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DIE DEUTSCHEN UND DAS ZEITALTER DER EXTREME - DIE GROßE NEUE DARSTELLUNG
Deutschland zwischen 1918 und 1945 - ein Zeitraum von knapp dreißig Jahren, in dem gleich zweimal für Millionen Menschen eine «neue Zeit» anbricht: 1918 nach dem Ende des verlorenen Ersten Weltkriegs und 1933 mit der Machtübernahme durch Adolf Hitler. Als eine «zerborstene Zeit» schildert Michael Wildt diese Jahre in seiner atmosphärisch dichten Darstellung, die die Ereignisstränge der «großen» Geschichte mit den Erfahrungen und Lebenswelten der Zeitgenossen verbindet. Die Straßen Berlins in den Tagen der…mehr

Produktbeschreibung
DIE DEUTSCHEN UND DAS ZEITALTER DER EXTREME - DIE GROßE NEUE DARSTELLUNG

Deutschland zwischen 1918 und 1945 - ein Zeitraum von knapp dreißig Jahren, in dem gleich zweimal für Millionen Menschen eine «neue Zeit» anbricht: 1918 nach dem Ende des verlorenen Ersten Weltkriegs und 1933 mit der Machtübernahme durch Adolf Hitler. Als eine «zerborstene Zeit» schildert Michael Wildt diese Jahre in seiner atmosphärisch dichten Darstellung, die die Ereignisstränge der «großen» Geschichte mit den Erfahrungen und Lebenswelten der Zeitgenossen verbindet.
Die Straßen Berlins in den Tagen der Novemberrevolution, das Ruhrgebiet 1923 während des Einmarschs der französischen Truppen, Varieté-Shows, die schwarze Community in Deutschland, Lemberg 1941 und Hamburg beim Bombenangriff am Altjahrsabend 1944 - das sind nur einige der Orte, an die Michael Wildt uns in seinem neuen Buch mitnimmt. Es entführt uns in Hinterhöfe, private Heime und Baracken, und es lässt Zeitzeugen wie Käthe Kollwitz und Victor Klemperer, aber auch den unbekannten katholischen Gastwirt oder die national gesinnte Lehrerin zu Wort kommen. Kein anderes Werk hat bislang das «oben» und das «unten» der Geschichte so intensiv in eine kollektive Erzählung überführt wie dieses eindrucksvolle Panorama Deutschlands und der Deutschen im «Zeitalter der Extreme».

Ein frischer Blick auf die Zeit von Weimarer Republik und Drittem Reich
Eine außergewöhnliche Kombination aus historischer Darstellung und Originalton von Zeitzeugen Im Zentrum stehen die Erfahrungsgeschichten der Menschen

Autorenporträt
Michael Wildt ist Professor für Zeitgeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin und einer der besten Kenner der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts.
Rezensionen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 31.01.2022

