Das Fremdwort im Deutschen - Eisenberg, Peter
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Welche Fremdwörter gibt es im heutigen Deutsch, wo kommen sie her und wie verhalten sie sich innerhalb des Gesamtwortschatzes unserer Sprache? Mit diesem Buch wird zum ersten Mal der Versuch unternommen, einen wichtigen, vielseitigen und seit Jahrhunderten wachsenden Teil des deutschen Wortschatzes systematisch und trotzdem verständlich zu beschreiben. Faktenkenntnis ist auch in öffentlichen Auseinandersetzungen über Fremdwörter der beste Ratgeber. Aus diesem Grund wendet sich das Buch an einen größeren Leserkreis. Was die Lektüre an Fachwissen verlangt, wird vollständig und leicht zugänglich…mehr

Produktbeschreibung
Welche Fremdwörter gibt es im heutigen Deutsch, wo kommen sie her und wie verhalten sie sich innerhalb des Gesamtwortschatzes unserer Sprache? Mit diesem Buch wird zum ersten Mal der Versuch unternommen, einen wichtigen, vielseitigen und seit Jahrhunderten wachsenden Teil des deutschen Wortschatzes systematisch und trotzdem verständlich zu beschreiben. Faktenkenntnis ist auch in öffentlichen Auseinandersetzungen über Fremdwörter der beste Ratgeber. Aus diesem Grund wendet sich das Buch an einen größeren Leserkreis. Was die Lektüre an Fachwissen verlangt, wird vollständig und leicht zugänglich mitgeliefert.

Die dritte Auflage von Peter Eisenbergs erfolgreichem Werk Das Fremdwort im Deutschen enthält zahlreiche Ergänzungen und Aktualisierungen.
  • Produktdetails
  • Verlag: De Gruyter
  • 3. Aufl.
  • Erscheinungstermin: 5. März 2018
  • Deutsch
  • Abmessung: 233mm x 159mm x 32mm
  • Gewicht: 832g
  • ISBN-13: 9783110472530
  • ISBN-10: 3110472538
  • Artikelnr.: 49061094
Autorenporträt
Peter Eisenberg, Universität Potsdam.
Rezensionen
"Ein Lichtblick ... wer dieses Buch nicht gelesen hat, sollte vorerst mit Äußerungen über das Fremdwort vorsichtig sein."
Hans-Herbert Räkel in: Süddeutsche Zeitung

"Ohne Berührungsangst: Die deutsche Sprache ist gut darin, sich Fremdwörter einzuverleiben. Der Linguist Peter Eisenberg zeigt, wie sie das macht."
Horst Haider Munske in: Frankfurter Allgemeine Zeitung

"Peter Eisenbergs Untersuchung des Fremdworts ist eine Einführung ins Deutsche für alle, die schon Deutsch können."

"... a remarkable publication in the field of linguistic foreign word studies. As no other author has done before, Eisenberg provides his readers ... with examples and information about grammar and social history of foreign words in German language."
Daniel Jach in: Lebende Sprachen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 23.11.2011

