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Seit dem Ende des Römischen Reichs gab es zumindest in Europa keine Parallele zum Untergang Deutschlands 1945. Nach nur 12 Jahren NS-Herrschaft lag das Land in Ruinen: die Städte zerstört, die Industrie zerschlagen, das kulturelle Erbe unrettbar.

Produktbeschreibung
Seit dem Ende des Römischen Reichs gab es zumindest in Europa keine Parallele zum Untergang Deutschlands 1945. Nach nur 12 Jahren NS-Herrschaft lag das Land in Ruinen: die Städte zerstört, die Industrie zerschlagen, das kulturelle Erbe unrettbar.
  • Produktdetails
  • Verlag: Bloomsbury Trade; Bloomsbury Paperbacks
  • Artikelnr. des Verlages: 71139
  • Repr.
  • Erscheinungstermin: März 2012
  • Englisch
  • Abmessung: 198mm x 130mm x 32mm
  • Gewicht: 416g
  • ISBN-13: 9781408822128
  • ISBN-10: 1408822121
  • Artikelnr.: 34197629
Rezensionen
'Taylor's account is unexceptionable and sometimes impressive ... There is much memorable anecdotage in this readable tale' Max Hastings, Sunday Times

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 07.11.2011

Pommerland, abgebrannt
Frederick Taylor schildert dramatisch, packend und
dabei doch genau das Vor- und Nachspiel der Stunde null
An einem Frühlingsmorgen im März 1945 saß Jesko von Puttkamer in der Falle. Flammen am Horizont versperrten den Fluchtweg, den der pommersche Freiherr für sich und die Seinen ausgekundschaftet hatte. Puttkamer legte seine Offiziersuniform an, lud eine bereitgelegte Pistole und weckte Frau und Stieftochter: „Wir wollen in den Park gehen. In ein, zwei Stunden sind die Russen da.“ Eine Kapitulation ließ der Komment seines Standes nicht zu, einen erweiterten Suizid dagegen schon. Indes stand die Tochter kurz vor der Niederkunft und wollte keineswegs im Namen der Ehre sterben. So nahm das Undenkbare seinen Lauf: Die Frauen widersetzten sich dem Patriarchen-Wort, rissen die Macht über das Schicksal der Familie an sich und hebelten den aristokratischen Verhaltenskodex aus. Puttkamers Sohn schrieb später über diesen Moment: „Im Untergang verliert das männliche Prinzip jeden Glanz. Auf einmal taugt es nicht mehr, niemand kann es noch brauchen, es zerbricht.“
Als das Weltbild des Barons kollabierte, lag das Dritte Reich längst in Trümmern. Vom Gipfel eroberungsgieriger Hybris war das deutsche Volk in die Not der Niederlage gestürzt. Die letzte Phase dieses Absturzes schildert der britische Historiker Frederick Taylor. Die alliierte Okkupation und die umstrittenen Prozeduren der Entnazifizierung beschreibt er in bester englischer Manier: spannend. Wann immer sich die Faktenfülle zu Argumentationsgebirgen aufzufalten droht, richtet Taylor den Blick auf die sanfte Kuppe einer biographischen Nahaufnahme. Mit diesem Kniff spitzt er die deutsche Katastrophe am Einzelbeispiel zu und bringt zugleich das Paradox der jeweiligen Situation auf den Punkt. So gesehen steht die Puttkamer’sche Familienepisode parabelhaft für die Umwertung aller Werte am Ende des Zweiten Weltkriegs.
Mit der Exegese von Vor- und Nachspiel der Stunde null füllt Taylor eine zentrale Lücke seines Schaffens. In den 1980er Jahren übersetzte er die Goebbels-Tagebücher ins Englische, dann publizierte er vielbeachtete Bücher über die Bombardierung Dresdens (2005) und die Berliner Mauer (2009). Was die Fachkollegen ihm bisweilen ankreiden, macht dem Publikum Pläsier: Statt den Inhalt archivalischer Zettelkästen abzuarbeiten, entwirft Taylor historische Szenarien, die das Drama der Geschichte aus verschiedenen Perspektiven beleuchten. Zug um Zug rückt er Entscheidungsträger und Nebenakteure ins Rampenlicht, untersucht ihre Motive und strategischen Optionen. Der Leser begreift: Es geht nicht nur um die Datenfülle; der Autor ringt um eine faire Berichterstattung a posteriori.
„Krieg und Frieden“ skizziert zunächst die Situation der Deutschen und ihrer Gegner im fünften Kriegsjahr. Hitler, bis zum Debakel von Stalingrad „offensichtlich ein Genie“ (Taylor) für die Deutschen, hat seinen Nimbus eingebüßt. Mit jeder weiteren Stadt, die alliierte Bomber in Schutt und Asche legen, wächst die Katerstimmung im Deutschen Reich. Gleichwohl ist der „Bazillus eines mörderischen Antisemitismus“ noch immer am Werk. Die Furcht vor Vergeltung sitzt bei den Angreifern tief, seit sie selbst in die Defensive geraten sind. Das Menetekel der Niederlage hat das Regime frühzeitig an die Wand gemalt: „Deutsches Volk, du musst wissen, wird der Krieg verloren, bist du vernichtet!“, donnerte Reichsmarschall Hermann Göring bereits 1942 im Berliner Sportpalast.
