Die Zerbrechlichkeit moderner Gesellschaften - Stehr, Nico
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Gegenwärtig erleben wir den Umbau der traditionellen Industrie- in Wissensgesellschaften. Der gewaltige Bedeutungszuwachs, den Wissen, Wissenschaft und Technik dabei erfahren, muß jedoch nicht zur Bedrohung der individuellen Freiheit durch die Übermacht anonymer Kontroll-, Manipulations- und Repressionsapparate führen. Im Gegenteil: Wissensgesellschaften bieten dem einzelnen erweiterte Handlungsmöglichkeiten, während sie die Macht des Staates und der großen Kollektive eher lähmen. Gerade deshalb sind Wissensgesellschaften zerbrechlich.
Stehr definiert Wissen als die Fähigkeit zu sozialem
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Produktbeschreibung
Gegenwärtig erleben wir den Umbau der traditionellen Industrie- in Wissensgesellschaften. Der gewaltige Bedeutungszuwachs, den Wissen, Wissenschaft und Technik dabei erfahren, muß jedoch nicht zur Bedrohung der individuellen Freiheit durch die Übermacht anonymer Kontroll-, Manipulations- und Repressionsapparate führen. Im Gegenteil: Wissensgesellschaften bieten dem einzelnen erweiterte Handlungsmöglichkeiten, während sie die Macht des Staates und der großen Kollektive eher lähmen. Gerade deshalb sind Wissensgesellschaften zerbrechlich.

Stehr definiert Wissen als die Fähigkeit zu sozialem Handeln, als die Fähigkeit, "etwas in Gang zu setzen". Der Zuwachs an Wissen in Wissensgesellschaften bedeutet eine permanente Steigerung zusätzlicher und erweiterter Handlungsmöglichkeiten. Stehr widerspricht damit allen gesellschaftstheoretischen Positionen, die in Wissenschaft und Technik vorwiegend Kräfte sehen, die die individuelle Freiheit durch erhöhte Kontroll- und Repressionsmöglichkeiten einschränken und bestehende Machtverhältnisse zementieren.

Er kehrt die zentrale These der Dialektik der Aufklärung gewissermaßen um: Wissenschaft und Technik multiplizieren und intensivieren Widerstandsmöglichkeiten gegen die von ihnen selbst ausgelösten Entwicklungen. "Ich möchte deshalb auf ein weitgehend unterschätztes 'Risiko' der wissenschaftlich-technischen Entwicklung verweisen - daß nämlich Wissen ein emanzipatorisches Potential hat."

Inhalt:
Einleitung
1. Die Struktur moderner Gesellschaften
2. Wissensgesellschaften
- Die Entwicklung von Wissensgesellschaften
- Die Gesellschaft der Gesellschaften
3. Wissen über Wissen
- Wissen als Handlungsvermögen
- Kultur und Wissen
- Die Realisierung von Handlungsvermögen
- Zusätzliches Wissen
- Erkenntnis und Information
- Grenzen der Macht der Erkenntnis
- Exkurs: Kapitalformen
4. Fusion durch Auflösung
- Das Nachlassen von Gestaltungsmöglichkeiten
- Der Überfluß sozialer Manipulation
- Exkurs: Herrschaft kraft Wissen
5. Zerbrechliche soziale Strukturen
- Die Welt der post-industriellen Gesellschaft
- Kollektive und individuelle Handlungsmöglichkeiten
- Partizipation und Wissen
6. Die Regierbarkeit von Wissensgesellschaften
- Die blockierte Gesellschaft
- Politik in Wissensgesellschaften
7. Fragmentierung und Homogenisierung des Lebens
- Massengesellschaften
- Die Globalisierung der Welt
- Die Globalisierung in historischer Zeit
- Globalisierung als ungleiche Ausweitung sozialen Handelns
8. Die Überwachung des Wissens
- Wissenspolitik
- Die Regulierung des Wissens
- Die soziale Kontrolle der Erkenntnis in der Wissenschaft
- Die gesellschaftliche Regulierung der Erkenntnis
- Die Virchow-Haeckel Kontroverse
- Die Öffentlichkeit und die Wissenschaft
- Die Entwicklung gesellschaftlicher Kontrollmechanismen
- Wissenshierarchien und -monopole
9. Emanzipation und Wissen
- Macht und Wissen
- Die neuen Risiken des Wissens
- Moderne soziale Bewegungen
- Exkurs: Wissen und Risiko
10. Wissen, Unsicherheit und Kontingenz
- Ausblicke oder: Was offen bleibt