Schmetterlingsstaub
Ein Lichtblick: Peter Eisenberg entdeckt
das Fremdwort im Deutschen
Ein Fremdwort ist auch nur ein Wort – aber wer gibt sich damit schon zufrieden? Ist es nicht doch vor allem etwas Fremdes, dem man mit Fremdenangst und Fremdenhass, mit Misstrauen und in milderen Fällen mit Duldsamkeit begegnet, also bestenfalls ein „Gastarbeiter der Sprache“, wie der Linguist Horst Haider Munske es einmal genannt hat? Sogar wer selber gern Fremdwörter benutzt, fühlt sich nicht ganz wohl dabei: Walter Benjamin hatte in seiner grotesken Skizze „Poliklinik“ den Schriftsteller am Marmortisch eines Cafés mit einem Chirurgen verglichen: „der Operateur brennt die Wucherungen der Worte heraus und schiebt als silberne Rippe ein Fremdwort ein.“
Theodor W. Adorno greift die silberne Rippe auf, aber an die Stelle leichter Ironie tritt die schwere kritische Theorie: „In jedem Fremdwort steckt der Sprengstoff der Aufklärung.“ Mit Sprengstoff sollte man freilich vorsichtig umgehen, und Adorno fordert selber für das Fremdwort „kontrollierten Gebrauch“. Dass er es daran oft hat fehlen lassen, brachte ihm den schicken Seitenhieb von Hans Mayer ein, manche seiner Texte besäßen „einen rein silbernen Brustkorb“. Jean Paul bittet (in der Vorrede zum „Hesperus“, 1819) die Sprachreiniger und Puristen vom Typ Campe fast inständig darum, „Kunstwörter des gebildeten Europa“ beibehalten zu dürfen, „wo die verdolmetschende Hand den ganzen Schmetterlingsstaub bunter Anspielungen abgreifen und abpflücken würde“. Nichtsdestoweniger meint er, dass „die aus unseren Wurzelwörtern forttreibende Waldung die als Flugsame aufgekeimten Fremd-Wörter ersticken und verschatten“ werde. Für den Turnvater Jahn, der das Wort „Fremdwort“ 1816 als erster benutzt haben soll, ist der Kampf gegen die Fremdwörter schlicht und einfach die Fortsetzung des (Befreiungs-)Kriegs mit anderen Mitteln.
Wer über Fremdwörter sprechen will, so scheint es jedenfalls, muss Farbe bekennen: dafür oder dagegen? „Fremdwort“ müsste allerdings heute meistens „Anglizismus“ heißen – schon wieder ein Fremdwort! Zu ihrer Bekämpfung ist gerade erst 1997 ein Verein gegründet worden; ein Verein zu ihrer Verteidigung steht noch aus. Da ist das neue Buch von Peter Eisenberg über „Das Fremdwort im Deutschen“ ein Lichtblick, der beweist, dass es auch anders geht. Es ist ein schönes, vernünftiges, lehrreiches, überzeugendes, wissenschaftliches und doch persönliches Buch, das einen einzigen Satz brillant entfaltet: „Fremdwörter sind Wörter der deutschen Sprache.“ Es will zwar wissenschaftlichen Anforderungen genügen, aber vor allem jene „Bringschuld“ begleichen, welche die Sprachwissenschaft gegenüber der Gesellschaft hat, deren Sprache sie erforscht.
Drei Kapitel thematisieren die begriffliche, historische und politische Seite des Fremdwortdiskurses, vier weitere entwickeln eine ausführliche Grammatik der fremden Wörter, das letzte Kapitel bringt eine kurze Synthese und als schönes Fazit die Erkenntnis, dass die Disparatheit des Fremdwortschatzes diesem wesentlich ist, eben weil sie die ständige fruchtbare und problematische Spannung von Nähe und Distanz spiegelt. Das Buch ist geschickt aufgebaut und mit Verve geschrieben, es hat eine reichhaltige Bibliographie, ein praktisches Sachregister, zwei Wortregister, von denen das zweite, ein rückläufiges, den inzwischen an Suchfunktionen gewöhnten Leser auch ohne Mausklick meistens schnell zum Ziel führt.
Wie Rosinen im Semmelteig finden sich im Gang der Darstellung kurze Skizzen über einzelne Fremdwörter (Hängematte, Handy, mauscheln, Kid/Kids, Mätresse, Pizza, Holocaust, Heroin, wälsch/welsch, Mumie, Coupé, Croissant, Nylon/Perlon, Globalisierung, Shampoo, klonen/klonieren).
