20,00
versandkostenfrei*

Preis in Euro, inkl. MwSt.
Sofort lieferbar
0 °P sammeln

    Gebundenes Buch

Deutschland und Europa - ein herausragendes, kluges Buch zu einem der dringlichsten Themen unserer Zeit. Vom Spiegel-Bestsellerautor Andreas Rödder, der zu den bedeutendsten deutschen Historikern zählt. Deutschland steckt in einem Dilemma. Allenthalben wird erwartet, dass es politische Führung übernimmt. Doch wenn es dies tut, ist der Vorwurf der deutschen Dominanz vorprogrammiert. Der renommierte Historiker Andreas Rödder erzählt die Geschichte, die dahintersteht: die Geschichte der "deutschen Stärke" in Europa, die alle Katastrophen des 20. Jahrhunderts überlebt hat, die Geschichte deutscher…mehr

Produktbeschreibung
Deutschland und Europa - ein herausragendes, kluges Buch zu einem der dringlichsten Themen unserer Zeit. Vom Spiegel-Bestsellerautor Andreas Rödder, der zu den bedeutendsten deutschen Historikern zählt.
Deutschland steckt in einem Dilemma. Allenthalben wird erwartet, dass es politische Führung übernimmt. Doch wenn es dies tut, ist der Vorwurf der deutschen Dominanz vorprogrammiert. Der renommierte Historiker Andreas Rödder erzählt die Geschichte, die dahintersteht: die Geschichte der "deutschen Stärke" in Europa, die alle Katastrophen des 20. Jahrhunderts überlebt hat, die Geschichte deutscher Selbstbilder als Kulturnation und die Geschichte der vielen zwiespältigen Gefühle der Nachbarn gegenüber Deutschland - die bis heute immer wieder präsent sind.
Wie kann Deutschland mit diesen Ambivalenzen umgehen? Wie lassen sich deutsche Stärke und europäisches Gemeinwohl vereinbaren? Und wie kann Deutschland zu einem starken Europa beitragen?
Mit seinem brillanten Blick in die Geschichte erklärt Andreas Rödder überzeugend auch das aktuelle Dilemma Deutschlands in Europa - und entwickelt Vorschläge, wie das Problem zu lösen ist. Ein großer politischer Essay, ein gewichtiger Beitrag zu einer höchst kontroversen Debatte.
  • Produktdetails
  • Verlag: S. Fischer
  • Artikelnr. des Verlages: .23068
  • 2. Aufl.
  • Seitenzahl: 368
  • Erscheinungstermin: 26. September 2018
  • Deutsch
  • Abmessung: 212mm x 136mm x 33mm
  • Gewicht: 467g
  • ISBN-13: 9783103972382
  • ISBN-10: 3103972385
  • Artikelnr.: 52461040
Autorenporträt
Rödder, Andreas
Andreas Rödder, geboren 1967, zählt zu den bedeutendsten deutschen Historikern. Auf brillante Weise macht er Geschichte für ein Verständnis unserer unmittelbaren Gegenwart fruchtbar. Seine Beiträge finden umfassende nationale wie internationale Resonanz. Seit 2005 ist er Professor für Neueste Geschichte an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Zuletzt erschien »21.0 - Eine kurze Geschichte der Gegenwart«, das mehrere Wochen auf der SPIEGEL-Bestsellerliste stand.
Rezensionen
Besprechung von 09.10.2018
Sie ist wieder da
Die deutsche Frage schien gelöst zu sein, aber das Land ist wieder die stärkste
Macht auf dem Kontinent: Andreas Rödder über ein europäisches Problem
VON GUSTAV SEIBT
Deutschland, ein europäisches Problem? Dieses Problem schien gelöst zu sein. Die Zwei-plus-Vier-Verträge von 1990, die Aufnahme auch der DDR-Gebiete in die Europäische Gemeinschaft und die Nato, die abschließende Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze, die Ausdehnung des liberalen Verfassungsstaats auf ganz Deutschland, all das schien sämtliche deutsche Fragen mehrerer Jahrhunderte zu beantworten.
Die internationale Absicherung der Wiedervereinigung erinnerte an den Westfälischen Frieden von 1648 und an den Deutschen Bund von 1815. Beide deutsche Ordnungen waren international garantiert. Die Wiedervereinigung ratifizierte auch das historisch schwierigste, damals kaum beachtete deutsche Problem: die fehlende Übereinstimmung von Staatsnation und Volk. Durch die Vertreibungen und jahrzehntelangen Abwanderungen aus Osteuropa verschwand seit 1945 das Auslandsdeutschtum fast vollständig. Die Erfahrung mit Hitlers Großdeutschland hatte auch Österreich gegen neue Anschlussgelüste geimpft. Erst 1990 wurde der Begriff „kleindeutsch“, der das Bismarck-Reich bezeichnete und der seither für den deutschen Staat weiter galt, endgültig sinnlos, aus Mangel an Alternativen.
