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Als Valéry Barre 1890 in Frankreich den Zug besteigt, will er seine neueste Erfindung zum Patent anmelden. Er hat den ersten Film der Welt gedreht. Das 20. Jahrhundert steht vor der Tür: Neue technische Ideen und Utopien schießen ins Kraut, gleichzeitig glauben die Menschen noch an Hellseher und Gedankenleser. Auf einmal ist Barre spurlos verschwunden. Während sein Sohn dem Vater in Europa und Amerika nachspürt, lässt sich Thomas Edison die Erfindung des Films patentieren. Edisons Frau wiederum scheint mehr an Barre junior interessiert. Marente de Moor hat einen fulminanten Roman geschrieben,…mehr

Produktbeschreibung
Als Valéry Barre 1890 in Frankreich den Zug besteigt, will er seine neueste Erfindung zum Patent anmelden. Er hat den ersten Film der Welt gedreht. Das 20. Jahrhundert steht vor der Tür: Neue technische Ideen und Utopien schießen ins Kraut, gleichzeitig glauben die Menschen noch an Hellseher und Gedankenleser. Auf einmal ist Barre spurlos verschwunden. Während sein Sohn dem Vater in Europa und Amerika nachspürt, lässt sich Thomas Edison die Erfindung des Films patentieren. Edisons Frau wiederum scheint mehr an Barre junior interessiert. Marente de Moor hat einen fulminanten Roman geschrieben, der nicht nur den Wettlauf ehrgeiziger Erfinder, sondern ein ganzes Zeitalter porträtiert.
  • Produktdetails
  • Verlag: Hanser
  • Artikelnr. des Verlages: .505/26176
  • Seitenzahl: 320
  • Erscheinungstermin: 18. Februar 2019
  • Deutsch
  • Abmessung: 211mm x 131mm x 30mm
  • Gewicht: 408g
  • ISBN-13: 9783446261761
  • ISBN-10: 3446261761
  • Artikelnr.: 54342662
Autorenporträt
de Moor, Marente
Marente de Moor, 1972 in Den Haag geboren, arbeitet als Journalistin und Schriftstellerin. 2007 erschien ihr erster Roman: Amsterdam und zurück, 2014 wurde sie mit dem Literaturpreis der Europäischen Union ausgezeichnet. Im Hanser Verlag erschien ihr Roman Aus dem Licht (2019).
Rezensionen
Besprechung von 19.02.2019
In alle Ewigkeit spazieren
Aus der Geschichte des Filmpioniers Louis Le Prince, der auf dem Höhepunkt seines Ruhms
verscholl, macht Marente de Moor einen Roman über den Umsturz der Medien um 1900
VON MEIKE FESSMANN
Im Nachhinein sieht immer alles ganz einfach aus. Wie viele Schritte notwendig sind, bis sich eine Erfindung durchsetzt, darüber macht sich der Anwender normalerweise keine Gedanken – Hauptsache, das Ding funktioniert und ist nicht zu teuer. Heute fotografiert und filmt selbstverständlich jeder und schickt die Dokumente seiner Kreativität rund um den Globus. Ende des 19. Jahrhunderts lag das jenseits aller Vorstellung. Dabei war es die Epoche der großen Erfindungen.
Von einem ihrer Pioniere, dem französischen Erfinder Louis Aimé Augustin Le Prince, erzählt Marente de Moor. Sie nennt ihn Valéry Barre und nimmt sich auch sonst alle Freiheiten, die ein guter Roman braucht. Und so bringt sie das Kunststück fertig, in den Gedanken eines Mannes, der lange vor Edison und den Brüdern Lumière den ersten Film drehte, unsere Gegenwart als Schreckgespenst herumspuken zu lassen.
Wer so etwas darstellen will, muss an das Imaginäre einer Epoche heran, aber auch an das Imaginäre des Lesers und der Leserin. Marente de Moor legt ihren dritten Roman wie eine Reise an. Sie führt in das Unterbewusste der Epochenerfahrung, die spätestens mit der Digitalisierung zu Ende geht.
Es war die Zeit des großen Staunens, des Wunderns und Fürchtens, die Zeit der Beschleunigung, die Zeit, als sich naturwissenschaftliche Erfindungen und okkulte Bewegungen überlagerten, sodass ihre Effekte verwechselbar erschienen. Der animalische Magnetismus und die Entdeckung elektromagnetischer Wellen, Voraussetzung für die drahtlose Telegrafie, beförderten gleichermaßen den Geisterglauben. Wenn man über den Ozean hinweg die Stimme eines anderen hören konnte, warum sollte man dann nicht auch mit den Toten sprechen können? Wo das Überspringen des Raumes möglich ist und die Zeit immer schneller zu rasen scheint, da könnte man doch auch in der Zeit zurückspringen und jemanden erreichen, der gestorben ist.
Neue Erfindungen veränderten alte Begriffe. Was geschieht mit der Natur, was mit Erinnerungen, Gedächtnis, Gedanken, wenn es neue Arten der Aufzeichnung und Übertragung gibt? Um den Film zu erfinden, musste man erst einmal begreifen, was Bewegung ist, die Aufnahme von der Projektion unterscheiden und für alle Elemente dieser Idee die richtigen Materialien finden. Es war ein langer Weg, bis die erste ruckelnde Filmaufnahme auf Zelluloid zustande kam.
Sieht man sich „Roundhay Garden Scene“ an, die kleine Gartenszene, die als erster Film der Geschichte gilt und die Le Prince 1888 auf dem Anwesen seiner Schwiegereltern in einem Vorort von Leeds aufnahm, haben diese Bilder in der Tat etwas Gespenstisches. Für den heutigen Betrachter lässt sich der Effekt auf das Stocken der Bewegung und das Verblassen des Films zurückführen. Aber wie war es für den Erfinder, dass seine Schwiegereltern, eine Freundin und der eigene Sohn für alle Ewigkeit dieselben Bewegungen ausführen würden?
Marente de Moor lässt ihren Helden allerdings gleich am Anfang verschwinden. Am 16. September 1890 steigt er in einen Zug von Dijon nach Paris und wird nicht mehr gesehen. Der Roman läuft dabei auf einer doppelten Bahn: der des realen Geschehens und der einer Handlung, die vorstellbar, aber erfunden ist – und dabei ein subtiles Bild der Zeit entwirft.
