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Das Auftaktjahr des neuen Jahrtausends zeigte sich apokalyptisch: Swissair-Debakel, Zuger Amoklauf, Desaster im Gotthardtunnel. Symptome einer tiefgreifenden Krise? Oder 'Sonderfall' in einer ganz neuen Bedeutung? Seit einigen Jahren ändert sich die Schweiz schneller als je zuvor. Nun steht das Land an der Schwelle zu etwas Neuem. Jürg Altwegg, einer der brillantesten Kommentatoren der Schweiz, analysiert die Kosten des Sonderfalls, nimmt den Bestand auf und zeigt, was wir zu erwarten haben. Und wie die Schweiz, zwischen EU und EURO, zwischen UNO und NATO, dabei ist, sich selbst neu zu erfinden.…mehr

Produktbeschreibung
Das Auftaktjahr des neuen Jahrtausends zeigte sich apokalyptisch: Swissair-Debakel, Zuger Amoklauf, Desaster im Gotthardtunnel. Symptome einer tiefgreifenden Krise? Oder 'Sonderfall' in einer ganz neuen Bedeutung? Seit einigen Jahren ändert sich die Schweiz schneller als je zuvor. Nun steht das Land an der Schwelle zu etwas Neuem. Jürg Altwegg, einer der brillantesten Kommentatoren der Schweiz, analysiert die Kosten des Sonderfalls, nimmt den Bestand auf und zeigt, was wir zu erwarten haben. Und wie die Schweiz, zwischen EU und EURO, zwischen UNO und NATO, dabei ist, sich selbst neu zu erfinden.
  • Produktdetails
  • Verlag: Nagel & Kimche / Nagel & Kimche AG, Verlag, Zrich
  • Artikelnr. des Verlages: 547/00291
  • 2. Auflage
  • Seitenzahl: 188
  • Erscheinungstermin: 18. Februar 2002
  • Deutsch
  • Abmessung: 212mm x 129mm x 24mm
  • Gewicht: 248g
  • ISBN-13: 9783312002917
  • ISBN-10: 3312002915
  • Artikelnr.: 10251745
Autorenporträt
Jürg Altwegg, geboren 1951 in Zürich, studierte Romanistik, Germanistik und Geschichte. Er schrieb über viele Jahre für Schweizer Zeitungen und für 'Die Zeit'. Seit 1986 ist er Kulturkorrespondent für die 'Frankfurter Allgemeine Zeitung' mit Schwerpunkt Frankreich und Schweiz. Jürg Altwegg lebt in Genf. Letzte Buchpublikationen: 'Die langen Schatten von Vichy' (1998) und 'Geisterzug in den Tod' (2001).
Rezensionen
Besprechung von 29.04.2002
Grüezi zum Rest der Welt
Jahrhunderte lang haben die Schweizer ihre Neutralität eifersüchtig bewacht – aber damit ist nun Schluss
JÜRG ALTWEGG: Ach, du liebe Schweiz: Essay zur Lage der Nation, Verlag Nagel und Kimche, Frauenfeld 2002. 176 Seiten, 14,90 Euro.
Jürg Altwegg geht mit seiner Heimat, der Schweiz, überaus hart ins Gericht. Zuvor hatte er sich bereits als souveräner Kenner der geistes- und kulturpolitischen Strukturen Frankreichs einen großen Namen gemacht. Sein Urteil ist elegant begründet, luzide, entschieden, oft originell, aber er wahrt – wie es sich für den Nachfolger Francois Bondys und Herbert Lüthys gehört – trotz seines Temperaments stets eine kluge Distanz. Dann und wann äußerte er sich auch über die Schweiz, doch niemals zuvor mit dem Engagement, das er mit dem neuen Buch an den Tag legt.
Sein Essay „Zur Lage der Nation” ist wahrhaftig nicht sine ira et studio geschrieben, im Gegenteil: Man darf ihn als eine klassische Polemik verstehen, mitreißend im Stil einer furiosen Suada, ironisch, voller Witz und manchmal von unbarmherziger Schärfe – ein brillantes Plädoyer der Anklage gegen eine Gesellschaft, die sich hartnäckig und selbstgerecht jeder kritischen Prüfung ihrer Ge-schichte, ihrer Institutionen, ihrer künftigen Bestimmung im Kreis der europäischen Völker zu verweigern versuchte. Schlecht gelaunt und tief verstört über die Wogen der Kritik, die so plötzlich über sie hereinbrachen, verbarrikadierte sie sich in ihrem Reichtum. Zugleich wucherten die Zweifel, ob die selbst gewählte Isolation eine so glänzende sei.
