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Im 20. Jahrhundert gab es drei "sexuelle Revolutionen", doch wie sexuelle Freiheit aussieht, wissen wir immer noch nicht. Wir wünschen uns, dass die Masken fallen und das Leben beginnt, doch das sexuelle Elend hält an. Volkmar Sigusch zeigt zum ersten Mal im Zusammenhang, wie kritische Sexualwissenschaft politisch darum kämpft, das sexuelle Elend zu mildern, Gewalt und Missbrauch zu verhindern, Menschenrechte für alle Sexualitäten und Geschlechter zu installieren. Er macht deutlich, welche Probleme nach wie vor oder neuerdings auf den Nägeln brennen. Die Palette reicht vom Kindesmissbrauch…mehr

Produktbeschreibung
Im 20. Jahrhundert gab es drei "sexuelle Revolutionen", doch wie sexuelle Freiheit aussieht, wissen wir immer noch nicht. Wir wünschen uns, dass die Masken fallen und das Leben beginnt, doch das sexuelle Elend hält an. Volkmar Sigusch zeigt zum ersten Mal im Zusammenhang, wie kritische Sexualwissenschaft politisch darum kämpft, das sexuelle Elend zu mildern, Gewalt und Missbrauch zu verhindern, Menschenrechte für alle Sexualitäten und Geschlechter zu installieren. Er macht deutlich, welche Probleme nach wie vor oder neuerdings auf den Nägeln brennen. Die Palette reicht vom Kindesmissbrauch durch Vertrauenspersonen wie Pädagogen und Priester über die Lage der Homosexuellen zwischen Emanzipation und Verfolgung bis hin zu Neosexualitäten wie Bisexualität, Transsexualität,
Asexualität - und nicht zuletzt dem ganz "normalen" Liebesleben. Blicke zurück auf die 68er-Revolte und den Einbruch von Aids werden flankiert von Blicken nach vorne auf Präparate wie Viagra und auf den medizinischbegründbaren Gesundheitsgewinn gelebter Sexualität.
  • Produktdetails
  • Verlag: Campus Verlag
  • Seitenzahl: 294
  • Erscheinungstermin: 7. März 2011
  • Deutsch
  • Abmessung: 213mm x 140mm
  • Gewicht: 440g
  • ISBN-13: 9783593394305
  • ISBN-10: 3593394308
  • Artikelnr.: 32672283
Inhaltsangabe
Inhalt

Über Sexualforschung und Politik: Vorwort 9

Mundus sexualis

Die Erotik des Kindes und die Missbrauchsdebatte: Sexualwissenschaftliche Thesen 17

Peitscht euch selbst!
Über eine päpstliche Erklärung zur Sexualethik 28

Heterosexuelle Paare: Was wir wissen und was wir vermuten 31

Über Lustlosigkeit, Perversionen und die Paradoxien der Liebe:
Ein Gespräch 36

Gibt es natürliche Sexualität?
Warum der Seitensprung nicht biologisch ist 42

Der Gesundheitsgewinn gelebter Sexualität:
Wie groß ist die körperliche Belastung? 46

Gibt es eine Weltsexualität?
Zur internationalen Klassifikation sexueller Störungen 49

Homosexuelle und Homosexualität

Homosexuelle zwischen Verfolgung und Emanzipation 57

Ein Aufruf zur Entkriminalisierung
der Homosexualität im Spiegel einiger Voten 65

