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Der dunkle Schein der Vergangenheit Vier Männer und eine Frau in einem heruntergekommenen Hochhaus aus den fünfziger Jahren. Der mächtige Pate des Viertels hat sie mit der Suche nach einer rätselhaften Sonne beauftragt. Das urzeitliche Kultgerät ruht in dem Gebäude, an dessen Stelle bis zum Bombenkrieg ein "Museum der Weltmirakel" stand. Die fünf haben nur wenig Zeit, denn der Abriss des Hauses steht bevor ... "Georg Kleins neues Meisterwerk - eine Magical History Tour" (Der Tagesspiegel)…mehr

Produktbeschreibung
Der dunkle Schein der Vergangenheit Vier Männer und eine Frau in einem heruntergekommenen Hochhaus aus den fünfziger Jahren. Der mächtige Pate des Viertels hat sie mit der Suche nach einer rätselhaften Sonne beauftragt. Das urzeitliche Kultgerät ruht in dem Gebäude, an dessen Stelle bis zum Bombenkrieg ein "Museum der Weltmirakel" stand. Die fünf haben nur wenig Zeit, denn der Abriss des Hauses steht bevor ... "Georg Kleins neues Meisterwerk - eine Magical History Tour" (Der Tagesspiegel)
  • Produktdetails
  • Verlag: Rowohlt / Rowohlt Verlag GmbH
  • Seitenzahl: 224
  • Erscheinungstermin: 23. Juli 2004
  • Deutsch
  • Abmessung: 212mm x 134mm x 22mm
  • Gewicht: 325g
  • ISBN-13: 9783498035228
  • ISBN-10: 3498035223
  • Artikelnr.: 12330861
Autorenporträt
Georg Klein, 1953 in Augsburg geboren, veröffentlichte die Romane «Libidissi», «Barbar Rosa», «Die Sonne scheint uns» und «Sünde Güte Blitz» sowie die Erzählungsbände «Anrufung des Blinden Fisches», «Die Logik der Süße» und «Von den Deutschen». Für seine Prosa wurden ihm der Brüder-Grimm-Preis und der Bachmann-Preis verliehen; für «Roman unserer Kindheit» erhielt er den Preis der Leipziger Buchmesse. 2013 erschien sein Roman «Die Zukunft des Mars».
Rezensionen
Besprechung von 31.07.2004
Sonne über Entenhausen
Das Hochhaus ist der Roman: Georg Klein sucht den Himmel

Damals, in "Das Phantom der Oper", war das Dach die Erlösung. Hier konnten die Liebenden zueinanderfinden, nachdem sie sich erst, während sie das verwirrende Gebäude treppauf, treppab durchquerten, noch in einem Netz von Mißverständnissen und Irrtümern verfangen hatten. Auf dem Operndach aber, hoch über allen Schnürböden, Orchestergräben und Requisitenkammern, herrscht endlich Klarheit zwischen Raoul und Christine. Und auch der heimliche Herrscher der Oper, der diskret und effektiv das Geschehen im Gebäude bestimmt und seit Jahren über die Entwicklung der jungen Sängerin wacht, scheint für den Moment entmachtet.

Das war 1910 in Gaston Leroux' Erfolgsbuch, und seitdem sind nicht viele Romane nachgekommen, in denen sich die Architektur so unübersehbar geglückt vor die Figuren drängt, deren Handlung so wesentlich von der Beschaffenheit eines einzigen Bauwerks bestimmt wird und in denen die Entdeckungsreise der Figuren durch verschiedene Etagen mit der Präzision eines Gruselfilms alle anderen Szenen gründlich in den Schatten stellt.

"Das Phantom der Oper" liefert zwar nur einen Teil der Bilder aus dem breiten Fundus der Populärkultur, die Georg Klein in seinem neuen Roman "Die Sonne scheint uns" zitiert. Aber sie sind diejenigen, die unterschwellig die größte Wirkung entfalten, wenigstens für die Atmosphäre.

