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Von der Obsession des Erinnerns zur Entschlüsselung des Gedächtnisses. Der Weg des Eric Kandel
Eric Kandel, der bedeutendste Gedächtnisforscher unserer Zeit, erinnert sich an sein Leben. Als Kind floh er 1939 vor den Nazis aus Wien nach New York. Mit großem erzählerischen Schwung schildert Kandel, wie ihn seine persönliche Suche nach der Erinnerung dazu brachte, sich erst der Geschichte, dann der Psychoanalyse und schließlich der neurobiologischen Forschung zuzuwenden, um eine neue Wissenschaft des menschlichen Denkens und Fühlens zu begründen.
Zwei Tage nach Eric Kandels neuntem
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Produktbeschreibung
Von der Obsession des Erinnerns zur Entschlüsselung des Gedächtnisses. Der Weg des Eric Kandel

Eric Kandel, der bedeutendste Gedächtnisforscher unserer Zeit, erinnert sich an sein Leben. Als Kind floh er 1939 vor den Nazis aus Wien nach New York. Mit großem erzählerischen Schwung schildert Kandel, wie ihn seine persönliche Suche nach der Erinnerung dazu brachte, sich erst der Geschichte, dann der Psychoanalyse und schließlich der neurobiologischen Forschung zuzuwenden, um eine neue Wissenschaft des menschlichen Denkens und Fühlens zu begründen.

Zwei Tage nach Eric Kandels neuntem Geburtstag bricht die Gewalt in sein Leben ein. Die Wohnung der Kandels wird von den Nazis geplündert, die jüdische Familie muss fliehen. Gemeinsam mit seinem Bruder trifft er 1939 in New York ein, erst Monate später gelingt es den Eltern nachzukommen. Aus dem Versuch zu begreifen, was ihm geschehen ist, erwächst bei Kandel eine Faszination für die Vergangenheit, für das Erinnern und Vergessen. Das führt ihn zunächst zum Studium der Geschichte und Literatur. Doch das Wien, das ihn nicht loslässt, die Stadt Schnitzlers und Musils, ist auch die Sigmund Freuds. Bei seiner Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse stößt Kandel jedoch rasch an die Grenzen dieses Fachs. Er wendet sich daher der biologischen Forschung zu. Es geht ihm um die wissenschaftliche Erklärung dessen, was Freud über psychische Prozesse, das Bewusste und das Unbewusste gesagt hat. Indem Kandel sein Leben Revue passieren lässt und seine Entwicklung als Forscher erzählt, beschreibt er, wie sich die moderne, neurobiologisch fundierte Wissenschaft des menschlichen Geistes entwickelt hat. Eine Autobiographie auf höchstem literarischem Niveau, geschrieben von einem analytischen Meisterdenker und getragen von großer politischer und menschlicher Weitsicht.

Die Gedächtnisforschung ist eine Schlüsseldisziplin des 21. Jahrhunderts.

  • Produktdetails
  • Verlag: Siedler
  • Originaltitel: In Search of Memory
  • Seitenzahl: 524
  • Deutsch
  • Abmessung: 235mm
  • Gewicht: 870g
  • ISBN-13: 9783886808427
  • ISBN-10: 3886808424
  • Artikelnr.: 20762912
Autorenporträt
Eric Kandel, geboren 1929 in Wien, ist einer der bedeutendsten Neurowissenschaftler des 20. Jahrhunderts. 1939 emigrierte er mit seiner jüdischen Familie in die USA. Kandel studierte Geschichte und Literatur an der Harvard University und danach Medizin an der New York University. Seit 1974 ist er Professor an der Columbia University in New York. Für seine Forschung erhielt Eric Kandel im Jahr 2000 den Nobelpreis für Medizin. Unter dem Titel "Auf der Suche nach dem Gedächtnis. Die Entstehung einer neuen Wissenschaft des Geistes" erschien Kandels Lebens- und Forschungsgeschichte, die zwei Jahre später unter dem gleichen Titel auch verfilmt wurde.
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur ZEIT-Rezension

