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In einer Zeit, in der niemand sicher sein kann, wen er vor sich hat, ist sich der Held dieses Romans nicht sicher, wer er selbst ist: Felix Kannmacher oder Johann Gottwald.Im Herbst 1934 wird Felix Kannmacher vom Pianisten Victor Marcu aus dem Deutschen Reich geschmuggelt und erhält in Bukarest eine neue Identität. Als Johann Gottwald wird er die 'Kinderfrau' von Marcus Tochter Virginia, bei der er sich schnell als großer Geschichtenerzähler beliebt macht. Als die Freundschaft zwischen beiden enger wird, entlässt ihn der eifersüchtige Vater, und plötzlich ist Kannmacher ganz allein in einem…mehr

Produktbeschreibung
In einer Zeit, in der niemand sicher sein kann, wen er vor sich hat, ist sich der Held dieses Romans nicht sicher, wer er selbst ist: Felix Kannmacher oder Johann Gottwald.Im Herbst 1934 wird Felix Kannmacher vom Pianisten Victor Marcu aus dem Deutschen Reich geschmuggelt und erhält in Bukarest eine neue Identität. Als Johann Gottwald wird er die 'Kinderfrau' von Marcus Tochter Virginia, bei der er sich schnell als großer Geschichtenerzähler beliebt macht. Als die Freundschaft zwischen beiden enger wird, entlässt ihn der eifersüchtige Vater, und plötzlich ist Kannmacher ganz allein in einem fremden Land. Und so schlägt er sich unter falschem Namen durch: als Kellner im größten Kasino von Bukarest, er arbeitet als Sekretär für die Nazis und versteckt sich in einem Kloster im Karpatenland. Doch in jeder Identität, die sein Schicksal ihm gerade aufbürdet, immer bleibt die Verbindung zwischen ihm und Virginia bestehen, die bald zu einer berühmten Schauspielerin heranwächst.'Die sieben Leben des Felix Kannmacher' ist ein historisches Schelmenstück, ein Hohelied auf die Liebe und ein berührendes Künstlerepos zugleich.
Autorenporträt
Koneffke, JanJan Koneffke wurde 1960 in Darmstadt geboren. Er studierte Philosophie und Germanistik in Berlin und verbrachte nach einem Villa-Massimo-Stipendium sieben Jahre in Rom. Heute lebt er als Schriftsteller, Publizist und Übersetzer in Wien und Bukarest. Er erhielt unter anderem den Leonce-und-Lena-Preis für Lyrik, den Friedrich-Hölderlin-Förderpreis und den Offenbacher Literaturpreis. Bei DuMont erschienen der Gedichtband 'Was rauchte ich Schwaden zum Mond' (2001) und die 'Abschiedsnovelle' (2006) s
Rezensionen
"Ein Schriftsteller, der sich auf das Handwerk des Erzählens, in all seinen Facetten und Kniffen, blendend versteht. Nicht nur, wenn es schauerromantisch und hochpoetisch zugeht, sondern auch in denjenigen Partien, die eher spitzbübisch, urkomisch, todtraurig ausfallen. Die Stimmungspalette in diesem Roman ist nämlich enorm. Die Anteilnahme des Lesers erst recht. Jan Koneffke erzählt tempogeladen, dialogsicher, [...] wie im Film. [...] Nach 510 durch Welten und Zeiten bewegte, wandernde, stürzende, tappende, taumelnde und rasende Seiten, gelesen in einem Rutsch, legt der geneigte Leser das wunderbare Buch beglückt zur Seite." DIE WELT "Mit rarer Leichtigkeit hat Jan Koneffke ein deutsch-rumänisches Geschichtsbuch geschrieben. [...] In einem sehr eigenen Ton, farbig, mit Hang zur Groteske, manchmal opulent, immer plastisch und immer leicht. [...] In dieser Fülle historischen Stoffs [...] ist aus dem 51-jährigen Jan Koneffke ein großer Erzähler geworden. Die vielen Geschichten in der Geschichte meistert er mit schelmischer Gelassenheit." Literaturbeilage der ZEIT "Frisch fabulierend, abenteuerliche Figuren über sieben Jahrzehnte verfolgend, und das immer am Puls der jeweiligen Gegenwart, mit minutiös ausgeführten rumänischem Lokalkolorit. Alles in einer Sprache, die in Wortwahl und Satzbau nicht selbstverständlicher und heutiger wirken könnte." WIENER ZEITUNG "Koneffkes Roman ... gelingt etwas, was man eigentlich nicht für möglich hält - eine Schelmengeschichte aus den Zeiten der linken und rechten Diktaturen zu erzählen, aber gleichzeitig die Tragödien dieser Jahre präsent zu halten. Felix Kannmachers Geschichte steht geradezu exemplarisch für die absurden Seitenwege und Kehrtwendungen der europäischen Geschichte". FALTER "Eine Sprache, von der man dachte, die könne es gar nicht mehr geben. So melodiös, so stilsicher, so reich an Einfällen." DAS MAGAZIN "Ein großes und großartiges Buch!" NEUES DEUTSCHLAND "Wortgewaltige poetische Verdichtungskraft." FAZ "Koneffke tradiert eine osteuropäische Erzählkultur (...). Er strickt ein vertracktes Erzählmuster aus Politik und Liebe, Korruption und Verrat." ZÜRCHER TAGESANZEIGER "Die Gabe zum berstenden Erzählen in orientalischer Opulenz und balkanischer Komik, die muss Jan Koneffke sich aus seinen Träumen mitgebracht haben. [...] Alles ist literarische Erfindung, aber eine der glaubwürdigsten, schrecklichsten und wundervollsten." FRANKFURTER RUNDSCHAU "Ein Fest der erzählerischen Fantasie (...). Eine grandios fabulierte Geschichte eingebettet in ein penibel recherchiertes historisches Panorama, das durch seine ungewöhnliche Perspektive fesselt. (...) Es ist eines jener Bücher, deren letzte Kapitel man besonders langsam liest, weil man den Abschied von dieser Geschichte hinauszögern möchte." DARMSTÄDTER ECHO "Eine furios erzählte Geschichte und bewegende Parabel über die Behauptung des Humanen in inhumaner Zeit. KÖLNER STADTANZEIGER "Koneffke schafft eindringliche Stimmungen, große Spannungsbögen in einem plastischen Gesellschaftspanorama ... Ein packender Roman." DER STANDARD "Ein geborener Erzähler erzählt von Liebe Verrat und Tod. (...) Koneffkes Stärke ist die Anschaulichkeit seiner Prosa, die Bildhaftigkeit, die sich mit den Personen und Schauplätzen wie von selbst einzustellen scheint. (...) Es gibt Szenen voller irrwitziger Komik und voller Grausamkeit (...), so gut erzählt, dass beim Lesen ein unwiderstehlicher Sog entsteht." FAS "Das bislang eindrucksvollste Werk eines hochbegabten Autors verdient breiteste Empfehlung." EKZ BIBLIOTHEKSSERVICE "Was an diesem Roman besonders hervorsticht, ist die Sprache des Autors. [...] Facettenreich und anrührend, romantisch und schaurig, komisch und traurig reiht sich Abenteuer an Abenteuer, aber nie aus distanzierter Sicht. [...] Ein weiteres Beispiel des guten Händchens des DuMont Verlags für bemerkenswerte, herausragende Literatur." KUL - KULTURLEBEN "Koneffke, der seine erzählerische Begabung meisterhaft beweist, ist es gelungen, die Geschichte eines Landes durch die Augen eines von den Ereignissen hin- und hergetriebenen Simplicissimus spannend darzustellen." DEUTSCH-RUMÄNSICHES HEFT "'Die sieben Leben des Felix Kannmacher' ist ein historisches Schelmenstück, ein Hohelied auf die Liebe und ein berührendes Künstlerepos zugleich." INSEL MAGAZIN…mehr

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 11.10.2011

Und wenn Felix Krull nach Bukarest gegangen wäre?

Jan Koneffke erzählt von einem Mann, der in den Wirren des Zweiten Weltkrieges zum Lebenskünstler wider Willen wird. Es ist ein Schelmenroman, bei dessen Lektüre einem das Lachen schnell vergeht.