Dass Volk und Nation nun zum ersten Mal in der deutschen Geschichte auch territorial zusammenfallen, hätte den weiterspukenden Schwundformen völkischen Denkens, im Staatsbürgerschaftsrecht, aber auch in den unerquicklichen Leitkulturdebatten, den Garaus machen können. Doch hat man es in den angestrengten Jahren der Nachwendezeit versäumt, sich um die Integration der Zuwanderer und um ein neues Einwanderungsrecht zu kümmern. Dafür wurde der Euro konstruiert, der als Krönung der europäischen Einbindung Deutschlands gedacht war.
Anders als heute oft dargestellt, war er nicht der Preis der Wiedervereinigung, sondern, auf französische Initiative, schon in den Achtzigerjahren auf den Weg gebracht worden. Darauf legt Andreas Rödder, der jüngste Chronist des deutschen Problems, besonderes Gewicht. Schon dass Rödders ebenso knappes wie umfassendes Buch nicht bloß als historische Darstellung, sondern als aktueller Debattenbeitrag auftritt, signalisiert, was passiert ist: Die scheinbar allseitig gelöste deutschen Frage ist, jedenfalls in den Augen vieler unserer Nachbarn, wieder da.
Daran ist die Euro-Krise seit 2010 schuld, dann auch die Ankunft der Flüchtlinge von 2015. Auf zwei zentralen Politikfeldern, der Währung und der Migration, ist die Europäische Union schlecht konstruiert, und zwar, so konnte es scheinen, zum deutschen Vorteil. Deutsch ist die in den Maastrichtverträgen fixierte Stabilitätskultur. Deutschen Interessen sollten auch die Dublin-Verträge dienen, die Deutschland mit einem Kranz von Erstaufnahmeländern umgaben. Die europäische Einbindung der Bundesrepublik kann man also von unseren Nachbarn aus gesehen ziemlich asymmetrisch finden.
Von unseren Nachbarn aus gesehen: Das bezeichnet die Besonderheit von Rödders Darstellung, die auf viele klassische Werke von Autoren wie Hellmuth Plessner, Gerhard Ritter, Ludwig Dehio, David Calleo folgt und mit zeitgenössischen, etwa von Hans Kundnani und Herfried Münkler konkurriert. Die meisten dieser Bücher konzentrieren sich auf das Machtungleichgewicht, das mit Bismarcks kleindeutschem, für Europa aber immer noch übergewichtigem Reich ins europäische Staatensystem kam.
Deutschland wurde 1871 eine moderne Nation und Großmacht, als jüngster der europäischen Staaten: zu groß, um sich einzuordnen, zu klein für eine wirkliche Hegemonie. Europa verlor seinen Puffer in der Mitte, umgekehrt musste dieses Deutschland sich in seiner Mittellage vor Einkreisungen fürchten. Man kann das deutsche Problem seit 1871 als den letzten der drei europäischen Abwehrkämpfe gegen die Vorherrschaft eines einzelnen Landes beschreiben, nach der Abwehr von Spanien und der von Frankreich. Und so kann man auch das in der Währungsunion nicht gebändigte, sondern geradezu institutionalisierte Übergewicht deutscher Wirtschaftskraft nach dem alten Muster eines gestörten Gleichgewichts analysieren. Das tun in Europa derzeit viele.
Rödders Darstellung, das ist ihr wichtigstes Verdienst, verfällt angesichts der wiederkehrenden Varianten dieser Problemlage nicht in Fatalismus. Sie verändert, fast zu diskret, die Prämissen der traditionellen Deutungen. Eine Prämisse ist das, was Rödder ein Nullsummenkonzept von Macht nennt, die Vorstellung, dass, wenn eine Großmacht gewinnt, die anderen Mächte etwas einbüßen. Das aber sei falsch, es beruht auf einem Denken, das Bevölkerungsstärke, Militärmacht, Wirtschaftskraft mechanisch gegeneinander abwägt.
