Die Wirtschaft des Unsichtbaren - Bolz, Norbert
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"Die Wirtschaft des Unsichtbaren ist im Kern eine Wunschökonomie. Der Wunsch ist immer ein blinder Fleck, von dem man nichts weiß. Und mit Mythen ködert man Wünsche, denn mit Mythen kann man die Konsumenten in Kommunikation verstricken." (Norbert Bolz)

Produktbeschreibung
"Die Wirtschaft des Unsichtbaren ist im Kern eine Wunschökonomie. Der Wunsch ist immer ein blinder Fleck, von dem man nichts weiß. Und mit Mythen ködert man Wünsche, denn mit Mythen kann man die Konsumenten in Kommunikation verstricken." (Norbert Bolz)
  • Produktdetails
  • Verlag: Econ
  • Seitenzahl: 240
  • Abmessung: 220mm
  • Gewicht: 431g
  • ISBN-13: 9783430114660
  • ISBN-10: 3430114667
  • Artikelnr.: 23929492
Rezensionen
Besprechung von 28.08.2000
Im Himmel gibt's kein Bier, drum trinken wir es hier
Der letzte Philosoph verkündet die totale Immanenz: Nach Norbert Bolz werden im Zeitalter der Netzwerkabhängigkeit nur noch Marken denken

Die von Jürgen Habermas einst so genannte "Neue Unübersichtlichkeit" hat unter Sozialwissenschaftlern eine wahre Etikettierungswut ausgelöst. Man gab der gegenwärtigen Gesellschaft Namen wie "Postindustrielle Gesellschaft", "Risikogesellschaft", "Erlebnisgesellschaft" oder "Spaßgesellschaft". Doch keiner der Erklärungssätze konnte ihr Wesen je ganz erfassen. Immer erfuhren wir nur, was diese Gesellschaft unter anderem auch ist. "Zur Totalität geschürzt", um es mit einem Ausdruck Adornos zu sagen, entzieht sich die Gesellschaft offenbar gleichzeitig dem Zugriff vor Erkenntnisansprüchen, die aufs Ganze zielen. Und dies gerade in dem Maße, in dem sie Weltgesellschaft wird, postmodernes Universalreich.

Da ist die Verwirrung groß, und zwar nicht nur unter den Soziologen, sondern unter allen in die soziale Ortslosigkeit verbannten Individuen, die sich finden müssen in einer Welt, die sie radikaler denn je auf sich selbst zurückwirft und eben als Individuen zugleich verschwinden läßt unter den massenhaft vorgefertigten Klischeebildern der Medien und des Kommerzes. Das Wesentliche scheint durchgehend unsichtbar zu bleiben, und deshalb gebiert das gesellschaftliche Dasein immer neue Unsicherheiten, mit denen Medien und Wirtschaft jonglieren.

Grund genug also, das neue Buch von Norbert Bolz zu lesen, in dem die "Wirtschaft des Unsichtbaren" erklärt wird. Endlich erfahren wir, daß wir uns glücklich preisen können, in einer Gesellschaft zu leben, in der zwar niemand mehr weiß, wohin er gehört und was mit ihm und durch ihn geschieht, die ihm aber durch perfektes Design und omnipräsentes Sozialtranquillizing zumindest den Schein einer sicheren Existenz bescheren könnte, wenn er sich denn nur rückhaltlos auf das Spielchen einließe, das hier auf der ontologischen Weltbühne zur Aufführung gebracht wird. Und Bolz, ohnehin dafür bekannt, daß er lieber klotzt als kleckert, greift gleich dreimal in die Etikettenkiste und zaubert drei Gesellschaften in einer heraus, nämlich die postkapitalistische Gesellschaft, die Multimedia-Gesellschaft und die Wissensgesellschaft. In der Addition ergibt sich daraus die durchdesignte Oberflächengesellschaft mit unsichtbarer Tiefenstruktur nach dem Modell der komplexitätsreduzierenden Benutzeroberflächen der Computer. Kein Benutzer muß wissen, was im Inneren seiner digitalen Maschine vor sich geht, um mit ihr arbeiten zu können. Und kein Mensch muß sich darüber im klaren sein, in welcher Art von Gesellschaft er lebt. Es genügt völlig, daß er funktioniert und konsumiert.