Gespür für historische Umbrüche
Michael Wildt hat ein grandioses Buch über die Zeit zwischen 1918 und 1945 geschrieben. In „Zerborstene Zeit“
geht es nicht um ein glattes Narrativ, sondern um die Empfindungen und Erfahrungen der Zeitgenossen
VON DIETMAR SÜSS
Es ist der – manchmal auch nur heimliche Traum – vieler Historikerinnen und Historiker: Einmal eine große Gesamtdarstellung, einmal erklären, was die Triebkräfte der (deutschen) Geschichte sind. Solche Motive haben bedeutende Werke hervorgebracht: Große Erzählungen über die „Ankunft im Westen“, über eine „verspätete“ Nation, über die „Hochmoderne“ oder eine „Gesellschaftsgeschichte“, deren Strukturen geprägt waren von Wirtschaft, sozialer Ungleichheit, politischer Herrschaft und Kultur. Das waren vielfach gefeierte und leidenschaftlich diskutierte Arbeiten, die gewissermaßen als Mercedes auf den geschichtswissenschaftlichen Autobahnen unterwegs waren: stark motorisiert, ohne Geschwindigkeitsbegrenzung, von einer Epoche in die nächste gleitend, souverän im Stil, manchmal aber auch allzu schnell rasend und blind für Ausfahrten, die auf Abzweigungen führten, in denen breite Autos schlecht wenden können.
Wer auf dem Beifahrersitz von Michael Wildts „neuen deutschen Geschichte“ Platz nimmt, der muss sich von solchen Hochgeschwindigkeitserfahrungen verabschieden. Der Berliner Zeithistoriker, einer der besten Kenner der Geschichte des Nationalsozialismus, hat sich und seinen Lesern gleichsam ein Tempolimit verordnet. Und das in mehrfacher Weise. Denn tatsächlich geht es in seinem Buch um die Frage, wie sich im Laufe der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts individuelle und kollektive Erfahrungen verändert haben. Allzu glatte Fortschrittserzählungen sind dem an der Humboldt-Universität lehrenden Historiker fremd.
Ihn interessieren vielmehr die Wahrnehmungen der Zeitgenossinnen und Zeitgenossen, ihre Gefühle und Handlungen, ihr Empfinden epochaler Umbrüche; jene „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“, in der Modernes und Archaisches so dicht beieinander liegen und die Lebensläufe der Menschen prägen. „Zerborstene Zeit“, der Titel, ist also Programm, der Versuch, eine deutsche Geschichte zu schreiben, die weniger auf Vollständigkeit als auf Risse und Verwerfungen im 20. Jahrhundert zielt – und dabei in seiner Darstellung stark auf Tagebücher und unterschiedliche Selbstzeugnisse zurückgreift.
Mancher hätte hier früher die Nase gerümpft, auf das vermeintliche „Kleinklein“ der Alltagsgeschichte verwiesen, auf die Unzulänglichkeiten einer „Geschichte von unten“. Aber Wildt hat diese wichtige Forschungsperspektive seit vielen Jahren weiterentwickelt und entscheidend mitgeprägt. Daher weiß er genau, wo die Fallstricke seines Zugriffs liegen. Denn Tagebücher bieten – wie andere Quellen auch – nicht etwa einen „authentischen“ Zugriff auf Vergangenes, auch sie sind Teil der eigenen Selbstdarstellung und Selbstvergewisserung. Sie helfen gleichwohl dabei, ein Gespür für die Offenheit historischer Prozesse und Erfahrungen, für Brüche und Widersprüche zu vermitteln – und genau darum geht es Wildt und genau darin liegt der besondere Vorzug dieses großartigen und originellen Buches.
Unter den von Wildt verwendeten Tagebüchern sind einige bekannte, wie die von Victor Klemperer oder dem jüdischen Historiker Willy Cohn aus Breslau. Breiten Raum nehmen auch die Aufzeichnungen von Luise Solmitz ein, einer deutschnationalen Lehrerin aus Hamburg. Besonders für die Geschichte der „Machtergreifung“ aufschlussreich sind die Tagebücher von Matthias Joseph Mehs, einem katholischen Gastwirt und Mitglied des Zentrums im kleinen Eifelort Wittlich, der als Gegner der Nationalsozialisten mit wachsender Verzweiflung über deren rasanten Aufstieg berichtet – und das in einer katholischen Region, in der die NSDAP selbst bei den Wahlen im März 1933 noch hinter dem Zentrum lag.
Natürlich orientiert sich auch Wildt an entscheidenden politischen Weichenstellungen; seine präzise Darstellung beginnt mit den revolutionären Umbrüchen 1918, schildert die Innen- und Außenpolitik der Weimarer Republik, den Aufstieg des Nationalsozialismus und dessen antisemitische Gewalt- und Germanisierungspolitik, die Mobilisierung der „Volksgemeinschaft“ – und sie endet 1945 mit dem Zusammenbruch des Dritten Reiches. Gleichwohl verzichtet Wildt bewusst auf Vollständigkeit und wählt eigene Akzente und Fallbeispiele. Mancher mag das eine oder andere vermissen: etwas mehr Wirtschaft vielleicht, einen umfassenden Einblick in die Parteienlandschaft, regionale Unterschiede oder eine Antwort auf die Frage nach der Prägekraft der deutschen Klassengesellschaft. Aber seine Schwerpunkte machen seine Art der Darstellung doch auf ungewöhnliche Weise anregend.