Gibt es schwule Schafe? 94

Neosexualitäten und Neogeschlechter

Zehn Fragen zu den Neosexualitäten: Ein Interview 99

Kann die neosexuelle Revolution ohne Neoliberalismus
gedacht werden? 104

Gibt esBisexuelle tatsächlich? 112

Wie werden Asexuelle definiert? 116

Ist der "Kannibale von Rotenburg" seelisch gesund
oder süchtig pervers? 121

Zissexuelle und Transsexuelle: Über ein Neogeschlecht 124

Sexualität und Politik

Die 68er-Bewegung und die Sexualwissenschaft: Ein Gespräch 147

25 Jahre AIDS: Ein Rückblick 153

Sonnen im Glanz einer Gliedversteifung: Über Viagra und Verwandte 157

Über Prostitution: Sexualwissenschaftliche Thesen 160

Menschen als Material: Alexander Mitscherlich zu Ehren 168

Sexualität und Wissenschaft

Der orgastische Sexualprozess: Eine Erinnerung an Wilhelm Reich 181

Der empirische Stachel im Fleisch: Eine Erinnerung an Alfred C. Kinsey 184

Sexualwissenschaft und Psychoanalyse: Ein angespanntes Verhältnis 188

Ist Sexualwissenschaft immer noch notwendig?
Der Kampf um das Frankfurter Institut für Sexualwissenschaft 205

Drucknachweise 275
Literatur 278
Sachregister 291
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 12.03.2011

Warum erlischt das Begehren so leicht, wenn kein Tabu mehr droht?

Minerva Airlines fliegt nicht mehr: Vom Glanz und Verblassen der Sexualwissenschaft berichtet Volkmar Sigusch - ein Buch als faszinierendes Zeitdokument.

Von Petra Gehring

Auf jeden Fall, so heißt es trotzig zu Beginn dieses Buches, "geht die Suche nach der sexuellen Freiheit noch eine Weile weiter - bis die Eule der Minerva ihren Flug endgültig einstellen und das sexuelle Zeitalter sang- und klanglos erlöschen wird". Man liest die Worte mit Gefühlen leiser Ergriffenheit. Drängen sich hier nicht rebellische Erfahrungen mehr als einer ganzen Generation zusammen? Durchmischt mit beinahe ebenso viel Melancholie? Neben der Tatsache, dass Hegels gern bemühte Eule ihren Flug hier nicht beendet oder abschließt, sondern wie eine zeitweilig regelmäßig verkehrende Airline geschäftsmäßig "einstellt", geben vor allem die Umstandsbestimmungen zu denken. Nur noch "eine Weile weiter" wird nach sexueller Freiheit gesucht, dann ist der Flug "endgültig" aus, und das sexuelle Zeitalter erlischt "sang- und klanglos".

In einem "Auf der Suche nach der sexuellen Freiheit" betitelten Band hat Volkmar Sigusch, verdientes Urgestein und großer alter Mann der Frankfurter Sexualforschung, Zeitschriftenbeiträge und streitbare Stellungnahmen aus den Jahren 1976 bis 2010 versammelt. Es geht um nicht weniger als das Projekt der sexuellen Revolution, ein großer Traum - das Ende des Elends rund um den Sex: der Beschränkung von Erotik auf Fortpflanzung, der Tristesse im Ehebett, der Gewalt in Hinterzimmern, der Furcht vor gleichgeschlechtlichem Begehren.

Seit der Gründung des Instituts für Sexualwissenschaft an der Universität Frankfurt im Jahr 1973 haben der Mediziner Sigusch und seine Mitstreiter diesem Traum ihr Lebenswerk gewidmet - zunächst vom antirepressiven Zeitgeist beflügelt, dann zunehmend von günstigen Winden im Stich gelassen. Nicht dass die Leute in Sachen Sex inzwischen keine Probleme mehr hätten. Im Gegenteil. Die sexualmedizinische Ambulanz seines durch die Universität 2006 geschlossenen Instituts war bis zuletzt voll, wird Sigusch nicht müde zu betonen. Auch ist das Gebiet der sexuellen Notlagen in ständigem Wandel begriffen. So treten neben klassische Themen wie sexuelle und pädosexuelle Gewalt oder das Leiden an selbstzerstörerischen Perversionen vergleichsweise neue Fragen wie Transsexualität, spezifische Sexualstörungen von Migranten sowie Formen von früher so nicht beobachteter Lustlosigkeit bis hin zur Asexualität.

Was also ist los mit dem Sex, das ist die eine Frage des Buches. Ist die sexuelle Befreiung gescheitert oder erlischt nun die Sexualität, weil die Befreiung mindestens in Teilen gelang? Die zweite Frage formuliert Sigusch eher indirekt, sie stellt sich dem Leser: Was ist los mit der kritischen Sexualwissenschaft? Und was ist sie in der zeitweilig viel beachteten Pracht ihrer Frankfurter Ausprägung gewesen?

