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Mystische Erzählungen voller Weisheit und Tiefe
Mit dichterischem Einfühlungsvermögen erzählt Martin Buber in dieser Auswahl einige der bedeutendsten Geschichten des Rabbi Nachman (1772-1810), einem der letzten großen Vertreter des Chassidismus. Seine Geschichten erzählen vom Ringen der Seele, aufgespannt zwischen irdischer Befangenheit und himmlischer Sehnsucht. Voller Humor und leiser Ironie entfalten sie die zeitlos gültige Weisheit jüdischer Mystik.
Eines der populärsten literarischen Werke Martin Bubers Mit Vignetten aus mittelalterlichen jüdischen Prachthandschriften
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Produktbeschreibung
Mystische Erzählungen voller Weisheit und Tiefe

Mit dichterischem Einfühlungsvermögen erzählt Martin Buber in dieser Auswahl einige der bedeutendsten Geschichten des Rabbi Nachman (1772-1810), einem der letzten großen Vertreter des Chassidismus. Seine Geschichten erzählen vom Ringen der Seele, aufgespannt zwischen irdischer Befangenheit und himmlischer Sehnsucht. Voller Humor und leiser Ironie entfalten sie die zeitlos gültige Weisheit jüdischer Mystik.

Eines der populärsten literarischen Werke Martin Bubers
Mit Vignetten aus mittelalterlichen jüdischen Prachthandschriften
  • Produktdetails
  • Verlag: Gütersloher Verlagshaus
  • Seitenzahl: 192
  • Erscheinungstermin: 27. April 2015
  • Deutsch
  • Abmessung: 192mm x 167mm x 22mm
  • Gewicht: 372g
  • ISBN-13: 9783579085210
  • ISBN-10: 3579085212
  • Artikelnr.: 41831234
Autorenporträt
Buber, Martin
Martin Buber (1878-1965), Religionsforscher, Religionsphilosoph und Schriftsteller, war eine der führenden Persönlichkeiten des Judentums im 20. Jahrhundert und ein Vorreiter des jüdisch-christlichen Dialogs. Geboren in Wien, aufgewachsen in Lemberg, studierte er Philosophie, Germanistik, Kunstgeschichte und Psychologie in Wien, Berlin, Leipzig und Zürich. 1924-1933 war er Professor für Allgemeine Religionswissenschaft in Frankfurt a.M. Buber, der sich früh dem Zionismus angeschlossen hatte, wanderte 1938 nach Palästina aus und lehrte an der Hebräischen Universität von Jerusalem Sozialphilosophie. Nach dem 2. Weltkrieg war er einer der wenigen ehemals deutschen Juden, die in der Öffentlichkeit wieder eine Brücke zu Deutschland zu schlagen versuchten. 1953 wurde er mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 23.08.2006

Die Seele als Erlebnis
Martin Bubers "Geschichten des Rabbi Nachman"

Das vor hundert Jahren veröffentlichte Buch Martin Bubers mit den Erzählungen des Rabbi Nachman ließ für Juden wie Nichtjuden die erloschene Welt ostjüdischer Frömmigkeit wiedererstehen.

Vor hundert Jahren erschien in Frankfurt am Main bei Rütten und Loening ein in einfache schokoladenbraune Pappe gebundenes Buch, das die seit Moses Mendelssohn im Trockeneis einer bürgerlichen Vernunftreligion eingelagerte Seele der deutschen Juden zum Erlebnis ihrer selbst wiedererwecken wollte und das noch heute in Europe und Amerika unter Juden und Nichtjuden die Wahrnehmung der erloschenen Kultur ostjüdischer Frömmigkeit bestimmt.

Auf dem vorderen Buchdeckel leuchtete in Orangegold, der traditionellen Farbe der Transzendenz, ein siebenarmiger jüdischern Kandelaber, darüber in gleicher Farbe der Titel: "Die Geschichten des Rabbi Nachman." Die Geschichten? Wer hatte 1906 je von Rabbi Nachman gehört? Auf der ersten vollen Titelseite erfuhr man mehr: "ihm nacherzählt von Martin Buber." Durch die ungewöhnliche Einschiebung des Pronomens "ihm" suggeriert er eine direkte Beziehung Buber/Nachman, von der in der Wirklichkeit keine Rede sein kann. Nicht nur war Rabbi Nachman von Bratzlaw, ein Urenkel des als Baal Schem Tov bekannten Begründers des polnischen Chassidismus, schon 1810 gestorben. Seine Geschichten waren darüber hinaus nur in einer 1816 veröffentlichten Niederschrift eines Schülers zugänglich.