Klein läßt fünf frisch rekrutierte Angestellte eines mysteriösen alten Mannes gemeinsam in einem Hochhaus nach einem verschollenen prähistorischen Kunstwerk suchen (das deutlich an die Himmelsscheibe von Nebra erinnert). Die letzten Mieter haben das Gebäude zwar schon verlassen, ihre Spuren aber sind zurückgeblieben: eine Cafeteria im zehnten Stock, Büromöbel im neunten, Lebensmittel im siebten, Textilien und Geschirr im dritten.

All dies ist dekorativ angeschmuddelt, die Vorräte sind längst nicht mehr haltbar, eine Atmosphäre von Verfall und leichter Verwahrlosung liegt über dem Hochhaus, durch dessen ungeputzte Fenster zudem das Licht nur gedämpft hineindringt: Der Kühlschrank kühlt nicht, die Heizung wärmt nicht, und auch "der Elektroherd in der Kochnische der Cafeteria wird nicht warm, obwohl er korrekt angeschlossen scheint".

Die Angestellten, vier Männer und eine Frau, sind daher bei ihren Erkundungszügen in vertikaler Richtung genauso mit der Suche nach Nahrung oder Schutz vor der nächtlichen Kälte beschäftigt wie mit der Erfüllung ihrer Aufgabe. Der Große Bruder, der all dies überwacht, jener alte Herr namens Geza Cziffra, zieht denn auch die Fäden, baut Hindernisse auf, belohnt, bestraft und läßt seinen Kandidaten gegenüber durchblicken, daß es in seinem Versuchsaufbau keinen Zufall gibt. Daß seine Anweisungen befolgt werden müssen, er selbst allerdings die Regeln jederzeit ändern kann. Und daß vorzeitiges Ausscheiden nicht vorgesehen ist.

Das nämlich ist ein wesentliches Thema dieses atemraubend effizienten, kaum mehr als zweihundert Seiten starken Romans: Klein ist es um Machtstrukturen zu tun, er bildet die Prozesse innerhalb der zusammengewürfelten Gruppe ebenso ab wie die Mechanismen, mit denen Cziffra sich die Menschen seiner Umgebung gefügig hält. Der Dualismus von Herr und Knecht, von Strippenzieher und Marionette, von Wissen und Unkenntnis zieht sich bis in die Erzählstruktur: Der erste Teil des Romans wird aus der Perspektive des somnambulen Lemon, eines der Angestellten, geschildert, der zweite aus der Perspektive Cziffras, bis dann in einem abschließenden Kapitel nacheinander beide zu Wort kommen. Und weil im Verlauf des Buches das Hochhaus mit seinen zehn Stockwerken und der kleineren, aufs Dach gesetzten Zusatzetage zum eigentlichen Stoff des Romans, man könnte sagen: zum Roman selbst wird, besteht dieser dann auch aus zehn Kapiteln und einem - strukturell von ihnen abgesetzten - elften.

Der Perspektivenwechsel zwischen Lemon und Cziffra aber ist noch aus einem anderen Grund glücklich gewählt: Die Außensicht auf Lemon erscheint um so nötiger, als er in seinem periodischen Somnambulismus zu einer eigenständigen Erzählung außerstande ist - und Klein dies glücklicherweise auch gar nicht versucht. Die Erinnerungslücken des linkischen Analphabeten, dessen Sichtweise immerhin die Hälfte des Romans bestreitet, trägt zu der Mischung aus Geheimnis und Ermittlungsdrang bei, die über diesem Buch so deutlich liegt wie über den beiden früheren Romanen Kleins, "Libidissi" und "Barbar Rosa". Dazu gehört, daß allenthalben Transparenz fehlt (und dies zuallererst dem Gebäude), daß Fährten gelegt und verwischt werden, daß die Schatzsucher scheinbar grundlos übereinander herfallen, um sich zu zerstören oder zu liebkosen und manchmal beides zugleich.

Aufklärung ist jedenfalls zuletzt von den Figuren zu erwarten: Lemon etwa rechnet es sich zum Vorteil an, bestimmte Erlebnisse und Informationen auch vor sich selbst zu verbergen, sie so tief in sich zu begraben, daß niemand Zugang hat. So bleibt beispielsweise unklar, ob Lemon jener Keulenmörder ist, der zuvor das Viertel rund um das Hochhaus terrorisierte - es gibt gute Gründe für diese Annahme, aber er selbst kann sich nicht daran erinnern und daher auch nicht davon berichten.