Tatsächlich soll Le Prince am 16. September 1890 verschollen sein. Er reiste nach Paris, um seine Erfindung in London und New York zum Patent anzumelden, wie die Autorin in einem kurzen Nachwort berichtet, und kam nie an. Aber was heißt in diesem Zusammenhang: tatsächlich? Wohin der Erfinder geriet, ist bis heute unbekannt.
„Aus dem Licht“, wie der Roman in der gelungenen Übersetzung von Bettina Bach heißt, trägt im 2013 erschienenen niederländischen Original den Titel des kleinen Films, den Le Prince drehte, „Roundhay, tuinscène“. Marente de Moor, die Tochter der Schriftstellerin Margrit de Moor und des Künstlers Heppe de Moor, dem der Roman gewidmet ist, hat einen wunderbaren Erzählton. Ruhig, leichtfüßig, transparent evoziert sie Bilder des Unheimlichen und Schattenhaften.
Die 1972 geborene Schriftstellerin beleuchtet das Geschehen aus mehreren Perspektiven: im ersten Teil des Romans aus der von Valéry Barre, im zweiten und vierten Teil aus der Sicht von Mina Edison, der deutlich jüngeren zweiten Ehefrau des berühmten Thomas Alva Edison, der in der Ich-Erzählung seiner Frau nur Alva heißt und auf ein menschliches Maß zurechtgestutzt wird. Der dritte Teil kreist um Guy, Valéry Barres Sohn. Zehn Jahre nach dem Verschwinden seines Vaters, der mit einer Engländerin verheiratet war, mit seiner Familie in die USA zog, aber ständig in Europa unterwegs war, begibt er sich auf die Suche nach dessen Aufzeichnungen, um juristisch gegen Edison vorgehen zu können.
Marente de Moor verwendet Elemente des Schauerromans, wenn sie Valéry Barre in einem kleinen Ort aus dem Zug aussteigen und nach einem Marsch durch den dunklen Wald zuerst bei einem Priester und dann in einer psychiatrischen Anstalt landen lässt. Seine Erfindungen bedrängenden ihn wie Dämonen, aber auch von den Konkurrenten fühlt er sich verfolgt.
Barre stellt sich vor, was es bedeutet, wenn irgendwann jeder „Idiot“ Filme machen kann, wenn alles immer schneller und gleichzeitig geschieht und die Ereignisse schon vorbei sind, bevor sie überhaupt eintreten können. Die Analogiebildung zur Gegenwart überlässt die Schriftstellerin der Imagination des Lesers. Wenn ein Mitreisender immer wieder seine Uhr aus der Brusttasche zieht und sich Barre über den zerstreuten Automatismus dieser Zwangshandlung aufregt, später aber die gleiche Geste benützt, um den Bahnhofsvorsteher eines kleinen Ortes in Schach zu halten, hat man automatisch Gesten der Smartphone-Nutzung vor Augen.
Wahrsager, Demagogen und okkultistische Salondamen nach dem Vorbild Helena Blavatskys durchstreifen den Roman. Eine Rückblende führt ins Paris des Jahres 1889, wo sich Barre mit einem sinnenfreudigen Freund, der ein Jahr später vergeblich am Bahnsteig auf ihn warten wird, die Zeit vertreibt.
Die Düsternis des ersten Kapitels lichtet sich in Mina Edisons Perspektive zum spöttischen Ton einer weiblichen Beobachterin, der das Theater um Namen, Patente und Ehrgeiz gehörig auf die Nerven geht. Ständig tauchen vermeintliche Bewunderer ihres Mannes auf, die ihm seine Ideen streitig machen wollen. Mina zieht ihr Gewächshaus vor und liest Emerson.
Thomas Alva Edison war nicht nur ein Erfinder, dessen Name sich mit der umfassenden Elektrifizierung der industrialisierten Welt verbindet, sondern auch ein Stratege des Patentwesens. Mehr als Tausend Patente laufen auf seinen Namen. Faraday, Maxwell, Planck, Hertz, Bell, Gray, Meucci, Lumière, Poincaré, Curie, Becquerel flattern nur als Namen durch den Roman. Im Kosmos von Edisons Unternehmergeist haben sie nicht viel zu melden.
Ähnlich wie Per Olov Enquist in seinem Roman „Blanche und Marie“ über Marie Curie und ihre Assistentin Blanche Wittmann erzählt Marente de Moor in „Aus dem Licht“ szenisch und imaginativ von der Epochenschwelle zum 20. Jahrhundert. Sie macht die große Kraft von Ideen und Gedanken im Guten wie im Bösen anschaulich. Kenntnisreich ohne belehrend zu sein, hat ihr Roman einen subtilen Witz, der gelegentlich auf Kosten männlicher Eitelkeit geht.
Mit der Geschichte des Verschwindens ihres Helden hat sie einen perfekten Zugang zu einer Epoche gefunden, in der das Unsichtbare und Immaterielle noch unheimlich wirkte, während es bereits wissenschaftlich und technologisch erschlossen wurde. Ein spannender, schlauer und verführerischer Roman über das allmähliche Verschwinden der Einbildungskraft im Zuge der Industrialisierung.
Barre stellt sich vor, was es
bedeutet, wenn irgendwann jeder
„Idiot“ Filme machen kann
Einer der ersten Filme der Weltgeschichte, den Louis le Prince 1888 drehte, zeigt eine Straßenszene mit Akkordeonspieler an der Leeds Bridge in England. Nach seinem Verschwinden vollendeten die Brüder Lumière die Erfindung des Films und entwickelten die Projektionstechnik.
Foto: Science & Society Picture Library / Getty
Marente de Moor:
Aus dem Licht. Roman. Aus dem Niederländischen von Bettina Bach. Hanser Verlag, München 2019.
318 Seiten, 23 Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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Besprechung von 17.03.2019
Der Pionier, der aus dem Zug stieg und verschwand
Marente de Moor findet den Mann, der das Kino erfand

