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21. Januar 1941. Es ist Winter in Siebenbürgen. Lange schon hat die Kälte, aus dem Westen kommend, das Sachsenland erreicht. Leontine Philippi, graue Strähnen im Haar, schreibt hellsichtig an der Stadtchronik von Zeiden. Das Manuskript aber hält sie unter Verschluss. Ihr Ziehkind Maria, eine junge Rumänin, kauft und verkauft Gegenstände, die ihre Besitzer gegen Fluchtgeld tauschen, und scheint nichts zu begreifen. Mit Franz Herfurth, ihrem Vertrauten aus Kindertagen, spricht Leontine seit Monaten kein Wort. Er ist jetzt Schularzt in Zeiden, untersucht SS- Rekruten, die vom Reich gefordert werden, und hat Gründe, den Idioten…mehr

Produktbeschreibung
21. Januar 1941. Es ist Winter in Siebenbürgen. Lange schon hat die Kälte, aus dem Westen kommend, das Sachsenland erreicht. Leontine Philippi, graue Strähnen im Haar, schreibt hellsichtig an der Stadtchronik von Zeiden. Das Manuskript aber hält sie unter Verschluss. Ihr Ziehkind Maria, eine junge Rumänin, kauft und verkauft Gegenstände, die ihre Besitzer gegen Fluchtgeld tauschen, und scheint nichts zu begreifen. Mit Franz Herfurth, ihrem Vertrauten aus Kindertagen, spricht Leontine seit Monaten kein Wort. Er ist jetzt Schularzt in Zeiden, untersucht SS- Rekruten, die vom Reich gefordert werden, und hat Gründe, den Idioten
  • Produktdetails
  • Quartbuch
  • Verlag: Wagenbach
  • Seitenzahl: 256
  • 2015
  • Ausstattung/Bilder: 2015. 256 S. 220 mm
  • Deutsch
  • Abmessung: 221mm x 139mm x 27mm
  • Gewicht: 449g
  • ISBN-13: 9783803132680
  • ISBN-10: 3803132681
  • Artikelnr.: 41926145
Autorenporträt
Ursula Ackrill, geboren 1974 in Kronstadt, Siebenbürgen, studierte Germanistik und Theologie in Bukarest und promovierte 2003 mit einer Arbeit über Christa Wolf an der University of Leicester. 2005 erwarb sie einen Master in Informationsmanagement und lebt heute als Bibliothekarin und Schriftstellerin in Nottingham.
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Für den Rezensenten Cord Aschenbrenner ist Ursula Ackrills Debütroman "Zeiden, im Januar" so interessant wie sperrig, ein "dorniges, gleichwohl reizvolles Hindernis" nennt er ihn. Aus wechselnden Perspektiven und mit vielen Vor- und Rückblenden erzählt die Autorin von den Ereignissen eines Tages im Jahr 1941 im rumänischen Siebenbürgen, wo Anwerber Hitlers versuchen, die deutschstämmigen Einwohner für die Waffen-SS zu rekrutieren, während die Gewalt der rumänischen Nationalisten an den einheimischen Juden in einen Pogrom mündet, fasst Aschenbrenner zusammen. Die Struktur des Buches ist aber so verworren und die Sprache so kunstwillig, dass es Arbeit braucht, um überhaupt zu verstehen was passiert, so der Rezensent, den der Roman gerade aufgrund dieser Widerständigkeit fasziniert.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 07.03.2015
Warum haben Poeten immer etwas an der Welt auszusetzen?

Ursula Ackrills Debüt "Zeiden, im Januar" beschäftigt sich mit den Verstrickungen der Siebenbürger Sachsen während der Zeit des Nationalsozialismus.