Daß ausgerechnet Lemon, der des Lesens und Schreibens kaum mächtig ist, als Chronist der Gruppe fungiert, ist nicht so absurd, wie es scheint. Tatsächlich werden im Verlauf des Romans, der in seiner Handlung unablässig auf Schriftlichkeit anspielt, ganz unterschiedliche Formen von Lektüre geschildert: Es werden Briefe entziffert, Zeichnungen, Runen, Comics, am Ende auch die Einritzungen auf der Unterseite der Himmelsscheibe - und hier tut sich Lemon hervor.

Die meisten Figuren tragen sprechende Namen, die wiederum allesamt in mehrere Richtungen zeigen: Etwa der des großen Manipulators Gabor Cziffra, der auf Ziffern (und: Entziffern) verweist, auf den Filmregisseur Geza von Cziffra (und seinen Film "Tanz in der Sonne" von 1954), aber auch jenen schwerreichen Comic-Helden Dagobert anklingen läßt, der mit seinen Neffen genauso harsch verfährt wie Cziffra mit seinen Angestellten, die er wiederum als seine "Neffen" bezeichnet. Daß Cziffra einen alten Tresor durch die Jahre gerettet und auf dem Hochhausdach aufgestellt hat, unterstreicht diesen Bezug.

Das Verfahren ist indessen weniger plump, als es zunächst scheinen mag. Wenn die Verwendung von sprechenden Namen, nach einem Wort Arno Schmidts, den "absoluten Bankrott der Phantasie" eines Autors offenbart, so begegnet Klein diesem Vorwurf, indem er sein an Namen gekoppeltes Verweissystem so weit verästelt, daß sich plane Eindeutigkeit nicht einstellen mag: So klingen beispielsweise im Namen des Schatzsuchers Light die Leitfigur und Lichtgestalt, der Leidende und Leichtfuß an (der zudem noch eine wissenschaftliche Arbeit über eine Kinokette namens "Lux" verfaßt).

In dieser Technik lauert natürlich die Gefahr, daß sich in der Fülle der Anspielungen, der Assoziationen und Bezüge der Roman von einem konzisen Gewebe hin zu einem unverbindlichen Sprachnetz entwickelt, das dabei ganz leer bleibt. Und es ist keine geringe Leistung, daß Klein dieser Gefahr vollständig (anders als in den beiden früheren Romanen) entgeht, indem er die Verweise letztlich wieder in die Richtung lenkt, von der sie ihren Ausgang nahmen: das Hochhaus, errichtet auf den Ruinen eines Lux-Kinos und Museums der "Weltmirakel", Symbol der deutschen Geschichte zwischen Weimarer Republik und früher Nachkriegszeit. Und die Verkörperung einer Vergangenheit, die nicht vergehen will, die Relikte in sich birgt, deren Zeit - wie die der vergammelten Lebensmittel - eigentlich längst abgelaufen ist.

Am Ende gelangen die überlebenden Schatzsucher endlich zur geheimen Zentrale von Cziffras Macht, aufs Dach des Hochhauses, geleitet vom treuen Faktotum des eben gestorbenen Strippenziehers. Sie kommen allerdings mit leeren Händen, und auch mit der Liebe ist es nicht weit her, so daß diese Zusammenkunft - ein psychisch Instabiler, eine Leiche, ein Halbtoter, eine beflissene Streberin, ein alter Rechtsverdreher - eher wie eine Travestie der Dachszene von Leroux wirkt.

Freilich ist auch im "Phantom der Oper" der Platz direkt unterm Himmel kein harmloser Ort. Denn während die Liebenden dort ihre Schwüre austauschen und Pläne schmieden, hockt der Operngeist hinter einem Schornstein und lauscht, um alles zu durchkreuzen. In Kleins Roman unternimmt denn auch Light zehn Stockwerke tiefer das einzig Richtige: Versehen mit der kostbaren Scheibe, bahnt er sich seinen Weg aus dem Hochhaus ins Freie. Die Erlösung wartet hier nicht auf dem Dach, sondern auf der anderen Seite des Bauzauns.