Ein erster Satz wie ein Sog, dem man sich gerne überlässt: "Am 16. September 1890 stieg ein Mann in den Zug von Dijon nach Paris, danach hörte man nie wieder etwas von ihm." Der Mann heißt hier Valéry Barre, und er hat vermutlich den ersten Film der Geschichte gedreht, vor Edison, vor den Brüdern Lumière oder den Brüder Skladanowsky. Hier, das ist in dem Roman "Aus dem Licht". Die Niederländerin Marente de Moor hat ihn geschrieben, und im knappen Nachwort steht, dass dieser erste Film namens "Roundhay Garden Scene" 1888 von Louis Aimé Augustin Le Prince aufgenommen wurde. Zwei Sekunden des Films sind erhalten, man kann sie bei Youtube anschauen. Und das Modell für Valéry Barre ist dieser Louis Aimé Augustin Le Prince, den die Geschichtsschreibung vergaß und dessen Spur sich tatsächlich nach dem 16. September 1890 verlor.

Das hat schon zu wilden Gerüchten geführt, bevor es die große Gerüchtemaschine Internet gab. Der Brite Christopher Rawlence hat vor fast dreißig Jahren ermittelt. Seinem Buch "The Missing Reel" (auf Deutsch: "Warum verschwand Augustin Le Prince? Die mysteriöse Geschichte des Erfinders der bewegten Bilder", 1991) ließ er einen Film gleichen Titels folgen. Er sprach mit Nachkommen Le Prince', er erhielt Einsicht ins Tagebuch von dessen Ehefrau, die der festen Überzeugung war, Thomas Alva Edison habe mit dem Verschwinden zu tun, seit der nicht lange danach sein Patent für den Kinetographen einreichte.

