Der Tyrann - Greenblatt, Stephen
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Was uns Shakespeare über Trump, Putin und Co. verrät
Wie kann es sein, dass eine große Nation in die Hände eines Tyrannen fällt? Warum akzeptieren die Menschen die Lügen eines Mannes, der ihrem Land so offensichtlich schadet? Und gibt es eine Chance, den Tyrannen zu stoppen, ehe es zu spät ist? In seinen Dramen - von "Richard III." bis "Julius Cäsar" - hat sich William Shakespeare immer wieder mit diesen Fragen beschäftigt und vom Aufstieg der Tyrannen, von ihrer Herrschaft und ihrem Niedergang erzählt. Stephen Greenblatt, einer der renommiertesten Shakespeare-Experten unserer Zeit, zeigt…mehr

Produktbeschreibung
Was uns Shakespeare über Trump, Putin und Co. verrät

Wie kann es sein, dass eine große Nation in die Hände eines Tyrannen fällt? Warum akzeptieren die Menschen die Lügen eines Mannes, der ihrem Land so offensichtlich schadet? Und gibt es eine Chance, den Tyrannen zu stoppen, ehe es zu spät ist? In seinen Dramen - von "Richard III." bis "Julius Cäsar" - hat sich William Shakespeare immer wieder mit diesen Fragen beschäftigt und vom Aufstieg der Tyrannen, von ihrer Herrschaft und ihrem Niedergang erzählt. Stephen Greenblatt, einer der renommiertesten Shakespeare-Experten unserer Zeit, zeigt uns, wie präzise und anschaulich der Dichter aus Stratford das Wesen der Tyrannei eingefangen hat - und wie erschreckend aktuell uns dies heute erscheint.

  • Produktdetails
  • Verlag: Siedler
  • Originaltitel: Tyrant
  • 4. Aufl.
  • Seitenzahl: 219
  • Erscheinungstermin: 17. September 2018
  • Deutsch
  • Abmessung: 221mm x 144mm x 25mm
  • Gewicht: 402g
  • ISBN-13: 9783827501189
  • ISBN-10: 3827501180
  • Artikelnr.: 52390475
Autorenporträt
Greenblatt, Stephen
Stephen Greenblatt ist Professor für Englische und Amerikanische Literatur und Sprache an der Harvard Universität. Er ist einer der angesehensten Forscher zu Shakespeares Werk sowie zur Kultur und Literatur in der Renaissance. Greenblatt ist Herausgeber der Norton Anthology of English Literature sowie Autor mehrerer Bücher, darunter die hochgelobte Shakespeare-Biographie Will in der Welt (2004). Für seine Arbeit wurde er mit zahlreichen Preisen geehrt, u.a. mit dem National Book Award und dem Pulitzerpreis für sein Werk Die Wende (2012). Bei Siedler erschien zuletzt Die Geschichte von Adam und Eva. Der mächtigste Mythos der Menschheit (2018).
Rezensionen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 30.10.2018

Der unmögliche Aufstieg des Soziopathen
In seinem Widerwillen gegen Donald Trump liest der große Literaturwissenschaftler Stephen Greenblatt noch einmal Shakespeare
und entwickelt eine Typologie der Tyrannen – Verstand und Bildung bleiben dabei auf der Strecke
VON THOMAS STEINFELD
Im Oktober 2016, wenige Wochen vor den Wahlen, die Donald Trump zum Präsidenten der Vereinigten Staaten machten, schrieb der Literaturwissenschaftler Stephen Greenblatt einen Essay für die New York Times. Er handelte von William Shakespeare, dem Schriftsteller, dem Greenblatt einen großen Teil seines Œuvres gewidmet hatte, genauer: von Shakespeares frühem Drama „Richard III.“, der Geschichte eines missgestalteten, in jeder Beziehung abstoßenden Fürsten, der mit erbarmungsloser Systematik alle scheinbar überlegenen Gegenspieler vernichtet, bis er selbst König wird – was er dann aber nur kurze Zeit bleibt.