Wer auf Flohmärkten Stöße alter Fotografien durchwühlt, möchte am liebsten den fremden Gesichtern darauf ihre Geschichten entlocken, die ihnen unlesbar eingeschrieben sind. Manchmal gelingt es der Literatur, solche Schwarzweißabzüge längst vergessener Ferienfreuden an aus der Mode gekommenen Badestränden wieder zu Leben zu erwecken, ohne dass das Ganze dabei zur unechten, nachkolorierten Operettenkiste geraten muss. Diese Gefahr kommt in Jan Koneffkes neuem Roman gar nicht erst auf. Zu fern von den Klischees einer goldenen Vorkriegszeit sind Orte, Menschen und Handlung seiner Geschichte, die sich gar nicht so leicht einem Genre zuordnen lässt. Ein Schelmenroman? Wenn, dann einer, bei dem einem mit der Zeit das Lachen im Halse stecken bleibt.

Felix Kannmacher, Koneffkes fiktiver Autobiograph, kommt auf der Flucht vor den Nazis, die ihm wegen Klavierspielens in einem "Judenlokal" die Fingerknöchel zertrümmert haben, an den rumänischen Vorzeigepianisten Victor Marcu, der sich im Schwarzmeerhafen Baltschik - Sommerresidenz der rumänischen Prinzessin Maria auf heute bulgarischem Territorium - gemeinsam mit kleiner Tochter und Entourage von seinen vielen Konzerttourneen und Liebschaften erholt. Kannmacher, der Emigrant, den Marcu mit falschem Pass versorgt, ist der passende Gesellschafter für sein mutterloses Töchterlein - Virginia, das kleine Biest, das sich gegen Felix' Deutschlektionen sträubt und ihm mit ihrer Sucht nach immer neuen, phantastischen Geschichten Schlaf und Nerven raubt. Als das Mädchen zur jungen Frau, ihre Launen zu Liebe werden, setzt Marcu Kannmacher stracks vor die Tür.

Der hat sich fortan mit den Launen der Balkanmetropole Bukarest herumzuschlagen, in einem Rumänien, das nach innen wie außen ganze Galerien widersprüchlichster Labyrinthe entfaltet: "Bukarest, quirlig und quecksilbrig, fiebrig und lumpig, verkommen und rein. Stadt der verkrusteten Zehen und Schuhriemchen, der Hermelinpelze und filzigen Schafsfelle, der Seidenstrumpfpaare und klobigen Wollsocken, der Gardistenstudenten, Armenier, Juden, Hofschranzen und Dienstboten. Stadt der sauber rasierten Bankiers und Gendarmen, Stadt der Popen mit Rauschebart und schwarzem Rock, Stadt des scharfen Nordosts, der mit Messern in Fleisch schnitt, Stadt der Schmetterlingsluft im April und der wogenden, glimmenden, rauchigen Sommer."

Kannmacher findet nach seinem ruhmlosen Abschied von Marcu zunächst Obdach bei Slumowitz, dem jüdischen Casinobetreiber, der ihn als Kellner rekrutiert. Als "Jude, ohne jüdisch zu sein", lernt Kannmacher Slumowitz' "Gott des Massels und Schlamassels" zu verstehen. Dem "sauberen" Antisemitismus der deutschen Endlösung kommt der "schmutzige" Antisemitismus rumänischer Freikorps zuvor; sein Freund Slumowitz endet am Fleischerhaken, und Kannmacher muss abermals untertauchen, zusätzlich in Furcht vor seinem nationalsozialistischen Onkel Alfred, der sich in Bukarest ungeniert enteignetes jüdisches Kapital unter die Nägel reißt. Haralamb Vona, ein skurriler Eigenbrötler, der an einer unabschließbaren Geschichte der rumänischen Architektur bastelt, ist Kannmachers nächster Lebensretter. Virginia, deren "Kinderfrau" Felix einmal war, kehrt als mittlerweile junge Theaterdiva aus der Schweiz zurück und mit ihr eine Liebe, die beide bis ans Ende der Geschichte verfolgen wird - obwohl sich beider Wege ständig wieder trennen.