Die Massenmedien konstruieren Wirklichkeit. Davon hat man bisweilen bereits gehört. Bolz spricht in Abwandlung des Begriffs Kulturindustrie von den Medien als einer "Wirklichkeitsindustrie", die Angst und Erregung schürt und sogleich wieder beschwichtigt. "Massenmedien funktionieren wie Mythen; sie geben ein Bild von den bedrohlichen Mächten der Welt und weben ein Sicherheitsnetz aus Stories." Aufklärung, auch dieser Umstand ist schon länger bekannt, schlägt also in Mythologie zurück. Im Zeitalter des Internets nun breitet diese Mythologisierung sich grenzenlos aus. "Das Internet als Heilsversprechen" transportiert jedoch nicht nur Mythen und Kommunikation als Selbstzweck, "Geschwätz" mithin, wie Bolz überzeugend darlegt, sondern auch Wissen, "die wichtigste Ressource unserer Gesellschaft".

Dieses Wissen jedoch ist kein Wissen konkreter Inhalte, es ist ein Bescheidwissen über Zugänge zum Wissen, über Kommunikation und über "Beziehungen". Man surft über die Oberflächen der Netzwerke und bekommt dort Antworten auf Fragen, die man gar nicht gestellt hat. So hält das Unvorhersehbare Einzug als zukunftsgestaltende Kraft. Der Benutzer findet etwas und weiß erst in diesem Augenblick, daß er gerade diese Information gesucht hat. "Im Klartext geht es um eine Synthese von Broadcasting und Internet - man muß nicht mehr suchen, sondern wird beliefert." Die unsichtbare Hand des Adam Smith waltet unter den benutzerfreundlichen Oberflächen der Netzwerke. "Marktabhängigkeit" heißt heute: "Netzwerkabhängigkeit".

Beziehungsdesign, Lebensstildesign, Wahrnehmungsdesign: die Stilisierung der Objekte der Warenwelt springt auf die Menschen über, Mensch und Ware fallen gewissermaßen zusammen. Bolz' These, das Design sei ein Instrument der Komplexitätsreduktion und der Schaffung von "Sicherheit und Weltvertrauen" und damit der Religion enger verwandt als der Aufklärung, wirft ein Licht auf diesen Sachverhalt. Design produziert Transzendenz als Oberflächengestaltung weltimmanenter Dinge und Menschen. Aber beide kommen von der Immanenz, ihrer materiellen Existenz, nicht los, weshalb sie sich bespiegeln müssen, sich selbst anschauen als sichtbare Repräsentanten des Unsichtbaren. Hier wäre Bolz mit Walter Benjamin zu belehren: "Die gegenständliche Umwelt des Menschen", so Benjamin, "nimmt immer rücksichtsloser den Ausdruck der Ware an. Gleichzeitig geht die Reklame daran, den Warencharakter der Dinge zu überblenden. Der trügerischen Verklärung der Warenwelt widersetzt sich ihre Entstellung ins Allegorische. Die Ware sucht sich selbst ins Gesicht zu sehen. Ihre Menschwerdung feiert sie in der Hure."

Und in der Tat: Das von Bolz gezeichnete Menschenbild hat etwas Hurenhaftes. "Ich bin ein Business." Alle sind tendenziell Dienstleister, und der Erfolg auf dem Multimedia-Strich hängt von der Qualität der Selbstinszenierung ab, von der verführerischen Aura, mit der der einzelne sich zu umgeben versteht. Das Leben bekommt Festivalcharakter, das "große kapitalistische Fest" schlechthin wird alltäglich gefeiert, Alltag wird zur Flucht aus dem Alltag, zum "permanenten Ausnahmezustand". Wer soll das aushalten? An dieser Stelle hinkt der Vergleich des (post-)modernen Menschen mit der Hure, die sich ja durchgehend bewußt bleibt, daß sie sich verkaufen muß, um leben zu können. Für die Bolzschen Menschen hingegen gilt: Sie wissen es nicht, aber sie tun es! Sie nehmen die gestaltete Oberfläche für die Sache selbst.