Ein schreckliches Jahr
Am Ende des ersten Jahres im dritten Millennium, diesem annus miserabilis mit seiner „Trilogie des Unheils” (dem Zusammenbruch der Swissair, dem Massaker im Kantonsparlament von Zug, der Brandkatastrophe im „heiligen Gotthard”) war die Illusion einer heilen Welt bei den Eidgenossenschaft ein für allemal zum Teufel. „Die alten Mythen sind zerstört”, ruft Altwegg beschwörend, „und die neuen helfen auch nicht weiter.” Dann das donnernde Finale: „Die frommen Schweizer, von denen in der Nationalhymne die Rede ist, beten um eine weiche Landung in der Geschichte. Vielleicht werden sie jetzt, da ihre Statussymbole am Boden liegen und im Réduit das Fegefeuer brennt, die Notwendigkeit einer politischen Einkehr erkennen. Und auf ihren Alleingang verzichten. In ihren sturen Köpfen – im Himmel und auf Erden.”
Vor kurzem votierte nun eine Mehrheit der Eidgenossen und, was wichtiger ist, eine Mehrheit der Kantone für den Beitritt ihres Landes zu den Vereinten Nationen – mit einer Verspätung von mehr als einem halben Jahrhundert. Zwar war es den Helvetiern höchst willkommen, dass die europäischen Filialen der Weltorganisation ihr Quartier in Genf aufschlugen: gut für die Reputation und damit für die Geschäfte. Aber Mitglied im Parlament der Völker?
Die Bergmenschen und die Bankiers fürchteten eine Gefährdung der so segensreichen Neutralität, die ihnen Frieden und Reichtum beschert hatte. Erst recht scheuten sie sich vor der Bindung an die Europäische Union, in der sie, wenn man den Visionen des Milliardärs, Populisten und starken Mannes der Schweizerischen Volkspartei (SVP), Christoph Blocher, glauben wollte, ihre nationale Persönlichkeit, ihre finanzielle Sicherheit und damit die Basis ihrer Existenz verlören. Sie hatten schließlich sogar, aus schierem Trotz, im Dezember 1992 Nein zur Aufnahme in den Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) gesagt.
Blochers Vormarsch schien unaufhaltsam zu sein. Der gewiefte Wirtschafts-Stratege trommelte an der Heimatfront zum Widerstand gegen die Europäisierung, wie einst die Väter und Großväter in den beiden Weltkriegen für die „geistige Landesverteidigung”. Der rechtskonservative Politiker lud zur Kultfeier eidgenössischer Egozentrik und rief zum Rückzug ins vermeintliche Idyll. Die Forderung der New Yorker Anwälte nach Ausgleichszahlungen für die jüdischen Vermögen, die von den Banken unter der Hand kassiert worden waren, geißelte Blocher, der Pfarrersohn, mit den üblichen Untertönen als eine bösartige Verschwörung, und er wies jede Mitverantwortung der Schweiz für den Tod von Abertausenden verjagter Juden zurück.
Blocher gewann Wahl auf Wahl: „Gewissen und Gralshüter einer unbefleckten Schweiz”, wie Altwegg den Demagogen charakterisiert. Die Volkspartei schwoll zur stärksten politischen Formation der Schweiz, aber Blocher selbst blieb die höhere Weihe der Berufung ins Gremium der Bundesräte (vergleichbar mit einem Minister) bis heute versagt.
Beweist nicht aber seine Niederlage im bitteren Streit um die UN- Mitgliedschaft, dass seine „Bewegung” ihre Attraktivität zu verlieren beginnt? Dass dem Chef das Geschick eines Jörg Haider beschieden sein wird? Muss nicht spätestens hier gefragt werden, ob Altwegg in seiner Streitschrift die demokratische Substanz und die moralische Resistenz seiner Landsleute unterschätzte? So argumentiert zum Beispiel der Chefredakteur der Weltwoche (einst eine Säule schweizerischer Liberalität) ein wenig zu schlicht, wenn er gegen die Zuordnung seines Landes zu inter- und übernationalen Organismen die „direkte Demokratie” als große Errungenschaft seines Landes ins Feld führt, dessen Bürger sich nicht vorschreiben ließen, was sie zu tun und zu lassen hätten.
