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Jede Untersuchung hat einen unausgesprochenen Kern. Doch nur ein Denken, das sein Dunkles nicht verbirgt, sondern entfaltet, kann Originalität für sich beanspruchen. Das heißt, die Reflexion der Methode muß Teil der Untersuchung sein. "Methode" bedeutet hier allerdings nicht ein systematisches Vorwärtsschreiten im Sinne der abendländischen Tradition. In einem engmaschigen Dialog mit Foucault und Benjamin, Paracelsus und Warburg, Overbeck und neuzeitlicher Traktatliteratur verfolgt Agamben vielmehr die Figuren des Paradigmas, der Signatur und der Archäologie. Die Verflechtung zwischen diesen…mehr

Produktbeschreibung
Jede Untersuchung hat einen unausgesprochenen Kern. Doch nur ein Denken, das sein Dunkles nicht verbirgt, sondern entfaltet, kann Originalität für sich beanspruchen. Das heißt, die Reflexion der Methode muß Teil der Untersuchung sein. "Methode" bedeutet hier allerdings nicht ein systematisches Vorwärtsschreiten im Sinne der abendländischen Tradition. In einem engmaschigen Dialog mit Foucault und Benjamin, Paracelsus und Warburg, Overbeck und neuzeitlicher Traktatliteratur verfolgt Agamben vielmehr die Figuren des Paradigmas, der Signatur und der Archäologie. Die Verflechtung zwischen diesen drei Figuren markiert den Raum, innerhalb dessen die "Signatur der Dinge" wie der Urknall oder Etymologien im Gegenwärtigen weiterwirkt.
Die drei auch für sich lesbaren Kapitel dieses jüngsten Buches von Giorgio Agamben, der die intellektuelle Welt insbesondere mit seinem Homo-sacer-Projekt aufgestört hat, eröffnen einen Zugang zu zentralen Bereichen seines Denkens.
  • Produktdetails
  • edition suhrkamp 2585
  • Verlag: Suhrkamp
  • Originaltitel: Signatura rerum. Sul metodo
  • Seitenzahl: 146
  • Erscheinungstermin: 11. November 2009
  • Deutsch
  • Abmessung: 176mm x 108mm x 10mm
  • Gewicht: 100g
  • ISBN-13: 9783518125854
  • ISBN-10: 3518125850
  • Artikelnr.: 25547684
Autorenporträt
Agamben, Giorgio
Giorgio Agamben wurde 1942 in Rom geboren. Er studierte Jura, nebenbei auch Literatur und Philosophie. Der entscheidende Impuls für die Philosophie kam allerdings erst nach Abschluß des Jura-Studiums über zwei Seminare mit Martin Heidegger im Sommer 1966 und 1968. Neben Heidegger waren seitdem Michel Foucault, Hannah Arendt und Walter Benjamin wichtige Bezugspersonen in Agambens Denken. Als Herausgeber der italienischen Ausgabe der Schriften Walter Benjamins fand Agamben eine Reihe von dessen verloren geglaubten Manuskripten wieder auf. Seit Ende der achtziger Jahre beschäftigt sich Agamben vor allem mit politischer Philosophie. Er lehrt zur Zeit Ästhetik und Philosophie an den Universitäten Venedig und Marcerata und hatte Gastprofessuren u.a. in Paris, Berkeley, Los Angeles, Irvine.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 10.03.2010

Wie erforscht man ein Paradigma?
Hier geht's in die Einzelheiten: Giorgio Agamben stellt in methodenarmer Zeit willkommene Fragen zur Methode

Folgt man der Einleitung, so enthält das Bändchen "Signatura rerum", das der italienische Rechtsphilosoph und politische Theologe Giorgio Agamben unlängst veröffentlicht hat, Untersuchungen "zur Methode des Historikers Michel Foucault". Tatsächlich sind die drei meditationsartigen Überlegungen Agambens mit Foucault eher lose verknüpft. Sie versammeln jedoch eine anregende Fülle von Überlegungen, die Differenzierung verlangen - und zwar überall dort, wo Worte wie "Paradigma", "Zeichen" oder auch "Archäologie" allzu leicht aufs Papier geraten. Dies ist in der Wissenschaftsgeschichtsschreibung, aber auch in Agambens Domäne, der politischen Geschichte, und überhaupt in den Kulturwissenschaften der Fall.

