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Die radikalisierte Gesellschaft - Lantermann, Ernst-Dieter
Vergriffen, keine Neuauflage
    Gebundenes Buch

Wir werden immer radikaler. Nicht nur in unseren oft verhängnisvollen Reaktionen auf politische Herausforderungen, sondern auch im Alltag: Wir lassen all unsere Energie in die Körper- und Selbstoptimierung fließen, meinen als Veganer die Welt zu retten oder sondern uns als Reiche in Gated Communities von der Gesellschaft ab. Der Sozialpsychologe Ernst-Dieter Lantermann erforscht seit Jahrzehnten, wie sich Menschen in unsicheren Situationen verhalten. Er fragt nach den Wurzeln des allgegenwärtigen Fanatismus - und nach Möglichkeiten, das vielfach bedrohte Selbstwertgefühl zu stärken.…mehr

Produktbeschreibung
Wir werden immer radikaler. Nicht nur in unseren oft verhängnisvollen Reaktionen auf politische Herausforderungen, sondern auch im Alltag: Wir lassen all unsere Energie in die Körper- und Selbstoptimierung fließen, meinen als Veganer die Welt zu retten oder sondern uns als Reiche in Gated Communities von der Gesellschaft ab. Der Sozialpsychologe Ernst-Dieter Lantermann erforscht seit Jahrzehnten, wie sich Menschen in unsicheren Situationen verhalten. Er fragt nach den Wurzeln des allgegenwärtigen Fanatismus - und nach Möglichkeiten, das vielfach bedrohte Selbstwertgefühl zu stärken.

  • Produktdetails
  • Verlag: Blessing
  • Seitenzahl: 224
  • Erscheinungstermin: 28. September 2016
  • Deutsch
  • Abmessung: 220mm x 143mm x 23mm
  • Gewicht: 401g
  • ISBN-13: 9783896675774
  • ISBN-10: 389667577X
  • Artikelnr.: 44945514
Autorenporträt
Lantermann, Ernst-Dieter§Ernst-Dieter Lantermann war von 1979 bis 2013 Professor für Persönlichkeits- und Sozialpsychologie an der Universität Kassel. Gastprofessuren führten ihn nach Leipzig, Mannheim, Bern und Potsdam. Ernst-Dieter Lantermann ist Autor und Herausgeber zahlreicher Artikel und Fachpublikationen zum Verhältnis von Mensch und Umwelt, Denken und Gefühl , Komplexitätsmanagement etc. Er hat in den vergangenen 15 Jahren bedeutende Studien zum Thema Bewältigungsstrategien von Unsicherheit geleitet und forscht gemeinsam mit dem Soziologen Heinz Bude über Hintergründe und Folgen gesellschaftlicher Exklusion.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 15.10.2016

Wie man ein Fremdenfeind wird

Warum ist es so schwer, sich auf Ungewissheit einzulassen? Ernst-Dieter Lantermann sucht Ursachen für die Radikalisierung der deutschen Gesellschaft.

Von Hannes Hintermeier

Wenn alles ungewiss wird, woher sollen wir dann noch wissen, wer wir sind, was uns im Kern ausmacht und was sich verflüchtigt?" Solche Fragen stellt sich Ernst-Dieter Lantermann, emeritierter Professor für Sozialpsychologie der Universität Kassel. Er war in der nordhessischen Stadt, auf die er erst ganz am Ende des Buches zu sprechen kommt, lange Jahre Protagonist der sogenannten Kasseler Unsicherheitsforschung. Jetzt hat er den ganz breiten Pinsel ausgepackt und ein Gemälde hingeworfen, das ein sehr düsteres Deutschland repräsentiert. "Die radikalisierte Gesellschaft", so der Titel seines Buches, kennt nur Mitglieder, die man wird meiden wollen - Fremdenhasser, Abtreibungsgegner, Fitnessfanatiker, Veganer, Wutbürger.

Alle haben sich oder wurden sie radikalisiert aus einem Bedürfnis nach Sicherheit und haben damit aus Sicht der Autors den falschen Weg eingeschlagen, den der "selbstwertdienlichen Strategien". Dahinter verbergen sich, auf die Fachbegriffe gebracht, " Einkapselung, Zentralreduktion, Verabsolutierung von Zielen". Überall sieht Lantermann solche Veränderungen am Werk. Die dominierende Gefühlslage unserer Tage: Schutzlosigkeit, Angst vor Übergriffen durch Ausländer, vor Wohlstandsverlust, Politikverdrossenheit. Dazu kommt Verrohung allenthalben, Gefühlsmittelalter und der Verlust von gesellschaftlichem Zusammenhalt. Der Verfasser spart mit Zahlen und Fakten, Fallbeispiele sind Mangelware.

Was alle radikalisierten Gruppen eint, ist der Verlust des Selbstwertgefühls, die Unfähigkeit, sich auf Ungewissheit einzulassen, mangelndes Lerninteresse. Mehrere Gruppen haben Lantermann und seine Kollegen ausfindig gemacht, die sich unter dem Rubrum "fremdenfeindlich" subsumieren lassen. Er unterscheidet "verhärtete Selbstgerechte", "Beleidigte", "Verbitterte", "grollende Elite". Diese unterscheiden sich graduell in Bildungsgang, Einkommen, sozialer Schicht, alle aber eint, dass ihnen die Xenophobie (gepaart mit einer diffusen Abneigung gegen Muslime im Allgemeinen) einen vermeintlichen "Sicherheitsgewinn" verschafft, der sich in einem neuen Wir-Gefühl niederschlägt.