Als Stalins Armee in Bukarest einmarschiert, wird Felix gefoltert, verraten von "Freunden" und als "Faschist" in einem Schauprozess zum Tod verurteilt. Doch hat der balkanische Zufallsgott anderes mit ihm vor; dank einer Frau gelingt ihm die Flucht bis Wien und dort sogar die einst erträumte Pianistenkarriere. Ein Weilchen nur - denn glücklich wird er dabei nicht. Glücklich ist er nur, wenn er erzählen kann: Geschichten, die hinausführen aus dem Albtraum der Geschichte. Geschichten - etwa die vom untreuen Dolmetscher, der mit seinen Fehlübersetzungen den rumänischen Faschisten gegen den deutschen nationalsozialistischen Verbündeten aufhetzt -, die ihn, solange er wie Scheherazade den Faden weiterspinnen kann, am Leben halten. Das ist Felix Kannmachers Schelmenstück wider Willen; mit dem Erfinden glücklich endender Geschichten, die die unglückliche Historie korrigieren, behauptet er sich im Albtraum des zwanzigsten Jahrhunderts, zieht sich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf. Und wenn er nicht gestorben ist, wundert er sich noch heute, wie er eigentlich davongekommen ist.

Die letzte große Schelmenfigur der deutschen Literatur, an die Felix Kannmacher von fern erinnert, Thomas Manns Felix Krull, bleibt demgegenüber ein erstaunlich heiterer und unbeschwerter "Herr" der Geschichte. Felix Kannmacher hingegen ist nicht mehr Herr seiner Geschichte, sein Leben gehört ihm nicht mehr selbst, und doch lässt Koneffke ihn mit einer Sicherheit und Geradlinigkeit von sich erzählen, die erstaunlich wirken. Verantwortlich dafür mögen aber genau die drei Dinge sein, mit deren Hilfe sich der unfreiwillige Lebenskünstler und traurige Schelm über den Abgrund der Historie erhebt: das Klavierspielen, seine Liebe zu Virginia und die Erinnerung an die Sommer in Baltschik. Zu diesem vergessenen Nest am Schwarzen Meer begleitet man ihn gern. Jan Koneffke, mittlerweile in Bukarest und Wien zu Hause, weiß bestens Bescheid in dem der deutschen Literatur trotz Herta Müller und der rumäniendeutschen Lyrik eigentümlich fern gebliebenen Balkanraum, den er, wenn es sein muss, auch mit wortgewaltiger poetischer Verdichtungskraft beschwört: "Land der im Gleichmut verharrenden Himmel, des Holzpflugs und der Krinoline zum Sonntagstanz, der Familienfehden ins siebte und achte Glied, der unsterblichen Toten. In sich ruhendes, grausames, fruchtbares Land, Land der Trachten und Fuhrleute, webenden Frauen, der stampfenden Polka und heiteren Quadrille, der Bestattungs- und Hochzeitszigeunerorchester, der um Mitternacht sprechenden Tiere im Stall . . . Land des Neids und der Stumpfheit, die niemals zur Neige gehen. Menschengesichter, als seien sie aus frischem Lehm oder vertrockneter, rissiger Erde."

JAN RÖHNERT.

Jan Koneffke: "Die sieben Leben des Felix Kannmacher". Roman.

DuMont Verlag, Köln 2011. 507 S., geb., 19,99 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 13.12.2011