Was ist ein Paradigma? Unter diesem Titel arbeitet Agamben zunächst den Abstand heraus, welcher den klassischen, facettenreichen Paradigma-Begriff des Wissenschaftshistorikers Thomas Kuhn trennt von den epistemologischen Figuren Foucaults und auch von Agambens eigenen Untersuchungsgegenständen: dem homo sacer, dem Muselmann, dem Ausnahmezustand, dem Konzentrationslager. Während Kuhn Geltungsphänomene untersucht - was gilt unter Wissenschaftlern zu einer bestimmten historischen Zeit im Rahmen bestimmter Normalbedingungen als "wahr"? -, analysiert Foucault und befragt auch Agamben "Existenzbedingungen", also nicht die Normalität, sondern den Wirklichkeitscharakter einer historischen Gegebenheit.

Damit verschärft sich das Problem, welcher Logik ein "Paradigma" denn nun gehorcht. Ein Paradigma exemplifiziert etwas durch sich selbst. Es ist ein singuläres Beispiel, das nicht für etwas Allgemeines steht, nicht für eine "Regel", sondern allenfalls für ein anderes Singuläres, das es - seinesgleichenartig - gewissermaßen horizontal mitmeinen kann (para-deíknymi: neben sich zeigen). Agamben fächert mögliche Aspekte eines streng analogischen Paradigmenbegriffs auf - von Aristoteles über Kant, Platon, Heidegger, Warburg bis Goethe. Er betont den aktiv etwas herausstellenden sowie den "ontologischen" Charakter, also den Seinsbezug des Paradigmas.

In einem zweiten Essay "Theorie der Signaturen" verfolgt der Autor das Problem des Bezuges zwischen Zeichen, Bezeichnetem und Zeichengebung durch vormoderne und moderne Quellen hindurch - bei Foucault findet sich dies ebenfalls historisch, aber auch in Gestalt einer Theorie der "Aussage" behandelt. Agamben will beides aufgreifen und weitertreiben. Signaturen (Münzprägungen, Unterschriften, Namen von Arzneien, aber auch die christlichen Sakramente) haben einen magischen Rest. Sie sind mehr als bloße Zeichen, "Leidenschaften des Seins", wie es bei dem Religionsphilosophen Herbert von Cherbury heißt. Abermals bietet Agamben eine das Motiv variierende Serie: Paracelsus, Jakob Böhme, Augustinus, Jamblichus, Ficino, Saussure. Auch Walter Benjamins Sprachkonzept sei eine "Philosophie der Signaturen", dazu Claude Lévi-Strauss, Derridas Dekonstruktion sowie - als deren Gegenteil - erneut Foucault.

Um die Philosophische Archäologie geht es im dritten und kürzesten Teil des Buchs, der dem Begriff und Problem einer als "Archäologie" angelegten Geschichtsschreibung nachgeht, einer Perspektive auf Vergangenheit, die nicht mehr bloß den einfachen Zeitpfeil der Ereignisgeschichte vor sich hat, sondern auch mit der eigentümlichen Nichtvergänglichkeit der Sinngeschichte konfrontiert ist. Auch der Terminus "Archäologie" wurde durch Foucault bekannt. Agamben findet ihn bei Kant und entrollt unterschiedliche Fassungen des Motivs: die "Urgeschichte" bei Franz Overbeck, eine "Ultra-Geschichte" bei Georges Dumézil.

Die methodische Terminologie des späten Husserl wird erstaunlicherweise nicht behandelt. Dafür eine psychoanalytische Lesart der Foucaultschen Archäologie des italienischen Phänomenologen Enzo Melandri, welcher die als der Geschichte gegenläufige Regressionsbewegung deutet. Auch Foucaults Begriff des "historischen Apriori" wäre mit Melandri, an den Agamben sich anschließt, Teil einer "archäologischen Regression", die eigentlich einen Zugang zur Gegenwart sucht.