Wo sonst würde man einen so umfangreichen Teil über Josephine Baker und die People of Colour in Deutschland finden? Eindringlich zeigt Wildt die Kontinuität rassistischer und kolonialistischer Denkweisen, die Teil der Weimarer Kultur waren und ihr Eigenleben auch ganz ohne kolonialen Besitz weiterführten. Geschickt verknüpft er die Geschichte der berühmten Tänzerin, die Berlin schließlich verließ, um in Paris zu arbeiten und sich später dem Widerstand gegen Deutschland anschloss, mit einem viel grundsätzlicheren Problem: Was eigentlich ist „deutsche“ Geschichte? Ist es eine Geschichte, die alleine auf die „Nation“ ausgerichtet ist oder sich an der bloßen Staatsbürgerschaft orientiert? Wer gehört dazu und wer nicht – wie haben sich diese Vorstellungen von Zugehörigkeit verändert?
Nicht alle diese Fragen lassen sich umfassend beantworten, aber Wildts Perspektivenwechsel ist wohltuend und anregend zugleich. Seine besondere Stärke entfaltet das Buch dort, wo es um die Geschichte des Holocaust geht. Sein Kapitel über den „Vernichtungskrieg“ beginnt in Lemberg und schildert in längeren Vor- und Rückgriffen das jüdische Leben in Galizien, die nationalen Spannungen am Ende des Ersten Weltkrieges, die Hoffnungen der Zwischenkriegszeit und die Gewalterfahrungen des Krieges, die mit Okkupation durch die Rote Armee begann und in der deutschen Vernichtungspolitik gegen die Juden ihr Ende fand.
Von einem dieser Pogrome, vermutlich vom 1. Juli 1941, gibt es einen kurzen Film, der als Beweisdokument der amerikanischen Anklage im Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher diente. Wildt lässt die Bilder dieses Films Revue passieren, eines nach dem anderen. Der Kameramann hält auf die flüchtenden Frauen, viele von ihnen unbekleidet, folgt ihnen, hält fest, wie eine Frau mit Stockhieben gepeinigt wird. Die Aufnahmen, die uns in der letzten Woche anlässlich des Holocaust-Gedenktages in den Medien begegneten: Sie waren selbst Teil einer Gewaltpolitik gegen jüdische Frauen, bei der die Kamera Instrument der Tat war.
In Wildts Darstellungen der Ermordung der europäischen Juden und der deutschen Besatzungspolitik spiegeln sich die veränderten Perspektiven der Holocaust-Forschung: Der Blick richtet sich auf Täter und Opfer, auf jüdische Erfahrungen in ihrer Vielschichtigkeit, und sie reichen von Amsterdam bis Sobibór, von den Niederlanden und Frankreich bis nach Polen und in die Ukraine. Vielleicht etwas knapp fällt das letzte Kapitel aus, das sich mit den Jahren 1944/45 und der „Welt in Trümmern“ beschäftigt und in dem es um die alliierte Besetzung Deutschlands, die Kriegsgesellschaft und das Ende der Konzentrationslager geht. Aber das fällt angesichts der darstellerischen Kraft, die das Buch entfaltet, nicht weiter ins Gewicht.
Auch am Ende des Buches begegnen uns wieder die Stimmen, die das Buch geprägt haben: Victor Klemperer, der mit seiner Frau aus dem brennenden Dresden flüchtet, wo die alliierten Bomben eben nicht nur Zerstörung, sondern auch Befreiung brachten. Auch Luise Solmitz überlebt den Krieg in Hamburg und berichtet derweil unentwegt über die Verwandten, die sich auf der Flucht aus dem Osten befanden. Mitte April verbrannte sie wie so viele andere ihre Hakenkreuzfahne. Eine neue Zeit sollte beginnen; eine Zeit, in der Matthias Mehs in Wittlich die CDU mitbegründete, für seine Partei in den neu gewählten Bundestag einzog und als einziger seiner CDU-Fraktion 1953 gegen die Europäische Verteidigungsgemeinschaft stimmte, weil diese für ihn die deutsche Teilung zementierte.
Michael Wildts Darstellung hat nicht ein einfaches Ende und einen einfachen Anfang, sondern sehr unterschiedliche; eine „zerborstene Zeit“, die Teil unserer Gegenwart ist.
Dietmar Süß lehrt Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Augsburg.
Victor Klemperer kommt zu Wort,
aber auch ein katholischer
Gastwirt aus Wittlich
Die Darstellung hat
mehrere Anfänge –
und mehrere Enden
Nicht Politiker im Mittelpunkt, sondern normale Menschen: Während der Weltwirtschaftskrise 1932 litten zahllose Menschen Hunger. Hier der Speisesaal der Notgemeinschaft Berlin im Wedding.
Foto: Scherl/SZ Photo
Michael Wildt:
Zerborstene Zeit.
Deutsche Geschichte 1918 – 1945.
Verlag C.H. Beck,
München 2022.
638 Seiten, 32 Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Rezensent Cord Aschenbrenner scheint gut klarzukommen mit der etwas anderen Geschichtsschreibung des Berliner Historikers Michael Wildt. Wie Wildt, chronologisch zwar, aber recht knapp und unter besonderer Berücksichtigung von zeitgenössischen Stimmen (von Beckett über Klemperer bis zur deutschnationalen Lehrerin Luise Solmitz) eine andere deutsche Geschichte festhält, reißt Aschenbrenner mit. Lebendig in seiner Unvollständigkeit erscheint ihm, was Wildt über die Zeit von 1918 bis 1945 erzählt, von Josephine Baker und einem renitenten Gastwirt in der Eifel.