Sigusch gruppiert seine Beiträge im Buch - es sind zumeist unveränderte Zeitschriftenartikel, Interviews, Kolumnen - unter systematische Überschriften, nicht chronologisch. Nur mit Hilfe des Anhangs ist Datierung möglich. Das stört die Lektüre und ist zugleich bezeichnend: Der Band schwankt zwischen unbeirrtem Blick nach vorn und Retrospektive, zwischen Programmatik und Dokumentation.

Den Beginn machen dicht gedrängte "Thesen" zur aktuellen Missbrauchsdebatte. Sigusch bezeichnet die Stimmen der Opfer als "Befreiungsschlag" und kritisiert Verhältnisse in katholischen Einrichtungen wie auch in der Odenwaldschule ausdrücklich: Offensichtlich sei in dem Reforminternat "die ,revolutionäre' Lage genutzt und ein parasitäres Klima erzeugt worden", "um die eigenen sexuellen Präferenzen auszuleben". Die sexualwissenschaftliche Deutung der Hintergründe liest sich allerdings verwickelt: "Heute ist das Tabu gegenüber kindlicher Sexualität trotz aller Liberalisierungen stärker als vor zweihundert Jahren. Daher das bisherige, beinahe allgemeine Wegschauen und Verschweigen."

Kindliche Erotik dürfe nicht frühzeitig sexualisiert werden, und kindliche Sexualität sei von der eines Erwachsenen durch einen "Abgrund" getrennt, der nur durch Gewaltanwendung und Machtausübung überwunden werden könne. Grundsätzlich berühre der Umgang mit dem Kind "die Grenze zwischen Erotik und Sexualität", heißt es dann abschließend: "Deshalb die anhaltende Kriminalisierung der Pädophilie und die anhaltende Kriminalisierung der kindlichen Sexualität, die bei uns nach wie vor ein dunkler Kontinent ist. Kommt die Tabuisierung kindlicher Erotik hinzu, entsteht das, was wir alle verhindern wollen: sexuelle Gewalt."

Das ist nicht leicht zu verstehen: Es gibt also eine Grenze, an der gewaltsame Sexualisierung beginnt, aber dennoch ist es quasi eine Kombination aus Unfreiheiten - Kriminalisierungen und Tabuisierungen -, aus der die Gewalt resultiert?

Zum Thema Kirche kann der Band auf ein schmissiges Pamphlet von 1976 zurückgreifen: "Anscheinend haben sich in den zölibatär-männlichen Einrichtungen mehr sexuell Unreife, Protopädophile und Protohomosexuelle versammelt als in jeder anderen Männerorganisation." Zur Auseinandersetzung um die Abschaffung des "Homosexuellen-Paragraphen" 175 StGB werden Schreiben der Unterzeichnerinnen und Unterzeichner eines einschlägigen Aufrufs wie auch von einigen derjenigen dokumentiert, welche die von Sigusch brieflich erbetene Unterschrift verweigerten, etwa Anna Freud. Eine ganze Anzahl von Überlegungen kreisen um die Stichworte "Neosexualitäten" und "Neogeschlechter". Hier sind es die Irritationen an der Geschlechtsidentität - die zunehmend nicht nur als Rollenwechsel, sondern chirurgisch vollstreckten Geschlechts-Umbauten - die ins Schema der sexuellen Befreiung nicht recht passen wollen. Und auch die historisch beispiellose "Aufwertung der Selbstbefriedigung" registriert der Sexualwissenschaftler zwar mit Interesse, aber doch auch betrübt: Selfsex-Präferenzen greifen um sich und werden durch Viagra ergänzt. Besonders zu denken gibt das neue Phänomen erklärter Asexualität. Der Sexverzicht sei ein "Akt der Entlastung, der natürlich den Verdacht nährt, dass sich das sexuelle Zeitalter tatsächlich seinem Ende zuneigt", stellt Sigusch fest und notiert mehrfach, das gesellschaftliche Verhältnis zum Sex sei realistischer geworden: "Sexualität ist heute nicht mehr die große Metapher des Rausches, der Transgression und des Glücks." Je aufdringlicher das Sexuelle öffentlich inseriert und kommerzialisiert werde, desto banaler werde es auch, das sei die "Schattenseite des neosexuellen Prozesses".

