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Solomon Richter dämmert in einem Moskauer Vorstadtkrankenhaus dem Tod entgegen. Aus dem Fernseher tönen Berichte über die Kämpfe im Donbass. Ein wenig Zeit bleibt dem betagten Historiker noch, um sich die eigene Geschichte und die eines ganzen Jahrhunderts ein letztes Mal vor Augen zu führen. Am Beispiel von drei Generationen zeichnet der russische Künstler Maxim Kantor das exzessive Panorama einer aus den Fugen geratenen Zeit. Als ein Mephisto über allen Zeiten und Geschehnissen steht die Figur des Ernst Hanfstaengl, einer von Hitlers frühen Förderern. Von der russischen Revolution bis zum…mehr

Produktbeschreibung
Solomon Richter dämmert in einem Moskauer Vorstadtkrankenhaus dem Tod entgegen. Aus dem Fernseher tönen Berichte über die Kämpfe im Donbass. Ein wenig Zeit bleibt dem betagten Historiker noch, um sich die eigene Geschichte und die eines ganzen Jahrhunderts ein letztes Mal vor Augen zu führen. Am Beispiel von drei Generationen zeichnet der russische Künstler Maxim Kantor das exzessive Panorama einer aus den Fugen geratenen Zeit. Als ein Mephisto über allen Zeiten und Geschehnissen steht die Figur des Ernst Hanfstaengl, einer von Hitlers frühen Förderern. Von der russischen Revolution bis zum Ende der UdSSR, vom Aufstieg Hitlers bis zu Putins Krieg auf der Krim: ein gewaltiger Roman eines gottverlassenen Jahrhunderts.
  • Produktdetails
  • Verlag: Paul Zsolnay Verlag
  • Artikelnr. des Verlages: 551/05853
  • Seitenzahl: 700
  • Erscheinungstermin: 29. Januar 2018
  • Deutsch
  • Abmessung: 218mm x 145mm x 45mm
  • Gewicht: 859g
  • ISBN-13: 9783552058538
  • ISBN-10: 3552058532
  • Artikelnr.: 49471293
Autorenporträt
Maxim Kantor wurde 1957 in Moskau geboren und studierte dort am Polygraphischen Institut. 1983 gründete er eine unabhängige Künstlergruppe, die später unter dem Namen "Krasny Dom" mit Ein-Tages-Ausstellungen im Untergrund bekannt wurde. Seit seiner Ausstellung auf der Biennale in Venedig 1997 gehört er zu den international renommiertesten russischen Künstlern. Er lebt und arbeitet auf der Ile de Ré, in Berlin und Oxford.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 05.06.2018

Mephisto hat eine Theorie
Maxim Kantor besichtigt in "Rotes Licht" ein gewalttätiges Jahrhundert

"Putin wollte sein Stück vom Kuchen, und das Stück wurde größer und größer. Früher oder später zog er wie jeder russische Tyrann die Karte des Patriotismus. Es entstand ein neuer Faschismus. Es ist dies ein qualvoller Befund, aber ich bestehe auf dieser Einschätzung", sagte Maxim Kantor bei Gelegenheit in einem Gespräch. Die grausamen Geschichten, die er jetzt in seinem sprach- und bildmächtigen Roman "Rotes Licht" erzählt, beruhen auf sorgsam recherchierten Fakten, die nur in wenigen Szenen fiktional untermalt werden.

Wie realistisch Kantors Schilderung des heutigen Russlands und seiner Wurzeln in der Willkür der Stalinzeit sind, zeigt der gerade stattfindende, menschenverachtende Prozess gegen Alexej Malobrodski: Vorher kerngesund, erkrankte er in der Untersuchungshaft und brach vor Gericht zusammen. Er solle keinen "Zirkus" veranstalten, schnauzten ihn die Wachen an (F.A.Z., vom 14. Mai). Der Direktor des Moskauer Gogol Centers und dessen künstlerischer Leiter, der Regisseur Kirill Serebrennikow, hatten sich der Missachtung der offiziellen Kulturlinie schuldig gemacht und weder den neuen KGB-Machthabern noch dem erstarkenden, aggressiven "Neu-Russland" gehuldigt.

Viele solche Verhaftungen hatte Solomon Richter, der eindrucksvolle Held von Maxim Kantors Roman, miterlebt. Er liegt im Sterben, ist aber die klarste und stärkste Stimme des Buches - und eine Hommage an Maxim Kantors Vater. In Solomons armseligem Krankenzimmer hallt der beginnende Krieg in der Ukraine nach, eine propagandistische Farce, über die ständig im Fernsehen berichtet wird. Ein Pfleger schwadroniert über seine angeblichen Heldentaten und die des Kommandeurs Jakow Deschkow - dessen Vater ein Jugendfreund Richters war.

Wie ein gigantisches Drama ist dieser Roman gebaut: Das Scheitern der Revolution bildet den ersten Akt, auf ihn folgen Stalins Terror und der Weltkrieg als zweiter Akt. Nach einem kurzen Zwischenspiel, eingeleitet von neuen Säuberungen und gekrönt von einer trügerischen Hoffnung auf Demokratie, führt der Ukraine-Krieg als niederschmetternder dritter Akt an den Anfang zurück. Illusionslos, eigensinnig und spöttisch beobachtet Solomon seine Umgebung, melancholisch lässt ihn nur "die größte Niederlage des vergangenen Jahrhunderts" werden, die Vernichtung der sozialistischen Idee. An ihre Stelle sei "die schwarze Internationale von Faschismus und Imperialismus" getreten, erklärt er seinem Besucher. Mephisto und Faust stehen sich in dieser programmatischen Szene gegenüber, in der bezeichnenderweise der Sterbende, ein glühender Aufklärer, die Oberhand behält.