Zweitens zeigt Rödder, dass Eigen- und Fremdwahrnehmungen in Europa immer interagierten, aufeinander bezogen waren. Nation ist nicht nur eine gemeinsame politische Form – der Idee nach die Übereinstimmung von Volk, Staat und Territorium in einer „vorgestellten Gemeinschaft“, samt Symbolen und Geschichtsmythen –, Nationen leben auch mit Feinden, Konkurrenten, in Ängsten, in einem System von gelegentlich geschätzten, meist aber gefürchteten Nachbarn. Rödder verlagert das deutsche Problem zu einem großen Teil auf die Ebene dieser miteinander kommunizierenden Wahrnehmungen.
Hier hätte man der Darstellung mehr Ausführlichkeit, mehr Farbe aus den Quellen gewünscht. Die Torschlusspanik etwa, die vor 1914 in Europa herrschte – wann würde das deutsche Bevölkerungswachstum es unbesiegbar machen? Wann würden die Rüstungen von Russen und Franzosen für Deutschland lebensgefährlich? –, war ein tief in den Öffentlichkeiten wirkender Faktor. Man kann die Juli-Krise nicht auf diplomatische Unfälle reduzieren, sie hatte viel mit kollektiven Ängsten zu tun.
Dabei berührt Rödder neuralgische Punkte, gelegentlich im Dissens mit der geschichtswissenschaftlichen Mehrheitsmeinung. So spricht er von „Doppelstandards“ bei der Ablehnung deutscher Kolonialpolitik durch die anderen Mächte vor 1914 oder bei der Handhabung des sogenannten Selbstbestimmungsrechts der Völker in den Friedensverträgen von Versailles 1919. Es wurde den Österreichern, die sich Deutschland damals anschließen wollten, verweigert, und damit war das Prinzip eigentlich aufgehoben. So etwas ist kein Nachkarten, weil das daraus resultierende schlechte Gewissen, vor allem auf britischer Seite, stark zur moralischen Schwäche gegenüber Hitler in den Dreißigerjahren beitrug. Wahrnehmungsgeschichte also auf zweiter Stufe.
Die Geschichte der Wahrnehmungen hat Nachwirkungen bis heute. Rödder vergleicht zwei Formulierungen, die kaum jemand nebeneinanderstellen würde: Reichskanzler Bülow erklärte 1897 im Reichstag, „wir“ (also das Deutsche Reich) „wollen niemanden in den Schatten stellen, aber wir verlangen auch unseren Platz an der Sonne“. Entscheidend sei, so Rödder, wo man den Akzent höre, auf „auch“ oder auf „an der Sonne“. Die europäischen Öffentlichkeiten hörten Letzteres. Die heutige Äußerung stammt vom früheren Bundespräsidenten Gauck, der 2013 erklärte, „wir“ (also die Bundesrepublik) „wollen andere nicht einschüchtern, ihnen auch nicht unbedingt unsere Konzepte aufdrücken, wir stehen allerdings zu unseren Erfahrungen, und wir möchten diese gern vermitteln“. Es gibt ein europäisches Gedächtnis, das so etwas nicht als Zurückhaltung, sondern als versteckte Anmaßung entziffert.
Einen besonderen Akzent legt Rödder auf die wechselseitigen Opfergeschichten. Allerdings fängt er fürs deutsch-französische Verhältnis damit zu spät an. So verheerend die Wirkung des Kriegs von 1870, der nachfolgenden Kaiserproklamation in Versailles, des finanziell harten Friedens auf Frankreich war, so wenig versteht man diese Vorgänge ohne die kaum abgeschwächte Präsenz der Erinnerungen an die napoleonische Zeit in Deutschland. Der Russlandfeldzug von 1812, die Befreiungskriege, überhaupt die „Franzosenzeit“, lagen 1870 erst sechzig Jahre zurück, allerorten lebten noch Veteranen. In dieser Mechanik konnte auch die Eröffnung der Versailler Friedenskonferenz am 18. Januar 1919 auf deutscher Seite als demütigender Affront empfunden werden. Dieser Tag vereinte die Erinnerungen an die Erhebung Preußens zum Königreich 1701 und an die Proklamation des Kaisers 1871 – Daten, die alle im Kopf hatten. Scharf arbeitet Rödder die deutsch-polnischen Grenzprobleme heraus, die Helmut Kohl nur lustlos bereinigte. Dabei berührt er auch uralte Ängste der Polen, die noch durch Willy Brandts Ostpolitik aktiviert wurden, weil hier auf einmal die ewige Möglichkeit einer deutsch-russischen Verständigung zu Lasten Dritter aufscheinen konnte.
