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Erscheint vorauss. 7. Oktober 2021
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Produktdetails
  • Verlag: Granta Publications
  • Seitenzahl: 352
  • Erscheinungstermin: 7. Oktober 2021
  • Englisch
  • ISBN-13: 9781783787357
  • ISBN-10: 178378735X
  • Artikelnr.: 61267167
Autorenporträt
Rebecca Solnit, geb. 1961 in Kalifornien, ist Essayistin und Kulturhistorikerin. Themen ihrer Werke sind Kultur, Politik und Umwelt. Für ihre Arbeit erhielt sie u.a. den Lannan Literary Award sowie den renommierten National Book Critics Circle Award. Über ihr Schreiben hinaus engagiert sich Rebecca Solnit seit vielen Jahren aktiv in der Umwelt- und Menschenrechtsbewegung. Ein Engagement, das auch in ihrem 2005 bei Pendo erschienenen Buch Hoffnung in der Dunkelheit Niederschlag fand. Rebecca Solnit lebt und arbeitet in San Francisco.
Inhaltsangabe
Acknowledgments I. The Pace of Thoughts 1. Tracing a Headland: An Introduction 3. The Mind at Three Miles an Hour 3. Rising and Falling: The Theorists of Bipedalism 4. The Uphill Road to Grace: Some Pilgrimages 5. Labyrinths and Cadillacs: Walking into the Realm of the Symbolic II. From the Garden to the Wild 6. The Path Out of the Garden 7. The Legs of William Wordsworth 8. A Thousand Miles of Conventional Sentiment: The Literature of Walking 9. Mount Obscurity and Mount Arrival 10. Of Walking Clubs and Land Wars III. Lives of the Streets 11. The Solitary Stroller and the City 12. Paris
or Botanizing on the Asphalt 13. Citizens of the Streets: Parties
Processions
and Revolutions 14. Walking After Midnight: Women
Sex
and Public Space IV. Past the End of the Road 15. Aerobic Sisyphus and the Suburbanized Psyche 16. The Shape of a Walk 17. Las Vegas
or the Longest Distance Between Two Points Notes Index Sources for Foot Quotations
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 23.10.2019

Gehen als Akt des Widerstands
Vom richtigen Spazieren: Rebecca Solnit preist das Wandern und Flanieren

Als die amerikanische, in San Francisco lebende Aktivistin Rebecca Solnit vor fast zwanzig Jahren mit "Wanderlust" eines ihrer ersten Bücher veröffentlichte, begann das menschliche Gehen gerade zu einem Lieblingsthema der kulturphilosophischen Essayistik zu werden. Wie bei den Texten, die in den folgenden Jahren zu diesem Thema erschienen, sollte man keinen fachhistorischen Zugang erwarten. Für Solnit kann die Geschichte des Gehens nur eine "Laiengeschichte" sein, notgedrungen uferlos und assoziativ, die in ihrer Entgrenzung den Gegenstand selbst zu imitieren sucht. Nicht mehr als einen "subjektiven Ausschnitt" möchte die Autorin anbieten, einen "von der einzelnen Wanderin" durch alle möglichen Felder gemachten Streifzug.

Dass dieser vor allem durch Kalifornien führt und die Ausflüge in die Vergangenheit angelsächsische und gelegentlich französische Traditionslinien bevorzugen, kontrastiert merkwürdig mit dem auch im Englischen gewählten deutschen Titel "Wanderlust". So kommen die deutschen Aufklärer und Romantiker, die seit dem achtzehnten Jahrhundert beredt die Fußreise als ideale Form der Fortbewegung priesen und emphatisch der Fahrt in der Kutsche entgegensetzten, in dieser Geschichte des Gehens überhaupt nicht vor. Solnit wandelt dafür vielfach auf ausgetretenen Pfaden, wenn sie Rousseau, Wordsworth, Coleridge oder Thoreau als zentrale Vertreter einer Poetik des ungeregelten Spaziergangs und vertraute Figuren wie den Baudelaire'schen und Benjamin'schen Flaneur oder die Romane der Surrealisten Aragon und Breton aufruft.

Dabei geht es der Autorin nicht um eine Neuinterpretation dieser westlichen und weitgehend europäischen Tradition der Kultur des Gehens, sondern vielmehr um deren emphatische Beschwörung angesichts der tristen Realität des gegenwärtigen urbanen Lebens in den Vereinigten Staaten, das sie von der "Vergötterung des Automobils" und von durchmechanisierten, auf Effizienz und Quantifizierbarkeit abgestellten Körpertechniken beherrscht sieht.

Das Buch nimmt vor allem in seinem letzten Teil den Charakter eines zivilisationskritischen Pamphlets an, das besonders drastisch die Welt der Fitnessstudios anklagt. Das Laufband erscheint ihr dabei als " das perverseste" aller dort versammelten Geräte, da es den Raum zum Verschwinden bringt, in dem Gehen und Laufen als körperliche Arbeit und sinnliche Erfahrung sonst stattfinden: als eine "calvinistische Technologie", die mit ihrer Messung von Geschwindigkeit, zurückgelegter Strecke und sogar der Herzfrequenz letztlich die Möglichkeit des Staunens über das Unkontrollierte und Zufällige eliminiere, das dem Wandern eigen ist. Denn jeder Spaziergänger sei "ein Wächter auf Patrouille zum Schutz des Unbeschreiblichen". Was würde Solnit zu den heutigen Großstadtwanderern sagen, die sich auf ihren Erkundungen nur noch von ihrem Smartphone und Google Maps leiten lassen?

Ihre Sympathien sind eindeutig auf der Seite von künstlerischen Sub- und Gegenkulturen, die das Gehen als einen solitären Akt des Widerstands gegen eine abgestumpfte Mehrheitsgesellschaft inszenieren. Am Ende ihres Buches zollt sie einer Performance der 1980er Jahre Tribut, bei der Marina Ambramovic und ihr Partner Ulay neunzig Tage lang auf der Chinesischen Mauer aufeinander zugingen, um sich schließlich zu begegnen und auf diese Weise öffentlich voneinander zu trennen: "Ihre Texte und Bilder sprechen vom Wesen des Gehens, von der grundlegenden Einfachheit des Akts, die durch die uralte Leere der sie umgebenden Wüste noch verstärkt wurde." Derartige Kommentare muten allerdings naiv und geradezu mystifizierend an, da sie nicht nur die politischen Schwierigkeiten um die Realisierung dieser Performance, sondern auch die Realität des Kunstbetriebs und die damit einhergehende Selbstdarstellung der Künstler übergehen. Das Ausblenden von sozialen und ökonomischen Konstellationen, in denen sich das Gehen als demonstrativer Akt auch im Bereich der Kunst vollzieht, befördert notgedrungen seine Idealisierung.

ANDREAS MAYER.

Rebecca Solnit: "Wanderlust". Eine Geschichte des Gehens.

Aus dem Englischen von Daniel Fastner. Matthes & Seitz Verlag, Berlin 2019. 384 S., geb., 30,- [Euro].

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