Agambens Überlegungen sind subtil, also etwas für Experten. Zugleich sind sie angreifbar und formulieren - so, wie sie von Kontext zu Kontext dahingleiten - gerade auch im Ganzen keine definitiven Wahrheiten zur Sache. Foucault, an dem Agamben sich misst, hätte gewiss lieber von "Wirklichkeit" als von "Sein" gesprochen und sich gegen die Übermalung seiner Zeichen- und Geschichtsphilosophie durch theologische Versatzstücke verwahrt.

Folgt die Aussage tatsächlich dem in "Die Ordnung der Dinge" beschriebenen Ähnlichkeitsdenken? Impliziert jede singuläre historische Figur tatsächlich ein "paradigmatisches Ensemble"? Man mag es bezweifeln. Dennoch stehen Agambens Überlegungen rundum eindrucksvoll da. Es sind Versuche in einem Feld, in dem bisher kaum jemand so in die Einzelheiten ging. Wir leben in methodenarmen Zeiten, also her mit mehr Fragen zur Methode. Auch Anläufe zu Antworten können paradigmatisch sein.

PETRA GEHRING

Giorgio Agamben: "Signatura rerum". Zur Methode. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2009. 146 S., br., 14,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 22.10.2010

Die zwei Körner des Phoenix
Überall lauert das theologische Erbe: Der italienische Philosoph Giorgio Agamben und sein neues Werk „Herrschaft und Herrlichkeit“
In dem vor gut acht Monaten erschienenen Roman „Axolotl Roadkill“ der jungen Berliner Autorin Helene Hegemann begegnet man folgendem Szenario: Eine weibliche Figur soll das Werk „Homo Sacer“ des italienischen Philosophen Giorgio Agamben (im Original 1995, deutsch 2002 publiziert) für einen Freund „systematisch strukturieren“. Mit der Lektüre des Buches fährt sie auch dann fort, als dieser Freund angefangen hat, die Leserin per Cunnilingus zu stimulieren.
Als die Autorin, durch Plagiats- und Pornographie-Vorwürfe zum Skandalthema geworden, am 11. Februar 2010 in der Fernsehshow von Harald Schmidt zu Gast war, entspann sich folgender Dialog. Schmidt: „Dann treffe ich, das hat mich natürlich besonders gefreut, auf Seite 47 ff. auf den Namen Giorgio Agamben. Was hast du für eine Beziehung zu ihm, wie findest du seine Werke?“ – Hegemann: „Du, ich hab kein einziges seiner Werke gelesen – ich kenne natürlich den Namen“ – „Das ist ein Philosoph . . .“ – „Ich weiß, ein italienischer.“ Dann erwähnt Harald Schmidt den „gemeinsamen Freund René“ (sc. Pollesch) und sagt: „Ich bin durch René auf Giorgio Agamben gekommen.“ – Hegemann: „Ich weiß, ich auch.“ – „Du kannst nicht sagen, was das Werk von Giorgio Agamben uns sagt?“ – „Du, also bitte nicht hier . . .“ – „(. . .) Er sieht die Welt als ein Lager, und man weiß nicht, ob er es gut oder schlecht findet. (. . .) Du hast es einfach reingeschrieben, weil du es von René her kanntest?“ – „Du, es steht in einem Zusammenhang, in dem das nur als Beispiel für komplexe theoretische Abhandlungen angeführt wird.“
In dieser extremen Weise – so erotisierend und zugleich so inhaltsleer – wirkt Giorgio Agamben nicht immer. Man sollte den originellen und sehr gelehrten Denker nicht für alle Arten seiner Rezeption verantwortlich machen. Und doch scheint es kein Zufall zu sein, dass das Werk Agambens in irgendwie vermittelter Form gerade in der Sphäre von Theater und zeitgenössischer Kunst so viel Anklang findet. Der erwähnte Regisseur und Dramatiker René Pollesch von der Berliner Volksbühne beruft sich in seinem impulsiven Diskurs- und Entfremdungstheater immer wieder auf Agamben; und Carl Hegemann, langjähriger Dramaturg an selber Stelle und Vater der Aufschnapperin Helene Hegemann, erklärte vor einigen Jahren bei einer gemeinsamen Veranstaltung mit Giorgio Agamben diesen zum Meisterdenker der Sprechbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. Ebenso oft wie in Theaterprogrammen wird der Name Agamben in Kunstkuratorentexten und auf Galerievernissagen aufgerufen.