Und hier liegt auch die Kernfrage, um die Siguschs zwischen akademischer Floskel, Neologismen - wie "Zissexualität", "Normopathie", "Hylomatie" - und Flugblatt-Duktus seltsam irrlichternde Überlegungen kreisen. Wo ist der Wandel Befreiung? Wo nicht? Und warum erlischt das Begehren so leicht, wo kein Tabu mehr droht? Siguschs Modell der Sexualität durchkreuzt sich selbst: Es lässt sich auf historische und kulturelle Relativierungen ein - Begierde ist nichts anthropologisch Notwendiges, in dieser Hinsicht folgt Sigusch Sexualitätskritikern wie Foucault. Was die Quellen und auch die Richtung sexueller Lust angeht, gilt aber eine simple Dialektik von Verbot und Befreiung: Lust lebt von der Negation dessen, was seinerseits Lust negiert. Der Sex berauscht sich also nicht etwa an der Unermesslichkeit seiner selbst, er begeistert sich auch nicht an der Lust des anderen. Er muss vielmehr Rebell sein, abweichen, aufbegehren. Er ist ein Überwindungsprodukt. Nur aus dem "echten" Tabu, nur aus einem Hauch von Perversion kann die sexuelle Euphorie folglich überhaupt entstehen. Schwinden die Verbote, sägt die sexuelle Befreiung folglich an dem Ast, auf dem sie sitzt. Gemäß dieser Dialektik muss die sexuelle Revolution - Sigusch zählt historisch drei sexuelle Revolutionen, deutet also auch die Phase der "Neosexualitäten" als Revolution, offenbar muss Liberalisierung immer irgendwie "Revolution" sein - heute vor einer trüben Alternative münden: Entweder werde die Sexualität durch Lust an der Gewalt ersetzt, dann zähle künftig "der Kick, das Lustgefühl aus Aggression". Oder aber die Sexualität werde "noch friedfertiger, einsamer und selbstbezüglicher sein als heute".

In ihrer Authentizität ist diese Diagnose sympathisch, denn Sigusch sieht den offenkundigen Widerspruch: Steigt ohne Verbote zwar die Freiheit, aber nicht das Glück, dann stimmt etwas nicht mit der erhofften Freiheit. Das Bild der Befreiung, die für ihr eigenes gutes Ende sorgt, geht nicht auf. Irgendwie ist heute vielmehr alles ja doch immer noch sehr beim Alten. Das sexuelle Elend verschwindet nicht. Haltegriff der Analyse sind hier die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen: "Je brutaler der Kapitalismus ökonomische Sicherheit und soziale Gerechtigkeit beseitigt, also Unfreiheiten produziert, desto größer werden die sexuellen und geschlechtlichen Freiräume." Was dann beinahe so klingt, als müsse die gute alte Repression wieder her. Oder war die Sexfront immer schon die falsche? Jedenfalls korreliert Kapitalismus mit Blümchensex und agiert deswegen in ökonomischer Hinsicht womöglich besonders brutal.

Befreiung gelingt nur partiell, implodiert in sich selbst - und die Verhältnisse tragen stets aufs Neue den Sieg davon. Schicksalhaft folgt auch die Spannungskurve von Siguschs eigener Wissenschaft ebendieser Figur. Traurigstes Kapitel im Buch ist die Dokumentation der Auseinandersetzung um die Schließung des Frankfurter Instituts - Manöver einer Universitätsleitung und eines Fachbereichs, die ganz offenkundig diese Art von Wissenschaft nicht mehr mochten. Liest man im Buch nun Siguschs universitäre Positionspapiere, entsteht das Bild einer anachronistischen Epochenschlacht: hochmoralische Prosa, heroisierendes Selbstlob - dass die Einwendungen gegen die kalte Abwicklung durch die gewählten sprachlichen Mittel womöglich vorwegnahmen, was sie verhindern wollten, wird man nicht behaupten wollen. Dennoch reproduzieren sie die fatale Doppelfigur von Verbot und Widerstand. Am Ende bezeichnet ausgerechnet der Sexualrevolutionär die Medizin als "Hure der Ökonomie" und warnt seinerseits "bornierte Diskurs-Wissenschaft" vor dem Ende "im Tod".