Georg Klein: "Die Sonne scheint uns". Roman. Rowohlt Verlag, Reinbek 2004. 208 S., geb., 17,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Besprechung von 27.07.2004
Wer überlebt, erhält eine Prämie
Im Land der zwielichtigen Namen: Georg Kleins dunkel schimmernder Roman „Die Sonne scheint uns”
„Die Sonne scheint uns”, so der Titel und der erste Satz von Georg Kleins neuem Roman, doch vor allem Anfang ist das Buch in tiefes Schwarz getaucht. Auf halber Höhe eines in schwarzweißer Schraffur skizzierten Lichtschachts hängt oder schwebt ein eigentümliches Ei. Oben auf seiner linken Seite glotzt ein lidloses Auge, unten auf seiner rechten klafft ein Mund. Die untere Rundung des Eis ist weiß erleuchtet wie bei einer Glühbirne. Weit oben lässt sich die Öffnung des Schachts erkennen, ein kleines weißes Lichtquadrat. Was hat es mit dem Ei im Schacht auf sich, das den Umschlag von Kleins Roman ziert, und was mit der Sonne, die „uns” scheint? Was für ein Enigma ist es, auf das sich der Roman mit konstruktivem Kalkül und überschäumendem Einfallsreichtum zubewegt?
Das Inhaltsverzeichnis verspricht wenig Aufschluss, wenn es elf Kapitel ankündigt, deren fünf erste „Glas”, „Papier”, „Öl”, „Kalk” und „Phosphor” überschrieben sind, während der zweite Fünferzyklus der Gestaltreihe „Keule”, „Sichel”, „Diskus”, „Gürtel” und „Sonne” folgt und das Schlusskapitel den scheinbar schlichten, in Wahrheit vielsagenden Titel „11b” trägt. Es wird Leser geben, die der Roman mit seinen wuchernden Details, seinem Übermaß an dunklen (aber irgendwann doch erhellenden) Stellen abschüttelt wie beim Rodeo ein Pferd seinen Reiter. Sie werden die Lektüre abbrechen oder sich erneut bei „Los” einfinden, um die Geschichte vielleicht im zweiten oder fünften (auch dies eine magische Zahl bei Klein) Anlauf besser zu verstehen.
Ein unheimliches „Hochhäuslein” steht am Hafenrand in einer Stadt am „deutschen Meer” (so nennt es Klein), der Nordsee, in einem Industriegebiet an der Mündung eines großen Flusses. Der Volksmund hat den leer stehenden, von außen nicht weiter auffälligen Bau einst den „Steifen Schnösel” getauft. Ehe er abgerissen wird, will der greise Ober-Mafioso jener Hafengegend mit Hilfe eines Fünfer-Teams die „Sonne” bergen, den „phänomenalen Klunker”, der irgendwo im Innern des besagten Gebäudes verborgen sein soll und sich zum Ende hin als ein bronzenes astronomisches „Weltmirakel” aus der Vorzeit entpuppt.
Gabor Cziffra heißt der Meister aller Machenschaften, ein uralter Herr mit ungarischer Abstammung und feinen Manieren, nach dessen Pfeife die rekrutierte Suchmannschaft wie auch die gesamte Hafennachbarschaft immer schon getanzt hat. Der exquisite Name mit dem mitteleuropäischen Flair gibt seine Herkunft aus dem Reich der Kolportage und filmischen B-Genres ebenso unschwer zu erkennen wie die nicht minder künstlich-kunstvollen Namen der Fünf im bösen Bau: Funny, Light, Vita und Still (sie ist die einzige Frau) und „Bitter” oder auch „Lemon” heißen sie nach ihrem jeweils bevorzugten Erfrischungsgetränk.
Im Museum der Weltmirakel
Gehört Gabor Cziffras Name atmosphärisch in die Tage der Traumfabrik, so lugen hinter Funny oder Light die Gangsternamen aus „Reservoir Dogs” hervor. Und Gangster sind sie auch, gewillt, sich ihren Teil der Belohnung zu sichern, die sich bei jedem Todesfall für die Überlebenden erhöht. Auch die Namen der anderen Figuren verraten etwas von Kleins Bestreben, mit ihnen suggestive Andeutungsräume zu eröffnen. Boris Tibor Schulte heißt der Eigner des Sexlokals „Goldene Ritze”, in dem sich „Vita” vormals als Porno-Athlet verdingte, Ilja Gunter Gor der Mann, der einem jüdischen Kinomagnaten einen seiner Lichtspielpaläste abluchste und dort, wo sich heute das böse Hochhaus erhebt, ein „Museum der Weltmirakel” gründete. Zu dessen Exponaten zählte auch die „Sonne”, Mittelstück eines Diskus, von dem der Museumskatalog als dem „Herzen einer untergegangenen Welt” schrieb.