Hinter dem Mann am Klavier steht der Vampir
Wenn die Realgeschichte sich den Balkanmythen fügen muss: Jan Koneffkes neuer Roman „Die sieben Leben des Felix Kannmacher“
Ein Füllhorn von Geschichten hat Jan Koneffke gesammelt und ersonnen, und er gießt es schwungvoll über dem Kopf des Lesers aus. Der Autor will unser Bild von Rumänien ändern, unser allzu trübes, von der Ceausescu-Ära geprägtes Bild. Koneffke, 1960 in Darmstadt geboren, ist mit einer rumänischen Architektin verheiratet und lebt in Wien, Bukarest und Maneciu am südlichen Rand der Karpaten. Es ist also nur allzu verständlich, dass er seine Erfahrungen literarisch fruchtbar machen möchte. Seltsamerweise erzählt er aber nicht von der Gegenwart Rumäniens, sondern reaktiviert noch einmal dessen Mythen und Geschichten, die er gegen den Verlauf der Geschichte in Anschlag bringt.
Dafür schickt er Felix Kannmacher, den verschollenen Großonkel seiner 2008 erschienenen pommerschen Familiensaga „Eine nie vergessene Geschichte“, nach Rumänien, und zwar als Emigrant. Felix Kannmacher, der in seinem Ostseestädtchen von einer Karriere als Klaviervirtuose träumte, strandete als Barpianist im Berlin der 1930er Jahre. Beim Sturm der SA auf das Restaurant eines Juden im Nikolaiviertel warf er sich schützend über das Piano. Ein SA-Mann warf ihn zu Boden und zertrümmerte ihm mit dem Stiefel drei Finger. Der rumänische Starpianist Victor Marcu verhalf ihm zur Flucht aus Deutschland und besorgte ihm neue Papiere.
Als Johann Gottwald, geboren in Kronstadt am Rand der Karpaten, wird er zum Erzieher und Lehrer von Virginia, der verzogenen Tochter seines Retters, deren Mutter bei der Geburt starb. Und weil das Mädchen eine „geschichtenversessene Blage“ ist, hat der Autor nun allen Grund, seinen Helden am laufenden Band Geschichten erzählen zu lassen.
Was er damit bezweckt, ist klar: Die Analogie zu den Erzählungen aus 1001 Nacht soll Rumänien als Nahtstelle zwischen Orient und Okzident ins Bewusstsein heben. Doch schon in den frühen, im Sommer 1934 in Baltschik am Schwarzen Meer spielenden Szenen zeigt sich das Problem des Romans, der das abenteuerliche Leben seines Helden bis ins Jahr 2001 verfolgt. Dass Baltschik bald nicht mehr zu Rumänien gehören wird, sondern von 1940 an wieder zu Bulgarien, das muss hier eine Figur raunend ahnen, obwohl Felix Kannmacher, der Ich-Erzähler, retrospektiv von seinen Erlebnissen berichtet und das also ebenso gut wissen könnte wie der Autor.
Solchen Einwänden versucht er vorzubeugen, indem er den Helden von Anfang an als unzuverlässigen Erzähler einführt: „Heute kommt es mir vor, als sei meine Erinnerung eine erfundene Geschichte.“ Heißt das, dass hier Erinnerung simuliert wird? Und heißt es auch, dass sich der Autor, der in Interviews darauf hingewiesen hat, sein Name komme aus dem Kaschubischen und bedeute „Kanngießer“, die Maske eines Alter Ego aufsetzt, um im Gestus des Zeitzeugen eine Geschichte zu beglaubigen, die er gegen die Historie in Anschlag bringt?
Dass Rumänien mit dem Deutschen Reich paktierte, wird hier zu einer historischen Marginalie, die nur insofern interessant ist, als sie den Helden später in Bedrängnis bringt. Denn zunächst ist er als Deutscher wohlgelitten. Selbst die kleine Virginia nennt ihn bald nicht mehr bei seinem Decknamen, sondern bei seinem richtigen Namen. Erst nach der Offensive der Sowjetunion und dem Sturz des Antonescu-Regimes wird die Sache brenzlig. „Um vor den Nazis zu fliehen, hatte ich dieses Land erreicht, und sie hatten mich niemals erwischt. Ich war der Gestapo entkommen, der Feldpolizei und der hiesigen Staatssicherheit. Und wer mich verschleppte, das waren Soldaten der Roten Armee, die mich von diesem Alptraum befreit hatten.“ Doch natürlich hat er Glück. Zufällig ist der tatsächliche Johann Gottwald unter den Gefangenen, die ins Lager gebracht werden, und tritt nach vorn, als sein Name aufgerufen wird.