Sozusagen als Bonusleistung bei der Identifikation der fremden Merkmale ergibt sich auch eine übersichtliche Darstellung dessen, was nicht „fremd“ ist. Da lernt man viel im Vorbeigehen, bei Lauten, Silben, Betonung, bei der Flexion, der Wortbildung, der Orthographie und der Silbentrennung. Auch der Fachmann freut sich, wenn die Begriffe allgemeinverständlich diskutiert und schließlich definiert werden, allen voran der Begriff Fremdwort selber: Form und grammatisches Verhalten liefern nicht nur für die Normalsprecherinnen und Normalsprecher die wichtigsten Anzeichen für fremde Eigenschaften von Wörtern, sie erlauben auch dem Linguisten fruchtbare und realistische Analysen ohne dogmatische Festlegungen, für welche die Linguistik so anfällig ist.
Dem Buch würde die Würze fehlen, wenn der Autor nicht immer einmal wieder mit Meinungen, Emotionen und ironischen Anspielungen hervortreten würde: „Offenbar nimmt das typisch deutsche sch wie in *Ketschup oder *Schiffre den Wörtern jeden Scharm des Fremden.“ Sein Beobachtungsposten Ruhestand befähigt ihn dazu, auch ein paar Pfeile abzuschießen, auf den Spiegel und Die Zeit , auf die Deutsche Bahn, auf die Sprachgesellschaften und -vereine, keine giftigen, keine tödlichen, aber sie treffen ins Ziel. Selten unterläuft dem Autor eine Unachtsamkeit wie bei den Urteutonen Klee, Schnee und See, die versehentlich unter die Fremdwörter geraten sind.
Dies ist kein Handbuch zum Gebrauch von Fremdwörtern. Seine Genauigkeit und Ausführlichkeit fordert auch ein wenig Mühe und Geduld. Die Mühe lohnt sich aber, denn wer sich etwas mehr damit vertraut macht, wird spüren, dass er ein neues und freieres Verhältnis zu einem riesigen Arsenal von sprachlichen Möglichkeiten entwickelt: gerade im Bereich der Fremdwörter wird dem sogenannten Sprachbenutzer eine persönliche Kompetenz, ja Autonomie eingeräumt, die wir im Kernbereich unserer Sprache zwar besitzen sollten, aber nur selten spüren: allein schon die Möglichkeit, dieses oder jenes Fremdwort zu benutzen oder nicht zu benutzen, es in dieser oder jener seiner gebräuchlichen Formen zu wählen, es dank der Produktivität von Ableitungen und Zusammensetzungen in der deutschen Sprache mit fast allem und jedem zu kombinieren und auf etwas höherer Stufe dann sogar Neologismen zu bilden, das kann uns ermutigen, jene zentrale Rolle des kritischen und kreativen Sprachbenutzers wirklich zu übernehmen, welche die Sprache uns zuzumuten scheint.
Peter Eisenberg nennt sein Buch über das Fremdwort eine „Hommage an die deutsche Sprache“ – sie wird es ihm danken! Das Buch ist geeignet, den Fremdwortdiskurs und mit ihm den Umgangston im Deutschen etwas sachlicher, etwas sprachbewusster, etwas lockerer, etwas ziviler zu machen. Darum muss man ihm in Schulen, Hochschulen, Akademien, Bibliotheken, Redaktionen und textproduzierenden Büros aller Art eine möglichst weite Verbreitung wünschen. Wer dieses Buch nicht gelesen hat, sollte jedenfalls vorerst mit Äußerungen über Fremdwörter vorsichtig sein – und wer es gelesen hat, wird sowohl den Fan-Clubs als auch den Schutztruppen gelassener und mit etwas mehr Humor begegnen. Vielleicht kann man ja sogar Adornos Kapriolen verzeihen, wenn man versteht, dass er sie aus Angst davor gemacht haben könnte, von der eigenen totalitär werdenden Muttersprache den Mund verboten zu bekommen? In seinen „Minima Moralia“ steht jedenfalls plötzlich und ganz unvermittelt, ohne ein Fremdwort, der unverdauliche Satz: „Die Fremdwörter sind die Juden der Sprache.“ Das ist – pardon! – ein Aphorismus extrem cooler Chuzpe.
HANS-HERBERT RÄKEL
PETER EISENBERG: Das Fremdwort im Deutschen. Verlag Walter de Gruyter, Berlin, New York 2011. 440 Seiten, 29,95 Euro.
Wer dieses Buch nicht gelesen hat,
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Fremdwörter vorsichtig sein
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"Es ist ein schönes, vernünftiges, lehrreiches, überzeugendes, wissenschaftliches und doch persönliches Buch, das einen einzigen Satz brillant entfaltet: "Fremdwörter sind Wörter der deutschen Sprache"." -- Hans-Herbert Räkel in: Süddeutsche Zeitung 23.11.2011