Gegen solche tief verwurzelten Erinnerungen – das Bild Deutschlands schwankt zwischen versponnen musikalischer Gelehrtenkultur und enthemmter Barbarei –, hilft nur die Kenntnisnahme des Blicks der anderen, vor allem die Rücksicht auf deren Sicherheitsbedürfnisse. Rödder hat Gesprächspartner aus mehreren europäischen Ländern zu kurzen Interviews in sein Buch eingeladen. Am aufschlussreichsten ist der Part von Adam Krzemiński, der die nie ganz verschwundene Herablassung gegen Polen beklagt, wie sich auch in der nachrangigen Behandlung der Grenzfrage 1990 zeigte.
Dass man die Aufnahme der Flüchtlinge 2015 nicht nur als humanitäre Großtat, sondern auch als „moralischen Imperialismus“ sehen konnte, ist geläufig. Rödder, der ein bekennender Konservativer ist, hält sich erfreulich fern vom hysterischen Stakkato, das in dieser Frage von den Merkel-Kritikern angestimmt wird. Seine Ablehnung des Nullsummenkonzepts von Macht lässt ihn auch aktuelle Anforderungen oder Befürchtungen zu einer deutschen Hegemonie, und sei sie noch so „widerwillig“, skeptisch sehen.
Helmuth Plessner, dessen Buch „Die verspätete Nation“ Rödder erstaunlicherweise nicht nennt, bezeichnete das Bismarck-Reich als „Großmacht ohne Staatsidee“. In den westeuropäischen Monarchien waren, so Plessner, die Nationen Resultate der Staatsbildung. In Deutschland gab es längst eine Kulturnation für ein unklar abgegrenztes, weit ausfransendes Volk. Der Nationalstaat Bismarcks war eine reine Machtschöpfung, ohne „werbenden Gedanken“. Der beibehaltene Reichsbegriff signalisierte eine Unruhe, die völkischen Großmachtfantasien Vorschub leistete. Aus diesen diskontinuierlichen Verhältnissen zwischen Staat, Volk und Kultur leitete Plessner extreme Schwankungen zwischen enthemmter Machtpolitik einerseits und kultureller Hybris andererseits ab, außerdem ein frei flottierendes völkisches Denken.
Rödder empfiehlt, bei unverkennbarer Skepsis gegen eine immer weitergehende Vertiefung der EU, ein entschiedenes deutsches „Investment“ in Europa, vor allem die rücksichtsvolle Behandlung der kleinen Mitglieder. Außerdem hält er auch nach dem Brexit die Einbeziehung Englands in eine Verbindung, die er „Élysée à trois“ nennt, einen Élysée-Vertrag mit drei Partnern, Deutschland, Frankreich und England, für wünschenswert. Das klingt fast nach Dreibund und Bismarck-Zeit.
Dabei führt Rödders Buch, wenn man seine Linien vor die Zeit von Bismarcks Reich zurückzieht, darauf, dass dieses ein Ausnahmefall im jahrhundertelangen deutschen Verhältnis zu Europa war und bleiben sollte. Als Nation sind wir saturiert, aber in einem Moment, wo es darauf nicht mehr so sehr ankommt.
Dieses besonnene, gelegentlich zu kurze Buch, muss man vor allem einer von historischem Bewusstsein unbelasteten Querfront von rechts bis links gegen die EU ans Herz legen. Wer die europäische Gemeinschaft zerstören will, öffnet eine Büchse der Pandora. Denn das deutsche Problem als Knotenpunkt der kämpferischen Pluralität Europas wird vorerst nicht definitiv verschwinden. Es war nie weg.
Das Bild Deutschlands
schwankt zwischen
versponnen musikalischer
Gelehrtenkultur
und Barbarei
Andreas Rödder:
Wer hat Angst vor
Deutschland? Geschichte eines europäischen
Problems. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2018.
368 Seiten, 20 Euro.
Oben: Pistolengriff für Pinsel, um Ermüdung vorzubeugen, 1998.
Links außen: Doppelgriffpinsel, 1983.
Links: Pinsel mit Verlängerungsgriff, um Ecken zu streichen,
die für Farbroller unerreichbar sind, 1978.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
…mehr
Mit seinem Buch liefert Rödder [...] einen Kompass für politisches Handeln.
Besprechung von 06.10.2018
Wie soll wohlwollende Führung aussehen?

