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Streifzug durch die deutsche Geschichte
Italienisch-französische Seidenweber einerseits, polnische Bauern und Bergleute andererseits - ihre Geschichte erzählt Dieter Forte in dieser Trilogie. Er begleitet zwei Familien, die einander durch Heirat verbunden sind, auf ihrem Weg durch mehrere Jahrhunderte deutscher Geschichte. Gemeinsam durchleben und durchleiden sie im Rheinland das Dritte Reich und die ersten Nachkriegsjahre. "Das Haus auf meinen Schultern" - hinter diesem Titel verbirgt sich eine Roman-Trilogie, die einem Streifzug durch die deutsche Geschichte gleichkommt. Die Jahrhunderte…mehr

Produktbeschreibung
Streifzug durch die deutsche Geschichte

Italienisch-französische Seidenweber einerseits, polnische Bauern und Bergleute andererseits - ihre Geschichte erzählt Dieter Forte in dieser Trilogie. Er begleitet zwei Familien, die einander durch Heirat verbunden sind, auf ihrem Weg durch mehrere Jahrhunderte deutscher Geschichte. Gemeinsam durchleben und durchleiden sie im Rheinland das Dritte Reich und die ersten Nachkriegsjahre.
"Das Haus auf meinen Schultern" - hinter diesem Titel verbirgt sich eine Roman-Trilogie, die einem Streifzug durch die deutsche Geschichte gleichkommt. Die Jahrhunderte andauernde Wanderschaft einer italienisch-französischen und einer polnischen Familie quer durch Europa ist Thema des ersten Teils mit dem Titel "Das Muster". Der Mittelteil der Trilogie, "Tagundnachtgleiche", zeigt, wie die beiden Familien im Rheinland verschmelzen und in einer kuriosen Mischung der Mentalitäten die dreißiger Jahre und den Zweiten Weltkrieg durchleben. Aus der vom Bombenkrieg zerstörten Stadtlandschaft berichtet der dritte Teil: "In der Erinnerung" richtet den Blick auf die Trümmer der Nachkriegsjahre, die von zustiefst verstörten Menschen bewohnt werden, und auf die Absurditäten und die anarchischen Züge eines Lebens nach dem Zusammenbruch aller staatlichen Regeln. Bis sich die ersten Anzeichen einer Widerherstellung gesellschaftlicher Ordnung erkennen lassen.
  • Produktdetails
  • Verlag: S. Fischer
  • 2. Aufl.
  • Seitenzahl: 863
  • 2001
  • Ausstattung/Bilder: 864 S. 210 mm
  • Deutsch
  • Abmessung: 195mm x 134mm x 45mm
  • Gewicht: 766g
  • ISBN-13: 9783100221179
  • ISBN-10: 3100221176
  • Best.Nr.: 08133607
Autorenporträt
Dieter Forte, 1935 in Düsseldorf geboren, lebt heute in Basel. Im S. Fischer Verlag erschien seine große Romantrilogie "Das Haus auf meinen Schultern"; sein Drama "Martin Luther & Thomas Münzer oder Die Einführung der Buchhaltung" war ein Welterfolg. Über seine Arbeit gibt Auskunft "Vom Verdichten der Welt. Zum Werk von Dieter Forte".
Inhaltsangabe
Das Muster
Der Junge mit den blutigen Schuhen
In der Erinnerung
Rezensionen
Besprechung von 17.11.1999
Am seidenen Faden gestrickt
Eine Heimat finden: Dieter Fortes Romantrilogie

Der Erzähler Dieter Forte beherrscht die großen Formen. Als 1992 sein Roman "Das Muster" erschien, war das Erstaunen der Kritiker und Leser groß, denn bekannt geworden war Forte bisher nur als Dramatiker. Sein umstrittenes Theaterstück "Martin Luther & Thomas Müntzer oder Die Einführung der Buchhaltung" hatte ihn Anfang der siebziger Jahre auf einen Schlag berühmt gemacht, allerdings auch für lange Zeit mit dem Etikett "Neomarxist" versehen. Doch auf einmal zeigte sich Forte von einer anderen Seite: In seinem ersten Roman ging er zwar wiederum weit in die Vergangenheit zurück, verzichtete nun aber auf jede belehrende Deutung der Geschichte. Er erzählte mit langem Atem das Schicksal zweier europäischer Familien, deren Wege im Mittelalter beginnen, sich aber erst im zwanzigsten Jahrhundert kreuzen. In den beiden folgenden Romanen - "Der Junge mit den blutigen Schuhen" erschien 1995, "In der Erinnerung" 1998 - setzte Forte diese Familienchronik fort, die sich zu einer Trilogie ausweitete und, wie sich nach und nach zeigte, immer stärker autobiographische Züge annahm.

