Dr. Oetker und der Nationalsozialismus - Finger, Jürgen; Keller, Sven; Wirsching, Andreas
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Dr. Oetker war und ist eines der erfolgreichsten Familienunternehmen Deutschlands. Seit Anfang des 20. Jahrhunderts dominierte es die Nische der Back- und Puddingpulverindustrie, expandierte aber schon in den 1920er Jahren nach Europa und in andere Branchen. Erstmals hat das Unternehmen nun einer Forschergruppe Zugang zu seinem Archiv gewährt, um seine Geschichte während des "Dritten Reiches" aufzuarbeiten. Dr. Oetker pflegte enge Beziehungen zur NS-Bewegung, zur Wehrmacht und zur SS. Das Unternehmen wurde zu einem der ersten "nationalsozialistischen Musterbetriebe". An der Spitze stand…mehr

Produktbeschreibung
Dr. Oetker war und ist eines der erfolgreichsten Familienunternehmen Deutschlands. Seit Anfang des 20. Jahrhunderts dominierte es die Nische der Back- und Puddingpulverindustrie, expandierte aber schon in den 1920er Jahren nach Europa und in andere Branchen. Erstmals hat das Unternehmen nun einer Forschergruppe Zugang zu seinem Archiv gewährt, um seine Geschichte während des "Dritten Reiches" aufzuarbeiten. Dr. Oetker pflegte enge Beziehungen zur NS-Bewegung, zur Wehrmacht und zur SS. Das Unternehmen wurde zu einem der ersten "nationalsozialistischen Musterbetriebe". An der Spitze stand Richard Kaselowsky, der Mitglied des "Freundeskreises Reichsführer-SS" war. Rudolf-August Oetker wurde zum Wirtschafts- und Verwaltungsführer der Waffen-SS ausgebildet, ehe er die Nachfolge an der Firmenspitze antrat. Schon vor dem Krieg profitierte das Lebensmittelunternehmen vom "Rüstungsboom", und Oetker- Produkte fanden den Weg in die Feld- und Großküchen. Im Krieg galten sie an der "Heimatfront" als wichtiger Beitrag zur Versorgung der Zivilbevölkerung. Angesichts des allgegenwärtigen Mangels boten Pudding und Kuchen nach sparsamen Kriegsrezepten eine willkommene Abwechslung. Oetker erhielt deshalb Zugriff auf knapper werdende Rohstoffe und konnte so die eigene Marke durch den Krieg retten. Das Unternehmen profitierte zudem von der "Arisierung" jüdischen Besitzes, Zwangsarbeit gab es in der Lebensmittelfabrikation dagegen kaum.
  • Produktdetails
  • Verlag: Beck
  • 2. Aufl.
  • Seitenzahl: 624
  • Erscheinungstermin: 4. November 2013
  • Deutsch
  • Abmessung: 225mm x 151mm x 50mm
  • Gewicht: 925g
  • ISBN-13: 9783406645457
  • ISBN-10: 3406645453
  • Artikelnr.: 36386053
Autorenporträt
Prof. Dr. Andreas Wirsching ist Direktor des Instituts für Zeitgeschichte in München. Bei C.H.Beck sind von ihm erschienen: "Deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert" (32011); "Der Preis der Freiheit. Geschichte Europas in unserer Zeit" (22012).
Rezensionen
Besprechung von 22.10.2013
Backpulver für die
Volksgemeinschaft
Nationalsozialisten „des Herzens“:
Die Firma Dr. Oetker war ein NS-Musterbetrieb.
VON RUDOLF WALTHER
Die Firma Dr. Oetker gehört zu Bielefeld wie Krupp zu Essen. Rudolf-August Oetker, der Enkel des Firmengründers August Oetker, finanzierte deshalb der Stadt Bielefeld 1959 eine Kunsthalle und taufte sie in Erinnerung an seinen Stiefvater „Richard-Kaselowsky-Haus“. Und diese Namenwahl provozierte im politischen Klima um 1968 einen Skandal. Erst 1998 wurde der Name in „Kunsthalle Bielefeld“ geändert. Die drei Historiker Jürgen Finger, Sven Keller und Andreas Wirsching erzählen die Geschichte, was das Bielefelder Backpulverimperium mit diesem Namensstreit zu tun hat. Wenn man davon absieht, verlief die Oetker-Geschichte wenig spektakulär und ist gerade deshalb lehrreich und von geradezu beklemmender Normalität.