In der Widmung auf der nächsten Seite gab Buber seinen Lesern weitere Rätsel auf und führte sich ein - er, der außerhalb eines kleinen zionistischen Kreises noch ganz unbekannt war - als Kulturerneuerer durch Aufarbeitung der Tradition: "Dem Gedächtnis meines Großvaters Salomon Buber des letzten Meisters der alten Haskalah bringe ich in Treuen dieses Werk der Chassidut dar." Haskalah (Aufklärung) und Chassidut (Frömmigkeit) waren unvereinbare Gegensätze. Die Maskilim verbreiteten seit dem achtzehnten Jahrhundert säkulare Bildung und westliche Werte unter den frommen Ostjuden. Die Chassidim sahen in ihnen Frevler und Zerstörer. Salomon Buber, Getreidehändler, Bankier und Gelehrter, lebte auf einem Gut in der Nähe von Lemberg. Sein Enkel Martin zog in seinem dritten Lebensjahr zu ihm und verließ ihn erst mit vierzehn Jahren wieder. Da hatte er die Erziehung der Haskalah erfahren: Einweisung in die klassischen Texte des normativen Judentums durch den Großvater und säkulare Ausbildung erst durch Privatlehrer, danach am polnischen Gymnasium in Lemberg.

Mit dem Großvater besuchte Buber im Sommer die chassidischen Höfe in Sadagora und Czortkov. Der Großvater war Sammler, Bearbeiter und Herausgeber von Midraschim. Das sind rabbinische Auslegungen des Gesetzes in Form von Legenden und Gleichnissen. Der Enkel sammelte chassidischen Legenden und Parabeln. Zentral war beiden Unternehmen die Beschreibung des jüdischen Wegs zu Gott. Für Salomon führte dieser Weg durch das Gesetz: Richtiges Verstehen wird zur Tat. Für Martin Buber führte er durch das Erlebnis: Richtige Versenkung wird zur Ekstase. So war denn die Widmung des Buches an den Großvater, der im Jahr der Veröffentlichung starb, sowohl ein Anerkenntnis der Kontinuität als auch ein bewußter Verweis auf jene Rebellion, mit Hife derer Buber das deutsche Judentum neu zu beleben gedachte.

Nie ging es Buber um das faktisch richtige Verstehen der Chassidim. Das überließ er dem Historiker Simon Dubnow. Es ging ihm nur um das Herausarbeiten ihrer spirituellen Essenz, ihres Seelenfeuers, ihres subjektiven Kerns, den er "Pathos" nannte und der, so Buber, das Paradoxon genießend, die Juden seit jeher mit "unerfüllbarem Verlangen" nach dem Absoluten erfülle. Mit Intuition und Pathosfähigkeit wollte er selbst der Vermittler des seelischen Feuers sein, das in den entseelten Vernunftjuden eine neue schöpferische Energie entfachen würde. Darum konnte Buber auch, ohne sich einer Arroganz bewußt zu sein, auf der nächsten Seite schreiben, er habe "die Geschichten des Rabbi Nachman nicht übersetzt, sondern ihm nacherzählt, in aller Freiheit, aber aus seinem Geiste, wie er mir gegenwärtig ist". Buber allein war der Garant der Authentizität des Dargestellten.

Gershom Scholem, der durch Buber seinen Weg zu den Quellen der jüdischen Mystik fand, grummelte schon 1914, daß Bubers Chassidismus, in dem die Torah zum "Erlebnis" wurde, nur "Geschwätz" war. 1943, als die polnischen Chassidim ihren letzten Weg in die Flammen gingen, stellte Scholem seinem Weggefährten von Berlin nach Jerusalem die historischen Chassidim dar. Buber hörte angespannt zu und schwieg zunächst. Dann sagte er: Wenn, was Sie ausführen, mein lieber Scholem, wahr ist, dann hätte ich vierzig Jahre lang völlig umsonst über die Chassidim gearbeitet. Denn dann interessieren sie mich überhaupt nicht.

Buber ließ seinem Rabbi Nachman noch viele andere Nacherzählungen chassidischer Meister folgen. Seine Chassidim waren metaphorische, nicht historische Gestalten. Darin (sowie in Bubers elegantem Stil) lag das Geheimnis ihres ungeheuren Erfolgs. Sie hatten nichts mit den verarmten, schmutzigen, deprimierenden Gestalten zu tun, welche die deutschen Juden 1915 nach der Besetzung Polens durch ihre Armee entdeckten. Bubers Chassidim existierten nur in einem geistigen Raum. Sie waren rein geistige Identifikationsangebote. Das hatte den Vorteil, daß man einerseits sich um ihr irdisches Abbild nicht weiter kümmern mußte und andererseits, da nur seelisches Bemühen um Erneuerung verlangt war, sich nicht äußerlich jüdisch identifizieren mußte, wie es die Orthodoxie verlangte. Schon Paulus hatte den Vorzug der rituellen Entleerung und Vergeistigung des Judentums erkannt. Buber mußte sich natürlich von rabbinischer Seite eine Christologisierung des Judentums vorwerfen lassen.

Aber Bubers "Rabbi Nachman" tat noch ein übriges. Er bediente die neuromantische Sehnsucht der assimilierten deutschen Juden. Er lieferte ihnen Volksmärchen und Heiligenlegenden. Die Deutschen konnten ihre nationale Identität durch regional verwurzelte Volksmärchen in der Vormoderne verankern. Die Juden hatten zwar Bibel und Talmud, aber diese waren einerseits durch die Vernunftrabbinen ausgetrocknet und anderseits durch die antisemitische Rhetorik etwas despektierlich geworden. Salman Schockens bedeutendes kulturregenerierendes Projekt der Edition jüdischer Texte begann erst 1931. So hatte man recht wenig in der Hand. Da trafen eben die "Geschichten des Rabbi Nachman" ein.