„Wie konnte es dazu kommen, dass ein großartiges Land am Ende von einem Soziopathen regiert wird“, lautet die Frage, die den Essay einleitet. Er schließt mit einer Aufforderung an die Leser der Zeitung: „Shakespeares Worte besitzen die unheimliche Fähigkeit, über ihren ursprünglichen Ort und seine Zeit zu wirken und uns unmittelbar anzusprechen. Seit je haben wir ihn zurate gezogen, in Zeiten der Unsicherheit und Gefahr, wenn es um die tiefsten menschlichen Wahrheiten ging. So ist es auch gegenwärtig. Glauben Sie nicht, dass nichts passieren kann. Schweigen Sie nicht, vergeuden Sie nicht Ihre Stimme.“
Einen so großen Eindruck machte der Essay, dass Stephen Greenblatt ihn, nachdem die Wahl verloren war, zu einem Buch ausweitete, dem er den Titel „Der Tyrann“ gab. Darin geht es nicht nur um „Richard III.“, sondern um etliche Werke William Shakespeares, von „Heinrich IV.“ über „Macbeth“ bis zum „Wintermärchen“. Ihnen gemein ist das Thema der Gewaltherrschaft, und aus seiner Behandlung sucht Stephen Greenblatt eine Typologie der Tyrannei abzuleiten.
Dazu gehört etwa eine Klassifikation der Anpassung an den ungerechten Herrscher: Eine Gruppe von Menschen gebe es, sagt der Literaturwissenschaftler, die glaubten, Richard sei eine so groteske Gestalt, dass sie seinen Aufstieg für unmöglich hielten und stattdessen erwarteten, dass alles so bleibe, wie es ist. Eine zweite Gruppe hält es nicht für möglich, dass Richard tatsächlich so böse sei, wie er erscheint. „Zur Leiche mache ich den, der nicht gehorcht“, sagt Richard, und die dritte Gruppe fürchtet sich. Eine vierte Gruppe hofft, den Aufstieg des neuen Tyrannen für eigene Zwecke nutzen zu können. Und die letzte, fünfte Gruppe denkt, aus dem blutigen Spektakel den Stoff für eine zynische Unterhaltung ziehen zu können.
„Dem aufstrebenden Tyrannen fehlt es nie an solchen Leuten, weder bei Shakespeare noch, soweit ich sehe, im wirklichen Leben“, erklärt Stephen Greenblatt, und es kann keinen Zweifel geben, wie dieser Kommentar zu verstehen ist: als Erläuterung zur Karriere Donald Trumps. Aber was ist gewonnen, wenn man sagen kann, Shakespeare habe so viel von der Macht verstanden, dass er den 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten habe kommen sehen? Was mehr als eine Bestätigung für die schlechten Meinungen, die man sowieso zu diesem Mann hegt?
Stephen Greenblatt ist ein bedeutender Literaturwissenschaftler. In den Achtzigern war er maßgeblich an der Entstehung einer Lehre beteiligt, „New Historicism“ genannt, die einen literarischen Text so lange und gründlich in seinen Verhältnissen zum Alltagsleben, zu Politik, Ökonomie und Kultur seiner Zeit betrachtete, bis dieser Text Erkenntnisse freigab, die nicht einmal (und insbesondere nicht) sein Autor erwartet hätte. Er schrieb eine populäre und vielleicht allzu schlichte Geschichte der Renaissance („Die Wende“), für die er im Jahr 2012 den Pulitzer-Preis erhielt. Und er hat etwas über Shakespeares Tyrannen zu sagen – nein, er hat etwas über die Gefolgsleute, die Höflinge und Mitmacher zu sagen, die den Aufstieg eines Tyrannen ermöglichen. Das Kapitel über die „Ermöglicher“, dem der Essay für die New York Times zugrunde liegt, ist gewiss der beste Teil des Buches, und zwar vor allem in den Passagen, in denen Stephen Greenblatt erklärt, warum Richard sich, all seinen Gewalttaten zum Trotz, am Ende zum König wählen (!) lässt: weil die Untertanen sich durch ihn befreit sehen, nicht trotz, sondern wegen seiner Skrupellosigkeit.
Wenn Stephen Greenblatt nun erläutert, wie Shakespeare seine Tyrannen anlegt, deren Umgebung eingeschlossen, tut er das auf eine Weise, die Analogieschlüsse nicht nur nahelegt, sondern geradezu aufdrängt. „Das Erste was wir tun, wir bringen alle Rechtsverdreher um“, ruft eine Stimme aus dem Pöbel, nachdem Jack Cade, der Aufrührer im zweiten Teil des Dramas „Heinrich IV.“ eine flammende Rede gehalten hat. In dieser Ansprache habe Cade, so Greenblatt, versprochen, „England wieder groß zu machen“ (im Original: „to make England great again“).