Wie erklärt sich das? Es muss die Mischung sein. Agamben ist diffus zeit- und systemkritisch; sein Werk kennzeichnet eine rätselhafte Emphase der Widerständigkeit, die durch die Durcharbeitung alter abseitiger Quellen nur verstärkt wird; sein Habitus, sein theoretischer Ton und mitunter auch seine Themenwahl deuten auf ästhetische Relevanz. Vor allem aber werden diese Eigenschaften verbunden mit dem generellen Anspruch, in den Verhältnissen der Gegenwart Spuren eines verlorenen Gottes zu entdecken, genauer: fatale Fernwirkungen des abendländischen Nachdenkens über diesen Gott und seine Welt.
Dies führt bei Agamben immer wieder zu Feststellungen wie diesen: „Die Pornographie, die ihr eigenes Phantasma als unerreichbar bewahrt und es mit derselben Geste unansehbar nahe rückt, ist die eschatologische Form der Parodie.“ – „(Es) gehören die Fernsehspiele für die Massen zu einer neuen Liturgie und säkularisieren eine unbewusst religiöse Absicht.“ – „Den Gläubigen im Tempel (. . .) entsprechen heute die Touristen, die rastlos durch eine zum Museum verfremdete Welt reisen.“ Ein solcher Denker muss die heutigen darstellenden Künste in ihrer Konzeptualisierung besonders ansprechen. Denn sie, Theater und Kunst, haben es in ihrer Auseinandersetzung mit gegebenen, zu verfremdenden Stoffen und Bildern selbst mit einem ständigen Pingpong von Verzauberung und Entzauberung zu tun, von Epiphanie und Desillusionierung, von Kult und Kritik.
Im weiteren Zusammenhang trifft die Entdeckung sogenannter impliziter Theologie in der heutigen Politik- und Gesellschaftsordnung, wie sie Giorgio Agamben betreibt, nicht bloß im Kunstbetrieb, sondern überhaupt in den Kulturwissenschaften und in der Philosophie einen empfänglichen Nerv. Natürlich ist die Säkularisierung, sind die Transformationen und Transpositionen des Christentums in der modernen Welt überhaupt schon das große Diskussionsthema der Geisteswissenschaften des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts gewesen – von Hegel über Max Weber und Carl Schmitt bis zu Karl Löwith und Hans Blumenberg, um nur diese zu nennen.
Aber die jüngeren Kulturwissenschaften suchen ebenfalls permanent das Numinose: Ob in der Gegenstandskultur, in den Sozialbeziehungen, in der Mode, in der Literatur, in der Mediengeschichte und Medientechnik oder eben auch in den Formen der Politik: Immer wieder wird ein Bann vermutet, ein im Verborgenen nachwirkender alter Glaube, ein Sakrales im Profanen; und es werden Analogien zwischen heutigen Phänomenen und alten Kulten und Dogmen ausgemacht, die aber partout nicht einfach Analogien sein dürfen, sondern durch Übergabe und Übernahme bis heute magisch wirksame Verbindungen sein sollen. Dieses Verfahren wird im Anschluss an Michel Foucault gerne „Archäologie“ genannt.
Da kommt ein Denker gerade recht, der wie Giorgio Agamben obskure oder auch nur obskur gewordene Theologoumena der abendländischen Tradition, unter Hinzuziehung der älteren Rechtsgeschichte, in kritischer Absicht reaktiviert. Mit dem inzwischen geradezu exotisch gewordenen Faszinosum der Theologie und Metaphysik arbeitet übrigens – neben Autoren wie Jean-Luc Nancy, Slavoj Zizek oder Alain Badiou – auch der Karlsruher Philosoph Peter Sloterdijk. So greift dieser in seiner Sphären-Trilogie ausführlich auf die katholische Mariologie zurück, oder er führt beispielsweise in dem Buch „Zorn und Zeit“ (2006) aus, „dass die Globalisierung des Zorns eine ausgedehnte theologische Anfangsphase zu durchlaufen hatte, ehe sie in weltliche Regie übertragen wurde“.