Maxim Kantor, 1957 in Moskau geboren, vertrat Russland 1997 auf der Biennale in Venedig und gilt seither als einer der renommiertesten Künstler seines Landes. Dass er auch politisch-philosophischer Essayist ist, merkt man den beiden zentralen Treffen zwischen den Oppositionellen, die sich jetzt "Liberale" nennen, und den neuen Mächtigen, den KGB-Milliardären und Ölmagnaten, an: Sie sind nicht nur funkelnd und lebensecht erzählt, sondern belegen auch die ganze Machtversessenheit dieses im Zeichen von "Blut und Nostalgie" geeinten Reiches. Spielerische Oberfläche bildet jeweils ein Mordfall, der aber nie aufgeklärt wird, da alle Anwesenden ein starkes Motiv haben. Vielleicht handelt es sich ja nur um die Werbemaßnahme eines russischen Galeristen?

Ob Stalins Terror schrecklicher war als der Hitlers will Ernst Hanfstaengl, der zweite, etwas blassere Protagonist, nicht entscheiden. Der historische Förderer Hitlers entpuppt sich als theoriebegeisterter Mephisto, der für imperiale Ideen schwärmt und sich über die korrumpierte russische Intelligenz mokiert. Die deutschen Intellektuellen, vom wankelmütigen Kreisauer Kreis bis zum Parteimitglied Martin Heidegger, der Hannah Arendt in rosa Pantoffeln verfolgt, sieht er nicht positiver.

Besonders eindringlich sind Kantors Bilder vom Krieg, die froststarren Wälder um Rschew, Hölle und verwunschenes Land zugleich. Bizarre, grausame und märchenhaft unwirkliche Szenen wechseln einander ab, Jakow Deschkows Vater und Solomon Richter werden in den Kämpfen der Westfront erwachsen. Deren Väter und Großväter - hohe Militärs die einen, jüdische Gelehrte die anderen - lebten im gleichen Moskauer Haus und wurden Opfer von Stalins Säuberungen. In diesen drei Generationen spiegelt sich, von Kantor präzise und mitreißend erzählt, ein besonders grausames, absurderweise von menschlicher Gleichheit träumendes Jahrhundert.

NICOLE HENNEBERG

Maxim Kantor: "Rotes Licht". Roman.

Aus dem Russischen von Juri Elperin, Sebastian Gutnik, Olga und Claudia Korneev. Paul Zsolnay Verlag, Wien 2018. 704 S., geb., 29,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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"Alles andere als ein bescheidenes Buch. Es ist vielmehr, dank der universellen Bildung und künstlerischen Virtuosität seines Autors, eine vielstimmige Anmaßung. Der Leser, der sich der Mühe versuchter Orientierung unterwirft, wird am Ende erschöpft, doch bereichert entlassen." Oliver vom Hove, Die Presse, 29.09.18

"Macht und Moral, Normalität und Wahnsinn, Fakten und Fantasie, Mechanismen der Politik - eine packende Generationengeschichte, gewürzt mit schwarzem Humor." Rotraud Schöberl, news, 19.07.18

"In drei Generationen spiegelt sich, von Kantor präzise und mitreißend erzählt, ein besonders grausames, absurderweise von menschlicher Gleichheit träumendes Jahrhundert." Nicole Henneberg, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.06.18

"Ein von irrwitzigen Episoden funkelnder Roman dreier Generationen und ein dunkles Panorama eines moralisch zerrütteten Jahrhunderts ... In der Verbindung von Malerei und Erzählung, Realismus und Phantastik, Normalität und Wahnsinn ist Kantors Schaffeneinzigartig." Achim Engelberg, Neue Zürcher Zeitung, 27.04.18

"Kantor ist ein scharfer Denker, der die Zeitgeschichte präzise zu obduzieren weiß. Sein Stift ist ein Skalpell, das die schlimmsten Dinge offenlegt. Als Leser wohnt mein einer Operation am offenen Herzen bei; der Patient ist Europa ... 'Rotes Licht' ist ein großer Roman ... Ein geistreiches Wagnis ob der ihm auftretenden Personen der Zeitgeschichte." Heike Kunert, Lesart 1/18

"Eine wüst sarkastische Bilanz der eigenen Familiengeschichte und Russlands im 20. Jahrhundert aus dem Geist des Humanismus." Erich Klein, Falter, 28.02.18

"Ein wahrhaft monumentaler und vielschichtiger Roman, ein überbordend erzähltes Epos ... Die existenziellen Fragen nach Macht und Moral werden da ebenso verhandelt wie die Politik und ihre Mechanismen." Kristina Pfoser, Ö1, 19.02.18

"Dieser Roman ist groß und gewaltig ... Normalität und Wahnsinn, Fakten und Fantasie, liegen eng beieinander in diesem Roman. Mit surrealem Witz und schwarzem Humor, philosophischem Ernst und bemerkenswertem politischen Verstand malt Kantor Geschichte als Gegenwart aus ... Ein europäischer Roman, ein Jahrhundertroman - in dem das 21. Jahrhundert als Fortsetzung des 20. sichtbar wird und die Relativität sowohl historischer wie persönlicher Wahrheit zu erkennen ist." Carsten Hueck, Deutschlandfunk, 07.02.18
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