Rawlence neigte eher zu der Annahme, Le Prince habe Selbstmord begangen, weil er wohl kurz vorm Bankrott stand. Dass Le Prince' Beitrag 1995, zum hundertsten Jubiläum des Kinos, angemessen gewürdigt worden wäre, hat allerdings auch Rawlence' Erinnerungsarbeit nicht erreicht. Spätere Spurensucher spekulierten dann über einen Auftragskiller im Dienste Edisons oder, etwas prosaischer, über einen Taxifahrer, der Le Prince nach dessen Ankunft in Paris ausgeraubt und in die Seine geworfen haben soll. Anhänger dieser Version sahen sich bestätigt von einem Foto, das 2003 im Archiv der Pariser Polizei auftauchte und einen 1890 ertrunkenen Mann zeigt. Er soll Le Prince ähneln, heißt es dazu sehr wolkig.

Marente de Moor, übrigens die Tochter der Schriftstellerin Margriet de Moor, muss sich an diesem Spiel nicht beteiligen. Sie muss sich auch gar nicht festlegen, was genau denn nun mit Le Prince alias Barre wirklich geschah, als er aus dem Zug stieg. Ihre Erzählung geht einen anderen Weg. In vier Kapiteln mit wechselnden Perspektiven folgt sie dem Erfinder, nachdem er in einem Provinzkaff namens V. ausgestiegen ist, und seinen Gedanken, "die ihm wie Fledermäuse durch den Kopf (schossen)". Sie lässt Edisons zweite Ehefrau Mina im Jahr 1902 in Amerika auf Barres Sohn Guy treffen, begleitet Guy ein Jahr zuvor bei der Suche nach seinem Vater, um schließlich Mina noch einmal das Wort zu geben.

Zwischendurch sind immer wieder kleine Textblöcke eingerückt, die sich lesen wie Reklame aus Zeitungen der Jahrhundertwende und gewissermaßen die Science-Fiction von gestern vergegenwärtigen. Da werden olfaktorische Lupen, ein Antiphon oder ein Pantograf und deren wundersame Wirkungen angepriesen. Diese Einschübe vermischen sich mit den Verfahren und Apparaten, von denen im übrigen Text die Rede ist und die sich dem überschäumenden Erfindergeist der Epoche verdanken: Optogramme, Retro-Psychokinese und andere Seltsamkeiten.

Der Effekt, den Marente de Moor durch diese Erzählweise erzielt, ist, dass einem das Seltsame und Skurrile völlig selbstverständlich erscheinen. Auch der Kinematograph ist ja nur eine unter vielen Merkwürdigkeiten. Wer mal in einem Filmmuseum staunend vor den alten Apparaten gestanden hat, weiß, dass deren Namen wie Zootrop, Kinetoskop, Bioskop, Zaubertrommel oder das fotografische Gewehr immer auch Ausdruck einer vorweggenommenen Erfüllung von Wünschen waren, denen das reale Gerät noch hinterherlief. So beschreibt der Roman auch eine Welt, in der noch weitgehend ungeschieden ist, was Wissenschaft und was Scharlatanerie, was Quacksalberei und was seriöse Erkenntnis ist. Und es ist ja historisch belegt, dass damals in Europa und Amerika parallel an mehr als hundert Maschinen gearbeitet wurde, die alle die Aufnahme, Wiedergabe und Projektion bewegter Bilder integrieren sollten.

Auch ein französisches Pendant zu Eadweard Muybridge taucht auf, der die einzelnen Phasen im Bewegungsablauf eines galoppierenden Pferdes aufnahm und mit seinem Zoopraxiskop die Aufnahmen in Bewegung versetzte. In einer solchen Atmosphäre wundert man sich ebenso wenig über Gedankenleser und Gedankendiebe, Hellseher und andere Spiritisten, die von einem herrschenden Diskurs nicht a priori ausgeschlossen sind. Am Ende ist das gar nicht so weit entfernt von einem Science-Fiction-Film wie "Inception", der im Jahr 2010 davon träumte, im Unterbewusstsein auf Raubzüge zu gehen und Ideen zu entwenden.

