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Zwei junge Amerikaner werden in den frühen zwanziger Jahren auf einer Brücke in den nördlichen, schwer zugänglichen albanischen Bergen ermordet. Drei Hirten beobachten die Tat, ein deutscher Ingenieur transportiert die beiden Toten und ihren schwerverletzten albanischen Fahrer auf seinem Lastwagen nach Tirana. Dort bricht hektische Aktivität aus: In den Cafés diskutieren die Journalisten über das Motiv des Mords, der US-Botschafter vermutet einen Anschlag konkurrierender Geheimdienste aus England oder Italien auf amerikanische Öl-Interessen und lässt ein Kriegsschiff kommen, im albanischen…mehr

Produktbeschreibung
Zwei junge Amerikaner werden in den frühen zwanziger Jahren auf einer Brücke in den nördlichen, schwer zugänglichen albanischen Bergen ermordet. Drei Hirten beobachten die Tat, ein deutscher Ingenieur transportiert die beiden Toten und ihren schwerverletzten albanischen Fahrer auf seinem Lastwagen nach Tirana.
Dort bricht hektische Aktivität aus: In den Cafés diskutieren die Journalisten über das Motiv des Mords, der US-Botschafter vermutet einen Anschlag konkurrierender Geheimdienste aus England oder Italien auf amerikanische Öl-Interessen und lässt ein Kriegsschiff kommen, im albanischen Parlament werden innenpolitische Fehden über die Ursachen und Folgen des Anschlags mit Waffen ausgetragen, der Polizeichef lässt die drei Hirten als angebliche Täter erschießen und ihre Leichen auf dem Markt in Tirana ausstellen, und während des Trauergottesdienstes für die toten Amerikaner kommt es in Tirana zum show down zwischen dem albanischen Kriegsminister und dem Bischof. Am Ende klärt sich der Mord auf: Es war eine Verwechslung, allerdings mit geheimnisvollen Umständen garniert. Und das albanische Öl?
Eine verrückte Geschichte, die tatsächlich passiert ist und weltpolitische Folgen hatte.
  • Produktdetails
  • Verlag: Transit Berlin
  • 2. Aufl.
  • Seitenzahl: 172
  • Erscheinungstermin: 22. August 2012
  • Deutsch
  • Abmessung: 220mm x 149mm x 23mm
  • Gewicht: 346g
  • ISBN-13: 9783887472795
  • ISBN-10: 3887472799
  • Artikelnr.: 35649317
Autorenporträt
Anila Wilms, wurde 1971 in Tirana geboren und wuchs in der geschichtsträchtigen albanischen Hafenstadt Durrës auf. Mütterlicherseits stammt sie aus einer Familie von reichen und politisch einflussreichen Beys (um die es auch zum Teil in ihrem Roman geht), die nach 1945 als die 'natürlichen' Feinde des kommunistischen Regimes enteignet und entmachtet wurden. Von 1989 bis 1993 studierte sie Geschichte und Philologie in Tirana. Als DAAD-Stipendiatin kam sie 1994 nach Berlin und lebt dort seither als Autorin und Publizistin. Sie schrieb diesen Roman auf Albanisch und auf Deutsch.
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Abgesehen von einigen Längen in den historischen Abschweifungen ist Anila Wilms ein sehr schönes, ironisches Buch gelungen, findet Karl-Markus Gauss. Ihre Kollegin Arapi hatte ihre Dissertation über die "Erfindung Albaniens" geschrieben, wie sie deutschsprachige Autoren in Reiseberichten und ähnlichen Formaten betrieben - Wilms Buch scheint dem Rezensenten beinahe eine "ironische Illustration" der dort vertretenen Thesen zu sein. "Das albanische Öl" spielt zu Beginn des 20. Jahrhunderts, nur wenige Jahre nach der Gründung Albaniens, als das Land international plötzlich ins öffentliche Interesse rückte, weil zwei Amerikaner ermordet worden waren, erklärt der Rezensent. Das Ereignis treibt die widerstreitenden Kräfte im Land - besonders den muslimischen Premier und den orthodoxen Oppositionsführer, einen Bischof - zur Höchstform an. Ein paar Hirtenjungen, die zur falschen Zeit am falschen Ort waren, werden prophylaktisch hingerichtet. Ein amerikanischer Botschafter und ein britischer Konsul klopfen die politische Landschaft nach dem Öl ab, das es angeblich in Albanien geben soll. Als "historischen Kriminalfall" um die zwei ermordeten Amerikaner arbeitet Wilms die Identitätskämpfe und -erfindungen heraus sowie die verschwommenen Grenzen zwischen "vorstaatlichen Traditionen" und Realpolitik.

