Verräter oder Widerstandskämpfer? - Warth, Julia
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Der Wehrmachtgeneral Walther von Seydlitz-Kurzbach geriet Anfang 1943 in Stalingrad in russische Kriegsgefangenschaft. Dort engagierte er sich im Bund Deutscher Offiziere und im Nationalkomitee "Freies Deutschland". Er stellte sich damit gegen Hitlers Kriegspolitik. Für die Nationalsozialisten ein Landesverräter wirkte diese Stigmatisierung in der Bundesrepublik weiter. In der DDR zählte Seydlitz hingegen zu den "antifaschistischen Kräften". Die Rezeption des General Seydlitz ist beispielhaft für die unterschiedliche Rezeption der Geschichte der Wehrmacht und des Widerstands im "Dritten Reich"…mehr

Produktbeschreibung
Der Wehrmachtgeneral Walther von Seydlitz-Kurzbach geriet Anfang 1943 in Stalingrad in russische Kriegsgefangenschaft. Dort engagierte er sich im Bund Deutscher Offiziere und im Nationalkomitee "Freies Deutschland". Er stellte sich damit gegen Hitlers Kriegspolitik. Für die Nationalsozialisten ein Landesverräter wirkte diese Stigmatisierung in der Bundesrepublik weiter. In der DDR zählte Seydlitz hingegen zu den "antifaschistischen Kräften". Die Rezeption des General Seydlitz ist beispielhaft für die unterschiedliche Rezeption der Geschichte der Wehrmacht und des Widerstands im "Dritten Reich" nach 1945 in beiden deutschen Staaten. Julia Warth geht anhand der Biographie des Generals verschiedenen Fragen nach: Wie verhielt er sich vor seiner Opposition im Vernichtungskrieg? Was bewog ihn zum Widerstand gegen Hitler? Und wie entstanden so unterschiedliche Bilder von seiner Rolle in der NS-Zeit?
Autorenporträt
Julia Warth, geboren 1975, ist Historikerin und arbeitet als Investor Relations Manager bei der Deutschen Bank.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 08.12.2006

Porträt eines Umstrittenen
Der Stalingrad-General Walther von Seydlitz-Kurzbach / Von Paul Stauffer

Verräter oder Widerstandskämpfer - der von Julia Warth für ihr Buch über Walther von Seydlitz-Kurzbach gewählte Titel könnte vermuten lassen, sie befasse sich ausschließlich mit der umstrittenen politischen Rolle, die der einstige Kommandierende General eines der in Stalingrad vernichteten fünf deutschen Armeekorps in sowjetischer Kriegsgefangenschaft spielte. Dies ist indessen nicht der Fall. Vielmehr zeichnet sie zunächst die Vorkriegslaufbahn des Offiziers nach, der - 1888 geboren - erst mit 55 Jahren ins Blickfeld einer weiteren Öffentlichkeit geraten sollte. Dabei werden die biographischen Fakten im Grunde stets danach befragt, ob sie bereits Vorzeichen jener nonkonformistischen Haltung erkennen lassen, durch die sich Seydlitz seit Stalingrad vom typischen Erscheinungsbild seiner militärischen Standesgenossen abhebt.

Die Erwartung erscheint nicht abwegig, gerade bei einem Träger seines Namens auf eine gewissermaßen angeborene Veranlagung zu jener als spezifisch preußisch geltenden Form von Disziplin zu stoßen, die sich nötigenfalls die Freiheit eigenen Urteils und das Recht auf punktuelle Unbotmäßigkeit herausnahm. Unter den Vorfahren von Walther von Seydlitz findet sich ein General im Heer Friedrichs des Großen, der seinem König im Siebenjährigen Krieg durch Insubordination zu einem Sieg über die Russen verholfen hatte. Aber Julia Warths Recherche fördert in den ersten fünfzig Lebensjahren des Nachkommen kaum Beispiele von außergewöhnlicher Zivilcourage zutage. Immerhin soll der damalige Oberst Walther von Seydlitz sich 1938, anläßlich der demütigenden Maßregelung des Generalobersten Werner von Fritsch durch die nationalsozialistischen Machthaber, bei seinem vorgesetzten General im Beisein zahlreicher Offizierskameraden nach einer genaueren Begründung für Fritschs Kommandoenthebung erkundigt haben. Nun hatte Hitler den Heeres-Oberbefehlshaber Fritsch bekanntlich nicht deshalb abgelöst, weil dieser als ideologisch motivierter Gegner seiner Herrschaft hervorgetreten wäre. Auch beim Fritsch-Verehrer Seydlitz sind - so Frau Warth - zu jener Zeit keine widerständigen Regungen gegen das "Dritte Reich" festzustellen. Seydlitz' halböffentliches Eintreten für seinen einstigen Regimentskommandeur Fritsch war ein sehr achtenswerter, aber unpolitischer Akt persönlicher Loyalität.