Schon in seiner ersten, 1988 erschienenen Erzählung „Vor der Premiere“ spielte Jan Koneffke mit der Identität seines Helden. Damals aber ging es nur um einen Schauspieler, der einen Zwerg spielen sollte und dem ein Buckel wuchs. Nun macht er die Katastrophengeschichte des 20. Jahrhunderts zur Rahmenhandlung eines Schelmenromans, in dem sich Balkanmythen mit seiner Vorliebe für sprachliche Romantizismen paaren. Er geht dabei so weit, seinen Helden symbolisch zum Juden zu ernennen, durch die einzige jüdische Hauptfigur, den von der Krim stammenden Casinobesitzer Aristide Slumowitz. Er stellte ihn als Kellner ein, nachdem er bei Victor Marcu in Ungnade gefallen war. Eines Tages, kurz vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, nimmt er ihn zur Seite und verrät ihm, dass er längst erkannt habe, dass er ein Deutscher sei. Und weil er weiß, was es heißt, „nicht zu Hause zu sein und ein Fremder zu bleiben“, stößt er mit ihm an: „mit meinem Freund, der ein Jude ist, ohne ein Jude zu sein“.
Aristide Slumowitz wird in einem Schlachthof ermordet, an der Kehle aufgehängt wie ein Stück Vieh an einem Fleischerhaken, um den Hals ein Schild mit der Aufschrift „Koscheres Fleisch“. Felix Kannmacher aber gelingt mit der Hilfe einer jungen Frau, die er in den Karpaten kennenlernt, die Flucht nach Wien. Und sogar sein Traum von der Pianistenkarriere wird wahr. Denn Margarete, Arzttochter und Apothekerin, heilt seine Finger mit Salben und Massagen. „Diese schwebende Leichtigkeit, selbst bei den schwierigsten Stellen!“, heißt es über das Klavierspiel des Fünfundfünzigjährigen, der noch mindestens fünfunddreißig Jahre zu leben hat. Am Ende sehen wir ihn als Neunzigjährigen im Geiste mit Virginia tanzen, als wären wir direkt beim „Tanz der Vampire“ gelandet. Mit „schwebender Leichtigkeit“ hat das nichts zu tun.
Über die kompensatorische Funktion balkanischer Mythen in Hinsicht auf die realen Machtverhältnisse hat der rumäniendeutsche Autor Richard Wagner in seinem großen Essay „Der leere Himmel“ das Notwendige gesagt. Koneffkes Roman mag als Würdigung seiner Wahlheimat gut gemeint sein. Doch verkehrt sich die gute Absicht ins Gegenteil. Wer Vampirgeschichten, Märchen über das Ende des Osmanischen Reiches und Anspielungen auf Primo Levis autobiographischen Bericht über seine Erfahrungen im KZ Auschwitz munter vermischt, der muss sich vorwerfen lassen, dass er für eine Geschichtsschnurre historische Wahrheiten verkauft. Die Oral History war in den 1980er Jahren eine wichtige Korrektur sogenannter Herrschaftsgeschichte, am eindrücklichsten verkörpert in Claude Lanzmanns Dokumentarfilm „Shoah“. Der erfundene Zeitzeuge Felix Kannmacher soll dagegen Mythen beglaubigen. So wird Geschichte zum Possenspiel.
MEIKE FESSMANN
JAN KONEFFKE: Die sieben Leben des Felix Kannmacher. Roman. DuMont Verlag, Köln 2011. 507 Seiten, 19,90 Euro.
„Heute kommt es mir vor,
als sei meine Erinnerung
eine erfundene Geschichte“
Rumänien soll hier als
erzählerische Nahtstelle zwischen
Orient und Okzident erscheinen
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Perlentaucher-Notiz zur FR-Rezension

