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"Hallo, du kleiner Dummkopf - ich werde dich für immer lieben." So beginnt HEART OF A DOG, Laurie Andersons filmische Reise zu Liebe, Tod und Sprache.
Laurie Anderson, weltberühmte multimediale Künstlerin, reflektiert in ihrem zweiten Film, einem sehr persönlichen Essay, über den Tod ihres Ehemannes Lou Reed, ihrer Mutter, ihres heißgeliebten Hundes und verwebt Kindheitserinnerungen, Videotagebücher und philosophisches Nachdenken über Datensammlungen, Überwachungskultur und die buddhistische Konzeption des Leben nach dem Tode und sie zollt zahlreichen Künstler, Autoren, Musikern und Philosophen, die sie zutiefst berührt und inspiriert haben, Tribut.…mehr

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Produktbeschreibung
"Hallo, du kleiner Dummkopf - ich werde dich für immer lieben." So beginnt HEART OF A DOG, Laurie Andersons filmische Reise zu Liebe, Tod und Sprache.

Laurie Anderson, weltberühmte multimediale Künstlerin, reflektiert in ihrem zweiten Film, einem sehr persönlichen Essay, über den Tod ihres Ehemannes Lou Reed, ihrer Mutter, ihres heißgeliebten Hundes und verwebt Kindheitserinnerungen, Videotagebücher und philosophisches Nachdenken über Datensammlungen, Überwachungskultur und die buddhistische Konzeption des Leben nach dem Tode und sie zollt zahlreichen Künstler, Autoren, Musikern und Philosophen, die sie zutiefst berührt und inspiriert haben, Tribut.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 23.03.2016

Wenn der Blick nach oben geht
Ein hinreißender Liebes- und Trauerfilm: Laurie Andersons "Heart of a Dog"

Am späten Abend des 4. Januars diesen Jahres konnte man am New Yorker Times Square eine seltsame Szene beobachten. Da saßen, dick eingemummelt, einige hundert Menschen und drückten ihre Hunde an sich. Alle froren. Viele der Menschen trugen Kopfhörer, während vor ihnen die Performancekünstlerin Laurie Anderson stand, ihrerseits mit Kopfhörern unter ihrer roten Mütze, und ihre verkabelte winzige Geige zu elektronischen Klängen in sehr hohen Frequenzen spielte, die fürs menschliche Ohr ohne die Kopfhörer kaum mehr wahrnehmbar waren.

Sie spielte für die Hunde, darunter Hunde im Dienst der Homeland Security, die allerdings als Zuhörer geladen waren, nicht zum Arbeiten. Später liefen auf den elektronischen Anzeigetafeln über den Köpfen des Publikums und rund um es herum drei Minuten aus Laurie Andersons Film "Heart of a Dog", der am Donnerstag in unsere Kinos kommt: Blicke durch Autoscheiben, über die der Regen rinnt, dahinter ein altes Haus; Bilder eines Hundes, der in die Nacht jault. Schließlich bellten die Hunde, die zuvor ruhig in der New Yorker Nacht zugehört hatten, zum Applaus. Das Konzert war einmalig. Die Filmausschnitte gab es einen Monat lang jede Nacht.

Der Hund in dem Film heißt Lolabelle und ist ein Rat Terrier. Laurie Anderson und Lou Reed hielten ihn lange Jahre, bis er, noch zu Lebzeiten von Lou Reed, starb. Der Film beginnt mit einem Traum, den Laurie Anderson gezeichnet hat, und der davon handelt, wie sie Lolabelle gebiert - nachdem der ausgewachsene Terrier ihr vorher in den Bauch genäht worden war. Als der Doktor ihr das Bündel mit dem Neugeborenen übergibt und sagt, "it's a girl!", fühlt sie Freude und Schuld und begrüßt das Tier mit den Worten: "Hello, little bonehead, I'll love you forever." Wie gesagt, als Comic gezeichnet. Eine bizarre, auch grausame Geschichte, die Laurie Anderson zu Erinnerungen an ihre Mutter führt. Als sie starb, sah die Mutter an der Decke des Krankenhauszimmers, in dem sie lag, Tiere herumlaufen, und sie sprach zärtlich mit ihnen und sagte ihre letzten Worte: "All you animals."

Unter den zahlreichen Gedankenspielen, die Laurie Anderson anstellt, ist auch dieses: Könnten Hunde sprechen, was würden sie auf ein Kommando ihrer Besitzer sagen? Der Schäferhund: "Consider it done!" Der Pudel: "Please love me!" Der Terrier: "Will it be fun?"

Lolabelle war unter den zahlreichen Hunden und ihren Besitzern im New Yorker West Village, wo Laurie Anderson wohnt, eine Berühmtheit; sie konnte malen und bildhauern, und als sie blind wurde, lernte sie Keyboard spielen. So erzählt es Laurie Anderson in "Heart of a Dog", und dazu sehen wir Homemovies von Lolabelle, wie sie ihre Pfoten in Gips drückt und mit den Krallen über Plastik kratzt, bevor sie zum Konzert mit Rhythmusbegleitung ansetzt.