Im Ganzen handelt es sich bei dem Buch um ein Zeitdokument. Der Verfasser ahnt es und bahnt sich - zwischen Kampfesmut und Bitterkeit pendelnd - den Weg zu einer Selbstverständigung, die zugleich Selbstdokumentation ist, aber nicht in Selbstlegitimierung verharrt. Eine zeitgeschichtliche Kostbarkeit ist der bei Sigusch abgedruckte acht Seiten lange Brief, in welchem Helmut Schelsky 1981 fulminant darlegt, warum er sich außerstande sieht, den Aufruf für die Streichung des Paragraphen 175 StGB zu unterzeichnen. Schelsky optiert für die Entkriminalisierung, verwahrt sich aber gegen den "Geist sexualmoralischer Empörung" in Siguschs Papier. Hier der oberlehrerhafte Ingrimm Schelskys, der die Abschaffung des Paragraphen im Wege von Gutachterargumenten und nicht mit einem "linken Gesinnungsvotum" voranbringen will, dort Siguschs am Verbot entflammte, aber argumentativ schwächelnde Wissenschaft, die angesichts von Sex, Sexforschung und Politik stets dieselbe Geste wiederholt. Gescheitert ist beides. Der diskriminierende Paragraph blieb bis 1994 bestehen. Erst im Zuge der deutsch-deutschen Rechtsangleichung ließ man endlich von ihm ab.

Volkmar Sigusch: "Auf der Suche nach der sexuellen Freiheit". Über Sexualforschung und Politik.

Campus Verlag, Frankfurt am Main 2011. 294 S., br., 24,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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28.02.2011, Der Spiegel Volkmar Sigusch über das Erbe der sexuellen Revolte -- "Volkmar Sigusch gilt als einer der international wichtigsten Sexualforscher."

12.03.2011, Frankfurter Allgemeine Zeitung -- "Warum erlischt das Begehren so leicht, wenn kein Tabu mehr droht?"

"Das Buch ist ein Zeitdokument. Der Verfasser bahnt sich den Weg zu einer Selbstverständigung, die zugleich Selbstdokumentation ist, aber nicht in Selbstlegitimierung verharrt."

22.03.2011, Deutschlandradio Glanz und Elend der menschlichen Lust -- "Ein gelungener Überblick über das Lebenswerk eines engagierten Humanisten. Zudem wird klar, dass die Frage nach Grenzen und Formen der menschlichen Lust immer wieder neu gestellt werden muss - hoffentlich mit der gleichen Toleranz und Sachkenntnis wie in den Forschungen und Publikationen des großen Volkmar Sigusch."