Im ersten Teil des Bändchens, einer Einführung in die jüdische Mystik, begründet Buber sie völkisch. Ihre Kraft komme "aus einer ursprünglichen Eigenschaft des Volkes". Auf den vorangehenden Seiten hatte sich Buber zu einer Charakterisierung des Volkes verstiegen, die die Vorurteile der Gegner in sich aufnahm. Motorisch und intensiv reagierend seien die Juden; aber sie reagierten nur sprachlich, nicht Substanz schaffend. Sie hätten einen Sinn für Relationen, der Seele zum Kosmos etwa, die sie in mathematischen Formeln, Definitionen und Gedichten ausdrückten. Aber sie hätten keinen Sinn für die Wirklichkeit eines Baumes, Vogels oder Menschen. Wahre Empfindungen zerredeten sie: "Das Pathos erniedrigt sich oft genug zur Rhetorik; diesem Sündenfall waren die Juden von jeher ausgesetzt."

Aus der Peinlichkeit des Geredes - gemeint sind die Endlosdiskussionen der Rabbinen im Talmud über die kleinsten Details des Gesetzes - befreit der Chassidismus: "Sein Kern ist eine höchst gotterfüllte und höchst realistische Anleitung zur Ekstase." Nun traf Buber, der 1904 ein Dissertation über deutsche Mystiker geschrieben hatte, eine wichtige Unterscheidung: In der deutschen Mystik "entwerde" die Seele; in der jüdischen "entfalte" sie sich. Wichtig war diese Unterscheidung selbst, weil es eine dezidiert jüdische Mystik sein sollte. Nun erst zeigt Buber den chassidischen Weg zur Heilung des erfahrungsarmen, alles zerredenden Juden. Er besteht im Gotteserlebnis des intensiven Gebets. "Wer in seinem Feuer betet, in dessen Kehle redet Gott selbst das innere Wort. Dieses ist das Erlebnis; das äußere Wort ist nur sein Gewand." An anderer Stelle nennt er das Wort, "das aus dem Seelengrund steigt als die organische Ausformung eines reichen Erlebens die Seele selbst." Wer noch nicht genau weiß, worum es hier geht, dem bedeutet Buber, daß es sich um die "Befreiung des Volkes" von einer "durchaus unfruchtbaren, wirklichkeitsfremden, tatenlosen, aber nie angezweifelten ,geistigen Aristokratie' von Talmudgelehrten" handelt. Entscheidend für den "Rang eines Menschen" war nun nicht mehr "das Wissen", sondern die "Reinheit und Weihe seiner Seele. Die neue Lehre kam wie eine Offenbarung."

Natürlich denkt hier jeder an Jesus und Pharisäer, an die Befreiung des Volkes von der "lebensfeindlichen" Orthodoxie, die das Handeln nach dem Gesetz verlangte. Was Buber den kulturdeutschen Juden seiner Zeit ermöglichte, war religiöse Intensität, die sich mit dem in die deutsche Kultur eingeschriebenen Christentum vertrug und die doch jüdisch war in "Eigenart" und völkischer Verwurzelung. Er ermöglichte Seelenreinheit ohne äußerlich sichtliches Bekenntnis; Judentum ohne kommunale Solidarität mit den Juden der Gegenwart, denn schließlich war dort, so Buber, der Chassidismus zum "wüsten Sektenwesen" entartet.

Der Erfolg war durchschlagend. Noch 1914 schrieb der Kaufhausmagnat Salman Schocken, der sich vom Ostjuden zum kulturdeutschen Juden gemausert hatte, an Buber: "Durch ihr Rabbi Nachman Buch bin ich vor Jahren stark beeinflußt worden. Seitdem habe ich ihr Schaffen in Verehrung verfolgt. Seitdem bin ich wieder zum lebenden Juden geworden." Schocken ließ seiner Erweckung Taten folgen. Er gründete einen Verlag und verbreitete jüdische Literatur.

In Prag, wo Buber-Begeisterung und Ostjudenenthusiasmus die Jahre vor dem Ersten Weltkrieg bestimmten, stand niemand prinzipiell Bubers Projekt, die geistige Verfaßtheit des Menschen zu ergründen, ferner als Franz Kafka. Ihm war all Literatur "Ansturm gegen die letzte irdische Grenze". Doch Buber schien ihm hierfür nicht der geeignete Mann. "Er macht auf mich einen öden Eindruck", schrieb Kafka 1913 an Felice, "allem, was er sagt, fehlt etwas". Was ihm fehlt, ist die intellektuelle Präzision Scholems und die Kompromißlosigkeit Kafkas. Wer seine Seele an diesen Feuern zum Glühen bringt, muß Bubers Chassidim "lauwarm" finden.

SUSANNE KLINGENSTEIN

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