Harald Welzer begrüßt Eric Kandels Autobiografie, "Auf der Suche nach dem Gedächtnis", in dem der Wissenschaftler sein Interesse für das Gedächtnis erklärt. Für den Rezensenten ist das Erscheinen dieses Buches auch Anlass, ausführlich auf Kandels "eindrucksvolle" Entdeckungen in diesem Bereich zu verweisen. Der Nobelpreisträger für Medizin und Physiologie hat bewiesen, inwieweit das Gedächtnis und die "Umwelterfahrung" sowohl bei Tieren als auch bei Menschen verbunden sind, und dies durch ein reduktionistisches Forschungsprogramm, erklärt Welser. Der Rezensent lobt außerdem Kandels Geschick, seine wissenschaftlichen Forschungen "empirisch zugänglich" zu machen. Insofern möchte der Rezensent dieses Buch "all jenen zu empfehlen, die wissen wollen, wie man Wissen erzeugt". Einzig kritisieren will der Rezensent die Hybridität der Texte, da sie eine Mischung zwischen "Lebensgeschichte, Theorie und Forschungsergebnissen" sind. Das könnte auch der Lektüre des Buches schaden, so Welzer.

© Perlentaucher Medien GmbH

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 15.03.2006

Da fällt dem Gedächtnisforscher der Seehase wieder ein
Die Psychoanalyse hat ihre große Zeit noch vor sich: Der Nobelpreisträger Eric Kandel berichtet von seinen Entdeckungen / Von Joachim Müller-Jung

Sich selbst als einen radikalen Reduktionisten zu bezeichnen in einer Epoche der Lebenswissenschaften, in welcher mit Begriffen wie Systembiologie eine neue Ganzheitlichkeit aufzublühen scheint, wirkt auf den ersten Blick furchtbar anachronistisch. Nach Eric Kandel aber ist genau das der einzige Weg, aus der stagnierenden Psychoanalyse Freuds endlich eine empirische Wissenschaft zu machen. Es geht um viel: Um unser Bewußtsein, den freien Willen, um die geistige Gesundheit, kurz: um die Lösung geistesgeschichtlich sehr alter und biologisch zugleich doch extrem junger existentieller Fragen.

Zu ihrer Lösung kann sich nach Auffassung Kandels ausschließlich eine Wissenschaftsrichtung berufen fühlen, die sich vollkommen den scheinbar unüberschaubaren materiellen Gegebenheiten verschreibt. Hirnscans von Psychiatriepatienten, Manipulationen des Bewußtseins, Pillen zum Aufputschen der Gedächtnisgene - das sind für Kandel die Mittel, um am Ende auch die Rätsel der Freudschen Strukturen des Geistes (Ich, Es und Über-Ich) zu entziffern und zu therapieren. Diese Mittel sind von einer beispiellosen Direktheit. Verstecken zwecklos, die Seele wird in jeder Ecke aufgestöbert.

Vordergründig gesehen könnte man diesen Lebensbericht eines Hirnforschers also als eine der vielen Streitschriften lesen, die der Konflikt der philosophisch und humanistisch stark geprägten analytischen Psychologie mit einer in den Jahren immer stärker biologisch und experimentell orientierten kognitiven Psychologie hervorgebracht hat. Kandel aber hatte sich aus diesen akademischen Gefechten stets vornehm zurückgehalten. Jetzt, fünf Jahre nach der Verleihung des Medizin-Nobelpreises an ihn und zwei seiner Kollegen, wissen wir, weshalb: Im Grunde seines Herzens ist Kandel ein Bewunderer Freuds, der in einer Zeit, in welcher die Wissenschaft nichts über chemische Synapsen oder elektrische Nervennetze wußte, Spuren des geistigen Lebens aufgezeichnet hatte, welche die Hirnforschung jetzt mit molekularen und bildgebenden Verfahren zu entschlüsseln sich anschickt.

Der gebürtige Österreicher Eric Kandel sieht sich wie Sigmund Freud als Teil des Wiener Bürgertums, humanistisch geprägt und hochgebildet, ein jüdischer Emigrantensohn, der sein akademisches und privates Glück in den Nachkriegsjahren in Nordamerika gefunden hat. Kandel nutzt hier seine an Erfahrungen und an Lebensjahren so reiche Autobiographie dazu, den Weg der modernen Hirnforschung nach dem Zweiten Weltkrieg nachzuzeichnen. Seine Kindheit in Wien, die Emigration, seine Ausbildung in einer amerikanischen psychiatrischen Klinik, schließlich seine Hinwendung zur reduktionistischen Experimentforschung unter der Maxime "eine Zelle zur Zeit" sind ein sprechendes Beispiel, wie die Biologie nach dem Zweiten Weltkrieg der Entdeckung der menschlichen Psyche eine radikale Wendung gegeben hat.

