Europas vergessene Visionäre
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Ein vereintes Europa braucht neue Visionen. Dies gilt umso mehr in Zeiten akuter Krisen, wie der Finanz- und Bankenkrise, der Eurokrise oder der Flüchtlingskrise, sowie anderer, den Zusammenhalt in Europa gefährdender Ereignisse, wie dem Brexit. In Europas vergessene Visionäre zeigt Winfried Böttcher, wie einst Visionen entstanden. Wichtige, aber zu Unrecht etwas in Vergessenheit geratene europäische Denker mit großen Europavisionen geben sich in diesem bedeutenden Werk ein Stelldichein. Das Buch knüpft damit an das kulturhistorische Standardwerk Klassiker des europäischen Denkens an. Wie die…mehr

Produktbeschreibung
Ein vereintes Europa braucht neue Visionen. Dies gilt umso mehr in Zeiten akuter Krisen, wie der Finanz- und Bankenkrise, der Eurokrise oder der Flüchtlingskrise, sowie anderer, den Zusammenhalt in Europa gefährdender Ereignisse, wie dem Brexit.
In Europas vergessene Visionäre zeigt Winfried Böttcher, wie einst Visionen entstanden. Wichtige, aber zu Unrecht etwas in Vergessenheit geratene europäische Denker mit großen Europavisionen geben sich in diesem bedeutenden Werk ein Stelldichein. Das Buch knüpft damit an das kulturhistorische Standardwerk Klassiker des europäischen Denkens an. Wie die Klassiker tragen auch die Visionäre dazu bei, sich vergangener und gegenwärtiger Friedens- und Europavorstellungen zu vergewissern, um die Zukunft des Kontinents zu gestalten. Renommierte Historiker, Sozial-, Kultur- und Literaturwissenschaftler aus Universitäten und Forschungseinrichtungen in ganz Europa haben Beiträge zu diesem Buch verfasst und laden den Leser dazu ein, Europas "vergessene" Visionäre, die intellektuellen Ressourcen ihrer Zeit und ihre innovativen Zukunftsbilder kennenzulernen.
  • Produktdetails
  • Verlag: Nomos
  • Seitenzahl: 521
  • Erscheinungstermin: Mai 2019
  • Deutsch
  • Abmessung: 228mm x 153mm x 35mm
  • Gewicht: 828g
  • ISBN-13: 9783848745838
  • ISBN-10: 3848745836
  • Artikelnr.: 54500955
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 17.12.2019

Vordenker und Schwärmer
Die Visionäre eines geeinten Europas lassen sich nicht auf eine Linie bringen

Den Begriff "Europäische Union" mochte der russische Soziologe Jakov Novikov nicht verwenden. Er sei "schwankend und nichtssagend", befand er, und er würde "die furchtsamen Geister noch mehr in Schrecken versetzen." Stattdessen sprach der umtriebige Wissenschaftler und Publizist, Starredner auf allen internationalen Friedenskongressen zwischen 1896 und 1903, lieber von der "Föderation Europas". Er verstand darunter die Fortentwicklung der interparlamentarischen Kongresse zu einem "europäischen Direktorium", das die Menschenrechte und europäischen Bürgerrechte garantiert, alle innereuropäischen Zölle beseitigt, eine "vollständige Gesetzgebung" über das literarische, künstlerische und gewerbliche Eigentum ausarbeitet und ein Verfahren für friedliche Grenzänderungen entwickelt. In der Kulturgemeinschaft der Europäer, die über "tausend Bande" vereinigt seien, sah er eine gute Voraussetzung für eine solche Föderation.

Jakov Novikov ist einer von 61 Autoren aus sieben Jahrhunderten, die über Formen und Möglichkeiten des Zusammenlebens und Zusammenwachsens der europäischen Völker nachgedacht haben und in dem neuen Sammelband des emeritierten Aachener Politikwissenschaftlers Winfried Böttcher vorgestellt werden. Nicht alle sind in einem solchen Ausmaß in Vergessenheit geraten wie Novikov, der wohl von der deutschen Friedensbewegung rezipiert worden war, dann aber in den Polarisierungen des Großen Krieges und der Oktoberrevolution aus dem Blickfeld geriet. Bei manchen ist nur die europapolitische Dimension des Oeuvres wenig bekannt geworden, so bei Emmanuel Joseph Sieyès, der über ein Gleichgewichtssystem zur dauerhaften Befriedung Europas nachdachte, und bei Ludwig Börne, der vom Anschluss der Deutschen an ein freiheitliches Frankreich träumte. Bei einigen, so beim sozialdemokratischen Staatsrechtler Hermann Heller, ist die europapolitische Dimension des Oeuvres auch nur schwer zu erkennen.

Natürlich fallen die Europa-Visionen vom 14. Jahrhundert bis zur Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, die hier präsentiert werden, zeit- und geistesgeschichtlich bedingt denkbar unterschiedlich aus, und sie weisen auch unterschiedliche Tiefenschärfen auf. Allein schon deswegen dürfte es schwierig werden, sie allesamt als Impulse für ein Nachdenken über die Möglichkeiten weiterer Einigung Europas zu nutzen, wie Robert Menasse in einem emphatischen Geleitwort wünscht. Aber als Bausteine zu einer neuen Kulturgeschichte der Europa-Idee sind die Beiträge des Bandes willkommen. Vorstellungen vom friedlichen Zusammenleben und einer Beschränkung einzelstaatlicher Souveränität waren offensichtlich doch weiter verbreitet, als es eine national und nationalstaatlich geprägte Geschichtswissenschaft lange Zeit wahrhaben wollte.