Von Friedmar Apel

Ohne Herta Müller und Oskar Pastior wüsste die Welt wenig über die deutschen Minderheiten in Rumänien. Deren universale literarische und politische Bedeutung ist ein großes Glück, wenngleich eben nicht für alle. Die Banater Schwaben und die Siebenbürger Sachsen waren von je stolz, wenn es einer der Ihren draußen zu Ruhm und Anerkennung brachte, kritische Schriftsteller hätten es nach Meinung vieler aber nicht unbedingt sein müssen. Auch der Roman der 1974 in Kronstadt, Siebenbürgen, geborenen Ursula Ackrill über die Situation der Kleinstadt Zeiden im Januar 1941 wird bei den Landsmannschaften vermutlich keine einstimmige Begeisterung auslösen. Der Roman beginnt mit einem "Nachher". Die 1888 geborene Kronstädter Großbürgerstochter Leontine Philippi, die seit 1918 in Zeiden im Haus des im Ausland lebenden Piloten und Erfinders Albert Ziegler lebt, befindet sich mit einigen jungen Männern in einem Güterwaggon auf der Fahrt nach Wien, wo sie für eine SS-Division ausgebildet werden sollen. Ihnen erzählt sie eine Geschichte beinahe wie von Johann Peter Hebel, deren Sinn sich den Burschen aber nicht erschließt.

Die Zeidener Bürger dagegen wollen die politischen Vorhaltungen der Historikerin nicht annehmen, und manch einer versteht nicht, warum Poeten "immer meckern müssen, immer etwas an der Welt auszusetzen haben". Unablässig kritisiert sie in der Gemeindeversammlung den jahrhundertelang selbstgefällig oder zwangsweise kultivierten Sonderstatus der Siebenbürger Sachsen. Deren Loyalität wäre ihrer Ansicht nach besser bei den Rumänen als bei den Deutschen aufgehoben gewesen.

Der "sächsische Konsens" fürchtet jedoch um die Erträge "unserer gründlichen deutschen Arbeit" und setzt auf das Reich. Für Leontine aber ist Siebenbürgen 1941 nunmehr lediglich "ein Pfand in Hitlers Hand". Sie verdächtigt die anderen, den Antisemitismus nur zu verwerfen, weil er ihnen im Zuge der "Rumänisierung", in der man sich bereits über jüdische Betriebe hermacht, als Minderheit schaden könnte. "Was wäre aber, wenn Judenhetze uns Nutzen bringen könnte?" Die Kultur der Sachsen in Rumänien erscheint in dem Roman jedoch durchaus nicht nur als hinterwäldlerisch und politisch fragwürdig. In den historischen Exkursen kommt alles zur Sprache, "worauf wir stolz sein können". Wie die Sachsen seit dem Ende des neunzehnten Jahrhunderts den Anschluss an die Moderne fanden, zeigt die Erzählung detailliert in geradezu schwelgerischer Ausbreitung der traditionellen wie der modernen Dingwelt. "Was gibt es Besseres, als wenn der Zeidner sich im Spätherbst in seiner Wirtschaft umsieht und aus dem Keller duften die Äpfel auf ihren Pritschen, die Goldparmänen und die Jonathan, die Möhren dösen in ihren Sandbetten, die Krautköpfe prickeln in ihrer Lake, die Speckseiten verdicken sich auf den Schweinen." Auch die körperlichen Vorzüge der sächsischen Mädchen werden gewürdigt.

Genauso stolz wie auf ihre selbstgebackenen Grammelpogatschen, Wespennester oder Harlekinkuchen ist Leontine auf die Ansiedlung von Industriebetrieben, die Spenglerwerkstätten, die Werkzeugfabrik, die Produktion feinsten Parketts, die I.G. Farben oder die Weberei, die so feines Tuch herstellt, dass die Engländer ihren berühmten Tweed da in Auftrag geben. Leontine interessiert sich für Buntglas, Möbelstoffe, Vorhänge und Teppichmuster, aber auch für Trachten, ihre Töpferkunst, Wandschränke und Truhen. Ihre Liebe gilt der modernen Literatur, ihr Interesse der Herausforderung der Kunst durch die Maschinen, ihre unstillbare Sehnsucht aber dem abwesenden Aviatiker Albert.

