Nationalsozialistischer Terror gegen Homosexuelle

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Lassen sich der millionenfache Mord an den Juden und die Verfolgung der Homosexuellen in NS-Deutschland in einem Atemzug nennen? Der Holocaust gilt als ein Grundereignis der neueren deutschen Geschichte und nagt am Selbstverständnis der Nation. Aber die Unterdrückung der gleichgeschlechtlichen Liebe? Erst neuerdings kümmert sich die Politik darum und diskutiert über Wiedergutmachung, Rehabilitation und Gedenken. Auschwitz hier, Rosa Winkel dort - das sind zwei Geschichten, die weder in den Zielen noch in den Zahlen über einen Kamm zu scheren sind. Um so genauer muß hingeschaut werden. …mehr

Produktbeschreibung
Lassen sich der millionenfache Mord an den Juden und die Verfolgung der Homosexuellen in NS-Deutschland in einem Atemzug nennen? Der Holocaust gilt als ein Grundereignis der neueren deutschen Geschichte und nagt am Selbstverständnis der Nation. Aber die Unterdrückung der gleichgeschlechtlichen Liebe? Erst neuerdings kümmert sich die Politik darum und diskutiert über Wiedergutmachung, Rehabilitation und Gedenken. Auschwitz hier, Rosa Winkel dort - das sind zwei Geschichten, die weder in den Zielen noch in den Zahlen über einen Kamm zu scheren sind. Um so genauer muß hingeschaut werden.
  • Produktdetails
  • Verlag: Schöningh
  • Seitenzahl: 428
  • 2002
  • Ausstattung/Bilder: 2002. 428 S.
  • Deutsch
  • Abmessung: 236mm x 159mm x 37mm
  • Gewicht: 705g
  • ISBN-13: 9783506742049
  • ISBN-10: 3506742043
  • Best.Nr.: 09003893
Autorenporträt
Rüdiger Lautmann, Jg. 1935, Dr. phil., ist Professor im Institut für empirische und angewandte Soziologie der Universität Bremen. Er forschte bislang vor allem in den Bereichen Geschlechter- und Sexualverhältnisse, Recht und soziale Kontrolle. Jetzt arbeitet er in der empirischen Kultursoziologie.
Rezensionen
Besprechung von 14.05.2002
Keine Opfer zweiter Klasse
Die Verfolgung von Homosexuellen während des "Dritten Reiches"

Burkhard Jellonnek/Rüdiger Lautmann (Herausgeber): Nationalsozialistischer Terror gegen Homosexuelle. Verdrängt und ungesühnt. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2002. 428 Seiten, 34,80 Euro.

Im Herbst 1996 referierten und diskutierten Historiker, Soziologen und Mediziner auf einem Kongreß zum Thema "Die Verfolgung von Homosexuellen im Dritten Reich". Die jetzt gedruckt vorliegenden Vorträge dokumentieren den Kenntnisstand zu wesentlichen Aspekten der Verfolgung zwischen 1933 und 1945 im deutschen Machtbereich. Weitere thematische Schwerpunkte reichen von der "Frauenliebe im Dritten Reich" über die "Wiedergutmachung an homosexuellen NS-Opfern in der Bundesrepublik Deutschland" bis zur "Gedenkstätten- und Erinnerungsarbeit".

Wolfgang Benz beschreibt die "späte Wahrnehmung nichtjüdischer Opfer" und den "Platz der Homosexuellen" im "Schatten des Holocaust". Unter den Opfern des nationalsozialistischen Regimes hätten die Homosexuellen einen "besonderen Platz", weil nicht nur deren Diskriminierung nach 1945 anhielt und Haftentschädigung verweigert wurde, sondern auch ihre strafrechtliche Verfolgung bis in die sechziger Jahre fortdauerte - in der Bundesrepublik ebenso wie in der DDR. Burkhard Jellonnek, der staatspolizeiliche Fahndungs- und Ermittlungsmethoden gegenüber Homosexuellen untersucht, kommt zu dem Befund, daß bloßer Homosexualitätsverdacht nicht automatisch zur Einweisung in ein Konzentrationslager führte. Gleichgeschlechtliche Handlungen mußten im Einzelfall nachgewiesen werden. Außerdem versuchte die Geheime Staatspolizei, die "Verführer" von den "Verführten" zu trennen. "Umerziehung" lautete das Programm, das zwangsweise Psychotherapie oder Kastration vorsah.

