Die neuen Weltbürger - Zachary, G. P.
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Produktdetails
  • Verlag: Econ
  • Seitenzahl: 447
  • Abmessung: 220mm
  • Gewicht: 708g
  • ISBN-13: 9783430199056
  • ISBN-10: 3430199050
  • Artikelnr.: 24471918
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Joachim Becker bezeichnet diesen Band als ein "ungewöhnlich interessantes und bewegendes Buch", dass er jedem, der sich in irgendeiner Form an der Diskussion um Zuwanderung beteiligt, dringend ans Herz legen will. Der Autor vertrete im wesentlichen die These, dass die Verschmelzung verschiedener ethnischer Gruppen zu einem Kreativitäts- und Innovationsschub in dem betreffenden Land führe und damit zu einer neuen ökonomischen Stärke. Becker betont jedoch, dass Zachary die multikulturelle Gesellschaft eindeutig ablehnt, vielmehr sei er auf Überwindung der Unterschiede aus. Besonders die Passagen über die Situation in Deutschland findet der Rezensent überaus anregend, etwa wenn der Autor darauf zu sprechen kommt, dass man sich hierzulande kaum für "Hochbegabungen aus dem Ausland" interessiere, stattdessen jedoch gering qualifizierten Ausländern die Zuwanderung gestatte, die letztlich eine "wirtschaftliche Belastung" darstellten. Becker lobt darüber hinaus die immense Materialfülle dieses "eigentümlichen" Buchs. Lediglich den journalistischen Jargon, mit dem Zachary gelegentlich zu "Zuspitzungen" neige, findet der Rezensent bisweilen ein wenig übertrieben.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 07.02.2001
Mit doppeltem Bewußtsein
Ein bewegendes Buch zur Einwanderungsdebatte

G. Pascal Zachary: Die neuen Weltbürger. Einwanderungsgesellschaften gehört die Zukunft. Aus dem Amerikanischen von Thorsten Schmidt. Econ Verlag, München 2000. 448 Seiten, 48,- Mark.

Es ist eine eigentümliche, zwiespältig geschriebene Studie über die Notwendigkeit von Einwanderung, Verschmelzung von ethnischen Gruppen und ihre Konsequenzen auf Modernität und Wohlstand einer Gesellschaft. Der Autor, ein in London lebender amerikanischer Journalist, ist der Sohn eines italienischen Vaters und einer jüdischen Mutter russischer und polnischer Abstammung; seine Frau ist eine katholische Irin. Er hat einen klaren Standpunkt: "Ich bin ein Humanist und liebe die Vermischung." Seine These lautet, daß die "Bastardierung" zwischen fünftausend ethnischen Gruppen und die Kombination von Kombinationen eine Vielfalt menschlicher Kreativität erzeuge, die die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit und den Wohlstand einer Nation fördere.

"Somit ist der Bastard derjenige, der die Kategorien sprengt, und der Urheber von Innovation, Wagemut und Toleranz." Zachary meint, daß die Homogenität einer Gesellschaft Stillstand bewirke, während Bastardierung oder Hybridität für Innovation sorge. Daraus zieht er den Schluß, daß sich die reichen Nationen drei einander verbundenen Herausforderungen stellen müßten. Erstens sollten sie entscheiden, welche Art von Vielfalt sie wollen. Zweitens müßten sie die gesellschaftlichen Bindungen auf eine neue Grundlage stellen. Drittens müßten sie ein hohes Maß an Vermischung erreichen, ohne den sozialen Frieden zu gefährden.

Die multikulturelle Gesellschaft lehnt Zachary übrigens ab, weil sie darauf abziele, ethnische Gemeinschaften in einer vorherrschenden Gesellschaft zu bewahren. Er aber will diese Differenzen überwinden, indem er Grenzüberschreitern Wurzeln und Flügel zumißt, die Quelle von Sicherung und Überraschung. Daraus leitet er die einfache Formel ab: Hybridität (also Vermischung) und sozialer Zusammenhalt ist gleich nationale Macht.

Dem deutschen Leser muß es schwerfallen, sich unbefangen mit dieser Terminologie Zacharys anzufreunden. Er schreibt: "Ein Hurra den Hybriden! Ein Hoch auf den Bastard. Ein Halleluja für den neuen Weltbürger." Wenn man aber diese journalistischen Zuspitzungen einmal außer acht läßt, so breitet Zachary eine außerordentliche Fülle aktuellen Materials aus, das das Verständnis über Einwanderung und ihre Folgen befördert: neue Formen von Identitäten, Zusammenhang zwischen Vielfalt, Kreativität und ökonomischer Stärke, ethnische Vielfalt und nationale Einheit, Zusammensetzung des internationalen Führungspersonals sowie Schwächen und Grenzen des neuen Weltbürgers.

