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Produktdetails
  • Verlag: Kiepenheuer & Witsch
  • Deutsch
  • Abmessung: 22 cm
  • Gewicht: 623g
  • ISBN-13: 9783462039795
  • ISBN-10: 3462039792
  • Artikelnr.: 23274524
Autorenporträt
Harald Schumann, Jahrgang 1957, Studium Sozialwissenschaften und Landschaftsplanung, Abschluss als Dipl.-Ingenieur. Journalistische Stationen bei tageszeitung, Spiegel und Morgen, 1992-2004 Redakteur im Berliner Büro des Spiegel und Ressortleiter Politik bei Spiegel Online, seit Oktober 2004 Redakteur für besondere Aufgaben beim Tagesspiegel.
Rezensionen
Besprechung von 11.08.2008
Dialektik der Globalisierung
Die Probleme der Welt sind groß und klein zugleich

Es gibt drei Möglichkeiten, über Globalisierung zu schreiben: erstens als Streitschrift für oder - zumeist - gegen die Globalisierung (selten erhellend). Zweitens als systematische und einigermaßen neutrale Aufarbeitung des Themas (selten vorliegend) oder drittens als dialektischen Prozess. Die Journalisten Harald Schumann und Christiane Grefe haben sich für die Dialektik entschieden.

Die Probleme der Welt sind groß und klein zugleich. Weshalb? Es kommt darauf an, innerhalb welchen Bezugrahmens man sie betrachtet. Das Problem der weltweiten Armut ist groß gemessen an der Gesamtbevölkerung. Kleiner wird das Problem gemessen am Zustand vor fünfzig oder zehn Jahren. So sind allein von 1999 bis 2004 "rund 135 Millionen Menschen der Armut entkommen", wie die Autoren im letzten Kapitel "Die vergessenen Erfolge der Weltgemeinschaft" schreiben.

Weiter vorne ist dagegen die Dramatik zu Hause. Ohne eine "wirkliche Weltgesellschaft" drohe der Dritte Weltkrieg. Die Gründe für diese Entwicklung "globalisiert in den Abgrund" sind unter anderem Finanzkrise durch unregulierte Investmentgesellschaften, Ungleichverteilung der weltweiten Ressourcen, Klimawandel und Atomkraft. Das Problem ist groß: "Der Mensch steht am Scheideweg" - wann, möchte man einwerfen, stand er dort nicht in den letzten 100 Jahren? -, aber wenig später folgt schon die Entwarnung: "Für alle genannten Probleme gibt es machbare Lösungen" (das Problem ist klein).

Diese Lösungen ließen sich freilich nur durchsetzen, wenn sich den heutigen rund 100 Millionen Mitgliedern der weltweiten Zivilgesellschaft noch viele weitere anschließen. Diese sollten nach Ansicht der beiden Autoren zum Beispiel dafür kämpfen, dass Energie ohne Kohle und Atomkraft auskommt und durch Kraft-Wärme-Kopplungen in dezentralen Heizkraftwerken gewonnen wird. Damit lassen sich 80 Millionen Tonnen Kohlendioxid im Jahr einsparen. Richtig. Gleichzeitig würde - und das verschweigen die Autoren - der sonstige Schadstoffausstoß (Stickstoff, Ruß) um einen hohen Faktor vervielfacht.

Außerdem ist fraglich, ob ein Industrieland allein von regenerativen Energien betrieben werden könnte; die frühere grüne Parlamentarische Umwelt-Staatssekretärin Margareta Wolf hält das inzwischen für "Volksverdummung". Der frühere hessische Landesvorsitzende der Grünen, Hubert Kleinert, fordert eine "rationale Atomdebatte". Und der Oberbürgermeister von Tübingen, Boris Palmer (Die Grünen), setzt sich für den Bau eines Kohlekraftwerkes ein. Aber was besagt oder belegt all das? Auch Grüne können irren.

Die beiden Autoren kritisieren zu Recht das "Denken in Lagern, Allianzen und ideologischen Fronten", verzichten aber selbst nicht darauf, von "konservativen Politikern", "konservativen Medien", "konservativen Mittelstandsbankern" oder "neoliberaler Kahlschlagpolitik gegen den Wohlfahrtsstaat" zu sprechen - oft, um einen Argumentationsersatz zu haben oder, dialektisch umgekehrt, gar eine Argumentationsverstärkung: Denn wenn schon der konservative Politiker höhere Löhne verlangt, muss das wohl richtig sein. Dialektik vom Feinsten. Das Buch von Schumann und Grefe ist groß im Vergleich zu vielen anderen Büchern über die Globalisierung; klein ist es im Vergleich zu dem, was man angesichts der Wichtigkeit und Komplexität des Themas erwartet hätte.