Die Handlung des Romans besteht in der zunehmenden Isolierung der zunächst von den Zeidnern als komische Heilige und Intellektuelle respektierten Leontine. Überall in ihrer Bekanntschaft erscheinen die Symptome der faschistischen Ideologie. Ihre Freundin Maria, eine hübsche Rumänin, versteht sich auf den Handel mit schönen Dingen, die die Juden gegen Fluchtgeld zurückgelassen haben. Ihr wird die Aufgabe zufallen, Leontines Zeidner Aufzeichnungen zu bewahren, wenn sie nicht mehr bleiben kann. Der Jugendfreund, der Arzt Franz Herfurth, untersucht die vom Reich angeforderten SS-Rekruten, auch der Arzt Fritz Klein, Vorstand im Männerchor, ist schon auf dem Weg zu einer nationalsozialistischen Karriere. Die Apothekerin Edith Reimer, Tochter eines Rechtsradikalen in der Deutschen Volkspartei Rumäniens, macht sich Gedanken, wie sie ihren Beischläfer Joseph, den angeblichen Dorftrottel, vor der Euthanasie bewahren könnte.

Vollends schlängelt sich der viel jüngere "Filou" Andreas Schmidt "wie eine neue Autobahn von Siebenbürgen nach Deutschland". Sachsen und Schwaben sieht er schon in Schlüsselpositionen in Ungarn und Rumänien. "Deutschlands Volkstumskampf" wird ihnen bescheren, was sie aufgrund ihrer Tüchtigkeit verdienen. "Wir sind dann wieder wer", kommentiert Leontine trocken, "sofern noch welche von uns übrig bleiben, wenn Deutschland siegt."

Die Sprache des Romans ist gemischt. Die Beschreibungen der Zeidner Lebenswelt sind in kerniges, manchmal überanstrengt bildhaftes Deutsch gefasst, das auch in der Drastik des Leiblichen häufig an Martin Luther erinnert. Die Reflexionen aber sind die einer modernen Intellektuellen mit mannigfaltigen Anspielungen auf Literatur und Kunst. Gelegentliche Ausrutscher in heutigen Jargon kommen vor. Zu viele Passagen aber, auch in den Dialogen, haben den Charakter von historischen Vorträgen. Es wiederholt sich vieles, was dadurch gerechtfertigt scheint, dass die Zeidner ja nicht hören wollen, dass man das Richtige nicht oft genug sagen kann. Das macht aber die Lektüre mühsam, zumal das Springen zwischen verschiedenen Orten - Zeiden, Kronstadt, Bukarest, Wien, München - und Zeiten die Handlung ohnehin fragmentiert. Auch die vielen eingeführten Personen, die blass bleiben, verwirren den Leser.

Wirklich charakteristisch erscheint nur Leontine, und zweifellos stellt sie eine Idealfigur der Widerständigkeit und zugleich des guten Lebens dar. Eine "alte Jungfer" zwar, aber mit allem Verständnis für Leidenschaften, eine Intellektuelle und Schriftstellerin, begabt mit Stil und Geschmack, unbürgerlich und nonkonformistisch, aber mit grundständigen Fähigkeiten der Hauswirtschaft, hat sie auch der jungen Generation etwas mitzuteilen, aber nur so lange historische Veränderungen nicht übermächtig werden.

Falls Ursula Ackrill bei der Konzeption dieser Figur an Christa Wolf gedacht haben sollte, über die sie promoviert hat, ist eine entscheidende Differenz unübersehbar. Jedes Paktieren mit der Macht, lehnt die Heldin des Romans ab: Wer erpresst, wie die Geheimdienste aller Couleur, dem kann man nicht vertrauen. Der Roman ist gehaltvoll, erzählerisch aber hat die Autorin ihr großes Wissen nicht überzeugend bewältigt. Leontines Geschichte interessiert und bewegt den Leser, zu viel historisches Referat und zu viele konstruiert wirkende Dialoge stören die Beteiligung. Gerade junge Leser wird Leontines Lehre schwerlich erreichen.

Ursula Ackrill: "Zeiden, im Januar". Roman.

Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2015. 254 S., geb., 19,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Besprechung von 04.03.2015
Der Schatten des Fliegers
Auf der Shortlist zum Preis der Leipziger Buchmesse: Ursula Ackrills Debütroman „Zeiden, im Januar“ ist eine der
Überraschungen des Frühjahrs – eine Chronik der Siebenbürger Sachsen und ein Gewinn für die deutsche Gegenwartsliteratur
VON LOTHAR MÜLLER
Über allem schwebt dieser Flieger. Es gibt ihn nur in der Erinnerung, er hat seine Heimat verlassen, manche glauben, er sei verschollen, manche argwöhnen, er warte heimlich an unbekanntem Ort auf seinen Einsatz. In den Himmel über Siebenbürgen ist er Anfang September 1913 aufgestiegen, und unter den vielen, die ihn nicht vergessen haben, ist Leontine Philippi, Kronstädter Tochter aus höherem Hause, diejenige, in der er am lebendigsten gegenwärtig ist.
  Sie hat im Ersten Weltkrieg das Elternhaus des Fliegers in der Kleinstadt Zeiden samt Mobiliar und Hausrat gekauft, lebt dort seit 1918, als Chronistin mit Bodenhaftung an den Ort gebunden, aber geprägt vom Aufschwung des Mannes im Aeroplan, dem Helden der Liebesgeschichte, die sie als junge Frau erlebte, dem Englandbewunderer und vom Geist der Industriellen Revolution erfassten Projektemacher .
  Auf alten Postkarten ist der historische Flugpionier Albert Ziegler zu sehen, den Ursula Ackrill in ihrem Debütroman „Zeiden, im Januar“ über dem Siebenbürgen des Kriegsjahres 1941 schweben lässt, als die Deutschen sich in Bukarest einquartiert haben, die faschistischen Legionäre Jagd auf Juden machen und Marschall Ion Antonescu gerade den Innenminister entlassen hat, weil ein deutscher Major einem Attentat zum Opfer gefallen ist. In Zeiden aber, in der kleinen Stadt, von der aus es sich gut wandern lässt, diskutieren die Siebenbürger Sachsen, wo ihre Zukunft als deutschsprachige Minderheit am besten aufgehoben ist.
  Ursula Ackrill ist 1974 in Kronstadt geboren, sie hat Germanistik und Theologie in Bukarest studiert und wurde 2003 mit einer Dissertation über Christa Wolf an der University Leicester promoviert. Sie lebt als Bibliothekarin in Nottingham und hat diesen Debütroman über ihre Herkunftswelt in dem Deutsch geschrieben, das sie aus dieser Herkunftswelt mitgebracht hat, einer Sprache, die auf die Gepflogenheiten der aktuellen deutschen Gegenwartsliteratur wenig Rücksicht nimmt.
  Diese Rücksichtslosigkeit, die zum Beispiel Wendungen wie „Tiefe seines Wesens“ nicht verschmäht, ist ein Gewinn für den Leser, etwa wenn es den Zeidener Arzt Franz Herfurth in diesem Januar 1941 plötzlich in das tief verschneite Waldbad außerhalb der Stadt zieht, das in den 1920er Jahren entstandene Vorzeigeprojekt, das Symbol der Vitalität und Modernität der fleißigen Siebenbürger Sachsen: „Eine Wolke scheint sich über der Esplanade des Waldbads niedergelassen zu haben. Sie kommt vom Berg und bindet in ihren Wassermolekülen die Würze der Tannen, der Wacholderbüsche, die Träume der Winterschläfer von Fett, Blut und Sonne. Es rührt sich kein Lüftchen. Die Wolke saugt sich in den milden Fäulnishauch vom Schwimmbecken. Herfurth sieht nur noch Umrisse. Sein Herzschlag senkt sich langsam in die Tiefe seines Wesens, in den Schacht hinter dem Nabel.“