Rezension:
- "[...] liefert der Soziologe Nico Stehr ein differenziertes Bild hochmoderner Gesellschaften, die er durch zwei gegenläufige Tendenzen gekennzeichnet sieht: die "zunehmende Unfähigkeit staatlicher sowie anderer großer gesellschaftlicher Institutionen, [...] zu regieren bzw. ihren Willen durchzusetzen", und zugleich den "Zuwachs an gesellschaftlichem Einfluß und Widerstandsmöglichkeiten kleinerer sozialer Kollektive". [...] Man muß Stehr sicherlich nicht in allem folgen, aber im Gegensatz zu Zygmunt Bauman bleibt er nicht bei einer Verfallsgeschichte der Öffentlichkeit stehen, sondern beschreibt ihren Wandel von einem Ort souveräner Entscheidungen zu einem Raum offener Interaktionen. Die besondere Leistung von Stehr besteht darin, daß er keine Verlustrechnung aufmacht, sondern mit nüchternem Blick die Widersprüchlichkeit der Verhältnisse analysiert." (Die Zeit, 16. November 2000)

  • Produktdetails
  • Verlag: Velbrück
  • 2000.
  • Seitenzahl: 368
  • Deutsch
  • Abmessung: 227mm x 147mm x 28mm
  • Gewicht: 615g
  • ISBN-13: 9783934730182
  • ISBN-10: 3934730183
  • Artikelnr.: 08936808
Autorenporträt
Nico Stehr, geb. 1942, Karl-Mannheim Lehrstuhl für Kulturwissenschaften, Zeppelin Universität Friedrichshafen.
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur ZEIT-Rezension

Kapitalismuskritik - in den 80ern ein Refugium der (ganz) Linken - ist als Bestandteil gesellschaftlicher Zustandsbeschreibungen wieder dick da, wie unter anderem in Ludger Heidbrinks knapper und klarer Besprechung zweier soziologischer Entwürfe zu erfahren ist.
1) Zygmunt Bauman: "Die Krise der Politik"
Bauman liefert, so Heidbrink, eine "schwarze Suada über das Ende des Traums von der guten Gesellschaft". Der vom globalen Markt beherrschte und von der Politik vernachlässigte Mensch tritt die Flucht ins Private an. Heidbrink wundert sich, dass Bauman trotzdem Lösungen anbietet, nämlich "das republikanische Modell aktiver Staatsbürgerschaft, die Bereitstellung eines … Grundeinkommens und die Stärkung autonomer Institutionen". Völlig unklar bleibe allerdings, wie das in der "Diktatur anonymer Mächte" wirksam werden könnte. Baumans Zeitdiagnose ist "widersprüchlich."
2) Nico Stehr: "Die Zerbrechlichkeit moderner Gesellschaften"
Da ist Nico Stehr viel genauer, urteilt Heidbrink. Bei ihm gibt es durchweg ein `sowohl… als auch`: Sowohl ein Abbau von Sicherheit, als auch neue Chancen der Einmischung, weil sich die Wissensgesellschaft unaufhaltsam verbreitet. Anders als Bauman macht Stehr "keine Verlustrechnung auf", sondern analysiert sorgfältig die "Widersprüchlichkeit der Verhältnisse". Am Ende favorisiert Heidbrink dann aber eine eigene Idee: Am ehesten könnte "situative Mikropolitik soziale Kursänderungen bewirken."

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