JOCHEN ZENTHÖFER

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Besprechung von 31.07.2008
Sachbücher des Monats August
Empfohlen werden nach einer monatlich erstellten Rangliste Bücher der Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften sowie angrenzender Gebiete.
1. ECKARD KLESSMANN: Universitätsmamsellen. Fünf aufgeklärte Frauen zwischen Rokoko, Revolution und Romantik. Eichborn Verlag (Die Andere Bibliothek), 339 Seiten, 32 Euro.
2. JAN PHILIPP REEMTSMA: Vertrauen und Gewalt. Versuch über eine besondere Konstellation der Moderne. Hamburger Edition, 576 Seiten, 30 Euro.
3. JOSEF KOUDELKA: Invasion Prag 1968. Mit Texten von Jiri Hoppe, Jiri Suk, Jaroslav Cuhra. Verlag Schirmer/Mosel, 296 S., 248 Fotos, 49,80 Euro.
4.-5. JOCHEN KÖHLER: Helmuth James Moltke. Geschichte einer Kindheit und Jugend, Rowohlt Verlag, 400 Seiten, 22,90 Euro.
ROLF D. MÜLLER (Hrsg.): Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, Band 10/1: Der Zusammenbruch des Deutschen Reiches 1945. Die militärische Niederwerfung der deutschen Wehrmacht; Band 10/2: Der Zusammenbruch des Deutschen Reiches 1945. Die Folgen des Zweiten Weltkrieges. Deutsche Verlags-Anstalt, 986 u. 800 Seiten, je Band 49,80 Euro.
6. SASKIA SASSEN: Das Paradox des Nationalen. Herausgegeben von Ulrich Beck. Übersetzt von Nikolaus Gramm, Suhrkamp Verlag, 735 Seiten, 36,80 Euro.
7.-8. CHRISTIAN LINDER: Der Bahnhof von Finnentrop. Eine Reise ins Carl Schmitt Land. Verlag Matthes & Seitz, 448 Seiten, 34,90 Euro.
HARALD SCHUMANN, CHRISTIANE GREFE: Der globale Countdown. Gerechtigkeit oder Selbstzerstörung. Die Zukunft der Globalisierung. Verlag Kiepenheuer & Witsch, 464 Seiten, 19,95 Euro.
9.-10. WOLF GRUNER: Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945. Hrsg. im Auftrag des Bundesarchivs, des Instituts für Zeitgeschichte und des Lehrstuhls für Neuere und Neueste Geschichte an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, Band 1: Deutsches Reich 1933 – 1937. Oldenbourg Verlag, 811 Seiten, 59,80 Euro.
PHILIPP GUT: Thomas Manns Idee einer deutschen Kultur. S. Fischer Verlag, 448 Seiten, 22,90 Euro.
Besondere Empfehlung des Monats August 2008 von Jörg Dieter Kogel: ANDRE MEINUNGER: Sick of Sick? Ein Streifzug durch die Sprache als Antwort auf den „Zwiebelfisch”. Kulturverlag Kadmos, 176 Seiten, 12,80 Euro.
Die Jury: Rainer Blasius, Eike Gebhardt, Fritz Göttler, Wolfgang Hagen, Daniel Haufler, Otto Kallscheuer, Matthias Kamann, Petra Kammann, Guido Kalberer, Elisabeth Kiderlen, Jörg-Dieter Kogel, Hans Martin Lohmann, Ludger Lütkehaus, Herfried Münkler, Wolfgang Ritschl, Florian Rötzer, Johannes Saltzwedel, Albert von Schirnding, Norbert Seitz, Eberhard Sens, Hilal Sezgin, Volker Ullrich, Andreas Wang, Uwe Justus Wenzel.
Redaktion: Andreas Wang (NDR Kultur)
Die nächste SZ/NDR/BuchJournal-
Liste der Sachbücher des Monats erscheint am 30. August.
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Perlentaucher-Notiz zur TAZ-Rezension

Ein "aufrüttelndes Werk" erblickt Rezensent Felix Lee in Harald Schumanns und Christiane Grefes Buch über die Lage der Welt. Ebenso eindringlich wie überzeugend führen die Autoren für ihn vor Augen, wie die Globalisierung die Mehrheit der Menschen zu Verlierern gemacht hat. Das Buch zeichne sich durch Aktualität, Faktenreichtum, umfangreiche Recherchen und eingehende Analysen aus. Dabei behandelten die Autoren Themen wie die Entfesselung der Finanzwirtschaft, das Versäumnis demokratischer Kontrolle des Wirtschaftsgeschehens, die zunehmende soziale Spaltung, Massenarmut und den Klimawandel. Deutlich wird für Lee auch, dass die Suche nach einem Sündenbock in nationalstaatlichen Kategorien heute nicht mehr funktioniert. Besonders hebt er hervor, dass Schumann und Grefe auch sehr bedenkenswerte Vorschläge machen, wie eine "bessere" Welt aussehen könnte.

© Perlentaucher Medien GmbH