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 16.02.2012

Wundersame Wortvermehrung

Man spricht hier Eurolatein: Peter Eisenberg geht unserem Umgang mit Fremdwörtern auf den Grund. Deutsch ist eine Nehmersprache.

Fremdwörter sind Wörter der deutschen Sprache" - so beginnt dieses Buch des bekannten Potsdamer Linguisten Peter Eisenberg. Ein trivialer Satz - scheinbar. Denn die Zugehörigkeit von Fremdwörtern zur deutschen Sprache wird immer wieder in Frage gestellt. Selbst Jacob Grimm, der Begründer der Germanistik, verbannte sie aus seinem Deutschen Wörterbuch, der Allgemeine deutsche Sprachverein erblühte während der Gründerzeit in der Verdeutschung fremder Wörter und bescherte uns das "Kraftfahrzeug" (statt des internationalen "Automobils") und den "Fernsprecher" fürs "Telefon". In der Nazizeit empfahl die Zeitschrift "Muttersprache" die Ausmerzung jiddischer Entlehnungen. Dies ist das Umfeld, in dem Generationen von Lehrern ihren Schülern gepredigt haben, Fremdwörter hätten sie zu vermeiden. In der Gegenwart wiederum kämpft eine wachsende Zahl von Sprachfreunden gegen den übermäßigen Gebrauch von Anglizismen.

Auf ideologische Debatten aber lässt sich Eisenberg nicht ein. Er wählt einen sprachgeschichtlichen Einstieg und beschreibt die "Gebersprachen" Latein und Griechisch, Französisch, Italienisch, Englisch und viele andere, denen wir Lehn- und Fremdwörter verdanken. Dann ist ausführlich von der "Nehmersprache Deutsch" die Rede, von unserem Umgang mit Entlehnungen, vor allem der langen Purismusdebatte und ihren Folgen vom Barock bis heute. Kenner von Eisenbergs wissenschaftlichem OEuvre mögen sich wundern: Der dezidierte Chronist synchroner Gegebenheiten im Laut- und Schreibsystem, in Flexion, Wortbildung und Syntax, der Autor der erfolgreichsten neueren Grammatik ("Grundriss der deutschen Grammatik") entdeckt die Diachronie.

Er tut dies sorgfältig rezipierend, vor allem aus den bewährten Standardwerken von Peter von Polenz, Werner Besch und Norbert Richard Wolf sowie aus jüngster Literatur zu Sprachkontakt und Sprachpragmatik. Von Seite 162 an schwenkt Eisenberg ein in eine systematische Darstellung aller Phänomene, die die Fremdheit von Fremdwörtern ausmachen, in Aussprache, Flexion, Wortbildung und Orthographie. Das hat es bisher noch nicht gegeben, außer in verschiedenen Aufsätzen und ansatzweise in seiner eigener Grammatik. Zum Schluss bietet das Buch fünfundsiebzig Seiten Literatur-, Sach-, Wort- und Affixregister, Letzteres auch rückläufig. Also ein Fachbuch der Germanistik? Ja, aber zugleich weitaus mehr.