© Perlentaucher Medien GmbH

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 08.03.2022

Um die Brüche soll es gehen

Vermischte Nachrichten: Michael Wildt möchte Deutschland in den Jahren 1918 bis 1945 in ungewohnten Perspektiven zur Darstellung bringen.

Zerborstene Zeit" heißt ein neues Buch über Deutschland in den Jahren 1918 bis 1945. Braucht es ein solches Buch noch nach vielen anderen, die dazu bereits erschienen sind? Die Frage hat sich der Autor Michael Wildt, Professor für Zeitgeschichte an der Humboldt-Universität Berlin, selbst gestellt: "Muss wirklich noch einmal berichtet werden, dass Heinrich Brüning 1930 Reichskanzler geworden ist?" Seien nicht "neue deutsche Geschichten" vonnöten, in denen sich "ungewöhnliche, ungewohnte Perspektiven" öffneten? Nun, selbstverständlich sind solche Bücher erwünscht. Aber was versteht der Autor darunter? Unter anderem möchte er den Blick aus dem Nachhinein vermeiden und stattdessen die zeitgenössischen Wahrnehmungen in den Mittelpunkt stellen. Das hofft man ja eigentlich von jeder historischen Arbeit. Aber Wildt will daraus einen besonderen Vorzug machen, so spielen Tagebuchaufzeichnungen, gern ausführlich zitiert, eine große Rolle.

Doch lange Quellenzitate entheben den Autor nicht der Aufgabe, selbst Stellung zu nehmen, die Quellen einzuordnen und zu bewerten. Die Zeitgenossen nehmen vieles wahr und sehr Verschiedenes. Wie treffend beobachten sie, wie repräsentativ sind ihre Eindrücke? Wildt rühmt die Revolution in München, sie habe gesiegt "im Handstreich mit Entschlossenheit, Wagemut und Glück". Aber er zitiert auch Oskar Maria Graf, den "anarchistischen Bohemien": die Revolution "war langweilig, sie war harmlos, sie war unerträglich. Sie war eine Posse, und dazu noch eine schlechte", die Revolutionäre "wie ein polternder Veteranenverein". Was nun soll der Leser mit diesem Zitat anfangen? Spricht sich darin die kraftvolle, aber nicht unbedingt kluge Meinung eines "anarchistischen Bohemiens" aus? Oder hat dieser doch die Schwäche der Münchner Revolution bezeichnet? Der Autor hält sich zurück, der Leser weiß nicht, was er nun davon halten soll. Man kann das perspektivenreich nennen, aber ein Moment der Urteilsschwäche ist dabei.

Und auch sein Versprechen, den Sichtweisen der damaligen Akteure Geltung zu verschaffen, hält Wildt nicht so recht ein. "Mit großer Geste" habe Friedrich Ebert im Dezember 1918 die heimkehrenden Marschkolonnen begrüßt: "Nie haben Menschen Größeres geleistet und gelitten als Ihr." "Große Geste" - ist das nicht so viel wie hohles Reden? Bricht hier nicht doch die Überlegenheit des Nachgeborenen durch, der im Ruhm militärischer Bewährung den Keim kommenden Unglücks sieht?

Dabei bedeutet die Kränkung durch die Niederlage 1918 eine ungeheure, uns heute nicht leicht verständliche Belastung der jungen Republik. Harry Graf Kessler lässt in seinem berühmten Tagebuch unter dem 19. Februar 1919 den "U-Boot-Matrosen Willy" zu Wort kommen. Gefragt, warum er so bedrückt sei, "gab er schließlich scheu zu, dass er die Auslieferung der Flotte nicht verwinden könne. Auf dem U-Boot hätten sie . . . Kameradschaft geübt, Schweres und Schönes erlebt und immer habe es . . . geheißen: 'Nach den schweren Stunden mutig sein!'" Er besitze noch eine Fotografie des U-Boots, "die könne man ihm wenigstens nicht nehmen". Kessler resümiert, dass die "fast gedankenlose Verzweiflung des armen tapferen Jungen . . . auch zu unserer Volkstragödie" gehöre. Oder man erinnere sich, dass Käthe Kollwitz zur Heimkehr ihres überlebenden Sohnes noch einmal die schwarz-weiß-rote Fahne des Kaiserreiches hisste, "die liebe deutsche Fahne" - mit einem roten Wimpel.