© Perlentaucher Medien GmbH

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 17.01.2013

Der Mund, die Hand, die Berge
Aufklärung über Albanien, auf Deutsch: Die Romane von Lindita Arapi und Anila Wilms
Zwei deutsche Dichterinnen: Anila Wilms wurde 1971 in Tirana geboren und lebt seit fast zwanzig Jahren in Berlin, Lindita Arapi kam 1972 in Lushnja zur Welt, studierte in Wien und wohnt mit ihrer Familie in Bonn. Im Unterschied zu Wilms schreibt sie ihre Bücher noch auf Albanisch, obwohl sie ihre formidable Dissertation mit dem Titel „Als Albanien albanisch wurde. Rekonstruktion eines Albanienbildes“ bereits vor über einem Jahrzehnt auf Deutsch verfasste.
  In dieser geist- und materialreichen Studie ging sie der Erfindung Albaniens in den Reisebüchern deutschsprachiger Autoren nach, die wie Karl May im 19. Jahrhundert ein Volk urwüchsiger Skipetaren priesen, das edel, aber rückständig und in aller Großmut leider primitiv und grausam war. Es ist eine witzige Fügung, dass der Roman von Wilms sich wie eine ironische Illustration der literaturwissenschaftlichen Thesen von Arapi liest, während diese selbst in ihrem Roman ein historisch weit differenzierteres Bild von Albanien zu zeigen versucht.
Wilms nimmt in „Das albanische Öl oder Mord auf der Straße des Nordens“ einen historischen Kriminalfall zum Anlass, von Albanien im ersten Viertel des letzten Jahrhunderts zu erzählen, von einem Staat, der erst 1912 gegründet, sogleich in die Kriege auf dem Balkan gezogen und in das Ränkespiel der Großmächte verstrickt wurde. 1924 kamen bei einem Anschlag auf einer Brücke unweit des Dorfes Mamurras in den Bergen nördlich von Tirana zwei Amerikaner ums Leben. Der Mordfall hat Albanien an den Rand des Bürgerkriegs geführt, denn zum einen galten die USA als Freunde des jungen Staates und zum anderen wirkten die vorstaatlichen Traditionen im Lande damals noch so mächtig, dass die Gastfreundschaft geradezu heiliges Gesetz war: „Selbst die Banditen, üble Gesellen, die morden und plündern, haben Ausländern nie auch nur ein Haar gekrümmt.“
  Deshalb ereifern sich die Leute in den Cafés von Tirana ebenso wie die verfeindeten Parteien im Parlament, und deshalb versucht die Staatsmacht, den Mordfall so rasch wie möglich zu klären und zu sühnen. Täter, die sich nicht wehren können und an den nächsten Galgen gehängt werden, sind bald gefunden: drei junge Hirten, Kinder fast noch, die mit dem Anschlag nichts zu tun hatten, sich nur in den Besitz der Schuhe der toten Amerikaner setzten, die so schick waren, wie sie noch nie welche in ihrem Dorf gesehen hatten.
  Wilms zeigt mit burleskem Witz, was in einem fragilen, von Stammeskämpfen zerrissenen, von den Großmächten bedrängten Staat geschieht, wenn eine Gewalttat internationales Aufsehen erregt. Die politischen Feinde, hier der muslimische Premier, dort der Oppositionsführer, ein orthodoxer Bischof, heizen die Stimmung an, bis der Trauergottesdienst in eine Massenschlägerei ausartet. Tätig werden aber auch der amerikanische Botschafter Grant und der britische Konsul Harris, in deren Konstellation von ferne das genial austarierte Diplomatenpaar aus dem epochalen Roman „Konsule und Wesire“ von Ivo Andric zu erkennen ist.
  Seitdem das Gerücht geht, unter Albaniens karger Erde verberge sich ein unermesslicher Reichtum an Öl, befinden sich Grant und Harris im Wettstreit darum, Einfluss auf die Regierung zu erlangen und die Lizenzen zur Ölförderung für ihre Konzerne zu ergaunern. Ein ironischer Moment des mit Ironie nicht sparenden Romans besteht darin, dass sich am Ende herausstellt, dass das „albanische Öl“ nur eine Chimäre war und so alle Intrigen, Bestechungen, Erpressungen einem nichtigen Zwecke dienten. Atmosphärisch dicht und mit Sinn für das Abstruse der Realpolitik handelt Wilms einen historischen Kriminalfall ab, den sie gewissermaßen nebenbei auch noch aufklärt.
  Lindita Arapis Roman „Schlüsselmädchen“ hingegen ist elegisch, bitter, geradezu wuchtig in seiner Düsternis und Verzweiflung. Eine sozialistische Musterstadt, entworfen auf dem Reißbrett, in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts: Die zehnjährige Lodja ist vom Spiel der Kinder ausgeschlossen. Sie weiß nicht, warum ihre Mutter von den Frauen der Stadt beschimpft wird, und warum sie selbst, während des Schuljahres stets die Klassenbeste, am Schulschluss nie ausgezeichnet wird. Dafür hat sie einen nächtlichen Gast: Eine dunkle Gestalt setzt sich schweigend an ihr Bett, noch Jahre später, als sie nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Regimes als Studentin in Belgien lebt, kommt sie jede Nacht zu Besuch.
  In dem kompositorisch anspruchsvollen Roman muss Lodja erst Aufklärung über die Geschichte ihrer Mutter und ihrer Großeltern erlangen, um das Gespenst loszuwerden. Es ist der Großvater, ein reicher Großbauer, der sich dem Aufbau des Kommunismus widersetzte und 1951 vor der versammelten Dorfgemeinschaft gehenkt wurde, der keine Ruhe findet. Erst wenn „ein Mund erzählt, eine Hand aufschreibt, was damals vorfiel“, kann er bei den Toten ruhen: „Versöhnung gibt es nur, wo eine Tat ins Gedächtnis eingeht.“
Gerade die Erinnerung ist den Albanern aber ausgetrieben worden, den Tätern, die sich weigern, Rechenschaft abzulegen, und den Opfern, die keine Sprache für ihr Schicksal finden. Lodja muss sich die Geschichte ihrer eigenen Familie aus Bruchstücken zusammensetzen und das, was ihr von allen verschwiegen wird, erfinden, damit das Gespenst sie freigibt, damit sie selbst zu leben beginnen kann, mit Verspätung, denn sie ist schon fast dreißig, als sie erkennt, wie sehr sie selbst von all dem Verschwiegenen, Ungesagten geprägt, verformt wurde.
  Der Kanun, das ungeschriebene Gewohnheitsrecht der Berge, ein verpflichtendes Regelwerk für jeden möglichen Konfliktfall, wird von Alina Wilms in ihrem historischen Kriminalroman schon fast als vernünftige Ordnung einer Welt gedeutet, die noch nicht in allen Bereichen vom Staat erfasst wurde; sie findet für diese Deutung, die sie übrigens einem Schweizer Vertreter des Völkerbundes in den Mund legt, durchaus vernünftige, ethnografisch kluge Begründungen. Lindita Arapi hingegen zeigt den Kanun als menschenfeindliches Reglement, das zumal den Frauen das Leben schwer gemacht hat und ihnen bis heute ihren inferioren Platz in der Familie zuweist. Sie erzählt nicht nur von den Verbrechen des stalinistischen Regimes, sondern auch von den lebensfeindlichen Traditionen, die die patriarchale Welt Albaniens bis in die Gegenwart bestimmen.
Zwei spannende Romane, an denen es freilich auch etwas auszusetzen gibt. Wilms hat einen nicht unverständlichen, dennoch unschönen Hang zum Referieren historischer Fakten. Mögen Leser, die von der albanischen Geschichte fast nichts zu wissen pflegen, solche Informationen auch nötig haben, so trübt es dennoch die Lesefreude, wenn ein Roman sich immer wieder in die Seitenarme der historischen und politischen Exkurse zu verströmen droht. Arapi wiederum, die den albanischen Kult von roher Männlichkeit und Ehre in einprägsamen Bildern und Szenen kritisiert, hält ihren Roman, merkwürdig genug, selbst nicht immer frei von einer geradezu machistischen Metaphorik: „Wer Lodja durch die Straßen gehen sah, hatte kein normales junges Mädchen vor sich, das gerne plappert, die Hüften schwingt und sich ein wenig gebärdet wie eine losgelassene Stute, die es kaum erwarten kann, gezähmt zu werden.“ Gleichwohl, zwei deutsche Autorinnen aus Albanien, die beide etwas zu erzählen haben, das es lohnt, und die auch wissen, wie sie es zu erzählen haben.
KARL-MARKUS GAUSS
  