Eine Wende freilich, davon ist Kandel überzeugt, die prominent vorausgeahnt wurde. Immanuel Kant, sein wichtigster Kronzeuge, wenn es um die stofflichen und damit auch genetischen Wurzeln unserer neuronalen Anatomie geht, hatte mit seiner Vermutung einer "apriorischen" Erkenntnis endgültig den Kampf gegen Lockes Vorstellung von der tabula rasa des Geistes gewonnen. In der Architektur und den a priori angelegten Funktionsprinzipien des Gehirns vermuteten Kandels Lehrer Kant und bald er selbst die Geheimnisse des Geistes - zumindest die des Gedächtnisses und des Lernens.

Für seine molekularbiologischen Entdeckungen, die uns der Funktionsweise von Kurzzeit- und Langzeitgedächtnis näher gebracht haben, wurde Kandel später mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. Sie stehen in allen chemischen und bioelektrischen Einzelheiten - für den ungeschulten Leser womöglich allzu ausführlich - im Zentrum dieses Buchs. Doch wer in das experimentelle Abenteuer einsteigt, bekommt schon bald ein Gefühl dafür, wie sich die Molekularbiologie mit einer in der Psychiatrie und Psychologie bis dahin undenkbaren Akribie und Systematik daranmachte, ein Geistespuzzle nach dem anderen lösen zu wollen. Die Biologie weigerte sich, so begründet Kandel seine Entscheidung für die reduktionistische Forschung, das Gehirn als "Blackbox, als eine Unbekannte, zu behandeln".

Der Clou dabei war die Unbekümmertheit, mit der sich die Geistforscher der neuen Generation von nun an den vermeintlich geistlosen "Tiermodellen" zuwandten. Der Psychoanalye war von Hause aus dieser Weg versperrt. Doch ihre ausschließliche Beschäftigung mit den notwendigerweisen subjektiven Berichten der Analytiker, so Kandel, hatte ihr spätestens von der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts an Fortschritte und tiefere Einblicke in die Verfaßtheit geistiger Phänomene unmöglich gemacht. Die Neurobiologen hingegen suchten sich ihre Analogien im Tierreich. Nachdem es die meisten von ihnen in den fünfziger und sechziger Jahren für unmöglich gehalten hatten, vierbeinige oder gar beinlose Stellvertreter für die Erforschung der Psyche zu akzeptieren, machten sich die Hirnforscher nun auf die Suche "nach dem idealen System", wie Kandel es formuliert. Er selbst war sich seiner Sache keineswegs sicher, auch wenn auf deutschem Boden Lorenz, Tindbergen, von Holst und Karl von Frisch seinerzeit gut und gerne die lebendigen Beispiele hätten liefern können. Doch Kandel entschied sich für Aplysia, den "Seehasen".

Es handelt sich um eine Meeresschnecke von wahrhaft karnickelhaften Dimensionen, dreißig Zentimeter lang und einige Pfund schwer. Sie hatte freilich einen unschätzbaren Vorteil: Die Zahl ihrer Nervenzellen ist überschaubar, genauso wie ihr Verhaltensrepertoire, und - was man kaum vermuten könnte - sie ist bemerkenswert lernfähig. Jedenfalls hatten Kandel und seine Mitstreiter ganz offensichtlich ein Vergnügen daran, grundlegende Verhaltensmuster wie die Pawlowsche Konditionierung, Habituation oder Sensitivierung an diesem plumpen Weichtier zu studieren. Die Übertragung von Nervensignalen an den Verbindungsstellen erwies sich als die entscheidende evolutionäre Innovation, um Lernen und Erinnern zu verstehen. Dergestalt, daß mit dem Lernen die Übertragung der chemischen Signale zwischen bestimmten Synapsen und damit ausgewählten Nervenbahnen verstärkt wird. Was länger als ein paar Minuten im Gedächtnis hängenbleiben soll, muß demnach so oft geübt werden, daß in den betreffenden Nervenzellen Gene angeschaltet werden, die nicht nur die Signalverstärkung an den Synapsen forcieren, sondern darüber hinaus zur Ausbildung zusätzlicher Verbindungen zwischen den entscheidenden Nervenzellen führen.