Denn Eisenberg schreibt auch für Leser ohne linguistisches Vorwissen, erklärt alle unentbehrlichen Termini und leitet Schritt für Schritt durch die Welt der Fremdwörter. Exemplarisch wird dies in mehr als zwanzig eingestreuten kleinen Wortgeschichten - über "Handy" und "Tolpatsch", "Heroin" und "Intershop" - illustriert. Wie grenzt man Fremdheit gegen das Eigene, Einheimische, Ererbte ab? Eisenberg meidet diese Bezeichnungen, denn wo etwa beginnt, wo endet eigentlich das Erbe? Bei den Germanen, deren Sprache wir nur erschließen können? Oder den Texten frühmittelalterlicher Mönche? Der Autor definiert die Abgrenzung synchron und spricht vom Kernwortschatz, der weitgehend auf ein- oder zweisilbigen Stämmen wie "Haus", "krank", "Gabel", "teuer" basiert, die eine bestimmte Lautstruktur und Orthographie besitzen und die nach bestimmten Regeln der Wortbildung erweitert werden können. Zu ihnen gehören auch integrierte Entlehnungen wie "Mönch" (mittellat. monachus), "Kur" (lat. cura), "Marsch" (franz. marche) "Koffer" (franz. coffre), "Split" (engl. split).

Dies Vorgehen entspricht dem Sprachgefühl deutscher Muttersprachler und öffnet den Weg zur Detailbeschreibung. Besonders auffällig sind die ph, th, rh, ch in Graezismen, die übers Lateinische transferiert wurden wie "Philosophie", "Theater", "Rhythmus", "Christ", deren Integration in der Rechtschreibreform entschieden abgelehnt wurde. Strukturell auffällig sind die mehrsilbigen Stämme (wie in Univers-ität, Anarch-ist, Sakrist-ei, amüs-ant), die nicht mehr stammbetont sind wie der Kernwortschatz, sondern einem eigenen Fremdwortakzent folgen: oft mit endbetontem Affix und mit wechselnder Betonung in der Fremdwortfamilie (sympáthisch, Sympathíe, Sympathisánt). Ein Randphänomen sind entlehnte Pluralformen wie bei Genus/Genera, Tempo/Tempi. Wie produktiv die Deutschen damit umgehen, zeigt das Beispiel "Visum", dessen ursprüngliche Pluralform "Visa" in Analogie zu den Feminina "Firma", "Liga", "Villa" als Singular gedeutet ("reanalysiert") und mit dem neuen Plural "Visas" versehen wird. Mehr als ein Drittel aller Fremdwörter des Deutschen wurden nicht entlehnt, sondern im Deutschen selbst gebildet. Dazu zählen so gängige Ableitungen wie "riskant" und "regulär", "Friseur" und "Optimist", aber natürlich auch jüngst das "Handy". Die meisten solcher Fremdwortbildungen knüpfen mit entlehnten Affixen (wie -ant, -är, -ist, -eur, -ismus) an entlehnte Stämme an, quasi nach ererbten Regeln ursprünglicher Gebersprachen, andere überspringen solches Heiratsverbot und bilden hybride Bildungen wie "unmoralisch", "anti-bürgerlich", "super-geil".

Dabei ist der entlehnte graeco-lateinische Wortschatz die eigentliche Basis der Fremdwortbildung. Diese ersetzt seit dem neunzehnten Jahrhundert weitgehend die Entlehnung aus dem ungebräuchlich gewordenen Neulatein. Damit wird zugleich eine Basis geschaffen für die Integration entsprechender Bildungen aus dem Französischen und Englischen wie zum Beispiel "Fanatiker" (frz. fanatique), und "Demonstration" (engl. demonstration). So gewinnt das Deutsche auch einen leichten Zugang zu den sich rapide vermehrenden internationalen Fachwortschätzen. Dieses produktive lexikalische Erbe der europäischen Sprachen wird auch "Eurolatein" genannt.