Angesichts der deutschen Diskussion über die beabsichtigte Regelung der Zuwanderung sind die Bewertungen zur Entwicklung der deutschen Gesellschaft besonders lesenswert. Sein Einwand gegen die bisherige deutsche Entwicklung ist, daß in der Aufnahme von Zuwanderern keine Chance gesehen werde, Deutschland zu erneuern.

Unter Bezugnahme auf die deutsche Soziologin Birgit Brandt meint Zachary, das Verhältnis in Deutschland zu den Zuwanderern pendele zwischen Mitleid und Geringschätzung. Der deutschen Wirtschaft gelinge es nicht, hochkarätige ausländische Fachkräfte anzulocken. Deutschland leide vielmehr daran, daß hochqualifizierte Deutsche zunehmend ins Ausland abwanderten. Die Attraktivität der deutschen Hochschulen auf ausländische Studenten sei gesunken. Die Bundesrepublik werbe eben nicht um Hochbegabungen aus dem Ausland, weil die deutsche Elite sich diesem Wettbewerb einfach nicht stellen wolle. So biete Deutschland lediglich den unteren Schichten von Einwanderern, die überwiegend eine Belastung seien, nur einen Wohnsitz an.

"Im Gegensatz zu Kanada, das Einwanderungsquoten weitgehend nach dem potentiellen wirtschaftlichen Nutzen festlegt, vergrößert Deutschland sehenden Auges seine wirtschaftliche Belastung, indem es hauptsächlich diejenigen aufnimmt, die am schlechtesten für den Arbeitsmarkt qualifiziert sind."

Es stimmt schon, daß in Deutschland kein einziger Gesellschaftstheoretiker die Bedeutung flexibler Identitäten für den gesellschaftlichen Zusammenhalt erfaßt hat. Deutschland setzt bisher auf Integration, also eine Form der Anpassung, oder auf eine Art Diaspora, wo die Einwanderer auf die Rückkehr in ihr Heimatland warten. Der Autor beklagt, daß kaum jemand in Deutschland sich vorstellen könne, daß es Menschen mit einem doppelten Bewußtsein gebe, wie es Hybriden auszeichne, die für die Weiterentwicklung von Gesellschaften besonders wichtig und wertvoll seien.

Zentrales Problem sei auch, daß die Neudefinition eines Deutschtums gescheitert sei. So entsteht eine Fülle von Fragen: Welche Gesetze fördern die Assimilation an die "Leitkultur", ohne die Identität von Minderheiten zu untergraben? Welche Gesetze übertreiben den "Schutz" ethnischer Gruppen, so daß deren Angehörige Ressentiments gegenüber der dominanten gesellschaftlichen Mehrheit entwickeln, sich ausgegrenzt fühlen und abkapseln? Wie beurteilen die Multikulturalisten die Verwischung der Grenzen zwischen ethnischen Gruppen, die einst als unauflöslich galten? Sind sie der Meinung, daß diejenigen, die die Grenzen überwinden, ihrem eigenen "Volk" den Rücken kehren? Hinter all diesen Fragen steht ein gesellschaftliches Theorem, wonach aus den kulturellen Unterschieden gerade Kräfte gesellschaftlicher Erneuerung entstehen. Nachdem sich früher die gesellschaftliche Dynamik im wesentlichen aus der Überwindung sozialer Grenzen ergeben habe, steht hier wohl der Gedanke Pate, daß aus den jeweiligen kulturellen Unterschieden der Prozeß der Erneuerung gespeist wurde.

Im Epilog wird der Verfasser allerdings ein wenig milde. Unter Bezugnahme auf ein Gespräch mit dem amerikanischen Historiker William McNeill räumt er ein, daß bei Annahmen von Vielfalt ein gewisses Maß an psychischer Geborgenheit und gesellschaftlichem Zusammenhalt zugunsten von Innovation und dem Reiz des Neuen aufgehen würde. Dies könne tendenziell den gesellschaftlichen Zusammenhang schwächen und ab einem bestimmten Punkt, den niemand bestimmen könne, kontraproduktiv werden. Ein ungewöhnlich interessantes und bewegendes Buch. Seine Lektüre ist für alle, die sich an der Einwanderungsdebatte beteiligen, unerläßlich.

JOACHIM BECKER

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