Beruflich wurde Seydlitz als militärischer Ausbildner geschätzt, der schikanösen Methoden abhold war. Fürsorglichkeit und Truppennähe, die man ihm nachsagte, mag er sich nicht zuletzt dadurch bewahrt haben, daß er im Lauf seines militärischen Werdegangs nie der Gefahr einer generalstäblichen "déformation professionnelle" ausgesetzt gewesen war. Im Frühjahr 1940 zum Generalmajor befördert, bewährte Seydlitz sich im Westfeldzug an der Spitze einer Infanteriedivision. Schon im August avancierte er zum Generalleutnant. Weiterhin Divisionskommandeur, stand er seit Beginn des Unternehmens "Barbarossa" 1941 an der Ostfront im Einsatz. Anfang 1942 erhielt er den schwierigen Auftrag, mit einer aus Truppen mehrerer Divisionen zusammengesetzten "Stoßgruppe" den Einschließungsring von außen aufzubrechen, in dem bei Demjansk, im Nordabschnitt der Ostfront, nahezu 100 000 Mann festsaßen. Ende April gelang es, die Landverbindung mit den Eingekesselten wiederherzustellen. Dieser Erfolg trug Seydlitz die Beförderung zum General der Artillerie und die Ernennung zum Kommandierenden General des LI. Armeekorps ein. Da dieses zur 6. Armee des Generalobersten Friedrich Paulus gehörte, war dafür gesorgt, daß das Problem des Entsatzes eingeschlossener Heeresverbände ihn nicht loslassen würde. Allerdings präsentierte sich die Lage für ihn nun unter umgekehrtem Vorzeichen: Als sich am 22. November 1942 im Rücken der 6. Armee die sowjetische Zange schloß, war aus dem "Entsetzer" von Demjansk einer der über 250 000 Eingekesselten von Stalingrad geworden.

Wie man seit langem weiß, hat unter den hochrangigen Stalingrad-Generälen keiner so nachdrücklich wie Seydlitz den raschestmöglichen Ausbruch aus dem Kessel gefordert, und zwar auch unter Mißachtung der Durchhaltebefehle aus dem Führerhauptquartier. In Übereinstimmung mit dem bisherigen Forschungsstand stellt Julia Warth fest, daß Seydlitz' Haltung wesentlich von der Sorge um das Schicksal der eigenen Soldaten bestimmt war. Die ihnen geschuldete Verantwortung wog für den "Troupier" schwerer als die Gehorsamspflicht gegenüber einem als militärisch sinnlos erkannten Befehl von höchster Stelle. Frau Warth spricht in diesem Zusammenhang von einer Bereitschaft zur "Befehlsverweigerung im Rahmen einer grundsätzlich noch loyalen Haltung zum NS-Regime". Und in der Tat belegen Feldpostbriefe aus der Endphase der Stalingrad-Agonie, daß sich der General - trotz gelegentlich unverblümter Kritik an Fehlern der eigenen militärischen Führung - weiterhin eine aufrichtig wirkende "Führergläubigkeit" bewahrt hatte.

Als erstes "öffentliches Bekenntnis zum Widerstand gegen Hitler" bewertet die Autorin den Beitritt des nun kriegsgefangenen Seydlitz zum "Nationalkomitee Freies Deutschland" (NKFD) und zum "Bund Deutscher Offiziere" (BDO) im September 1943. Letzterer Organisation stand der General von Anfang an als Präsident vor; in das schon früher entstandene NKFD wurde er als Vizepräsident aufgenommen, während ein Repräsentant der Exil-KPD, der Schriftsteller Erich Weinert, den Vorsitz innehatte. Die Initiative zur Gründung dieser Komitees war von Sowjetfunktionären ausgegangen. Ihnen lag primär daran, durch die Propagandatätigkeit von NKFD und BDO die Moral der Wehrmacht zu untergraben, Soldaten zum Überlaufen beziehungsweise ganze Verbände zur Kapitulation zu bewegen.

Frau Warth weist nach, daß der General den Sinn seiner Kooperation keineswegs darin sah, sich zum bloßen Vollzugsgehilfen sowjetischer Absichten oder gar zum Propagandisten marxistisch-leninistischen Gedankengutes herzugeben. Das NKFD sei eine "deutsche Bewegung mit deutschen Zielen", durfte Seydlitz im Blatt des Komitees noch im Frühjahr 1944 verkünden. Aufgrund (unverbindlicher) Zusagen gewisser sowjetischer Gesprächspartner hoffte er darauf, der Wehrmacht den Rückzug auf die Reichsgrenzen von 1937 zu ermöglichen und eine Zerstückelung des Reichsgebietes abzuwenden. Seydlitz strebte auch danach, das NKFD als eine Art deutscher Exilregierung anerkannt zu sehen.