Europäische Querelen: Andreas Rödder zeigt, wie Selbstbild und Außenwahrnehmung der Deutschen sich unterscheiden, und gibt ein paar Ratschläge.

Von Günther Nonnenmacher

Vor drei Jahren hat Andreas Rödder, Mainzer Ordinarius für neueste Geschichte, mit dem Buch "21.0. Eine kurze Geschichte der Gegenwart" eine vielgelesene Studie vorgelegt, deren Ziel es ganz ausdrücklich war, Anregungen zur Bewältigung der Zukunft zu geben. Sein neues Buch, "Wer hat Angst vor Deutschland?", nennt sich im Untertitel zwar "Geschichte eines europäischen Problems", aber wieder geht es Rödder darum, die (in diesem Fall außenpolitische) Gegenwart zu verstehen und eine Anleitung zu geben, wie die europapolitische Rolle Deutschlands gestaltet werden sollte.

Rödder betritt damit kein Neuland. Die Probleme, welche die berühmt-berüchtigte deutsche "Mittellage" zusammen mit Deutschlands Größe und Macht aufwirft, sind von vielen Historikern und Politologen behandelt worden. Die Originalität von Rödders Ansatz liegt darin, dass er diese Probleme konsequent am Leitfaden der deutschen Selbstbilder und der Fremdwahrnehmung Deutschlands durch seine Nachbarn im Westen (Großbritannien und Frankreich, ab und an auch Griechenland sowie Italien) und im Osten (vornehmlich Polen, von Fall zu Fall Russland) rekonstruiert. Unter der Überschrift "Mehr als ein Jahrhundertproblem" führt Rödder die Leser in die Vorgeschichte ein.

Der entscheidende Einschnitt war zweifellos die Reichsgründung nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71. Damals etablierte sich Preußen-Deutschland unter Bismarcks Führung als politisch-militärische Großmacht und als dynamisch wachsende Wirtschaft in der Mitte Europas. Bismarck versuchte die "balance of power" unter Wahrung der deutschen Großmachtstellung mit einem Geflecht von außenpolitischen Verträgen abzusichern. Doch deren Kompliziertheit und innere Widersprüchlichkeit führten schon zu seinen Zeiten als Kanzler zu Krisen, unter seinen weniger virtuosen Nachfolgern brach das System dann zusammen.

Daran war nicht zuletzt die Rhetorik vom "Platz an der Sonne" (Reichskanzler von Bülow 1897) schuld, die unter dem forschen jungen Kaiser Wilhelm II. um sich griff. Neuere Bücher über den Ersten Weltkrieg haben gezeigt, dass 1914 im Grunde alle europäischen Länder einen Krieg für unvermeidlich hielten. Die Brutalität dieses Krieges und die mit ihm verbundene Propaganda (die Deutschen als "Hunnen") befestigten die Feindbilder im Ausland; im Inland tat dies der von den Deutschen als "Diktat" und Schmach empfundene Friedensvertrag von Versailles.