Man könnte sagen: In Philosophie und Kulturwissenschaft sind theologische Ideengeschichte und religiöse Kategorien nicht peinlich, sondern eher chic – während im echten Leben „das religiöse Empfinden“, so Sloterdijk, „das eigentliche Pudendum der Moderne“ geworden ist. Schwindet hier die Kraft des Offenbarungsglaubens, so wird dort die Theologie als genealogischer Reizverstärker von Theorie-Gurus eingesetzt, die Paulus, Origines oder Irenäus zitieren und behaupten, damit die geheimen Grundlagen der Gegenwart erklären zu können. Das wirkt in Akademien und Kunsthochschulen umso stärker, je exotischer einem die eigene Tradition vorkommt. Für jedes moderne Phänomen einen kryptotheologischen Hintergrund zu vermuten, droht übrigens auch zu einem feuilletonistischen Generalschlüssel zu werden.
Nach solchem Rezept – das Giorgio Agamben in dem Band „Signatura rerum“ methodisch rechtfertigt – ist auch sein neues systematisches Werk verfertigt. Es erscheint in diesem Herbst neben kleineren Schriften und Essays und heißt „Herrschaft und Herrlichkeit“ (italienisch „Il Regno e la Gloria“, 2007). Das Buch ist eine Fortsetzung des „Homo Sacer“-Projekts. Hatte dieses zunächst den heutigen Menschen mit seinem „nackten Leben“ für vogelfrei erklärt und, Carl Schmitt von links interpretierend, einen faschistischen Ausnahmezustand als Normalzustand auch der westlichen Demokratien festgestellt (eine Theorie, die gut in die Guantanamo-Zeit der Jahre 2002 ff. passte), so geht es jetzt um die theologische Grundierung der „Regierungsmaschine“.
Gezeigt werden soll, dass der Bedarf an „Herrlichkeit“, also an Verherrlichung des herrschenden Gottes durch Engel und Gläubige, über die politische Theologie des Abendlandes auf die Machtverhältnisse im modernen Staat, gerade auch im demokratischen Staat, übergegangen sei. Der „doxologische Aspekt der Macht“ besteht laut Agamben darin, „dass gerade die Funktion der Akklamationen und der Herrlichkeit in ihrer modernen Gestalt, nämlich als öffentliche Meinung und Konsens, noch immer im Zentrum der politischen Dispositive der heutigen Demokratien stehen“.
Ausgangspunkt dieser Überlegung ist die Trinitätslehre und der Begriff der „Oikonomia“, also der Verwaltung der göttlichen Macht, in der Theologie der ersten christlichen Jahrhunderte. So schrieb der Kirchenvater Hippolyt: „Was die Potenz betrifft, ist Gott eins; was die oikonomia betrifft, tut er sich als dreifacher kund.“ Die Spaltung Gottes, also seine Hypostasierung in Vater, Sohn und Heiligen Geist, durfte die Ontologie des monotheistischen Gottes nicht auflösen. Um die Einheit Gottes zu bewahren, mussten daher sein Sein und sein Tun getrennt werden. Die göttliche Vorsehung wurde eng mit der „Ökonomie“, also der Verwaltung und Ausführung, verknüpft. Daraus ergibt sich die Trennung von Herrschaft und Regierung („Le roi règne, mais il governe pas“): Während der eher untätige Herrscher sich aus den Einzelheiten heraushält, wird die Regierung von „Vollzugsbeamten“ versehen: von Engeln, Kirche und Papst ebenso wie von Monarchen.
Es ist Allgemeingut, dass solches Denken die Vorgeschichte der modernen Idee der Gewaltenteilung und auch des „allgemeinen Willens“ bei Jean- Jacques Rousseau darstellt. Ebenso bekannt ist die Geschichte der Sakralisierung der weltlichen Herrschaft, wie sie etwa Percy Ernst Schramm in der dreibändigen Studie zu „Herrschaftszeichen und Staatssymbolik“ (1954 bis 1956) oder Ernst Kantorowicz in der Untersuchung der „karolingischen politischen Theologie“ („Laudes Regiae“, 1946) beleuchtet haben. Dazu gehört etwa die Salbung von Königen nach biblischem Vorbild.