All das hätte Kandel in diesem Teil des Buches, das einem faszinierenden Werkstattbericht gleicht, allgemeinverständlich und lebendig umschreiben können. Aber wieder führt er den Leser in die anstrengende Tiefe. Ein auch diesmal, wie sich zeigt, schon deshalb lohnenswerter Ausflug in die Molekularbiologie, weil damit der reduktionistische Ansatz in seiner Unentrinnbarkeit vor Augen geführt wird. Ein gefundes Molekül leitet das Scheinwerferlicht auf zwei andere, die in der Kausalkette vor ihm stehen, und diese wiederum führen zu einem halben Dutzend Genen, die an der Steuerung dieses und einem Dutzend weiterer Gene und Moleküle beteiligt sind. Das Zwischenergebnis ist jeweils eine Schalttafel von Transmittern, Rezeptoren, Kinasen, Antagonisten und anderer Bestandteile, die für den Laien in einem biochemischen Nirwana enden.

Doch damit will es der Reduktionismus eines Kandel nicht bewenden lassen. Im zweiten Teil des Buches leitet er - diesmal jedoch bemerkenswert oberflächlich - auf eine neue Form der experimentellen Tiefenanalyse hin, die noch in den Kinderschuhen steckt und doch in Kandels Augen möglicherweise sogar zur "Renaissance der psychoanalytischen Theorie" führen könnte. Gemeint ist der Siegeszug der bildgebenden Verfahren in der Hirnforschung, der funktionalen Magnetresonanztomograpfie etwa oder der Positronenemissionstomographie. Die Physik soll den Blick ins Gehirn ebnen. Und diesmal geht es in Echtzeit endlich wieder ins menschliche Gehirn. Wenn es darum geht, den Neuronen beim Denken und Fühlen zuzuschauen, findet die Neurobiologie zurück zum Menschen - und damit, so Kandels Hoffnung, zu seinen eigenen Wurzeln. Wenn es gelingen könnte, mit Hirnscans die Wirkungsweisen von Psychotherapie und Psychoanalyse zu belegen, sei es vielleicht sogar möglich, wenigstens die Zweifel an den wirksamsten Behandlungsverfahren aus dem Weg zu räumen.

Das Ende aller akademischen Konflikte? Wohl kaum, denn Kandel macht mit seiner Forderung eines "biologischen Ansatzes" in der Psychotherapie allzu deutlich, daß es ihm nicht um das Zuschütten geistesgeschichtlicher Gräben geht. Die Seelen- und Hirnforschung wird aus seiner Sicht ihren Frieden nur finden, wenn sie den experimentellen Weg der vergangenen vierzig Jahre fortsetzt. Wohin das führen soll? Zu neuen Interventionen zum Beispiel, die den Psychopathen und Dementen von morgen helfen sollen, und hoffentlich zu einem näheren Verständnis unseres Bewußtseins. Wie schon bei der Diskussion um den freien Willen hält sich Kandel mit Spekulationen auf diesem neurobiologisch heiklen Gebiet auffällig zurück. Er läßt den Leser spüren, daß er den Optimismus eines Francis Crick, Christof Koch oder Daniel Dennett gerne teilen würde, was die Chancen für eine Entschlüsselung dieses ultimativen Geisteszustandes angeht. Aber er trägt auch seriös die Zweifel vor, die viele Fachleute mit der Vorstellung haben, das Ich sich selbst mechanistisch aufklären zu wollen.

Vermissen mag man Kandels Einschätzungen zu Visionären vom Schlage eines Ray Kurzweil, Bill Joy oder jenen utopistischen KI-Forschern, die die künstliche Schaffung von Gedächtnis und Bewußtsein als den letzten Zweck der Hirnforschung betrachten. Wer aber weniger an den Abzugsbildern der zeitgenössischen Illusionäre als an den ganz konkreten Phantasien der Hinforschung interessiert ist, wird mit der Lektüre reich belohnt.