Die am tiefsten sitzenden Traumata bei den deutschen Nachbarn stammen aber aus der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft. Wie präsent sie fast ein halbes Jahrhundert nach dem Krieg und nach nahezu vierzig Jahren europäischer Integration noch waren, zeigte sich an den Widerständen europäischer Nachbarn gegen die deutsche Vereinigung zwischen 1989 und 1991. Dass die entsprechenden Ängste danach nicht einfach verschwanden, sondern jederzeit aktualisierbar blieben, erwies sich bald: Das begann mit der gespaltenen europäischen Reaktion auf den jugoslawischen Zerfallskrieg und griff dann in der Finanzkrise, bei der Euro-Rettung oder anlässlich der "Flüchtlingskrise" 2015 auf die EU über.

Der Autor beschreibt all dies dicht an den Quellen, und er kommentiert es mit wohltuender Ausgewogenheit, nimmt also die Fremdwahrnehmungen, auch wenn er sie für verfehlt (oder anachronistisch) hält, als Korrektiv der deutschen Selbstbilder ernst: "Stets neigten und neigen die Deutschen dazu, sich selbst als schwächer, harmloser und friedlicher anzusehen, als die anderen dies tun." Das ist, wenn man so will, eine pädagogische Stoßrichtung des Buches.

Doch Rödder will mit ihm mehr. Sein Buch wendet sich an alle, die an Europa-Politik interessiert sind, als deren begeisterte Verfechter oder engagierte Verächter. Zu seinen Einsichten gehört es, dass die Fremdwahrnehmungen oft Projektionen von Selbstbildern sind. Um nur ein Beispiel zu erwähnen: Während viele Franzosen unterstellen, die Deutschen hätten dieselbe ungebrochene Wahrnehmung des Nationalstaats wie sie selbst, denken manche Deutsche umgekehrt, andere Nationen seien genauso wie sie davon überzeugt, der hergebrachte Nationalstaat könne die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts nicht mehr bewältigen.

Rödder will Geschichte nicht nur betreiben, um zu zeigen, "wie es eigentlich gewesen" ist, sondern beharrt auf dem ersten Teil dieses Ranke-Satzes, dass es nämlich zum "Amt" des Historikers gehöre, "die Mitwelt zum Nutzen zukünftiger Jahre zu belehren". So schließt das Buch mit Thesen zur Europa-Politik, die Rödder als Handlungsanweisungen formuliert. Er fordert zunächst "mehr ,Empathie", also die Fähigkeit (und den Willen), die eigene Perspektive nicht absolut zu setzen, sondern Stereotype in Frage zu stellen, etwa "die kooperativen Absichten Deutschlands anzuerkennen, ohne ständig finstere deutsche Vormachtambitionen zu unterstellen".

Da wundert man sich ein wenig: Zeigt Rödder im historischen Teil seines Buches nicht gerade, weshalb diese Stereotype so tief verwurzelt sind, dass sie bis heute nachwirken? Und was heißt das im politischen Geschäft, wenn es etwa darum geht, wie strikt oder locker die Maastricht-Kriterien der Wirtschafts- und Währungsunion ausgelegt werden sollten? Rödder beschreibt in seinen Ausführungen zur Euro-Schulden-Krise, wie die in anderen Ländern verbreitete makroökonomische Sicht der Dinge sich an der ordoliberal geprägten Doktrin stößt, die in Deutschland vorherrscht. Da einen Kompromiss zu finden, der nicht von den einen oder den anderen als Verrat an der reinen Lehre verdammt wird, ist eben nicht nur eine Frage der Empathie, sondern ein Ergebnis politischen Verhandelns - und damit kommt unweigerlich die leidige (Vor-)Machtfrage ins Spiel.