  Katja Petrowskaja hat im vergangenen Jahr in ihrem Debütroman „Vielleicht Esther“ gezeigt, wie man eine Herkunftsgeschichte als Familiengeschichte erzählen kann: indem man die verführerische, allzu bequeme Form des Familienromans in ein Suchinstrument verwandelt, das wie bei einer Schnitzeljagd die Familie, von der es erzählt, überhaupt erst wie ein Puzzle zusammensetzt. Ursula Ackrill macht etwas Verwandtes: sie modernisiert die Form der Chronik. Ihr Roman hält, was der Titel „Zeiden, im Januar“ verspricht, der einen Ortsnamen und einen Monatsnamen koppelt. Wer ihrem Erzählen folgt, der ist am Ende tief in die Ortsgeschichte von Zeiden verstrickt und ebenso tief in die Schrecken des Januars 1941 in Siebenbürgen, in Rumänien, in Europa.
  Wer dieser Chronik folgen will, muss dies freilich langsam tun, sehr aufmerksam lesen. Denn diese Chronik schreitet nicht in gewohnter Weise voran. Ihr Gerüst sind die wenigen Tage vom Sonntag, 19. Januar, bis Dienstag 21. Januar 1941, als in Zeiden vormittags die Gemeindeversammlung stattfindet und am Abend Andreas Schmidt, der Führer der Deutschen Volksgruppe seinen Dia-Vortrag zur Einschwörung auf den Kurs des nationalsozialistischen Deutschland hält, während zugleich in Bukarest die Pogrome gegen die Juden eskalieren. Aber in dieses Gerüst sind Flashbacks eingelassen, Rückblicke in die Lebensgeschichte einzelner Figuren, auch sie exakt datiert auf Ort, Jahr, Monat, Tag.
  Durch solche Rückgriffe der Chronik schwebt der Flieger über dem Roman, Inbegriff aller Energien, die über die in sich abgeschlossene Welt der Siebenbürger Sachsen hinauswollen. Er ist ein moderner Engel, der die Welt nicht schützen kann, die er hinter sich gelassen hat. Denn, dies ist die bittere Botschaft dieses so historisch reichen wie politisch bewussten Romans: es war das Beharren auf der Abgeschlossenheit, das Pochen auf das Ruhen in sich selbst, auf die Vorzüge des eigenen Handwerkerfleißes, das Betonen des „Deutschtums“, das den Siebenbürger Sachsen zum Verhängnis wurde, ihre politische Führung an die Seite der Nationalsozialisten und Antisemiten führte.
  Getreu zeichnet der Roman die Debatten über das Deutschtum auf, die in dem Maß hektischer wurden, in dem alte Privilegien verloren gingen, zunächst, als im 19. Jahrhundert nach dem innerhabsburgischen Ausgleich 1867 die Ungarn dominant wurden, dann, als nach dem Ersten Weltkrieg Siebenbürgen Rumänien zufiel. Scharf zeichnet der Roman diese Grundkonstellation – den Opportunismus aus Schwäche – in seine Chronik ein, aber die kritische Perspektive, die er einnimmt, kommt ganz ohne ideologiekritisches Räsonnement aus.
  Denn die anonyme Erzählstimme, bleibt ganz nah an den Figuren – keine von ihnen ist eine Zentralfigur –, an den Bildern, an den Gesten, an der Landschaft, bleibt nah an der spöttischen, oft derben und freizügigen Sprache der Provinz, bleibt nah an den Sagen, Legenden und Moritaten, von der Bildwelt der Nibelungen bis zum aktuellen „Tarzan“-Film, der in Bukarest im Kino läuft und zu dessen Ruhm beiträgt, das Johnny Weissmüller, der Star, aus der Nähe von Temeschwar stammt.
  Bleibt nah an der Kinogängerin und Tarzan-Bewunderin Marie, der Tochter des rumänischen Händlers, die in Bukarest, wo die Rumänisierungskommissionen durch die Häuser der Juden schwärmen, im Warenlager des Juden Brick, bei dem vieles angeschwemmt wird, Ausschau nach Verkaufbaren hält: „Lauter Jugendstil, den niemand haben wollte. In Geschäften riss man sich um das Stramme, zackige, Wuchtige, das mit einem Wink zur Volkskunst stubenzahm gemachte. “