Hugo Heinlein ist der Apotheker mit SS-Vergangenheit, dem nach Kriegsende der Pate Cziffra das Kapital zur Existenzgründung gab und der in späteren Jahren im Hinterzimmer seiner Apotheke Pornos abdrehte. Und so geht es weiter mit den Namen, mit Martha Muschereit, der ehemaligen Cziffra-Sekretärin und zeitweiligen Zimmerwirtin des vielfach gestrandeten „Bitter”, mit Cziffras willfährigem Advokaten und Komplizen Heribert Boxfeld oder mit Arno, dem Inhaber von „Arno’s Antik”, der außer Ramsch und Comics auch gebrauchte Damenschlüpfer via Mail-Order vertrieb (so ist nun einmal Kleins Humor beschaffen), ehe ihn, wie schon den Apotheker und die Wirtin, die symbolverzierte Keule eines Serienmörders traf, dessen Namen wir zu kennen glauben. Aus solchen Namen und ihren Resonanzen erwächst der eigentümliche Dämmer von Kleins Prosa, einer „pittura metafisica”, die ganz aus Versatzstücken, populären und hermetischen, gemacht scheint.
Weil Kleins Buch so überaus dicht, ja vielleicht zu dicht gearbeitet ist, weil es Satz für Satz die Möglichkeiten seiner Formulierungskunst ausstellt, kann es geschehen, dass man irgendwann das Interesse an den Weltmirakeln verliert und einfach nur noch fassungslos seine Sätze anschaut. Wo sonst liest man so überwältigend scharfe Nahaufnahmen wie die von Lights Nase: „Zum ersten Mal”, erzählt Bitter, „hatte ich Muße zu studieren, wie merkwürdig geformt sie ist. Sie beginnt als schmale, fast zierliche Halbröhre, wird bis zu den Nasenlöchern aber immer knolliger, ja feist. Man mag nicht an die Knorpel glauben, die doch in ihr stecken müssen.”
Zu welchen ästhetischen Effekten ist diese Infrarot-Sprache in der Lage, selbst dort, wo es kaum etwas zu sehen gibt: „Das dünn hereingeschwemmte Licht erkaltet auf dem matt polierten Schmuckstück, es kondensiert sogleich zu feinen Perlen, die zu Kügelchen zusammenrinnen, bis ihre Schwere sie abzutropfen zwingt.” In solchen Sätzen manifestiert sich Georg Kleins Gabe ebenso wie sein Problem: Er will in jedem Satz aufs Ganze gehen. In der Prosa muss es freilich auch unbetonte, dienliche, unauffällige Sätze geben, damit es mit der Geschichte voran geht. Hier aber ist jeder Satz ein Weltmirakel.
Wir haben nicht ganz genau verstanden, was sich drinnen im Steifen Schnösel abspielt. Eine Schatzsuche scheint es zu sein, ja vielleicht eine Gralssuche, möglicherweise aber auch eine therapeutische Grabung in der deutschen Vergangenheit. Wenn das Ei im Schacht die Sonne ist, nach der die Fünfe suchen, dann ruft es die Geister einer hastig zugeschütteten und notdürftig überbauten Vergangenheit wach. Leichen liegen im Keller des Schnösels.
Am Ende hat ein Denkmalpfleger einen tollen Plan: „So findet das Adäquate, sobald es unsere Sterne wollen, in einem Zucken der Zeit zusammen” schreibt Klein in seinem kosmisch raunenden Ton, aber man versteht nicht ganz, was das Adäquate nun wäre. Vielleicht aber kommt es darauf gar nicht an. Es gibt auch unterhalb der Welträtsel an Kleins Roman genug zu entdecken und zu bedenken. Etwa jene beiläufige Episode, als die fünf Sonnensucher beim Frühstück entdecken müssen, dass bei allen verfügbaren Lebensmitteln die Verfallsdaten um Jahre, wenn nicht Jahrzehnte überschritten sind. Bitter, als Chronist der Gruppe, will nun „die Haltbarkeitsdaten unserer Lebensmittel in chronologisch richtiger Reihenfolge in meine Kladde kopieren”. Während er noch notiert, stellt er fest, „der Glaube an die Geschichte der Verfallsdaten” sei ihm „indes schon wieder entglitten”.
Das Verfallsdatum der Schuld
Die Geschichte der Verfallsdaten und die Verfallsdaten der Geschichte: mit einem ebenso präzisen wie abseitigen Bild hat Klein die Tür zu einer moralischen Frage, der nach dem Haltbarkeitsdatum der Schuld, aufgestoßen. Sie wird wiederkehren, wenn Heinlein dem Gönner Cziffra seine SS-Mitgliedschaft beichtet und dieser zur Antwort gibt, „alles Vergangene sei unbestreitbar sehr schlimm gewesen. Aber wie alles - wie Gummi und Papier - altere auch das Schlimme im Licht der Gegenwart. (....) Es sei, grob berechnet - Cziffra wippte, um den Zeitraum der nötigen Schätzung anschaulich zu machen, auf die Zehenspitzen -, um knapp zehn Prozent weniger geworden.”
CHRISTOPH BARTMANN
GEORG KLEIN: Die Sonne scheint uns. Roman. Rowohlt Verlag, Reinbek 2004. 220 Seiten, 17,90 Euro.
Das Strahlen der totalen Sonnenfinsternis von 1999
Foto: Reuters
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Perlentaucher-Notiz zur ZEIT-Rezension