Mit fortschreitender Verschlechterung der Lage des "Dritten Reiches" wurde das NKFD - und insbesondere seine Wehrmachts-Komponente - für die Sowjetführung immer entbehrlicher. Seydlitz mußte einsehen, daß man ihn mit der Vorspiegelung einer künftigen Partnerschaft zwischen der Sowjetunion und einem territorial intakten, ungeteilten Nachkriegsdeutschland getäuscht hatte. Er gab seiner Unzufriedenheit mit Moskaus Deutschland-Politik vernehmlich Ausdruck und war - im Gegensatz zu anderen Offizieren aus dem NKFD/BDO - nicht bereit, die von den Sowjets für ihren künftigen deutschen Machtbereich in Aussicht genommene Ordnung widerspruchslos hinzunehmen oder gar mitzutragen.

Spätestens angesichts seines Verhaltens in dieser Situation wird offenkundig, daß Seydlitz nicht - wie während des Kalten Krieges in der Bundesrepublik weithin üblich - als bißlose Marionette seiner sowjetischen "Sponsoren" abqualifiziert werden kann. Ihnen gegenüber politisch zunächst naiv und vertrauensselig, war er im Grunde nationalkonservativer Patriot geblieben. Für seine gesinnungsmäßige Standfestigkeit als solcher hat er, wie man seit langem weiß, einen hohen Preis entrichtet. Nachdem die Sowjets das NKFD und den BDO Anfang November 1945 aufgelöst hatten, verblieb er in Kriegsgefangenschaft und wurde 1950 wegen angeblicher Kriegsverbrechen aus seiner Zeit als Divisionskommandeur (1941) zu einer 25jährigen Gefängnisstrafe verurteilt. Erst 1955 kehrte er mit den letzten deutschen Kriegsgefangenen in die Bundesrepublik zurück. Hier mußte er zunächst die Aufhebung des seinerzeit von der NS-Justiz im Abwesenheitsverfahren gegen den "Verräter" verhängten Todesurteils erkämpfen.

Das polarisierende Meinungsklima des Kalten Krieges war dem Bemühen, einem Mann seines komplexen Profils Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, naturgemäß wenig förderlich. Detailreich zeichnet Frau Warth die emotionsbefrachtete Auseinandersetzung um die moralische Bewertung und historische Einordnung des 1976 in Bremen Verstorbenen nach. Abschließend stellt sie fest, daß Seydlitz heute weithin als Widerstandskämpfer anerkannt werde. Von seiner Motivation und Gesinnung her seit 1943 verdient er diese ehrende Charakterisierung zweifellos. Aufgrund anderer Kriterien wäre er als "Exil-Oppositioneller besonderer Art" wohl präziser gekennzeichnet. Im NKFD fand er sich mit kommunistischen Emigranten wie Weinert und Wilhelm Pieck zusammen, typischen Repräsentanten der linksextremen Exil-Opposition. Hinsichtlich ihrer Arbeitsweise hatten sie mit den illegal und klandestin innerhalb Deutschlands operierenden kommunistischen Widerstandsgruppen etwa so viel oder so wenig gemeinsam wie Seydlitz mit den Verschwörern des 20. Juli.

Julia Warths überaus gründlich recherchiertes, in seinen Befunden subtil differenzierendes Seydlitz-Buch ist eine Biographie, die nicht als solche wahrgenommen werden möchte. Wohl um dem Vorwurf mangelnder Wissenschaftlichkeit von vornherein entgegenzutreten, unterbricht die Autorin den Erzählfluß ihrer biographischen Darstellung immer wieder mit theoretisierenden Digressionen. Das schmälert zwar das Lesevergnügen, tut der außergewöhnlich hohen Qualität von Julia Warths Forschungsleistung indessen keinen Abtrag.

Julia Warth: Verräter oder Widerstandskämpfer? Wehrmachtgeneral Walther von Seydlitz-Kurzbach. R. Oldenbourg Verlag, München 2006. 360 S., 49,80 [Euro].

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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Julia Warth hat eine gründlich recherchierte Biografie des Stalingrad-Generals Walter von Seydlitz-Kurzbach geschrieben, findet Paul Stauffer. Dabei habe die Autorin die biografischen Fakten von Anfang an daraufhin untersucht, ob sie Anzeichen dafür erkenne ließen, dass sich Seydlitz-Kurzbach nach der Schlacht um Stalingrad in sowjetischer Gefangenschaft dem kommunistischen deutschen Widerstand anschließen würde. "Detailreich zeichnet Frau Warth die emotionsbefrachtete Auseinandersetzung um die moralische Bewertung und historische Einordnung" des Wehrmachtsoffiziers nach, lobt Stauffer. Während die Autorin feststellt, dass Seydlitz heute überwiegend als Widerstandskämpfer anerkannt wird, würde der Rezensent ihn lieber als "Exil-Oppositionellen besonderer Art" bezeichnen. Insgesamt habe Warth mit der Biografie eine Forschungsleistung von "außergewöhnlich hoher Qualität" erbracht. Allein die Unterbrechung des eigentlich lebendigen Erzählflusses durch Theoriegeplänkel mindere ein wenig das Lesevergnügen, so Stauffer.

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