  Rudolf Oetker, der Erbe und Sohn des Firmengründers, starb 1916 im Ersten Weltkrieg vor Verdun. Zwei Jahre später starb auch sein Vater August. Der Sohn hinterließ eine Frau und zwei Kinder, eines im Alter von knapp zwei Jahren und ein zwei Monate altes Baby mit dem doppelten Vornamen von Vater und Großvater: Rudolf-August. Die Witwe heiratete Richard Kaselowsky, der die beiden Kinder (und Oetker-Erben) wie seine eigenen erzog. Kaselowsky wurde durch die Heirat 1918 zum Chef der Firma Dr. Oetker. Zwischen 1918 und seinem Tod 1944 prägte und leitete Kaselowsky die Firma quasi-treuhänderisch für den männlichen Erben Rudolf-August Oetker, den er nach einer Banklehre auf seine zukünftige Arbeit als Direktor ins Geschäft einführte.
  Paradigmatisch ist die Oetker-Geschichte nicht wegen dieses familiären Hintergrunds, sondern weil sie – wie die Autoren schreiben – „nicht das ,Schicksal‘ eines Unternehmens in der Diktatur beschreibt, sondern als wechselseitige Beziehungsgeschichte von Dr. Oetker und dem Nationalsozialismus erzählt werden muss“.
  Kaselowsky steuerte die Bielefelder Firma mit Geschick – es gab Niederlassungen in Hamburg und Danzig, bald auch in Ungarn, Österreich, in der Tschechoslowakei und in anderen Ländern – durch die Zeit der Inflation nach dem Ersten Weltkrieg. Die Firma expandierte nicht nur, Kaselowsky modernisierte sie auch und leitete sie autokratisch als „Fabrikherr“.
  Nach 1933 wurde aus diesem der „Betriebsführer“ an der Spitz der „Betriebsgemeinschaft“. Am 1. Mai trat Kaselowsky der NSDAP bei, aber er wurde weder zum Rassenantisemiten noch zum militanten Nationalsozialisten. Er blieb, was er zeitlebens war: bürgerlich, im Sinne von konservativ und deutsch-national, aber nicht extremistisch. Freilich hatten, wie er im März 1937 schrieb, „Leute, die erklären, dass sie international eingestellt seien“, keine Chancen mehr zum innerbetrieblichen Aufstieg. Von seinen 22 Prokuristen waren 15 NSDAP-Mitglieder und deren Geschäftsbriefe schlossen nun „mit deutschem Gruß“ oder mit „Heil Hitler“.