Wildts Wunsch war es, ein originelles Buch zu schreiben mit neuen Fragen. Eines von zwölf Kapiteln widmet er dem Rassismus gegenüber den Schwarzen in Weimarer Republik und NS-Zeit. Josephine Baker und ihre Auftritte in Deutschland bieten ein schönes Beispiel. Wildt beobachtet den Rassismus in den Kritiken über Baker, ist aber selbst nicht ganz trittsicher. Über den Cakewalk, der den Weißen als "Negertanz" galt, heißt es: "Im Cakewalk eilen die Füße dem Kopf voraus, ganz im Unterschied zur kopfgesteuerten Tanzhaltung in Europa." Der Europäer gesteuert vom Kopf, der Schwarze von seinen Füßen?

"Die rassistische Politik des NS-Regimes richtete sich gegen jüdische wie auch gegen schwarze Menschen", behauptet Wildt und begründet damit die Bedeutung des Themas. Aber dieser Satz übergeht die sehr unterschiedliche Energie der Bösartigkeit. Das Selbstverständnis des Nationalsozialismus bestand im Antisemitismus, der in die Vernichtung der Juden führte. Wenn ein Schwarzer wegen "Rassenschande" verurteilt wurde und im KZ starb, so ist das Unrecht offenbar. Aber er wurde eben nicht getötet, allein weil er ein Schwarzer war. Und genau das macht den Unterschied zum Schicksal der Juden aus.

Dabei fördert der Wunsch, von den Jahren 1918 bis 1933 neu zu erzählen, auch zutage, was den Leser beeindruckt, etwa den Exkurs zur Ernährung einer Arbeiterfamilie in der Weltwirtschaftskrise. "Einmal in der Woche will doch der Mensch ein bisschen Fleisch haben. Dafür hungern wir aber die letzten beiden Tage von der Woche." Und höchst interessant die Überlegung, die Explosion der Gewalt im Novemberpogrom 1938, die selbst die NS-Führung überraschte, sei nicht allein aus antisemitischem Hass zu erklären. Die Spannungen des Jahres, vor allem die "Sudetenkrise", die Europa bereits an den Rand des Krieges brachte, den auch die Deutschen fürchteten, habe eine "gewalttätige Aufladung" bewirkt, die sich im November dann gegen die Juden richtete.

Der Platz für überraschende Themen und Exkurse, eine ausführliche historische Reportage zur Konferenz von Locarno etwa, wird aber durch erstaunliche Lücken gewonnen. "Zerborstene Zeit" ist so ein in hohem Maße uneinheitliches Buch geworden, was allerdings nicht gleich auffällt, weil der Autor gut erzählt, Quellen ausführlich zu Wort kommen lässt und damit sein Publikum bei Laune hält. Uneinheitlichkeit wird Wildt auch nicht als Nachteil verstehen. Er möchte ja "angesichts der Zerrissenheit des zwanzigsten Jahrhunderts die Brüche und Diskontinuitäten" zeigen.

Lassen wir offen, ob "Zerrissenheit" mehr ist als ein rasch vergebenes Prädikat und andere Epochen sich als weniger zerrissen empfunden haben. Aber die Auswahl des Berichtenswerten ist hier doch sehr frei. Kann eine Darstellung der Weimarer Zeit wirklich auf die der Reichsverfassung verzichten, obwohl deren Bedeutung für das Scheitern der Republik ein wichtiges Thema ist? Die Reparationen kommen nur am Rande vor, der Young-Plan, um den eine wüste Agitation der Rechten entfacht wurde, gar nicht. Überhaupt spielen wirtschaftliche Fragen nur eine geringe Rolle. Der Zweite Weltkrieg gerät erst in seinen letzten Monaten ins Blickfeld. Die Ermordung der Juden wird ausführlich geschildert, genauer: die Zustände in den Lagern. Aber der Weg zur sogenannten "Endlösung", der ja nicht ganz klar ist, aber darin so bezeichnend für das Regime, bleibt unerörtert.