Der Knackpunkt, der erst 1988 bei der Auswertung des mehrbändigen Deutschen Fremdwörterbuchs in einem Herkunftsregister zutage trat, ist der produktive Charakter der Fremdwortbildung, die also eine dauerhafte untilgbare Eigenschaft des Deutschen ist. Sie verleiht unserer Sprache ein zusätzliches potentes Instrument der Wortschatzvermehrung. Hier stellt sich aber auch die Frage, wie lange es noch sinnvoll ist, von "Fremdwortbildung" einerseits und der Wortbildung des Kernwortschatzes andererseits zu sprechen. Zwei Punkte begründen den Zweifel: die außerordentliche Menge der selbstgebildeten Fremdwörter wie die mehr als tausend Ableitungen auf -ieren, die zwar Fremdmerkmale aufweisen, aber zugleich zum kommunikativen Kern des Deutschen gehören. Zum anderen der Umstand, dass die beiden Gruppen deutscher Wortbildung sich zunehmend miteinander verflechten. So entstehen hybride Bildungen aus Stämmen und Affixen des Kern- und des Fremdwortschatzes wie die zahllosen Ableitungen auf -isch ("alkoholisch", "patriotisch") und Weiterbildungen wie ",abkassieren", oder "überregional".

Keinerlei Heiratsbeschränkungen gibt es bei dem häufigsten Typ deutscher Wortbildung, der Komposition ("Halbpension", "kaputtsparen", "beratungsresistent"). Auch diese Phänomene der Mischung werden von Eisenberg registriert. Sie gehören zum Fremdwort, aber ebenso ins Reich des Kernwortschatzes. Ihre Trennung muss in künftigen Darstellungen überwunden werden. Dazu hat Eisenberg den Weg geöffnet, indem er die Fremdwörter aus dem Getto germanistischer Missachtung erlöst hat. Das Buch schließt mit einem Vorstoß zur Neuinterpretation des Fremdwortschatzes unter dem Aspekt von Nah- und Distanzkommunikation, seiner Rolle in prototypisch mündlicher und schriftlicher Verwendung. Damit erhalten lateinische, französische und englische Fremdwörter (und Fremdwortbildungen) ein eigenes Profil: Während die Latinismen der Römerzeit und des Mittelalters weitgehend in den Kernwortschatz integriert sind, wird mit dem humanistischen Rückgriff auf das klassische Latein und der europaweiten Verwendung dieses Neulateins eine medial distanzierte Bildungssprache entwickelt, die alsbald in massenhafter Entlehnung in die Volkssprachen ausstrahlt.

Diese Distanz der Schriftlichkeit (Neulatein wurde nicht gesprochen) ist bis heute charakteristisch für einen großen Teil des Fremdwortschatzes. Anders die französischen Entlehnungen: Sie besetzen eine Nische elitärer Lebenskunst, die dem Nachbarland zugeschrieben wird. Handfester ist der Lehnwortschatz, den wir dem Vorsprung Englands und Amerikas in Technik, Verkehr, Wirtschaft, Politik und Popkultur verdanken. Evident ist der Gegensatz zu Latein und Französisch im Jargon der Musikszene und der Alltagskultur, die primär zum mündlichen Gebrauch gehören. Dies mag ein Grund sein, warum diese Anglizismen weitestgehend einer Integration in Aussprache, Schreibung und Flexion entzogen werden.

HORST HAIDER MUNSKE

Peter Eisenberg: "Das Fremdwort im Deutschen".

De Gruyter Verlag, Berlin/New York 2011. 440 S., br., 29,95 [Euro].

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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Mitgliedern des Vereins zur Bekämpfung von Fremdwörtern begegnet Hans-Herbert Räkel neuerdings gelassener. Seit er Peter Eisenbergs lehrreiche, wissenschaftliche wie persönliche, begriffliche und historische Einlassung zum Fremdwortdiskurs gelesen hat, die er sofort jeder textorientierten Institution weiterempfiehlt. Der Autor macht es ihm leicht, en passant zu lernen, mittels Bibliografie und Register zu vertiefen, was er unterwegs aufpickt "wie Rosinen": Nylon, Heroin, mauscheln, Hängematte. Würze gibt laut Räkel des Autors Meinungsfreude und momentweise Bissigkeit, etwa gegen die meinungsmachenden Fremdwortbenutzer und -beschmutzer. Und was hat er also davon? Gelassenheit, ja, und mit etwas Geduld dann auch ein freieres Verhältnis zu unseren sprachlichen Möglichkeiten. Da staunt Räkel, was nicht alles geht, und es schmeichelt ihr sogar, der Sprache.

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