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 18.06.2011

Nach dem Sex die Gewalt?
Der Frankfurter Sexualforscher Volkmar Sigusch zieht eine ernüchternde Bilanz der Befreiung und prognostiziert das Ende des sexuellen Zeitalters
Aufklärung hätte ein besseres Schicksal verdient, als zum frivolen Wortspiel zu verkommen, mit dem ein prominenter Pädagoge die an seinen Schutzempfohlenen verübte sexuelle Gewalt camouflierte, um dem pädosexuellen System, das er innerhalb seines kleinen Reichs errichtet hatte, auch noch höhere bildungspolitische Weihen zuteil werden zu lassen. Mit schamloser Unverfrorenheit gab Gerold Becker der von ihm zum 80. Geburtstag des Bildungsforschers Hellmut Becker – seines Ziehvaters und Schutzpatrons – herausgegebenen Festschrift den Titel „Lust und Last der Aufklärung“ (Beltz Verlag, 1993). Dass die im Gegenzug zu Gerold Beckers 60. Geburtstag von Hellmut Beckers Witwe Antoinette Becker gemeinsam mit Gerold Beckers Freund Hartmut von Hentig besorgte Festgabe (Friedrich Verlag, 1996) dann im Titel ausgerechnet von „Geschichten mit Kindern“ handelt – und erstmals auch Hentigs Erzählung vom denkwürdigen Segeltörn zweier Kavaliere in Begleitung eines zehnjährigem Knaben durch die Feuchtgebiete der Ägäis enthielt –, macht die Affäre um die einst von Gerold Becker geleitete Odenwaldschule klebriger noch, als sie es ohnehin ist.
Sexualwissenschaftliche Thesen zur Missbrauchsdebatte, die längst keine Debatte mehr ist, weil die, die sie am meisten anginge, dazu betreten oder starrsinnig schweigen und weil kein kontinuierlicher Nachschub an skandalisierenden Details die voyeuristischen Bedürfnisse der Medienöffentlichkeit befriedigt, stehen auch am Anfang eines neuen Buchs, mit dem der Frankfurter Sexualforscher, Mediziner und Soziologe Volkmar Sigusch eine ernüchternde Bilanz der sexuellen Revolutionen des vorigen Jahrhunderts zieht: Trotz aller Aufbrüche in ein Reich vermeintlich grenzenloser sexueller Freiheiten und trotz einer nie dagewesenen Banalisierung des Sexus dauert das alte „sexuelle Elend“ unvermindert fort, es hat lediglich neue Süchte, Perversionen und Probleme hervorgebracht, und wir sind „freie Unfreie“ geblieben.
Nichts bestätigt diesen Befund heute nachdrücklicher als das erschreckende Ausmaß sexuell motivierter Gewalt gegenüber Kindern und Heranwachsenden in Familien wie in öffentlichen kulturellen Einrichtungen, und – im scheinbar paradoxen Bezug zum allgegenwärtig penetranten Palaver über Sex – „das beinahe allgemeine Wegschauen und Verschweigen“, das Vorhandensein undurchdringlicher „Schweigemauern“ und männerbündischer „Schweigekartelle“, was Sigusch zufolge „eines der letzten sexuellen Tabus“ umgibt und umstellt.
Ist im Zeitalter der von Sigusch in seiner früheren Studie „Über den kulturellen Wandel von Liebe und Perversion“ (2005) konstatierten „Neosexualitäten“ jede sexuelle Handlung und auch jede Perversion verhandlungs- und vertragsfähig – der Fall ist noch nicht lange her, da verlangten einige Juristen und selbsternannte Experten Straffreiheit sogar für sexuellen Kannibalismus, sofern nur das Opfer selbst in die Tat einwilligt –, so sind Kinder und Heranwachsende als nicht gleichwertig vertragsfähige Partner aus solchen Verhältnissen ausgenommen. Gerade deshalb aber üben sie einen offenbar zusätzlichen „Thrill“ auf diejenigen aus, die es aufgrund ihrer pädophilen Veranlagung und pädosexuellen Neigungen ohnehin auf sie abgesehen haben.
Zum „Abgesang auf Aufklärung“ erklärt Sigusch die unter manchen Reformpädagogen und ihren Nachbetern, in der Vergangenheit zumal auch im linksalternativen Milieu verbreitete Anschauung, „10-jährige Kinder könnten sexuelle Handlungen eines Erwachsenen an sich oder an ihnen ohne Angst und Scham erleben“. Das bedeute nicht, räumt Sigusch ein, „Kinder hätten keine sexuellen Regungen. Sicher ist aber, dass sich diese Regungen nicht auf Erwachsene richten“, und schon gar nicht auf die Verkörperungen elterlicher oder pädagogischer Autoritäten.
Deutlicher noch schreibt Sigusch, Thesen seines vor wenigen Wochen tödlich verunglückten alten Mitstreiters Günter Amendt aufnehmend: „Zwischen der kindlichen Sexualität und der eines Erwachsenen klafft ein unüberwindlicher Abgrund, der nur durch mehr oder weniger erkennbare Gewaltanwendung und Machtausübung überwunden werden kann – mit den bekannten Folgen.“ Wenn dieser Abgrund, wie wir wissen, in unserer Gesellschaft – befördert durch Kindersextourismus, Kinderhandel und Kindersex im Internet – zunehmend und mit unbeschreiblicher Brutalität überschritten wird, öffnet sich gerade da womöglich die fatale Nahtstelle zu einer ziemlich pessimistischen Zukunftsprognose des Sexualwissenschaftlers: Nach Beseitigung aller Tabus und Verflüchtigung aller Geheimnisse des Eros hält Sigusch es für nicht unwahrscheinlich, dass das „sexuelle Zeitalter“ demnächst „sang- und klanglos“ zu Ende ginge. Dann aber, so befürchtet Sigusch werden „Thrill“, „Kick“ und „Ekstase bald nicht mehr im Sex, sondern in der Gewalt gefunden werden“.