Eric Kandel: "Auf der Suche nach dem Gedächtnis". Die Entstehung einer neuen Wissenschaft des Geistes. Aus dem Amerikanischen von Hainer Kober. Siedler Verlag, München 2006. 528 S., geb., 24,95 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 06.07.2006

Dem Hirnbild nach wärst du ein anderer
Der Neurowissenschaftler Eric Kandel zieht Bilanz, geht den Weg zurück nach Wien - und scheitert an der rein biologischen Erklärung des Geistes
Sigmund Freud hat viele Verehrer gehabt, doch es dürfte nur wenige geben, die sich in der gleichen Pose wie ihr Vorbild fotografieren und dann auch noch beide Porträts zu einem einzigen Bild montieren lassen. So ist es geschehen auf dem Schutzumschlag eines umfangreichen Buches des Hirnforschers Eric Kandel, und man fragt sich mit einer Mischung aus Neugierde und Skepsis, welche Bündnisse hier geschmiedet werden sollen. Eine mögliche Lesart wäre, dass einer der bedeutendsten Neurowissenschaftler der letzten Jahrzehnte mit dem Brückenschlag zu Freud und der Psychoanalyse den Anspruch seiner Wissenschaft bekräftigen will, die Leitwissenschaft unserer Zeit zu sein. Die Neurowissenschaften betreiben eine Art von Selbst-Akkulturation, die weg vom Labor und den Experimenten an niederen Organismen in die komplexe Welt des menschlichen Geisteslebens führt.
Eine solche Deutung mag einiges für sich haben, aber sie greift zu kurz, denn Kandel hat Freud nicht erst am Ende seiner wissenschaftlichen Laufbahn entdeckt, sondern bereits vor ihrem Anfang. Sein Weg führte von Wien, aus dem er 1938 als Neunjähriger mit seiner Familie flüchten musste, in die USA, wo er nach der Schule zunächst ein Literaturstudium absolvierte, um sich dann, beeinflusst von ebenfalls emigrierten Wiener Psychoanalytikern, der Medizin zuzuwenden. Auch Kandel wollte Psychoanalytiker werden, doch dann entschied er sich anders. Diese Neuorientierung führte zu einer beeindruckenden wissenschaftlichen Laufbahn, in der Kandel seine Erkenntnisse zu den zerebralen Mechanismen des Gedächtnisses durch einen radikal reduktionistischen Forschungsansatz - also das Gegenteil des psychoanalytischen Wegs - erreichen konnte.
„Auf der Suche nach dem Gedächtnis” ist aber nicht bloß die Autobiographie eines Hirnforschers, es ist auch die Autobiographie einer Wissenschaft, der sich der Autor zugehörig fühlt. Die Entwicklungen der letzten 70 Jahre Hirnforschung werden so gut erzählt, wie es im biographischen Genre nur sein kann: zupackend, leidenschaftlich, mit Insiderinformationen, sorgfältig im Detail, aber auch einseitig, anekdotisch und vom Telos eines stringenten, ungebrochenen Verlaufs der Wissensentwicklung bestimmt. Eine solche Erinnerungsgeschichte darf nicht verwechselt werden mit einer Geschichte dieser Wissenschaft. Dazu sind Kandels historische Anmerkungen, die hinter seine eigene Lebens- und Arbeitszeit zurückreichen, zu flüchtig und ungenau. Es wäre albern, hier den Vorwurf einer mangelnden historischen Recherche zu erheben, aber es ist klar, dass Kandels Ausflüge in die Vergangenheit so sind, wie er sich den Verlauf der Geschichte idealerweise vorstellt.
An diesem Punkt lässt sich das Gedächtnis, zu dessen biologischer Aufklärung Kandel so viel beigetragen hat, auf sein eigenes Buch anwenden: Die überformenden Kräfte des Gedächtnisses, die sich ihr eigenes narratives Muster stricken, führen zum Umbau der stattgehabten Ereignisse, hier vor allem derjenigen, die aus Büchern oder aus mündlichen Mitteilungen gezogen worden sind. Mit und noch viel häufiger ohne Absicht werden Episoden und Details hinzugefügt, weggelassen oder um Nuancen verändert, und all das dient der Formung einer Geschichte, die die kontingenten Ereignisse einer Biographie oder auch eines wissenschaftlichen Entwicklungsprozesses zu einem sinnvollen Ganzen zusammenfügt.