Aber es geht nicht nur um Lolabelle in diesem Film. Es geht auch um Überwachung und Erinnerungen ans Schlittschuhlaufen auf einem zugefrorenen See, um Datenspeicherung in kolossalen Gebäudekomplexen mitten in der Wüste, heute in Stahl und Beton in Utah, früher in den Pyramiden in Ägypten, darum, was wir sehen, wenn wir die Augen schließen und ob die hinter geschlossenen Lidern herumspringenden Farben und Formen eine Art Screensaver seien, vor allem dazu da, unser Gehirn am Einschlafen zu hindern. Es geht um die Mutter und darum, wie wir uns Geschichten erzählen und was wir auslassen und ob wir in der Lage sind, später das, was wir ausgelassen haben, aus unserem Vergessen wieder hervorzuholen.

Von all diesen Dingen erzählt Laurie Anderson aus dem Off in ihrer weichen, zur Ironie, aber nicht zum Sarkasmus neigenden Stimme. Dazu sehen wir amateurhaft wirkende Filmbilder vom Schlittschuhlauf auf dem See, von Lolabelle in allen möglichen Facetten, vom West Side Highway, über dem Hubschrauber kreisen, dazwischen Animationen, Schrift auf schwarzem Grund, Straßenszenen aus Hundeperspektive und in den Farben, in denen Hunde vor allem sehen, Blau und Grün.

Laurie Anderson ist auch als Musikerin eine Geschichtenerzählerin, das war sie immer, einladend, bereit zu staunen und uns staunen zu machen, mit scheinbar naiven, gleichzeitig naheliegenden Fragen. Ein Rat Terrier soll in der Lage sein, fünfhundert Wörter zu lernen, erzählt sie. Und fragt: "Aber welche?"

Um das herauszufinden, fliegt sie mit Lolabelle nach den Anschlägen des 11. Septembers 2001, als ihr Viertel unter weißer Asche lag, nach Nordkalifornien. Sie wandert mit dem Hund durch die Berge. Es war die Zeit, in der Kameras allgegenwärtig wurden, in der Fragmente von unendlich vielen Geschichten aufgezeichnet und aufbewahrt wurden, Bewegungssequenzen, die möglicherweise im Nachhinein einen Sinn ergeben, weil alles sich nur rückblickend zu einer Erzählung formt, nie von Anfang an. Zu Hause in New York waren Laurie Anderson die Lastwagen aufgefallen, die Speichermedien mit riesigen Datenmengen herumfuhren. Sie berichtet davon, wie das Forschungsprojekt über die fünfhundert Wörter in den Hintergrund trat, weil die kalifornische Landschaft einfach zu schön war und es andere Dinge zu entdecken gab - zum Beispiel für Lolabelle, auf die ein Adler hinabstieß, dass die Gefahr auch aus der Luft kommen kann: "Ihr Blick, der sich plötzlich auch nach oben richtete, weil sich das Gebiet, das sie beobachten musste, um 180 Grad erweitert hatte, erinnerte mich an den Ausdruck auf den Gesichtern meiner Nachbarn nach dem 11. September", erzählt Laurie Anderson dazu. Weil auch sie gelernt hatten, dass die Gefahr von oben kommen kann.

Solche Assoziationen bilden die Struktur des Films. Sie sind nicht beliebig, sondern führen über Umwege immer wieder auf die verbindenden Themen zurück. Das sind Tod, Verlust, Erinnerung, Trauer. Und die Liebe. Der Tod sei dafür da, referiert Laurie Anderson das Tibetische Buch vom Sterben, um Liebe freizusetzen. Das klingt, wenn sie es sagt, nicht pompös, sondern fragend.

Es dreht sich tatsächlich vieles in diesem Film ums Sterben und darum, wie man es richtig macht. Menschen wie Tiere am besten zu Hause. Und weil es um ihre Toten geht, um Lou Reed und Lolabelle, um ihre Mutter und ihren Freund, den Künstler Gordon Matta-Clark, bietet Laurie Anderson alles auf, was ihr zur Verfügung steht. Philosophisches von Wittgenstein bis zu Kierkegaard, ihre Musik, ihre Phantasie, die sie zu der Überlegung führt, wie toll es wäre, hätten wir nicht nur einen zweiten Satz Zähne, die den Platz der Milchzähne einnehmen, wenn es so weit ist, sondern auch ein zweites Gehirn und Herz.

Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte. Das hat David Foster Wallace gesagt. In diesem Sinn ist dieser Film eine Geistergeschichte. Aber keine zum Fürchten.

VERENA LUEKEN

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