In einer Neuausgabe sind die drei Romane nun in einem Band zusammengefügt. Auch wenn sich die verschlungene Handlung mitunter in skurrilen Seitensträngen zu verlieren droht: Am Ende wird deutlich, dass es sich hier um eine großangelegte Komposition handelt, deren einzelne Partien eng miteinander verknüpft sind und deren Schluss in einem kühnen Bogen zurück an den Anfang führt.

Dieser Anfang porträtiert zwei Familien, wie sie unterschiedlicher kaum sein können: skeptische Rationalität und unerschütterliche Frömmigkeit, südlicher Leichtsinn und östliche Schwermut, aufgeklärte Toleranz und mystische Versunkenheit stehen generationenlang einander gegenüber. Im vierzehnten Jahrhundert gelangt die italienische Seidenweberfamilie Fontana zu Ruhm und Vermögen, kann aber nirgendwo dauerhaft eine Heimat finden. Politische und religiöse Kriege, ökonomische Krisen und ungezügelte Abenteuerlust führen die Fontanas durch verschiedene europäische Länder, bis sie schließlich im neunzehnten Jahrhundert ins Rheinland gelangen, wo der wirtschaftliche Niedergang nicht aufzuhalten ist. Als einzige Erinnerung an den Glanz vergangener Tage bleibt das abgegriffene Musterbuch, in dem die alten Geheimnisse der Seidenweberei aufgezeichnet sind. Seinen praktischen Nutzen hat es verloren, aber das kümmert die lebenslustigen Nachkommen der Seidenweber wenig.

Parallel dazu wird die Geschichte der polnischen Familie Lukacz erzählt, deren Ursprung sich im Morast gestaltloser Landschaften verliert. Aus Kleinbauern werden im Lauf der Jahrhunderte angesehene Bergleute; schließlich kommen auch die Lukacz' nach Deutschland, wo sie in Gelsenkirchen eine neue Heimat finden. Ihre Form der Erinnerung ist nicht die präzise Chronik, vielmehr pflegen die Familienmitglieder das ausschweifende Erzählen. Deshalb wandert hier, anders als bei den Fontanas, kein Buch von Generation zu Generation, sondern das Gnadenbild der Schwarzen Madonna von Tschenstochau, an das sich viele Wundergeschichten knüpfen.

Folgerichtig läuft die kontrastierende Darstellung der beiden Familien auf eine Verbindung hinaus, die sich am Ende des ersten Buches vollzieht. Die Hochzeit von Friedrich Fontana mit Maria Lukacz im Jahr 1933 schafft einen Familienverband, dessen Stärke in der Gegensätzlichkeit der Traditionen liegt.

Während Forte die beiden Familiengeschichten zunächst im Zeitraffer darstellt, drosselt er jetzt das Tempo und erzählt in behaglicher Ausführlichkeit von dem Geschick des neuen Familienclans. Die Figuren machen die Lektüre zu einem ungetrübten Vergnügen. In jedem Teil der Trilogie stehen sie im Mittelpunkt: Großvater Gustav, der als skeptischer "Privatgelehrter" noch im Bombenhagel über den Lauf der Welt philosophiert; seine Tochter Elisabeth, die in proletarischer Umgebung großstädtischen Chic zu verbreiten sucht und exquisite Herrenbekanntschaften pflegt; sein Sohn Friedrich, der mit unverwüstlichem Optimismus in der größten Hungersnot Brotschneidemaschinen entwirft, die der Familie Reichtum bescheren sollen. Für seine Frau Maria sind das unverantwortliche Phantastereien, denn sie rechnet stets mit der Wendung zum schlimmsten und kämpft mit archaischer Kraft für ihre drei Kinder, von denen nur der älteste Sohn am Leben bleibt.