So ist etwa bei dem wissenschaftlichen Sozialisten Constantin Pecqueur zu entdecken, dass er nicht nur wichtige Erkenntnisse zur Entwicklung des modernen Industriekapitalismus formulierte, auf die dann Karl Marx in seinen Analysen zurückgriff. Er entwarf auch die Skizze eines "zentralen europäischen Machtzentrums, das für alle Lebensbereiche alle Gegengewichte verbindet, die ihm gefehlt haben, um in Sinne des Fortschritts und der Freiheit zu wirken." Dazu gehörten für ihn die Schaffung einer europäischen Armee, die den Friedensregelungen notfalls mit Waffengewalt Geltung verschafft und die Abrüstung der nachgeordneten Einzelstaaten ermöglicht, die Organisation eines freien europäischen Binnenhandels verbunden mit Ausgleichszahlungen an die wirtschaftlich schwächeren Länder und die Entwicklung einer "geistigen Macht", die im Sinne des Fortschritts und der Freiheit orientierend wirkt. Erstaunlich modern muten auch die Instrumente an, mit deren Hilfe Pecqueur eine solche Friedensordnung herbeiführen wollte: Abbau der Zollschranken und Ausbau der Eisenbahnlinien, Schüler- und Studentenaustausch, systematisches Auslandsstudium, Bildung von lokalen Friedensgesellschaften, die internationale Begegnungen organisieren, Friedenserziehung durch Lehrende aller Bildungsstufen, Journalisten, Dichter und die Kirchen.

Eine wichtige Rolle maß Pecqueur dem Christentum zu: Die "Wahrheit der Gleichheitslehre und der Freiheitsidee in der Brüderlichkeit" sei ein Pfund, mit dem die Europäer wuchern könnten. Freilich müssten dazu die nationalen Priesterschaften ihre "antichristliche Gesinnung" aufgeben, mit der sie die Feindseligkeit zwischen den Völkern unterstützt und immer wieder "in Namen angeblicher religiöser Interessen" zum Krieg aufgerufen hätten. "Eine der ersten Bedingungen für Frieden ist die Toleranz"; darum sollten die Kirchen ihre dogmatischen Zwistigkeiten schleunigst beenden.

Neues erfährt man auch über Johan Willem Beyen, den niederländischen Außenminister der Jahre 1952 bis 1956, der mit dem Beyen-Plan vom 4. April 1955 zum entscheidenden Stichwortgeber für die Schaffung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft wurde. Der internationale Finanzexperte, der während des Krieges schon die Benelux-Verbindung konzipiert hatte, war nicht nur auf die Schaffung eines Gemeinsamen Marktes mit sozialpolitischen und monetären Steuerungsfunktionen bedacht, der zuvorderst die niederländischen Exportinteressen bedienen sollte. Er verstand die europäische Einigung ausdrücklich als ein "politisches Konzept", das nicht auf den wirtschaftlichen Bereich beschränkt bleiben sollte. Angesichts des Scheiterns der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft und der mit ihr verbundenen Europäischen Politischen Gemeinschaft im August 1954 hielt er nur für absehbare Zeit weiter gehende Projekte für undurchführbar. Der Weg über die Wirtschaftsgemeinschaft war damit für ihn - ähnlich wie für Konrad Adenauer - ein Aushilfsmittel in einer Krisensituation. Er verstand ihn keineswegs, anders als viele Adepten des Funktionalismus, als Königsweg zu einem einigen Europa.

Gegenüber solchen Überlegungen wirkt die Europa-Vision, die der Herausgeber zum Schluss des Bandes selbst beisteuert, erstaunlich wenig geerdet und realitätsbezogen. Böttcher hält die Systemkrise des Nationalstaats für die "eigentliche Ursache der Systemkrise der EU" und verlangt daher, dass Frankreich und Deutschland die EU verlassen sollten. Während der "Rest" zunächst als Freihandelszone weiterexistieren kann, sollen sich die beiden Kernländer der bisherigen Union zu einer "Europäischen Republik" zusammenschließen, die ihren Bürgern Rechtsgleichheit garantiert und in Regionen "mit einer eigenen Regionsräson" gegliedert ist. Wenn sie so weit sind, könnten sich andere europäische Länder dieser Republik anschließen. Ein solches Szenario abstrahiert doch allzu sehr von den unterschiedlichen historischen Prägungen und Sozialsystemen der beiden Länder, und es negiert auch, was die EU in nahezu 70 Jahren an Integrationsleistungen zustande gebracht hat. Für die Bewältigung konkreter Probleme der europäischen Politik ist es damit weit weniger hilfreich als manche Visionen aus ferneren Zeiten.

WILFRIED LOTH

Winfried Böttcher (Hrsg.): Europas vergessene Visionäre. Rückbesinnung in Zeiten akuter Krisen.

Nomos Verlag, Baden-Baden 2019. 521 S., 58,- [Euro].

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