Fremdenfeindlichkeit, analysiert der Autor, rechtfertige so Verhaltensweisen, die eigentlich mit den eigenen Werten der Betroffenen gar nicht vereinbar seien. Sie schaffe klare Orientierungen, erleichtere die Vertrauensbildung und hebe schließlich das Selbstwertgefühl, das den Betroffenen nach deren Empfinden "die Gesellschaft" verweigere. Unter Ihresgleichen fiele es ihnen leichter, "ein anständiger Fremdenfeind" zu sein, das verschaffe diesen Menschen "innere" und "soziale Sicherheit". Die Steigerung ist der fanatische Fremdenfeind, dessen Hass sogar körperlich spürbar werde, als "vitale Raserei".

Nach diesem Aufgalopp, der stellenweise mit fachspezifischer Synonymitis und Adjektivseligkeit den Leser wie einen Patienten behandelt, dem man alles dreimal sagen muss, wird das Buch konkreter, indem es von Radikalisierung befallene Teile der Gesellschaft untersucht.

Zunächst geht es um das gebaute Schutzbedürfnis in Wohnfestungen, "gated communities", aber noch sind die Eingezäunten ein Randphänomen in Deutschland. Die Körperoptimierer dagegen sind längst überall, die Fitnesstracker, die Messfanatiker der Körperfunktionen und Laufleistungen. Dass sie zu Tausenden bei Triathlons auftreten, lässt sich der Autor ebenso entgehen wie die Frage, wie sich exzessives Eigendatensammeln aus Angst vor Kontrollverlust mit dem Umstand verträgt, dass die Internetkonzerne und Versicherungen hier kostenlos an intimste Daten gelangen.

Am intensivsten befasst sich Lantermann mit dem Thema Ernährung, die zum Ausdruck eines Lebensstils geworden sei. Hier offenbart schon der Blick zurück auf eine vor fünfzehn Jahren veröffentlichte Sinus-Zielgruppen-Studie, wie sehr sich das Thema Ernährung in den Vordergrund geschoben hat. Zwar kannte die Studie bereits den "öko-moralischen Ernährungsstil" sowie Fast-Food-Konsumenten und ordnete Ersteren dem konservativen und postmateriellen Milieu, Zweiteren den Hedonisten, der experimentierfreudigen Avantgarde und den modernen Überformern zu. Was sie aber nicht kannte, ist heute gängige Münze: Veganer, Fructarier, Flexitarier, Pescetarier, Ovo-Lacto-Vegetarier und immer so weiter.

Nicht "Ich bin, was ich messe", sondern "Ich bin, was ich esse" lautet das weltanschauliche Leitbild. Besonders die Veganer haben es dem Autor angetan, die sich mit Askese gegen die Auswüchse der Überflussgesellschaft stemmen. Unbehagen bereiten ihm die pseudoreligiösen Bekehrungserlebnisse, beinahe eine Art Zutrittsvoraussetzung zu einem Zirkel, der wie die zuvor beschriebenen die Verbindung zu Andersdenkenden radikal kappt - diskutiert wird nicht mehr. Fanatische Veganer führen, so Lantermanns Befund, letztlich alle Übel der Welt zurück "auf die Folgen der weltweiten Tiernutzung".

Dass sich alle beschriebenen Gruppen in der Ablehnung der existierenden Mehrheitsgesellschaft einig sind, versteht sich. Und so dreht sich die Spirale der Polarisierung immer schneller und verschleudert Enthemmung, Hass, Diskursverweigerung. Wer der zunehmenden Komplexität der Welt mit einfachen, radikalen oder gar fanatischen Antworten begegnet, hat die Einsicht verloren, dass man der Welt am besten mit einer aufgeklärten Skepsis gegenübertreten sollte, unter Verzicht auf letzte Gewissheiten, im Bewusstsein, das es "immer nur vorläufige Lösungen" geben kann, "die schon in der näheren Zukunft durch andere Lösungen abgelöst werden".

Am Ende outet sich Lantermann als bekennender Gutmensch, gönnt aber dem Millionenheer von ehrenamtlich tätigen Bürgern, die mit gesundem Menschenverstand durchs Leben gehen, nur noch eine knappe Erwähnung im Abspann. Das ist schade, weil die Zielsetzung seines Buches eigentlich darin besteht, nicht nur die seelischen Mechanismen der Radikalisierung zu erklären, sondern Hebel zu offerieren, mit dem die Tür zu einem Dialog wieder geöffnet werden könnte. Der im Untertitel versprochenen "Logik des Fanatismus" folgend, steht zu befürchten, dass Radikalisierte weder das Buch noch dessen Dialogangebot zur Kenntnis nehmen werden.

Ernst-Dieter Lantermann: "Die radikalisierte Gesellschaft". Von der Logik des Fanatismus.

Karl Blessing Verlag, München 2016. 223 S., geb., 19,99 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Rezensent Hannes Hintermeier liest die Ausführungen des emeritierten Sozialpsychologieprofessors Ernst-Dieter Lantermann mit Schrecken. So düster, wie der Autor unsere Gesellschaft "mit breitem Pinsel" malt, eine Gesellschaft aus Frauenhassern, Xenophoben, Abtreibungsgegnern, Veganern und Wutbürgern, ist sie dann doch nicht, findet Hintermeier. Auch vermisst er Daten, Fallbeispiele und Fakten, wenn der Autor gegen Fanatiker aller Couleur zu Feld zieht. Das Gesprächsangebot, das der Autor nach Meinung des Rezensenten mit seinem Buch eigentlich machen möchte, findet auf die Art höchstwahrscheinlich keinen Adressaten, vermutet Hintermeier.

© Perlentaucher Medien GmbH
"Ernst-Dieter Lantermann hat zum richtigen Zeitpunkt ein sehr interessantes Buch geschrieben." Katty Salié, ZDF Aspekte