Agamben schreibt nun: „Mit der Unterscheidung zwischen souveräner Macht und legislativer Macht einerseits, Regierungs- und Exekutivgewalt andererseits übernimmt der moderne Staat die Doppelstruktur der theologischen Regierungsmaschine.“ Und: „Indem die Moderne Gott aus der Welt verbannt hat, ist sie nicht nur nicht der Theologie entkommen, sondern hat gleichsam nichts anderes gemacht, als das Projekt der providentiellen oikonomia zu vollenden.“
Wie aber der behauptete Transfer von göttlicher zu politisch-weltlicher Regierung im liberalen Verfassungsstaat genau funktioniert, und was eigentlich die heutige, als verhängnisvoll beklagte „ökonomische“ Weltregierung als „theologisches Erbe“ konkret ausmachen soll, darüber schweigt sich der Autor aus. Ebenso rätselhaft bleibt, warum „öffentliche Meinung“ in der Demokratie umstandslos mit „Akklamation“ und „Konsens“ gleichgesetzt werden kann – gilt das auch im Fall „Stuttgart 21“?
Das „archäologische“ Verfahren indes, wie Agamben es versteht, kann hier geradezu programmatisch Antworten schuldig bleiben: weil es sich weigert, zwischen Analogie, ideengeschichtlicher Entwicklung und realer politischer Wirkung zu unterscheiden. Und so endet ein kompliziertes, sehr gelehrtes und oft auch lehrreiches Werk in plattester Medien- und Demokratiekritik, ja Demokratiefeindlichkeit. Dies mag zum Teil einer verständlichen, spezifischen Frustration über Berlusconis Italien geschuldet sein, ist aber doch für den gewaltigen Aufwand (auch der Übersetzer übrigens) ein geringer Ertrag. Es ist undurchsichtig, warum diese Philosophie geeignet sein soll, wie Giorgio Agamben beansprucht, „einen Weg des Widerstands und der Wende zu weisen“. Doch gerade diese theologisch veredelte Undurchsichtigkeit ist, von seinen Wirkungen zu schließen, das Erfolgsgeheimnis. JOHAN SCHLOEMANN
GIORGIO AGAMBEN: Herrschaft und Herrlichkeit. Zur theologischen Genealogie von Ökonomie und Regierung. (Homo Sacer II.2.) Aus dem Italienischen von Andreas Hiepko. Suhrkamp Verlag, Berlin 2010. 361 Seiten, 20 Euro.
GIORGIO AGAMBEN: Das Sakrament der Sprache. Eine Archäologie des Eides. (Homo Sacer II.3.) Aus dem Italienischen von Stefanie Günthner. Suhrkamp Verlag, Berlin 2010. 98 Seiten, 10 Euro.
GIORGIO AGAMBEN: Nacktheiten. Aus dem Italienischen von Andreas Hiepko. S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 2010. 200 Seiten, 19,95 Euro.
GIORGIO AGAMBEN: Signatura rerum. Zur Methode. Aus dem Italienischen von Anton Schütz. Suhrkamp, Frankfurt/Main 2009. 146 S., 14 Euro.
Schmidt: „Ich bin durch René
auf Agamben gekommen.“ –
Hegemann: „Ich weiß, ich auch.“
Das Faszinosum wirkt umso
stärker, je exotischer einem
die eigene Tradition vorkommt
Aus der christlichen Trinitätslehre (hier ein gebräuchliches Diagramm, das die Dreiheit und Einheit Gottes ausdrückt) leitet der in Venedig lehrende Giorgio Agamben (unten) seine Kritik an der „Regierungsmaschine“ ab.Fotos: oh, Getty Images
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

So wenig diese Texte auf definitive, unangreifbare Wahrheiten aus sind, so eindrucksvoll und subtil findet Petra Gehring, was Giorgio Agamben zur Methode Foucaults, zu Begriffen wie "Paradigma", "Zeichen" und "Archäologie", eher lose mit dem französischen Philosophen verknüpft, wie sie findet, zu Papier bringt. Das Meditationsartige der Überlegungen, die im Falle des Paradigmenbegriffs von Platon und Kant zu Heidegger und Warburg schweifen, stört Gehring nicht. Wir leben in methodenarmen Zeiten, meint sie, also her mit Methodenfragen.

© Perlentaucher Medien GmbH