Dieser namenlose "Junge", wie er stets bezeichnet wird, erweist sich mehr und mehr als alter Ego des Verfassers. Aus seiner Perspektive schildert Forte die Schreckken des Luftkrieges, die Leiden der ausgebombten Flüchtlinge auf ihrer Irrfahrt durch die unversehrten Kleinstädte im Süden Deutschlands und das Chaos der ersten Nachkriegsjahre, in denen aus dem Schutt eine neue Zivilisation hervorwächst. Die Schilderung der Bombennächte gehört zu den Höhenpunkten von Fortes Erzählkunst. Seit W. G. Sebald auf diesen vermeintlichen blinden Fleck der deutschen Nachkriegsliteratur hinwies, hat man anhand verschiedener literarischer Ausgrabungen und Neuentdeckungen den Vorwurf zu entkräften versucht, dass die deutschen Schriftsteller gegenüber dem Luftkrieg sprachlos geblieben sind. In dieser fortdauernden Diskussion kommt Fortes Trilogie weit mehr Bedeutung zu, als allein die Statistik zugunsten der "Luftkriegsromane" zu verändern; denn mit bloßem Zählen oder Aufzählen von Verfassernamen und Buchtiteln ist es hier nicht getan. Forte gelingt die schwierige Aufgabe, von den fast endlosen Bombennächten mit bedrückender Genauigkeit zu erzählen und gleichzeitig Pathos und Sentimentalität zu vermeiden.

Davor bewahrt ihn das schillernde Personal, mit dem er den Düsseldorfer Kosmos der Familie Fontana bevölkert. Melancholische Wanderprediger und ehrliche Diebe, bescheidene Hochstapler und sprachlose Grabredner, Schieber, Weltverbesserer und Phantasten, Vater Abraham, Big Ben, der gute Hermann und der arme Anton: Sie alle sind im Stadtteil Oberbilk zu Hause, wo jede Ideologie auf Widerstand stößt. Auch für eine thesenhafte Erklärung historischer Prozesse, wie Forte sie in seinem Lutherdrama exerziert hatte, findet sich hier kein Anknüpfungspunkt mehr.

Die umfangreiche Trilogie wird damit leauch zu einem Plädoyer für die Kraft der Literatur. Denn immer wieder demonstriert Forte am Beispiel seiner paneuropäischen Großfamilien, dass sich von der Vergangenheit glaubwürdig nur in Geschichten erzählen lässt und dass im Anekdotischen oft mehr Wahrheit verborgen liegt als in den Zahlen einer Chronik. Für den Helden des zweiten und dritten Romans, den heranwachsenden Jungen, wird Literatur sogar zum Medium der Weltaneignung. Während des Krieges besteht seine einzige Zuflucht aus mühsam zusammengesuchten Büchern, und als er in der Nachkriegszeit monatelang das Bett hüten muss, bleibt ihm als Zugang zur Welt allein ein Fenster, durch das er Tag für Tag seine Umgebung wie auf einer Theaterbühne betrachtet. Hier beschreibt Dieter Forte die Geburt eines Schriftstellers - das zeitenumspannende Familienepos wird zu seiner eigenen Geschichte.

SABINE DOERING

Dieter Forte: "Das Haus auf meinen Schultern". Romantrilogie. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1999. 864 S., geb., 68,- DM.

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"Dieter Forte ist ein Erzähler von ganz großem Format, er zieht seine Leser in seine Geschichten, in das Leben seiner Figuren hinein." (Elke Heidenreich, Der Spiegel) "Kaum je (...) hat die unmittelbare deutsche Nachkriegsgeschichte einen schonungsloseren und wortmächtigeren Chronisten als Dieter Forte gefunden. Unter seinem erinnernden Blick wird unsere oft so erinnerungslose Wohlstandswelt gleichsam durchsichtig hin auf die Trümmer, aus denen sie sich erhebt." (Markus Schwerig, Kölner Stadtanzeiger)