Als ob sie nicht längst nach der Pfeife der nationalen und übernationalen Wirtschaftsmächte tanzten, die ihrem Einfluss entzogen sind. Immerhin sind die internationalen Konzerne durch die Europäische Union (unbeschadet ihrer demokratischen Defizite) einer gewissen Kontrolle unterworfen. Zu Strassburg auf der Schanz hört keine Seele auf die Alphornbläserei solch naiver Wehleidigkeit. Die demokratische Zuverlässigkeit ist tiefer verwurzelt als im folkloristischen Idyll der Landgemeinden in Appenzell, Unterwalden und anderswo.
Aber das Jammersolo in der Weltwoche zeigt womöglich eine neurotische Schwäche an, die Jürg Altwegg mit allzu humaner Nachsicht betrachtet, so schonungslos er sonst mit seinen Landsleuten ins Gericht geht. Der Genfer Soziologe Jean Ziegler, gewiss kein „Landesverräter” und auch kein „Nestbeschmutzer”, wie seine Gegner schmähen, sondern ein mobilisierender Unruhestifter, gab sich auch oft genug als selbstbesessene Nervensäge zu erkennen: ein (anregender) Wirrkopf, Wolkenschieber und Konspirationskonstrukteur, der gelegentlich auf den Nebelbänken der Scharlatanerie einherstolzierte – und dennoch seinen Schweizern immer die Lichter bitterer Wahrheiten aufsteckte. Oder der große Reporter Niklaus Meienberg: Nach seinem Selbstmord zum Märtyrer des Konformismus hochstilisiert, wäre er vermutlich auch an jeder anderen Gesellschaft gescheitert, nicht nur an der eidgenössischen; in Wirklichkeit zerbrach er an sich selbst. Und kann der talentierte Literat Adolf Muschg, zu oft der Bußprediger vom Dienst, ganz von dem Vorwurf freigesprochen werden, dass er die Gewissen der Eidgenossen (und der Nachbarn im Norden) durch chronische Überdosen eines insistenten Moralismus eher immunisiert hat?
Meer der Langeweile
Kurz: In Jürg Altweggs brillanter und brisanter Kapuziner- Predigt vermisst der ferne Freund den Hinweis auf die Neigung der intellektuellen Elite seiner Schweiz (übrigens auch der deutschen) zum Hader mit sich selber, zur greinenden Dauerklage, zur zwanghaften Nabelschau, bei der die Selbstverliebtheit und der Selbsthass in einem Meer der Langeweile verschwimmen. Ein letzter Einwand: Nietzsche hat es nicht verdient, in einem Atem mit Heidegger als ein „durch den Nationalsozialismus kompromittierter Denker” genannt zu werden: Der Schwarzwaldgänger schlüpfte aus freien Stücken in die Uniform des Führers, der andere wurde von den Nazis, die er als seine Todfeinde betrachtet hätte, schamlos verfälscht und geplündert. Alles in allem: Wir wünschten sehnlich, dass ein Autor von Altweggs Temperament und seiner intellektuellen Präsenz uns Deutschen den Spiegel einer Kritik gleichen Ranges vorhielte. Ein Meisterwerk der Polemik hohen Anspruchs.
KLAUS HARPRECHT
Der Rezensent ist Journalist und Schriftsteller und lebt in Frankreich.
Über den Schweizer Gipfeln war Ruh, doch dann holte der Streit um Nazigold, jüdische Vermögen und Rüstungsgüter für Hitler die Republik doch noch ein.
AP
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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Diesen Essay, mit dem der Schweizer Kulturkorrespondenten der FAZ Jürg Altwegg den Schweizer "Katastrophenherbst 2201" analysiert und dabei das Selbstbild der Schweiz offenbar ziemlich ankratzt, nimmt der mit C.W. zeichnende Rezensent nicht sehr gut auf. So findet C.W. einige Thesen und Schlussfolgerungen Altweggs "zweifelhaft", weil sie von "Unsorgfältigkeiten, Überzeichnungen und Unredlichkeiten" geprägt sind - etwa wenn Altwegg den Bundespräsidenten Pilet-Golaz zitiere, der 1940 vom Vertrauen gesprochen habe, das dem Führer entgegenzubringen sei. C.W. hält fest, dass Pilet-Golaz nicht Hitler gemeint habe, wie Altwegg suggeriere, sondern "die schweizerische Regierung als 'guide'". Dieser laxe Umgang mit Fakten ist nach Ansicht des Rezensenten für Schweizer Leser durchschaubar, nicht jedoch für Außenstehende. Die inhaltlichen Schwächen sind nach C.W.s Meinung durchaus bedauerlich, denn der Wert der "ungewohnten Perspektiven, überraschenden Assoziationen und treffenden Formulierungen", von denen dieses Buch einige enthält, werden dadurch in den Augen des Rezensenten geschmälert.

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