Keine Autobiographie entgeht dieser nachträglichen Sinngebung, ohne das eigene Genre ad absurdum zu führen. Wenn man das berücksichtigt, bleibt immer noch ein faszinierender Einblick in eine bewunderungswürdige wissenschaftliche Lebensleistung. Wie stark die Prägung des angehenden Wissenschaftlers durch Freud auch immer gewesen sein mag: Als Kandel daran ging, das für seine Fragen geeignete Experimentalsystem zu finden, entfernte er sich von Freud und der Psychoanalyse, so weit es nur ging. Er wählte als Modellobjekt das Nervensystem der Meeresschnecke Aplysia aus. Dieses nicht gerade ansehnliche Tier hat nur wenige Nervenzellen, aber die sind ziemlich groß, sodass man leicht mit ihnen experimentieren kann. Einmal mehr bestätigt Kandel damit die Einsicht, dass die Wahl des richtigen Versuchsobjekts das Alpha und Omega in der experimentellen Biologie ist. Was der Frosch für die Neurophysiologie, die Drosophila für die Genetik, ist Aplysia für die Gedächtnisforschung geworden.
Schlicht sind die Reflexe
Mit dieser Entscheidung folgte Kandel um 1960 nicht gerade dem allgemeinen Trend. Die Mehrheit der Hirnforscher ging davon aus, dass man zumindest mit Säugetieren arbeiten müsse, um etwas über die Mechanismen im menschlichen Gehirn zu erfahren. Kandel hingegen hatte die Prinzipien des Behaviorismus und der Pawlowschen Reflexlehre gründlich studiert: Man beginne mit den einfachsten Mechanismen, untersuche schlichtes Reflexverhalten und primitive Lernprozesse und versuche, den neuronalen Schaltkreis dieses Vorgangs Zelle für Zelle zu bestimmen. Auf diese Weise vermochte Kandel bestimmte Veränderungen des neuronalen Netzwerks zu identifizieren, die den Weg zu den zellbiologischen Mechanismen des Lernens und des Gedächtnisses bahnten.
Besondere Aufmerksamkeit galt dabei der Synapse, jener Struktur, die die Kommunikation zwischen zwei Nervenzellen herstellt. Die Mechanismen sind auf den ersten Blick denkbar einfach: Durch Gewöhnung wird die Synapse geschwächt und damit die Aktivität des Nervensystems reduziert; durch Sensitivierung und klassische Konditionierung im Sinne von Pawlow wird die Synapse gestärkt. Die untersucherfreundliche Aplysia gab sogar preis, dass sich die Anzahl der Synapsen bei anhaltender Übung vermehrt und die Zahl der aktiven Synapsen zunimmt.
Anstatt nun diese Ergebnisse an höheren Tieren zu replizieren, wählte Kandel den umgekehrten Weg und verschärfte seinen Reduktionismus noch weiter, indem er sich den molekularen Mechanismen der synaptischen Veränderungen zuwendete. Das hieß, die verantwortlichen Transmitter und andere Moleküle ausfindig zu machen und schließlich ihr Zusammenspiel mit den Genen im Zellkern zu untersuchen. Was als Elektrophysiologie begonnen hatte, war zur Molekularbiologie geworden, die sich der Signalübertragung im Nervensystem widmete. Für seine Untersuchungen erhielt Kandel im Jahre 2000 den Nobelpreis.
Was hat all das mit Freud zu tun? Im letzten Teil seines Buches und in den gleichzeitig veröffentlichten gesammelten Artikeln versucht Kandel den Weg zurück zu gehen von der molekularen Ebene des zellulären Geschehens hin zum individuellen Verhalten, zu Bewusstsein, Kreativität und freiem Willen. Notwendigerweise trifft sich der bewährte Reduktionismus hier mit riskanter Spekulation. Kandel wird nicht müde, auf die biologischen Grundlagen der Individualität hinzuweisen. In einer Ansprache an die Medizinstudenten der Columbia University glaubt er sogar, dass es dem Neuro-Imaging gelingen wird, die individuellen Unterschiede zwischen unseren Gehirnen bildlich darzustellen und damit die Biologie der Individualität unseres Geisteslebens zu verstehen.