Kopfüber hineingestürzt hat sich Rezensentin Sabine Vogel in diesen pikaresken Roman, der von den abenteuerlichen Wechselfällen eines Berliner Barpianisten im Zweiten Weltkrieg erzählt. Die Nazis überfallen das jüdische Restaurant, in dem er spielt und zertrümmern ihm die Finger, fortan verbringt er sein Leben auf der Flucht, taucht mal als Kinderfrau bei einem Bukarester Konzertpianisten unter, mal als Kellner in einem Kasino am Schwarzen Meer. Von einem Unheil gerät er die nächste Bredouille. "Atemlos" ist Vogel dieser Odyssee des Glücks und des Schreckens nach eigenem Bekunden gefolgt, attestiert dem Wiener Autor Jan Koneffke enorme Sprachgewalt und schwärmt schließlich von "orientalischer Opulenz und balkanischer Komik".

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"Ein geborener Erzähler erzählt von Liebe Verrat und Tod. (...) Koneffkes Stärke ist die Anschaulichkeit seiner Prosa, die Bildhaftigkeit, die sich mit den Personen und Schauplätzen wie von selbst einzustellen scheint. (...) Es gibt Szenen voller irrwitziger Komik und voller Grausamkeit (...), so gut erzählt, dass beim Lesen ein unwiderstehlicher Sog entsteht." -- FAS

"Rumänien, Metrik und absurder Humor." -- FRANKFURTER RUNDSCHAU / BERLINER ZEITUNG

"Koneffke schafft eindringliche Stimmungen, große Spannungsbögen in einem plastischen Gesellschaftspanorama ... Ein packender Roman." -- DER STANDARD