John C. Fout präsentiert nach Auswertung mehrerer hundert Justizakten aus bundesdeutschen Archiven neue Forschungsansätze über Alltagsleben und Verfolgung der Homosexuellen. Nach seinen Erhebungen waren es "gerade Angehörige der Arbeiterschicht", die überproportional in die Fänge der Gestapo gerieten. An vier Orten kamen Homosexuelle vor allem ums Leben: in Zuchthäusern, Konzentrationslagern, Heilanstalten und in den Bewährungseinheiten der Wehrmacht. Trotz aller Repressionen sei es dem Regime jedoch nicht gelungen, die homosexuelle Subkultur nachhaltig zu unterdrücken. Fout kann nachweisen, daß während der gesamten Zeit des "Dritten Reiches" die Homosexuellen-Treffpunkte wie Bars und Kneipen in den Großstädten geöffnet blieben. Eine systematische Verfolgung und Vernichtung - vergleichbar dem Genozid an Juden - habe nicht stattgefunden.

Auf vergleichsweise schmaler Quellenbasis porträtiert Manfred Herzer vier "schwule Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus". Seinem Beitrag liegen mehr Mutmaßungen als gesicherte Erkenntnisse zugrunde. Um so provozierender wirkt seine Frage, ob nicht manche Homosexuelle so lange Sympathien für das nationalsozialistische Regime hegten, "bis es sich in den Röhm-Morden" (1934) entlarvte. Zu Beginn der dreißiger Jahre hätten sich etliche Homosexuelle der NS-Bewegung angeschlossen - nicht zuletzt wegen deren "Ästhetisierung als Bund jugendlicher, aggressiver Männer".

Folgt man dem Beitrag von Harry Oosterhuis, liegt die Haupttriebfeder der Homosexuellenverfolgung in dem Versuch, die im nationalsozialistischen Regime grundlegenden Männerbünde zu entsexualisieren. Die ihnen "drohenden gleichgeschlechtlichen Gefahren" hätten geradezu "eine antihomosexuelle Obsession" ausgelöst.

Angela H. Meyer berichtet über die Diskriminierung lesbischer Frauen in Österreich. Im österreichischen Strafgesetzbuch zielten die Paragraphen 129 und 130 ("Unzucht wider die Natur") nicht allein auf männliche Homosexuelle, sondern auch auf lesbische Frauen. Diese Vorschriften blieben auch nach dem "Anschluß" Österreichs an das Deutsche Reich (1938) in Kraft. Lesbische Frauen sind vornehmlich als "asoziale Psychopathen" und angebliche Prostituierte verfolgt worden. Nicht selten wurden sie auf Grund der "Reichsfürsorgeverordnung" in Arbeitsanstalten eingewiesen oder in psychiatrischen Anstalten der Zwangssterilisation unterworfen.

Rita Süssmuth, ehemalige Präsidentin des Deutschen Bundestags, hat dem Sammelband ein eindrucksvolles Geleitwort vorangestellt. Homosexuelle Opfer der totalitären Diktatur des Nationalsozialismus seien von der deutschen Öffentlichkeit lange Zeit tabuisiert, oftmals auch schlicht vergessen worden. Das Leid, das diesen Menschen angetan worden sei und das den Überlebenden immer unauslöschlich vor Augen stehe, müsse vor dem Vergessen bewahrt werden. Aller Opfer der nationalsozialistischen Diktatur sei gleichermaßen zu gedenken. Homosexuelle seien keine "Opfer zweiter Klasse".

HANS-JÜRGEN DÖSCHER

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Rezensent Hans-Jürgen Döscher zeigt sich in seiner primär referierenden Besprechung sehr zufrieden mit dem aus einem Kongress hervorgegangenen Band über den nationalsozialistischen Terror gegen Homosexuelle, der Beiträge von Historikern, Soziologen und Medizinern versammelt. Neben den Aufsätzen von Wolfgang Benz über die "späte Wahrnehmung nichtjüdischer Opfer", von Burkhard Jellonnek über staatspolizeiliche Fahndungs- und Ermittlungsmethoden gegen Homosexuelle und von John C. Fouts über Alltagsleben und Verfolgung von Homosexuellen im Dritten Reich erwähnt Döscher die Beiträge von Manfred Herzer über schwule Widerstandskämpfer und Angela H. Meyer über die Diskriminierung lesbischer Frauen in Österreich. Besonders angetan hat es dem Rezensenten das "eindrucksvolle" Geleitwort von Rita Süssmuth. Süssmuth hebe hervor, dass homosexuelle Opfer des Naziregimes in der deutschen Öffentlichkeit lange Zeit tabuisiert und vergessen wurden. Dagegen macht Süssmuth nach Ansicht des Rezensenten nachdrücklich klar, dass Homosexuelle keine "Opfer zweiter Klasse" gewesen sind.

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