Zwischen Illusion und Krieg - Sirois, Herbert
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Produktdetails
  • Sammlung Schöningh zur Geschichte und Gegenwart
  • Verlag: Schöningh
  • 2000.
  • Seitenzahl: 320
  • Erscheinungstermin: Januar 2000
  • Deutsch
  • Abmessung: 238mm x 167mm x 29mm
  • Gewicht: 630g
  • ISBN-13: 9783506775054
  • ISBN-10: 3506775057
  • Artikelnr.: 07708426
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 17.04.2001

Den frühen Warnungen folgte Entschlossenheit
Amerikanisch-deutsche Beziehungen zwischen 1933 und 1941

Herbert Sirois: Zwischen Illusion und Krieg. Deutschland und die USA 1933-1941. Sammlung Schöningh zur Geschichte und Gegenwart. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2000. 320 Seiten, 78,- Mark.

Während des Ersten Weltkriegs und besonders nach dem Kriegseintritt 1917 durchzog eine Welle von Deutschenhaß die Vereinigten Staaten, während sich in Deutschland viele Hoffnungen darauf richteten, Präsident Wilson könne eine Verständigung herbeiführen. Diese Erwartungen wurden 1918/19 enttäuscht. Gleichwohl kam es zu Beginn der zwanziger Jahre schnell zu einer Normalisierung zwischen den beiden Staaten.

Von Washington erhoffte man sich in Berlin Unterstützung bei der Revision des Versailler Vertrags, und in den Vereinigten Staaten sah man das Deutsche Reich als bestes Eingangstor für die ökonomische Durchdringung des alten Kontinents und als Partner bei der Herbeiführung einer neuen Weltordnung. Die Normalisierung griff jedoch, wie Herbert Sirois betont, nicht sehr tief, weil sie das Bild vom anderen innerhalb der jeweiligen Gesellschaft nicht wesentlich berührte. Das galt namentlich für die Vereinigten Staaten.

Kaum war die Regierung Hitler berufen, verschlechterte sich das amerikanische Urteil über die Deutschen nachhaltig. Schon am 21. März 1933 meldete der Generalkonsul in New York dem Auswärtigen Amt, daß die "hiesige Stimmungslage" nach kundigem Urteil "der Psychose im Krieg" gleichkomme. Namentlich die Sorge um die Stellung der Juden nähre den Unmut. Diese Aussage ließ sich gewiß nicht für das ganze Land verallgemeinern, aber die Verärgerung über die Deutschen nahm in der Folge lebhaft zu und erfaßte weite Teile der Bevölkerung.

Der vorläufige Tiefpunkt war erreicht, als das Deutsche Reich im Herbst 1935 den Handels- und Freundschaftsvertrag von 1923 kündigte. Daß die Beziehungen noch viel frostiger werden konnten, zeigten die amerikanischen Reaktionen auf die Annexion Österreichs im März 1938, auf die Sudeten-Krise im Sommer und auf die Pogromnacht im November 1938. Die deutsche Politik und Kriegführung seit 1939 verstärkten die Entfremdung nochmals.

Sirois erörtert all das bis hin zur deutschen Kriegserklärung an die Vereinigten Staaten am 11. Dezember 1941. Er berührt alle wesentlichen Aspekte der deutsch-amerikanischen Beziehungen. Insgesamt blickt er mehr auf die Vereinigten Staaten als auf das Deutsche Reich. Das hat seinen Grund darin, daß die Strukturen der Willensbildung in der nationalsozialistischen Diktatur weitaus einfacher waren als in der nordamerikanischen Demokratie.

Präsident Roosevelt hatte sich mit vielerlei Kräften auseinanderzusetzen. Er mußte sich vor allem den durch die Weltwirtschaftskrise hervorgerufenen schweren innenpolitischen Problemen zuwenden. Daß die Vereinigten Staaten sich außenpolitisch nicht auf die westliche Hemisphäre beschränken durften, war ihm stets bewußt, aber er hatte gegen die überwältigende isolationistische Grundstimmung der Amerikaner anzukämpfen und mußte die Nation gleichsam weltpolitisch erziehen. Zunehmend erkannte er das nationalsozialistische Deutschland als Bedrohung nicht nur amerikanischer Interessen, sondern als Gefahr für den Weltfrieden überhaupt.

Setzten sich Hitler und Mussolini in Europa, Japan in Ostasien durch, mußte Washingtons Lage prekär werden. Roosevelt glaubte früh, daß eine Zusammenarbeit mit der Sowjetunion hilfreich sein werde, weil sie ein weltpolitisch kompromißbereiter Staat mit geringen revisionistischen Bedürfnissen sei. Dabei mißverstand er die in Moskau bestehenden Absichten freilich gründlich.