So versteht sich auch, dass das sexuelle Schicksal unserer Kinder der Prüfstein für das Gelingen oder Misslingen von Aufklärung und Zivilisation ist: An der sexuellen Ausbeutung des natürlichen Machtgefälles zwischen Erwachsenen und Kindern zeigt sich, wie es tatsächlich um die Ideale von Aufklärung und sexueller Freiheit in unserer Gesellschaft bestellt ist – nämlich ziemlich trist und im hohen Maße der Erforschung und der Therapien bedürftig. Ähnliches gilt für jedweden Umgang der Gesellschaft mit Schwächeren, mit Minoritäten, mit sexuell und in welch sonstigen Beziehungen auch immer von einer vermeintlichen Norm Abweichenden – das Festhalten solcher Normen, auch in der Fixierung auf die bloße Zweigeschlechtlichkeit, ist für Sigusch als „Normopathie“ lediglich eine weitere „Paraphilie“ aus dem großen Füllhorn der Perversionen.
Dieses Buch, das zumeist an entlegener Stelle schon früher Veröffentlichtes zu fünf Themenkreisen versammelt – „Mundus sexualis“, „Homosexuelle und Homosexualität“, „Neosexalität und Neogeschlechter“, „Sexualität und Politik“, „Sexualität und Wissenschaft“ – wirft seine kritischen Blicke aber durchaus auch auf die Paradoxien und historischen wie biologistischen Abwege des eigenen Fachs.
Manche Redundanzen und Wiederholungen seien dem Buch ebenso verziehen wie die vielen, zuweilen etwas päpstlich wirkenden Selbstbespiegelungen und Selbsthistorisierungen. Sigusch ist in der merkwürdigen und nicht gerade beneidenswerten Lage, dass er sich und seine Wissenschaft aus einer äußeren Zwangslage heraus historisieren muss. Denn so sehr gerade dieses Buch in seinem fragmentarischen Charakter – ähnlich wie schon die „Neosexualitäten“ –, plausibel demonstriert, wie viele Fragen und Probleme, die ihrer gründlichen Erforschung und wissenschaftlichen Behandlung bedürften, nach wie vor offen geblieben sind, wurde das kleine Orchideenfach an der Frankfurter Universität nach der Emeritierung Siguschs, der in Personalunion den Mediziner mit dem Soziologen verband, gegen alle Widerstände und internationalen Proteste abgewickelt.
Folglich ist Sigusch in der doppelten Rolle des einsamen Akteurs und des Historiographen eines schon einmal – nach 1933 – aus Deutschland vertriebenen Fachs, das durch ihn und seine Mitstreiter, Reimut Reiche und Martin Dannecker vor allem, in den sechziger Jahren kritische Neubegründung erfahren hatte. So kamen in den letzten Jahren aus Siguschs Feder dann auch die beiden Großwerke „Geschichte der Sexualwissenschaft“ (2008) und – in Zusammenarbeit mit Günter Grau und namhaften Beiträgern – das „Personenlexikon des Sexualforschung“ (2009) zustande, hinter dessen etwas amtlichem Titel sich die Archäologie einer Wissenschaft und ihrer oftmals vergessenen und vertriebenen Vertreter verbirgt.
Nach so viel Düsternis doch noch ein Satz, der hoffnungsvoll stimmt. Er stammt aus einer polemischen Glosse unter der Überschrift „Gibt es schwule Schafe?“ Die gibt es natürlich nicht, weil man im Reich der Sinne mit Biologie und Natur nicht weit kommt – folglich gilt: „Im Grunde sind unsere Erotik und unsere Sexualität Kunstwerke“. Wenn es da nur mehr Künstlerinnen und Künstler und weniger Schafe und Rinder gäbe. VOLKER BREIDECKER
VOLKMAR SIGUSCH: Auf der Suche nach der sexuellen Freiheit. Über Sexualforschung und Politik. Campus Verlag, Frankfurt 2011. 294 Seiten, 24,90 Euro.
Missbrauch im Internat,
Kinderhandel – das Elend
dauert unvermindert fort
Teufel an der Hand: Zeichnung eines sexuell missbrauchten Kindes, entstanden auf den Philippinen. Foto: Unicef/ddp
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Nicht zuletzt betrachtet Andrea Roedig den Band mit gesammelten Texten des Sexualwissenschaftler von Volkmar Sigusch, deshalb als Gewinn, weil er darin die "Ambivalenz" der sexuellen Befreiung so deutlich herausarbeitet. Nach Sigusch hat eine "neosexuelle Revolution" stattgefunden, die Sexualität zwar in fast allen Spielarten enttabuisiert, dafür aber auch entpolitisiert und "banalisiert", nimmt die Rezensentin interessiert zur Kenntnis. Sehr erhellend findet sie die Aufsätze zur Pädophilie oder Transsexualität. Die Zusammenstellung des Sammelbandes allerdings erscheint ihr nicht in allen Teilen überzeugend und für ihren Geschmack findet das Engagement des Autors für die Entkriminalisierung der Homosexualität und sein "trauriger" und letztlich vergeblicher Einsatz gegen die Schließung des Instituts für Sexualwissenschaft etwas zu breiten Raum in diesem ansonsten von ihr geschätzten Buch.