Schwerer Verriss. Ulrich Greiner rechnet im Aufmacher des Literaturteils nicht nur mit dem Roman, sondern mit Georg Klein als Schriftsteller überhaupt ab. Auch die Kritikerkollegen, die den Romancier bisher fast immer hoch gelobt haben, bekommen ihr Fett weg. Doch zuerst das Handlungsgerüst, wie Greiner es beschreibt: in einem leeren Bürogebäude warten vier Männer und eine Frau auf ihren Boss, um einen Auftrag entgegenzunehmen, von dem sie noch nichts wissen. Die fünf durchsuchen das Gebäude, dabei kommen zwei von ihnen ums Leben. Greiner verabscheut schon den Schauplatz des Romans: "Ich gestehe frei, dass ich solche Sachen nicht mag. Auch halte ich mich - sowohl wirklich als auch lesend - ungern in unterirdischen Gängen und Verliesen auf, zumal dann nicht, wenn sie in jeder Hinsicht schmuddelig, eklig, stinkig, schmierig sind. In der Darstellung solcher Lokalitäten, das muss man zugeben, ist Klein ein Meister." Greiner gibt zu, dass solche Orte auch bei Kafka und Poe existieren, doch vermisst er bei Klein die "Transzendenz". Egal ob es um fetischistische Neigungen geht oder um Protagonisten, die Hitlers "Mein Kampf" ins Englische übersetzen wollen - Klein "gründelt im Morast und hält sich raus" und das nicht nur in diesem Roman, findet Greiner. Für ihn betreibt Klein damit "Verrat an der Sache der Literatur, weil Literatur im emphatischen Sinn (und anders sollte man nicht von ihr reden) etwas sein muss, was unser dürftiges, bedürftiges Leben durchdringt und befragt, erhellt und übersteigt."

© Perlentaucher Medien GmbH
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