  Bleibt nah an dem Arzt Franz Herfurth, den seine Nietzsche-Schwärmerei in die Nähe der Euthanasieprogramme der Nationalsozialisten führt, bleibt nah am Werbeplakat des Rassenpolitischen Amtes, das der Apotheker Reimer, Verbindungsmann der I.G. Farben, seit neuestem in seine Apotheke gehängt hat, mit der fett aufgedruckten Summe in Reichsmark, die es kostet, einen „Lebensunwerten“ am Leben zu erhalten, bleibt nah an Edith, der Tochter des Apothekers und an Joseph, dem Dorftrottel, ihrem heimlichen Liebhaber, der dabei ist, als ein Besucher, Herr Capesius – auch er eine historische Figur, der künftige Apotheker von Auschwitz – die Vorzüge der Barbitursäure erläutert, aus der man Luminal macht: „Man injiziert das Medikament wie ein Sedativum, und der Tod tritt diskret und natürlich ein.“
  Nah bleibt die Erzählstimme auch an Leontine Philippi, der Chronistin und Nachfahrin des Pfarrers Georg Draudt, der im späten 18. Jahrhundert seine „Turmknopfschrift“ verfasste, die nicht die Chronistin der Nationalsozialisten sein will, die unerhörterweise für die Öffnung, ja die „Assimilierung“ an die Rumänen plädiert und dagegen opponiert, den Antisemitismus als unvermeidliche Begleiterscheinung der neuen mächtigen deutschen Schutzmacht in Kauf zu nehmen. 
  Wie hausgemacht aber der rumänische Antisemitismus ist, davon berichtet am Ende des ersten Romanteils die Schreckensszene im Treppenhaus gegenüber der Wohnung der Kinogängerin und scharfsichtigen Trödelexpertin Maria. In diesem Treppenhaus liegt am Montag, 20. Januar 1941, 10.47 Uhr der zusammengetretene, zusammengeschossene Sohn des jüdischen Händlers Brick: „Maria kippte ihren Kopf zurück, um Hilfe herbeizurufen, aber der Junge raunte ,Schscht’ und grub sein Gesicht in ihre Brust.“ Der Sterbende wird sich in die Brust verbeißen, es werden Zähne aus seinem Kiefer herausbrechen und im Stoff des Kleides haften bleiben.
  Die Erzählstimme wird dieses Kleid nicht vergessen, es wird auf der letzten Seite des Romans wieder auftauchen, im Sommer 1941. Leontine Philippi , die bedrohte Chronistin, hat noch in der Nacht des 21. Januar 1941 die Stadt verlassen, in einem Viehwaggon, als unfreiwillige Begleiterin eines Transports junger Männer aus Siebenbürgen zum Dienst in der Waffen-SS. Ihrem Flieger hält sie bis zum Schluss die Treue. Mit diesem Roman haben nicht nur die Siebenbürger Sachsen eine kritische Chronik erhalten – es hat auch die deutsche Gegenwartsliteratur eine neue Stimme gewonnen.      
Die anonyme Erzählerstimme
bleibt ganz nah an den Figuren,
an Gesten und der Landschaft
„Maria kippte ihren Kopf
zurück, um Hilfe herbeizurufen,
aber der Junge raunte ,Schscht‘“
Ursula Ackrill, geboren 1974 in Kronstadt, Siebenbürgen, studierte Germanistik und Theologie in Bukarest und promovierte 2003 über Christa Wolf. Heute lebt sie in Nottingham. Foto: dpa
„Sie war scheu und sah sofort weg, wenn ein Pferd sie mit der braunen Nässe des Auges von oben herab streifte“, heißt es von der jungen Maria in Ursula Ackrills Roman. Ein Pferd in Codlea, dem ehemaligen Zeiden.
Foto: Hans Madej/laif
    
  
  
  
  
Ursula Ackrill: Zeiden, im Januar. Roman. Wagenbach Verlag, Berlin 2015. 256 Seiten, 19,90 Euro.
E-Book 17,99 Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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