Marente de Moor lässt diesen anarchischen Zustand des Diskurses sehr gut anschaulich werden. Valéry Barres Vorstellung ist nicht allein von schrankenlosem Erfinderoptimismus erfüllt. Der Mann, der mit unbewegten Bildern, als Maler der damals so beliebten Panoramen, begann, hat nicht nur das technische Problem, wie man ein Trägermaterial findet, das weder brennt wie Papier, schmilzt wie Gelatine noch bricht wie Glas - "und trotzdem durchsichtig genug war, um die Bilder zu projizieren".

Ihm fehlt jedoch nicht nur Zelluloid. Er hat zugleich das Gefühl, seine Idee sei "gefährlich", "vielleicht war sie gar nicht von dieser Welt". Im Gegensatz zu späteren Zeiten ist aus der Gedanken- und Vorstellungswelt jener Zeit der Animismus nicht ganz verschwunden. "Warum so tun, als wäre etwas noch lebendig?", sagt Barres Freund Roussin. Für Barre selbst ist es ganz selbstverständlich zu denken: "Zwölf Bilder pro Sekunde reichen nicht aus, um Tote zum Leben zu erwecken." Und seinen Apparat, der Kamera und Projektor in einem sein soll, nennt er "Koboldmaki", weil die Linse an die riesigen Augen der kleinen Primaten erinnert.

Dass die Phantasiegebilde der Erfinder oft nicht weit entfernt waren von handfesten Wahngebilden, dass die Angst, es könne einem jemand zuvorkommen oder sogar die Idee stehlen, nicht sonderlich gesund war, wird im Roman an Barres Entschluss sichtbar, einfach auszusteigen. Wie auch an Thomas Alva Edisons von Obsessionen beherrschtem Alltag, der bei nachlassendem Gehör im Dunkeln sitzt, voller Misstrauen bei gleichzeitiger unerschütterlicher Überzeugung, der Welt die Zukunft zu bringen.

Bei ihrem Blick zurück in eine vergangene Zukunft übertreibt es Marente de Moor manchmal ein bisschen mit den Analogien zur Gegenwart - nicht weil sie, was eher lustig ist, einen jungen Mann "Tesla" nennt. Sondern weil sie in den weit ausgreifenden Phantasien und Phantasmen Barres den Eindruck entstehen lässt, hier habe jemand, wie nebulös auch immer, Internet und soziale Medien antizipiert. Barre sorgt sich, dass wir "unser Gedächtnis einer Maschine überlassen" oder in einem Weltall leben, "in dem wir einander sehen und hören, Zeit und Raum überwinden können". Dass man in den Tropen der Kulturkritik um 1900 die Skepsis gegenüber Big Data vorgeformt fände, ist dann doch eine sehr kühne Erfindung. Aber sie ist natürlich erlaubt, wenn man nicht einfach einen musealen historischen Roman schreiben will.

"Aus dem Licht" ist am überzeugendsten, wenn es um Barre und dessen Sohn geht. Die Ich-Erzählung von Mina Edison wirkt trotz des ironischen Blicks auf das Erfindergenie ein wenig beliebig und bekommt erst Kontur, als Barres Sohn im Hause Edison auftaucht, mit Mina flirtet und sich schließlich zu erkennen gibt. So erinnert der Roman an eine verschollene Pioniergestalt, die aus der Geschichte herausgekürzt wurde. Und zugleich ist das Buch eine faszinierende Erzählung darüber, wie eine Wahrnehmung der Welt sich dadurch veränderte, dass die Bilder in Bewegung gerieten; wie sich diese Welt beschleunigte und nicht nur ihre Wahrnehmung, wie sich Farben, Ordnungen und Zusammenhänge wandelten: "Monets diffuses Violett und Cadmiumgelb waren verschwunden, jetzt war die Welt tiefschwarz und weiß, bleischwer und gestochen scharf wie die Eisenkonstruktion dieses Bahnhofs."

Von ganz ferne erinnert das, so wie sich eine Vignette zu einem riesigen Panorama verhält, an Thomas Pynchons Roman "Gegen den Tag": ein Blick auf ein Inventar der Möglichkeiten zu einem bestimmten historischen Moment, als Wissenschaft, Spekulation und Obskurantismus noch ohne feste Hierarchien koexistierten. Von heute allerdings kann man nicht auf diese Zeit voller Zukunft und technischer Errungenschaften schauen, ohne daran zu denken, dass neben dem, was man so nachlässig "Fortschritt" nennt, zwei verheerende Weltkriege vor ihr lagen. Und daran hätte sich auch nichts geändert, wenn Louis Aimé Augustin Le Prince eines Tages wieder aufgetaucht wäre.

PETER KÖRTE

Marente de Moor: "Aus dem Licht". Roman. Aus dem Niederländischen von Bettina Bach. Hanser, 320 Seiten, 23 Euro

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