Lindita Arapi: Schlüsselmädchen. Roman. Aus dem Albanischen von Joachim Röhm. Dittrich-Verlag. Berlin 2012. 205 Seiten, 19,80 Euro.
Anila Wilms: Das albanische Öl oder Mord auf der Straße des Nordens. Roman. Transit-Verlag. Berlin 2012. 172 Seiten, 18,80 Euro.
Autoren wie Karl May erfanden
und priesen im 19. Jahrhundert
das Land urwüchsiger Skipetaren
„Versöhnung gibt es nur, wo eine
Tat ins Gedächtnis eingeht“ – aber
die Erinnerung wurde gelöscht
Karl May sah sich als weltreisender Abenteurer: Hier posiert er im Kostüm von Kara Ben Nemsi.
FOTO: KARL-MAY-GESELLSCHAFT
Lindita Arapi , geboren 1972 in Albanien, lebt in Bonn. Sie hat Gedichtbände und 2010 ihren ersten Roman veröffentlicht. Außerdem arbeitet sie als Übersetzerin und als freie Hörfunkredakteurin bei der Deutschen Welle. FOTO: DITTRICH VERLAG
Anila Wilms , geboren 1971 in Tirana, studierte dort Geschichte und Philologie und kam als DAAD-Stipendiatin 1994 nach Berlin, wo sie seither lebt. Ihren ersten Roman schrieb sie auf Albanisch und auf Deutsch. FOTO: CINETEXT
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