Hitler und die Synapsen
Warten wir es ab, ob sich das Wesen mathematischer, musischer oder sprachlicher Begabung tatsächlich aus dem Neuro-Imaging und aus der Analyse genetischer Polymorphismen ablesen lässt, oder ob hier nur bestimmte Möglichkeiten angezeigt werden, von denen man vielleicht mit großer Enttäuschung feststellen muss, dass sie sich trotz großer Anstrengungen nicht in die Wirklichkeit transferieren lassen. So entlastend es sein mag, sich durch sein zerebrales Sosein aus der Verantwortung für die eigenen Handlungen zu stehlen, so belastend könnte es sein, wenn man irgendwann von den neuen Zerebrotherapeuten die Diagnose zugestellt bekommt: Nach deinem Hirnbild hättest du ein glänzender Mathematiker werden müssen, und deine Eltern haben doch alles für Dich getan. Wieso bist du trotzdem nur ein mittelmäßiger Deutschlehrer geworden?
Man wüsste gern, was Kandel zu solchen An- und Aussichten zu sagen hat. In dieser Hinsicht unterscheidet er sich denn doch von seinem großen Vorbild. Bei ihm fügt sich alles zu einem perfekten Bild zusammen, bei Freud lassen Einwände gegen die eigene Theorie immer wieder eine Unsicherheit, ja sogar ein Misstrauen gegen die Möglichkeiten der Psychoanalyse durchscheinen. Das ist zwar auch eine Sache des jeweiligen Entwicklungsstandes einer Wissenschaft, in erster Linie aber ist es Ausdruck einer Haltung, die zu unterschiedlichen Zeiten für Wissenschaftler mehr oder weniger akzeptabel ist. Wenn Kandel mit Formeln, die man auch von anderen erfolgreichen Neurowissenschaftlern kennt, den Eindruck erweckt, als wolle er mit seiner Biologie des Geistes die gesamte conditio humana erklären, so bleibt zu konstatieren, dass der fröhliche Optimismus zurzeit die Tugend der skeptischen Bescheidenheit im Klammergriff hat.
Dabei folgt Kandel - glücklicherweise - in einigen zentralen Passagen seinen eigenen biologischen Maximen nicht. Wenn es um die Erklärung der Tatsache geht, dass die Österreicher 1938 Hitler kollektiv in die Arme fielen, versucht Kandel gerade nicht - wie es nach 1945 ja durchaus versucht wurde - eine biologistische Erklärung zu finden, sondern eine soziokulturelle, bei der Opportunismus und Antisemitismus im Vordergrund stehen. Und wenn er auf seine durchaus ambivalenten Erfahrungen mit Österreich nach der Verleihung des Nobelpreises zu sprechen kommt, tut er das als stolzes und gleichzeitig verletztes Individuum, das nicht nur durch Gene und Synapsen, sondern auch durch das Zeitalter der Extreme entscheidend geprägt worden ist. Die Grenzen einer Biologie des Geistes werden damit auf berührende Weise vorgeführt, auch wenn sie nicht als solche thematisiert werden.
MICHAEL HAGNER
ERIC R. KANDEL: Auf der Suche nach dem Gedächtnis. Die Entstehung einer neuen Wissenschaft des Geistes. Siedler Verlag, München 2006. 528 Seiten, 24,95 Euro.
ERIC R. KANDEL: Psychiatrie, Psychoanalyse und die neue Biologie des Geistes. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2006. 341 Seiten, 28 Euro.
Ist dieses Gebilde aus dem Meer der Schlüssel unserer Individualität? Was die Fruchtfliege Drosophila für die Genetik, ist Aplysia californica, der kalifornische Seehase, für die Gedächtnisforschung geworden. An ihm untersuchte Eric Kandel die neuronalen Grundlagen des Lernens und des Gedächtnisses. Im Jahr 2000 erhielt er den Nobelpreis für Medizin.
Foto: Corbis
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"'Auf der Suche nach dem Gedächtnis' ist eine sprühende Mischung aus Autobiographie, Wissenschaftsgeschichte und biologischem Grundlagenwerk, die ihresgleichen sucht." (Edward O. Wilson)