Was sich beim sowjetischen Vormarsch abspielte, kam den Nazi-Propagandisten deshalb gerade recht. Goebbels instrumentalisierte das Massaker von Nemmersdorf im Oktober 1944, um, so Taylor, „die Deutschen systematisch in Angst zu versetzen“ und ihren erlahmenden Kampfgeist zu mobilisieren. Taylor zeigt „das Martyrium der Ostprovinzen“ im Angesicht massenhafter Tötungen und Vergewaltigungen, ohne darüber den blutigen Prolog zu vergessen. Seit es Mode geworden ist, das deutsche Volk als Hitlers erstes Opfer zu klassifizieren, hat kaum jemand die Chronologie des Geschehens derart freundlich im Ton und knallhart in der Aussage zusammengefasst: Die Leidensgeschichte der Deutschen begann erst, nachdem sie selbst unendliches Leid angerichtet hatten.
Dadurch wird kein einziger Gewaltexzess gemildert, zumal der Edelmut der Alliierten durchaus von vornherein Grenzen hatte. Schließlich traten Amerikaner, Franzosen, Briten und Russen mit der Parole an, dass von der Mitte Europas nie mehr Krieg ausgehen dürfe und die Deutschen für ihr barbarisches Zerstörungswerk zu büßen hätten. Die windungsreichen Überlegungen der Anti-Hitler-Koalitionäre, die ihre Heimatfronten bei Laune und nahrungstechnisch über Wasser halten mussten und keine Lust hatten, auch noch hungrige Deutsche durchzufüttern, ziehen sich leitmotivisch durch Taylors Studie. Schon im Vorfeld der Invasion fand das Quartett keinen einheitlichen Standpunkt, vielmehr diktierten Partikularinteressen das Vorgehen.
Die Dynamik des Geschehens und die Zersplitterung der Schauplätze macht Taylor mit einem Zitat aus dem Nachrichtenmagazin Time vom Juli 1945 deutlich. Unter dem (kurioserweise bei Lenin entliehenen) Titel „Was tun?“ kritisierten amerikanische Journalisten, dass jenseits des Atlantiks „eine politische Linie fehlt“ und keinerlei Koordination zwischen Ost und West erkennbar sei, weshalb selbst die eigenen Truppen inzwischen die Frage stellten: „Was soll mit Deutschland geschehen?“ Die Antwort gab die Geschichte. Das zerstückelte Land wurde „zum Kampfplatz des Kalten Krieges“.
Ein Kardinalproblem, dessen Lösung bis heute unterschiedlich beurteilt wird, war der Umgang mit den rassistischen Wahnvorstellungen, die der Nationalsozialismus seinen Anhängern und Mitläufern implantiert hatte. Zwar trat der genozidale Überbau des Dritten Reichs deutlich in Erscheinung, seit Urheber und Exekutoren der Vernichtungsmaschinerie vor dem Nürnberger Kriegsverbrechertribunal saßen. Doch der Versuch, auch subalterne Chargen aufzuspüren und zu bestrafen, erwies sich als Langzeitaufgabe. Verglichen damit, vollzog sich die mentale Dekontamination der Durchschnittsbürger in Windeseile – nicht nur dank serieller Ausstellung von Persilscheinen. Der zuständige britische Minister erklärte 1947, viele Deutsche seien sich „ihres traurigen Erbes zutiefst bewusst“ und entschlossen, „reinen Tisch zu machen“. Die Umwertung aller Werte hatte funktioniert, zeitigte allerdings im Westen alsbald eine „hyperkapitalistische Orgie des Vergessens“ und im Osten einen Totalitarismus anderer Art.
Mit einem etwas wackligen Schnellzoom auf die Adenauer-Ära, Studentenrevolte und RAF-Terrorismus endet Taylors anregendes Buch über Deutschlands Wiedergeburt aus Ruinen. Es sei allen empfohlen, die wissen wollen, wie man Brücken über den Abgrund der Rache schlägt. Die Alliierten haben es, allen Irrungen und Wirrungen zum Trotz, vorgemacht.
DORION WEICKMANN
FREDERICK TAYLOR: Zwischen Krieg und Frieden. Die Besetzung und Entnazifizierung Deutschlands 1944-1946. Aus dem Englischen von Klaus-Dieter Schmidt. Berlin Verlag, Berlin 2011. 520 Seiten, 28 Euro.
Die Journalistin Dorion Weickmann lebt in Berlin.
„Deutsches Volk, du musst wissen,
wird der Krieg verloren,
bist du vernichtet.“
1945 wiederholten amerikanische
Journalisten Lenins Wort,
sie fragten: „Was tun?“
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'In narrative power and persuasion, he has paralleled in Dresden what Antony Beevor achieved in Stalingrad' Independent on Sunday