© Perlentaucher Medien GmbH
Volkmar Sigusch über das Erbe der sexuellen Revolte "Volkmar Sigusch gilt als einer der international wichtigsten Sexualforscher." (Der Spiegel, 28.02.2011) Warum erlischt das Begehren so leicht, wenn kein Tabu mehr droht? "Das Buch ist ein Zeitdokument. Der Verfasser bahnt sich den Weg zu einer Selbstverständigung, die zugleich Selbstdokumentation ist, aber nicht in Selbstlegitimierung verharrt." (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.03.2011) Glanz und Elend der menschlichen Lust "Ein gelungener Überblick über das Lebenswerk eines engagierten Humanisten. Zudem wird klar, dass die Frage nach Grenzen und Formen der menschlichen Lust immer wieder neu gestellt werden muss - hoffentlich mit der gleichen Toleranz und Sachkenntnis wie in den Forschungen und Publikationen des großen Volkmar Sigusch." (Deutschlandradio, 22.03.2011) Die Dialektik der sexuellen Aufklärung "Sigusch beschreibt die neue sexuelle Revolution zugleich als Befreiung und als Elend. Die Diagnose dieser Ambivalenz macht seine Schriften lesenswert." (Neue Zürcher Zeitung, 05.05.2011) Kampf den Normopathen "Leser können nicht nur einen Überblick darüber gewinnen, was derzeit an sexuellen Themen und Problemen in der Gesellschaft umgewälzt wird. Sigusch hat seine sexualwissenschaftliche Theorie in unmittelbarer Nachbarschaft zur Kritischen Theorie angesiedelt, wohlgemerkt der der Gründergeneration." (Frankfurter Rundschau, 10.05.2011) Nach dem Sex die Gewalt? "Der Frankfurter Sexualforscher Volkmar Sigusch zieht eine ernüchternde Bilanz der Befreiung und prognostiziert das Ende des sexuellen Zeitalters." (Süddeutsche Zeitung, 18.06.2011)…mehr