Wird sich ein Lehrer anhand dieses Buches auf den Unterricht vorbereiten, kann er seiner Klasse einiges Interessantes vermitteln, Dinge, die die Schüler nicht leicht vergessen werden. Aber wenn die aufgeweckten unter ihnen anfangen nachzufragen, könnte es brenzlig werden. Unser Lehrer sollte unbedingt noch ein zweites, systematischer angelegtes Buch gelesen haben. STEPHAN SPEICHER

Michael Wildt: "Zerborstene Zeit". Deutsche Geschichte 1918 bis 1945.

C. H. Beck Verlag, München 2022. 638 S., Abb., geb., 32,- Euro.

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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n auch spannend und plastisch geschrieben ist"
Falter, Alfred Pfoser

"Lesenswert ist jedes Kapitel."
Münchner Merkur, Dirk Walter

"Lebendig, oft beklemmend und atmosphärisch dicht."
HÖRZU

"Eine anregende Lektüre"
damals

"Michael Wildt eröffnet mit 'Zerborstene Zeit' eine neue Perspektive auf die Jahre zwischen 1918 und 1945."
Göttinger Tageblatt, Kristian Teetz

"Ein reizvolles Unterfangen, das konventionelle Darstellungen sinnvoll ergänzt und sich obendrein gut lesen lässt"
Westfälischer Anzeiger, Jörn Funke

"Mehr als in jedem Appell gegen das Vergessen wird in diesem Buch deutlich, dass die Beschäftigung mit dieser Geschichte eine Zumutung ist - die es indes unbedingt anzunehmen gilt, will man begreifen, was unsere Gegenwart von dieser Geschichte unterscheiden kann."
SWR2, Clemens Klünemann
"Michael Wildt begibt sich in dunkle Hinterhöfe und besucht migrantische Communitys oder Varieté-Shows. Über das Wechselspiel von Oben und Unten im »Zeitalter der Extreme."
ZEIT ZDF DLF Bestenliste März 2022, Platz 1

ZEIT ZDF DLF Bestenliste April 2022, Platz 7

"Atmosphärische Schilderungen aus Tagebüchern und Zeitzeugenberichten erhalten großen Raum."
WELT WDR5 NZZ ORF Bestenliste März 2022, Platz 4

"Einer der besten und umsichtigsten Kenner der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts"
René Aguigah

"Eine Lektion, die anregt und zu einer historischen Reise einlädt, anstatt zu belehren oder Faktenkolonnen aufmarschieren zu lassen."
Berliner Zeitung, Harry Nutt

"Tagebücher ... helfen gleichwohl dabei, ein Gespür für die Offenheit historischer Prozesse und Erfahrungen, für Brüche und Widersprüche zu vermitteln ... genau darin liegt der besondere Vorzug dieses großartigen und originellen Buches."
Süddeutsche Zeitung, Dietmar Süß

"Michael Wildt ist in Zerborstene Zeit eine ganz eigene, aus Fragmenten zusammengesetzte Entfaltung der deutschen Geschichte zwischen 1918 und 1945 gelungen."
Neues Deutschland, Lilli Helmbold

"Lebendig, oft beklemmend und atmosphärisch dicht."
HÖRZU

"Ein anderer, lebendiger, bemerkenswert origineller Blick auf diese deutsche Geschichte"
NZZ, Cord Aschenbrenner

"Große Geschichtsschreibung. Auch für eine breite Leserschaft, da es nicht nur Wildts enormen Kenntnisreichtum offenbart ..., sondern auch spannend und plastisch geschrieben ist"
Falter, Alfred Pfoser

"Lesenswert ist jedes Kapitel."
Münchner Merkur, Dirk Walter

"Eine anregende Lektüre"
damals

"Michael Wildt eröffnet mit 'Zerborstene Zeit' eine neue Perspektive auf die Jahre zwischen 1918 und 1945."
Göttinger Tageblatt, Kristian Teetz

"Ein reizvolles Unterfangen, das konventionelle Darstellungen sinnvoll ergänzt und sich obendrein gut lesen lässt"
Westfälischer Anzeiger, Jörn Funke

"Mehr als in jedem Appell gegen das Vergessen wird in diesem Buch deutlich, dass die Beschäftigung mit dieser Geschichte eine Zumutung ist - die es indes unbedingt anzunehmen gilt, will man begreifen, was unsere Gegenwart von dieser Geschichte unterscheiden kann."
SWR2, Clemens Klünemann
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