieb Feldforschung auf den indonesischen Mentawai-Inseln und ist Autor einer Vielzahl von Büchern, u. a. über religiöse Vorstellungen und traditionelle Kultur im südostasiatischen Raum.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 12.09.2017

Gelungene Integration
Was Reimar Schefold alles bei den Sakuddei erlebte

In der Ethnologie ist ein neues literarisches Genre entstanden: das Ethno-Memoire. Alt gewordene Vertreter des Faches blicken auf die Zeit ihrer ersten Feldforschungen zurück und gestehen sich dabei ein, wie sehr die Gesellschaft, die sie damals untersuchten, zu einem integralen Bestandteil ihres eigenen Lebens geworden ist. Einen solchen autobiographischen Rückblick hat soeben Reimar Schefold vorgelegt, der langjährige Inhaber des Lehrstuhls für Sozial- und Kulturanthropologie an der niederländischen Universität Leiden.

Als die Hippiebewegung in den Vereinigten Staaten ihren Höhepunkt erreichte, nahm Schefold seine Forschungen bei den Sakuddei auf der Sumatra vorgelagerten Mentawai-Insel Siberut auf. Hier konnte er die kommunitären Lebensformen noch intakt vorfinden, die man damals in den Hippie-Landkommunen künstlich wiederzubeleben versuchte. Obgleich seine älteren Kollegen ihn davor gewarnt hatten, sich Illusionen hinzugeben - im Innern der von tropischem Regenwald bedeckten Insel hatte die Moderne bis dahin kaum Spuren hinterlassen. Zwar galt in Indonesien seit Suhartos Machtergreifung "Fortschritt" im Sinne des westlich-kapitalistischen Entwicklungsmodells als das große Zauberwort.

Selbst auf den abgelegenen Mentawai-Inseln unternahmen die lokalen Regierungsvertreter alles, um die verachteten Ureinwohner zur Aufgabe ihrer "primitiven" Lebensweise zu bewegen. Manchmal griffen sie sogar zu Zwangsmaßnahmen, um sie in kontrollierbarere Gebiete umzusiedeln. Doch die Sakuddei hatten es verstanden, sich ihrem Druck zu entziehen. Wenn sie ihre traditionellen Langhäuser verließen, dann nur, um sie im unzugänglichen Inselinneren neu zu errichten.

Als Schefold 1967 in eine ihrer Siedlungen gelangte, wurde er daher zunächst mit Misstrauen empfangen. Sie hielten ihn für einen Angehörigen der Mission, in der die Regierung einen Bündnispartner in ihrem Kampf gegen die "Rückständigkeit" der Sakuddei sah. Doch merkten sie an seinem Verhalten bald, dass sein Interesse an ihrer Kultur aufrichtig und er alles andere als ein Regierungsagent war. Sie erlaubten ihm, sich in ihrem Dorf niederzulassen. Damit begannen für ihn die eigentlichen Schwierigkeiten. Ohne die Hilfe eines bereits zum Christentum konvertierten Einheimischen aus einem der Küstendörfer, zu dem er eine lebenslange Freundschaft unterhalten sollte, wäre es ihm vermutlich kaum gelungen, in relativ kurzer Zeit ihre Sprache zu erlernen.

Schritt für Schritt findet er sich so schließlich ein in eine ihm zunächst zutiefst fremde Lebens- und Gedankenwelt. Er nimmt an Jagdzügen und großen Festen seiner Gastgeber teil, opfert mit ihnen den Geistern und Ahnen und vertraut sich den Heilkünsten ihrer Schamanen an. Auch wenn es ihn einige Überwindung kostet, glitschige Maden oder Affen zu verspeisen: Je mehr sie ihn als einen der Ihren akzeptieren, desto mehr identifiziert auch er selbst sich mit den Sakuddei. Konflikte mit den Regierungsvertretern und selbst eine drohende Ausweisung nimmt er in Kauf, um sie vor Übergriffen zu schützen. Kurz vor Antritt seiner Rückreise überlegt er sogar, ob er nicht für immer bei ihnen bleiben solle.

Der Bericht des Ethnologen über die einzelnen Etappen seiner Integration liest sich spannender als mancher Abenteuerroman. Stilsicher und mit großem Einfühlungsvermögen geschrieben, entwickelt er vor dem Hintergrund einer tropischen Urwaldlandschaft eine Poetik der Begegnung zwischen den Kulturen.

Den Kontakt zu den Sakuddei hat Schefold auch später nie abreißen lassen. Als er sie 2009, damals bereits Emeritus an seiner Universität, ein letztes Mal besuchte, hatte sich ihre Kultur keineswegs so verändert, wie man es nach einem Zeitraum von vierzig Jahren hätte erwarten können. Die neue regionale Autonomiepolitik seit dem Sturz des Suharto-Regimes trug dazu bei, dass sie ihre überlieferten Lebens- und Religionsformen nicht nur bewahren, sondern sich mit ihrer Hilfe sogar eine profitable Einkommensquelle erschließen konnten. Durch populäre Berichte und Filme über ihren Schamanismus bekannt geworden, sind ihre Siedlungen inzwischen ein beliebtes Ziel für Ethno-Touristen aus aller Welt. Nur mit ihrem Lendenschurz bekleidet, führen sie ihnen in Tänzen, Opferzeremonien und schamanistischen Séancen ihr angestammtes Kulturerbe vor.

Das heißt allerdings nicht, dass sie mit Smartphones weniger vertraut wären als ihre Besucher. Den Strom erzeugen sie mit modernster Solartechnologie. Ihre Kinder besuchen die Schule, einige von ihnen studieren auch an der Universität. Westliche Traditionalisten mögen über den Mangel an Authentizität zwar die Nase rümpfen. Doch können die Sakuddei heute frei darüber bestimmen, wie sie sich zur Moderne und ihren eigenen Überlieferungen verhalten. Wie ihr jahrelanger Gast sind auch sie zu kulturellen Grenzgängern geworden.

KARL-HEINZ KOHL

Reimar Schefold:

"Ein bedrohtes Paradies". Meine Jahre bei den

Sakuddei in Indonesien.

Quintus-Verlag, Berlin 2017. 376 S., geb., 22,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
…mehr