  Kaselowsky verstand sich selbst als „Nationalsozialist des Herzens“ und dazu wollte er auch seine Mitarbeiter erziehen. 1937 wurde die Firma Dr. Oetker zum „NS-Musterbetrieb“ gekürt und Kaselowsky zum „Ehrengast des Führers“ auf dem Parteitag. Kaselowsky handelte nach der Devise: „Was gut für Oetker war, muss für das nationalsozialistische Gemeinwesen nicht schlecht sein.“
  Er beteiligte sich diskret bei „Arisierungen“, am liebsten mit dem Erwerb von Aktien, da er und seine Firma dabei anonym blieben. Mit Zwangsarbeit hatte Dr. Oetker nur wenig zu tun, denn die Firma beschäftigte hauptsächlich Frauen und Mädchen und litt daher weniger an Arbeitskräftemangel als Betriebe mit männlichen Mitarbeitern, die zum Kriegsdienst eingezogen wurden. Das Regime belohnte Kaselowskys treue Gefolgschaft: Er wurde Mitglied in Himmlers exklusivem „Freundeskreis Reichsführer SS“ – als einziger Vertreter der Konsumgüterindustrie. In diesem Rahmen knüpfte er Kontakte zu wichtigen Exponenten des Regimes, besuchte Konzentrationslager und folgte Vorträgen hochrangiger SS-Chargen, die die Unternehmer auf die Ziele des Regimes einschworen, also: „Lebensraum im Osten“, „Kampf gegen den Bolschewismus und die Juden“. Noch im Mai 1944 berichtete er von einem Treffen des „Freundeskreises“: „Der schöne Abend, den wir im Kasinogarten der Reichsbank wie in einer Oase des Friedens, inmitten einer in Trümmer gegangenen Welt verleben konnten, wird mir eine dauernde Erinnerung sein.“
  Den Verbrechen gegenüber, die vor seiner Haustür passierten – ein Lager für Zwangsarbeiter lag in Sichtweite seiner Bielefelder Villa –, blieb Kaselowsky indifferent. Die Autoren belegen mit vielen Beispielen, wie er die Nähe zum Regime suchte, den Statusgewinn genoss und seinen großbürgerlichen Lebensstil weiter pflegte, als das Land in den Abgrund regiert wurde. „Das Politische diente nicht nur dem Firmeninteresse, sondern gründete in eigenen Vorstellungen. Für beides war der Erfolg als Unternehmer das Fundament.“
  Nach Kaselowskys Tod 1944 kümmerte sich darum Rudolf-August Oetker, der Enkel des Firmengründers. Er wurde von der britischen Besatzungsmacht zwar zeitweise von der Geschäftsführung suspendiert und einige Monate interniert, aber schließlich als „unbelastet“ entnazifiziert. Als ehemaliges NSDAP- und SS-Mitglied pflegte er über 1945 hinaus Kontakte nach rechts, die seiner Karriere im Wirtschaftswunderland nicht schadeten. Er starb 2007.
  Die gründliche Studie, die auf der Auswertung des zu großen Teilen erhaltenen Oetker-Firmenarchivs und zahlreicher anderer Archivbestände beruht, verdient Respekt und Beachtung, obwohl sie natürlich viel zu spät kommt. Das aber ist nicht den Autoren vorzuhalten.
Jürgen Finger, Sven Keller, Andreas Wirsching : Dr. Oetker und der Nationalsozialismus. C.H. Beck, 2013. 624 Seiten, 28 Euro.
Rudolf Walther ist freier Publizist und lebt in Frankfurt. Zuletzt erschien von ihm: „Aufgreifen, begreifen angreifen. Historische und politische Essays“, Band 3, Münster 2013 (Oktober Verlag).
Der Oetker-Chef, der sich zuvor
als Fabriksherr verstand, nannte
sich von 1933 an „Betriebsführer“
So sahen die Fabrikshallen der Firma Dr. Oetker auf einer Werbegrafik aus. Die Firma hatte sich mit dem NS-Regime arrangiert. Während des Zweiten Weltkriegs hatte sie mit Zwangsarbeitern nicht viel zu tun: Bei Dr. Oetker arbeiteten vor allem Frauen und Mädchen, die nicht vom Militär eingezogen wurden.
FOTO: IMAGO / TEUTOPRESS
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

"Respekt und Beachtung" verdient diese Studie über die Beziehung der Firma Dr. Oetker zum Nationalsozialismus, lobt Rezensent Rudolf Walther. Für ihn erzählt sie eine ganz normale Geschichte: Wie die Firma, von 1918 bis zu seinem Tod 1944, vom zweiten Ehemann der Witwe Rudolf Oetkers Richard Kaselowsky geleitet wurde. Dieser war gutbürgerlich, ein "Nationalsozialist des Herzens" mit besten Beziehungen zu Himmler und dessen "Freundeskreis Reichsführer SS". Kein brutaler Antisemit, nicht mal von Zwangsarbeit hat Oetker profitiert, so Walther, dafür profitierte man diskret von "Arisierungen" und ignorierte das Lager für Zwangsarbeit vor der Tür. Schade, dass die Studie so spät kommt, aber das "ist den Autoren nicht vorzuhalten", bemerkt Walther.

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