Man nennt dies traditionellerweise Fetischismus. Der sich selbst als solcher nicht wissende Fetischismus aber kennzeichnet nicht die Hure, sondern den Idioten. Das griechische Wort bezeichnet den einfachen, den gewöhnlichen Menschen, das lateinische den Laien im Gegensatz zum Geistlichen. Und da die meisten Menschen einfach und gewöhnlich sind und Laien im Angesicht der designermäßig gestalteten Oberflächen, können sie nur Idioten sein auf der Suche nach dem Außergewöhnlichen beim alltäglichen Festival der Sinn- und Beziehungsfetische.

Einzigartigkeit, Bolz sagt es mit dankenswerter Offenheit, ist nur als Kopie zu haben. "So muß das Kopieren als Weg zur Einzigkeit gelebt werden. Maßanfertigung als Massenware - nur du trägst diese Jeans." Vom Himmel ist nichts mehr zu erwarten, das Heil war in den Kaufhäusern und Boutiquen, und der Theologe feiert seine Wiedergeburt im Designer, während der Philosoph sich völlig verabschiedet und in Markenimages verschwindet. "In der Wirtschaft des Unsichtbaren werden Marken philosophieren."

Wer allerdings auf der "Datenspur des Willkürgottes" wandelt, dem begegnet auch der leibhaftige Teufel in Gestalt des nicht ausrottbaren Bösen. Ergo muß eine Immanenz-Theodizee her: "die Zulassung des Bösen". Denn das Böse ist ein Katalysator der Innovation im Kampf um die Gunst des immer wieder neu zu erschaffenden, nie völlig faßbaren Dritten, nämlich des Kunden oder Konsumenten. "Menschenfreundlichkeit schadet dem Unternehmen", Zerstörung ist Kreativität, das Motto lautet: "Selbsterhaltung durch Selbstzerstörung". Der von Bolz so genannte "aufgeklärte Kapitalismus" wäre so gesehen eine wahrhaft mephistophelische Veranstaltung: Alles, was entsteht, ist wert, daß es zugrunde geht. "Wirf weg, damit du gewinnst."

Vielleicht läßt sich unsere Gesellschaft wirklich nur noch in Orwellschem Newspeak beschreiben, wo alle Begriffe immer schon ihr Gegenteil bedeuten. Zumindest an manchen Stellen kommt der Leser des Buches in die Versuchung, dem Autor zuzustimmen - so idiotisch das auch immer sein mag, teuflisch mutet es allemal an. Und es wirkt auch konsumfördernd, weil sich nach der Lektüre das kaum unterdrückbare Bedürfnis einstellt, das alles zu vergessen und in aller Ruhe ein Bier trinken zu gehen. Einmal ein König!

JÖRG ULRICH

Norbert Bolz: "Die Wirtschaft des Unsichtbaren". Spiritualität, Kommunikation, Design, Wissen: Die Produktivkräfte des 21. Jahrhunderts. Econ Verlag, München 1999, 240 S., geb., 49,90 DM.

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Jörg Ulrich greift in Zeiten der allgemeinen Verunsicherung zu diesem Buch, in dem er sich Antworten auf die Fragen nach dem "gesellschaftlichen Dasein" des Individuums erhofft. Der Autor biete gleich drei Etiketten an, mit der die Gesellschaft zu bestimmen wäre, nämlich die "postkapitalistische, die Multimedia-Gesellschaft und die Wissensgesellschaft". Er beschreibe die Medien als "Wirklichkeitsindustrie", die gleichzeitig Angst hervorrufe und Beruhigung produziere. Gleichzeitig definiere er Wissen nicht als konkretes Wissen, sondern als ein "Bescheidwissen über Zugänge zum Wissen". Bolz´ Hauptthese, so fasst Ulrich zusammen, ist, dass das "Design ein Instrument der Komplexitätsreduktion" ist, das Sicherheiten schaffen soll und damit an den Platz der Religion rücke. In dieser Konstellation, so der Rezensent, sei natürlich auch das "Böse" nicht weit, das der Autor im "aufgeklärten Kapitalismus" dingfest mache. Bei so viel Bösem fühlt sich Ulrich zum Alkohol gezogen, was ihn aber nach eigener Erkenntnis schon wieder in den Strudel des Konsums zieht.

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