An Warnungen gegenüber den Aggressoren in Berlin, Rom und Tokio ließ Roosevelt es nicht fehlen. Verwiesen sei auf seine Rede zum 125. Jahrestag der amerikanischen Verfassung am 17. September 1937 (er sprach davon, daß die Vereinigten Staaten für demokratische Prinzipien nicht nur im Innern, sondern auch nach außen eintreten müßten, da sie weltweit bedroht seien), auf die sogenannte Quarantäne-Rede drei Wochen später und auf die Rede in Kingston/Ontario im August 1938 (er machte deutlich, daß die Vereinigten Staaten bei einem Konflikt in Europa Großbritannien stützen würden).

Vermehrte Rüstungsanstrengungen begannen schon 1938 und bei der Marine noch früher. Nach Kriegsbeginn in Europa rief Roosevelt einen begrenzten Notstand aus und setzte eine Abschwächung der vom Kongreß beschlossenen Neutralitätsgesetze durch. Nach seiner Wiederwahl gab er im November 1940 die Weisung zu amerikanisch-britischen Stabsbesprechungen, die ein Vierteljahr später stattfanden. Im März 1941 verhängte er den unbegrenzten Notstand, im Mai wurde - nach vorherigem Vertrag mit Dänemark - Grönland besetzt.

Im Sommer 1941 meinte man in Washington zunächst, die Sowjetunion werde dem deutschen Angriff nicht standhalten. Um so dringlicher war die Verbesserung der eigenen Position im Atlantik. So wurden jetzt Island besetzt und der Kriegsmarine Mitte Juli eine offensive Patrouilletätigkeit befohlen. Damit traten die Vereinigten Staaten in einen unerklärten Krieg gegen das Deutsche Reich ein.

Hitler sah die Vereinigten Staaten vornehmlich als einen Staat, in dem die Juden die Wirtschaft, die öffentliche Meinung und indirekt auch die Politik beherrschten. Ihr politisches und gesellschaftliches System betrachtete er geringschätzig, ihr technisches Potential bewunderte er. Als zu vernachlässigende Größe betrachtete er sie niemals. Er ging jedoch davon aus, daß er seine weitgesteckten kontinentaleuropäischen Ziele verwirklichen konnte, ehe Washington zu einer Intervention in Europa fähig sein würde. Deshalb wollte er eine direkte Konfrontation so lange wie möglich vermieden sehen.

Als Großadmiral Raeder die Besetzung Islands als Kriegserklärung wertete, wies Hitler ihn an, Zwischenfälle auf jeden Fall zu vermeiden. Er meinte, daß die baldige Niederlage der Sowjetunion die Vereinigten Staaten entmutigen werde. Wenig später ließ er Japan ein Offensivbündnis anbieten. In Tokio behandelte man das jedoch hinhaltend. Die schließlich im November 1941 von Japan gestellte Frage, ob Deutschland im Falle eines japanisch-amerikanischen Krieges zu direkter militärischer Unterstützung bereit sei, beantwortete er durch Übermittlung eines Vertragsentwurfs. So war es nur konsequent, daß er den Vereinigten Staaten wenige Tage nach dem japanischen Überfall auf die amerikanische Pazifikflotte den Krieg erklärte. Für 1942 hielt er den offenen Kampf ohnehin für unausweichlich.

Die Arbeit von Sirois ist sehr instruktiv, die Freude an der Lektüre wird freilich etwas gemindert, weil der Autor wiederholt mit der deutschen Sprache in Konflikt gerät. Von Wiederholungen und einer gewissen Sprunghaftigkeit ist die Darstellung leider nicht frei. Der Gewinn, den die Studie bringt, liegt in der Herausarbeitung zahlreicher bislang nicht bekannter oder doch weniger beachteter Einzelheiten und damit in einer genaueren Konturierung des bekannten Gesamtbildes. Die Vermutungen, Roosevelt habe im Dezember 1941 vom bevorstehenden japanischen Angriff gewußt, verweist der Autor mit Recht in das Reich der Legende. Er unterstreicht aber die Bereitschaft Roosevelts, für die Durchsetzung der "Pax Americana" gegebenenfalls Krieg zu führen.

HANS FENSKE

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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Vor der deutsch-amerikanischen Freundschaft gab es jahrzehntelang eine deutsch-amerikanische Feindschaft, die ihren Höhepunkt im zweiten Weltkrieg erreicht hatte, berichtet Hans Fenske. Mit diesem Aspekt der deutsch-amerikanischen Beziehungen hat sich Herbert Sirois auseinandergesetzt, bis zur Kriegserklärung der Deutschen am 11. Dezember 1941. Dabei konzentriert sich seine Studie mehr auf die USA als auf die Nationalsozialisten, informiert der Rezensent und sieht eine Begründung dafür darin, dass die politischen Prozesse in Nordamerika komplizierter vonstatten gingen als in der NS-Diktatur. Die Studie findet Fenske sehr aufschlussreich, da der Autor eine ganze Reihe bisher wenig beachteter oder unbekannter Fakten herausgearbeitet habe. Etwas störend hat der Rezensent lediglich die Form empfunden, die leider nicht ganz frei sei von Wiederholungen und Sprunghaftigkeit.

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