Und wenn der Heerführer Coriolan, der Protagonist eines der späten Theaterstücke Shakespeares, Rom verlässt, um aus verletztem Stolz gemeinsame Sache mit dem Feind, den Volskern, zu machen, meint der Literaturwissenschaftler: „Es ist, als würde der Führer einer Partei, die sich schon lange dem Hass auf Russland verschrieben hat – mit ständigem Säbelrasseln und Verratsvorwürfen gegen politische Rivalen –, heimlich nach Moskau fahren und dem Kreml seine Dienste anbieten.“ Aber die Parallelen gehen nicht auf: Coriolan ist ein Soldat, unbeherrscht und voller Klassenstolz gewiss, rücksichtslos gegenüber anderen, aber auch gegenüber sich selbst. Seine Tapferkeit ist groß, seine Aufrichtigkeit nicht minder: Und aus dieser Gestalt soll sich eine Analogie zu Donald Trump ergeben?
Und wie ist es mit Macbeth, einer weiteren Figur, die zur Illustration eines verwerflichen Präsidenten herangezogen wird: Liegt die dramaturgische Kraft dieser Gestalt nicht in ihrer psychologischen Entwicklung, vom treuen Diener König Duncans zum ruchlosen Mörder? Wo und wie hätte man eine solche Verwandlung bei Donald Trump wahrnehmen können?
So kommt es, dass es am Ende nicht Shakespeare ist, der hilft, Donald Trump zu erklären. Stattdessen ist es Donald Trump, der, in der Manier schlechter deutscher Stadttheater, gleichsam retroaktiv in die Dramenfiguren einwandert. Und so kommt es, dass Greenblatt alles vergisst, was er in der Literaturwissenschaft als Ausweitung und Verfeinerung des methodischen Apparats entwickelte, und in einen Stand dieser Disziplin zurückfällt, der spätestens seit den Sechzigern hoffnungslos überholt ist: in einen schlichten Biografismus, in dem angebliche Merkmale des Werks unmittelbar in Charaktereigenschaften des Autors übertragen werden. Shakespeare, behauptet Greenblatt, habe „unter den Grundbesitzern seiner Zeit eine große Verachtung für die Massen und für die Demokratie als praktikable politische Möglichkeit“ erkannt. Für die „Demokratie“, tatsächlich, „als praktikable politische Möglichkeit“? Sie dürfte Shakespeares Vorstellungen von der Welt ferner gewesen sein als die Besiedlung des Mondes.
Stephen Greenblatts Buch vom Tyrannen ist das Dokument eines so großen Widerwillens gegen den immerhin gewählten amerikanischen Präsidenten, dass darüber Verstand und Bildung auf der Strecke bleiben. Der Auseinandersetzung mit dessen populistischer Herrschaft nützt es damit ebenso wenig wie der Literaturgeschichte.
Einige halten es nicht für
möglich, dass Richard
tatsächlich so böse ist
Angebliche Merkmale des Werks
werden in Charaktereigenschaften
des Autors übertragen
„Shakespeares Worte besitzen die unheimliche Fähigkeit, über ihren ursprünglichen Ort und seine Zeit zu wirken und uns unmittelbar anzusprechen. Seit je haben wir ihn zurate gezogen, in Zeiten der Unsicherheit und Gefahr …“, schreibt Stephen Greenblatt.– 1955 verfilmte Laurence Olivier „Richard III.“ und spielte den Titelschurken.
Foto: London Film s
Stephen Greenblatt:
Der Tyrann. Shakespeares Machtkunde für das 21. Jahrhundert. Aus dem Englischen von Martin Richter. Siedler Verlag, München 2018.
228 Seiten, 20 Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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»Shakespeares Worte reichen weit über ihre Entstehungszeit hinaus. Sie sprechen uns direkt an. In bedrohlichen, verwirrenden Zeiten können wir uns auch heute noch an Shakespeare wenden und fundamentale menschliche Wahrheiten bei ihm finden. Wie diese: Glaubt nicht, so etwas kann nicht passieren. Schweigt nicht. Nutzt eure Wählerstimme.« Stephen Greenblatt