Eine weiterer Ratschlag Rödders heißt, die anderen sollten von Deutschland "nicht erwarten, wozu auch sie selbst nicht bereit wären, nämlich europäische Interessen über die deutschen zu stellen". Das hört sich plausibel an. Aber wie sollte es überhaupt zu europäischen Entscheidungen kommen, wenn nicht alle bereit wären, Kompromisse zu finden, in denen eigene und europäische Interessen aufgehoben sind? Die Aufforderung, die Deutschen sollten mehr in die europäische Ordnung investieren, bezieht Rödder bezeichnenderweise auf die Asyl- und Migrationspolitik, wo er durchaus für großzügige deutsche Finanzierung plädiert. Wie aber lässt sich verhindern, dass andere dies eben nicht als "wohlwollende Führung" ansehen, sondern als eigennützige Lösung für ein selbstverschuldetes deutsches Dilemma?

Rödder plädiert für ein "Europa à la carte" statt der "ever closer union", zu der sich die Europäer in ihren Verträgen bekannt haben. Das läuft darauf hinaus, das bestimmte Integrationsschritte zurückgenommen werden könnten oder zumindest flexibilisiert würden - Rödder erwähnt ausdrücklich die Möglichkeit, aus der Währungsunion auszutreten. Das umgeht die eigentliche Frage: Soll ein Mitglied auch ausgeschlossen werden können, und wenn ja, mit welcher Mehrheit? Unter Flexibilität versteht Rödder, dass die EU künftig eine "Integration unterschiedlicher Dichte" akzeptieren sollte, was ja in der Währungsunion oder im Schengen-Vertrag heute schon praktiziert wird. Konzepte dafür und Reden darüber gibt es schon lange; daraus geworden ist nicht viel.

Der Autor ist viel zu versiert, um nicht zu wissen, warum das so ist. Da gibt es die Angst vieler Staaten vor einem Status- oder Prestigeverlust; es gibt aber auch die viel konkretere und realistische Befürchtung, dass man von Integrationsfolgen auch dann betroffen ist, wenn man einen Integrationsschritt nicht mitmacht, damit aber auch die Chance zum Mitentscheiden aufgegeben hat. Im Übrigen zeigen die Brexit-Verhandlungen gerade, welche Schwierigkeiten und Folgen, auch finanzielle, eine Rückabwicklung von Integrationsschritten hätte - und da geht es nur um ein Land, nicht um generelle Flexibilität.

Schließlich plädiert Rödder für eine britisch-deutsch-französische Kooperation als "konstruktive Form der politischen Führung in Europa". Das ist ein alter deutscher Wunsch; erfüllt hat er sich nie, nicht zuletzt weil weder Briten noch Franzosen das wirklich wollen - aus vielerlei Gründen, aber auch wegen ihrer historischen Erfahrungen und Prägungen, die Rödder in seinem Buch so kenntnisreich beschreibt.

Im Grunde ist die EWG/EG/EU eine Konstruktion, in welcher die Verflechtung von Interessen (Integration) das instabile europäische "Gleichgewicht der Mächte" domestiziert oder eingekapselt hat, auch wenn es noch weiter wirkt - bis in die Details von Verhandlungen hinein. Wird das Gewebe der Verflechtungen gelockert, erlebt das Denken in Kategorien der "balance of power" einen Aufschwung. Gerade in Zeiten des Populismus, der alte Stereotype willentlich instrumentalisiert, könnte das fatale Auswirkungen haben.

Alle deutschen Regierungen waren sich der europäischen Dimension des "deutschen Problems" bewusst - von Adenauer bis Merkel. Die deutsche Europa-Politik ist ein Ergebnis dieses Problembewusstseins, eine Lehre, die Deutschland aus seiner europäischen Geschichte gezogen hat. Rödders Vorschläge für eine andere Europa-Politik, die die unerlässliche deutsche Führung europäisch verträglicher machen sollen, sind allesamt nicht neu. Das zeigt, dass es, außer Mahnungen zu Klugheit, Vorsicht und Rücksicht, keinen Königsweg gibt, der aus diesem europäischen Problem herausführen könnte.

Andreas Rödder: "Wer hat Angst vor Deutschland?" Geschichte eines europäischen Problems.

S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2018. 368 S., geb., 20,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
…mehr