Arthur Seyß-Inquart und die deutsche Besatzungspolitik in den Niederlanden (1940-1945) - Koll, Johannes

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Arthur Seyß-Inquart steht für eine außergewöhnliche Karriere: Innerhalb kurzer Zeit stieg der Wiener Rechtsanwalt zu einem einflussreichen Funktionär des NS-Regimes auf. Besonders in seiner Funktion als Reichskommissar trug er zwischen 1940 und 1945 die Verantwortung für die Nazifizierung und Gleichschaltung der Niederlande. In diesem Buch wird zum ersten Mal seine Politik in Den Haag umfassend analysiert. Welche Handlungs- und Entscheidungsspielräume hatte Hitlers Statthalter in den Niederlanden? Wie gelang es diesem Aufsteiger, seine Position innerhalb des NS-Regimes bis Kriegsende zu…mehr

Produktbeschreibung
Arthur Seyß-Inquart steht für eine außergewöhnliche Karriere: Innerhalb kurzer Zeit stieg der Wiener Rechtsanwalt zu einem einflussreichen Funktionär des NS-Regimes auf. Besonders in seiner Funktion als Reichskommissar trug er zwischen 1940 und 1945 die Verantwortung für die Nazifizierung und Gleichschaltung der Niederlande. In diesem Buch wird zum ersten Mal seine Politik in Den Haag umfassend analysiert. Welche Handlungs- und Entscheidungsspielräume hatte Hitlers Statthalter in den Niederlanden? Wie gelang es diesem Aufsteiger, seine Position innerhalb des NS-Regimes bis Kriegsende zu festigen? Und wie lässt er sich unter den nationalsozialistischen Tätern einordnen? Letztlich kann anhand von Seyß-Inquart die Bedeutung von 'Zwischeninstanzen' für das NS-System deutlich gemacht werden.
  • Produktdetails
  • Verlag: Böhlau Wien
  • Seitenzahl: 691
  • Erscheinungstermin: 1. Juni 2015
  • Deutsch
  • Abmessung: 246mm x 176mm x 55mm
  • Gewicht: 1485g
  • ISBN-13: 9783205796602
  • ISBN-10: 3205796608
  • Artikelnr.: 41868005
Autorenporträt
Johannes Koll ist Privatdozent für Neuere und Neuste Geschichte an der Universität Wien und Leiter des Universitätsarchivs der Wirtschaftsuniversität Wien.
Rezensionen
Besprechung von 10.11.2015
Profilierungssucht im Rassenwahn
Arthur Seyß-Inquart als Chefverwalter der besetzten Niederlande

Der 1946 hingerichtete Arthur Seyß-Inquart zählt zu den weniger bekannten Großverbrechern des "Dritten Reiches". Äußerlich an einen bieder-intellektuellen Lehrer erinnernd, bietet er das Beispiel eines ungewöhnlichen Täter-Aufstiegs im Nationalsozialismus. Aus Hitlers Heimat Österreich stammend, zählte er zu den wenigen führenden Köpfen deutscher Kriegsherrschaft in Europa, die weder auf eine langjährige NS-Karriere im engsten Parteimilieu noch eine Verwurzelung im Machtapparat der SS und ebenso wenig auf eine unmittelbare Hitler-Nähe verweisen konnten. Gleichwohl war er als Reichskommissar in den Niederlanden eine zentrale Figur der NS-Führungsriege und Haupttäter im eigentlichen Sinn: Sein Einsatz galt der Etablierung des Rassen- und Eroberungsstaates mit allen bekannten verbrecherischen Komponenten von Entrechtung und Plünderung bis zum Betreiben der Mordmaschinerie.

Johannes Koll konzentriert sich auf das Wirken Seyß-Inquarts in den Niederlanden zwischen 1940 und 1945. Dessen Funktionen vor 1940 in Österreich und Polen sowie die Zeit als Angeklagter in Nürnberg nach Kriegsende sind kursorisch einbezogen. Kolls Anliegen ist denn auch keine umfassende Biographie, sondern ein spezifischer Forschungsbeitrag. Ihm geht es um die Frage, wie sich Seyß-Inquart "aus Sicht der Täterforschung typologisch fassen" lässt. In Kolls Interpretation repräsentiert der Reichskommissar Seyß-Inquart eine "singuläre Karriere". Koll geht von der These aus, "dass der Chef der nationalsozialistischen Zivilverwaltung in Den Haag als politische und administrative ,Zwischengewalt' zwischen Reichsführung, Reichszentralinstanzen, deutschen Dienststellen in den Niederlanden und einheimischen Kollaborateuren nicht nur nominell, sondern auch faktisch in hohem Maße die Politik der deutschen Besatzungsverwaltung bestimmt hat". In dieser Perspektive ist Seyß-Inquart der idealtypische Repräsentant der sogenannten Zwischengewalt.

Koll bietet eine geradezu enzyklopädische Analyse der Herrschafts-, Verwaltungs- und Verfolgungspraxis. Nach einer knappen biographischen Skizze für die Zeit bis 1940 sowie einem generellen Überblick der nach seiner Lesart von vier Phasen geprägten deutschen Herrschaft zwischen Mai 1940 und 1945 widmet er eigene Kapitel unter anderen den Bereichen Zivilverwaltung, Nazifizierung und Gleichschaltung, der nationalsozialistischen Bewegung der Niederlande, der Geiselpolitik und der Bekämpfung von Widerstand, der Wirtschaftspolitik sowie der nationalsozialistischen Kultur- und Wissenschaftspolitik.

Weitere spezifische Abschnitte widmen sich der Verfolgung von Sinti und Roma sowie ausführlich der Judenverfolgung. Seyß-Inquart war als Reichskommissar dafür mitverantwortlich, dass die Niederlande "prozentual und in absoluten Zahlen bei den Deportationen" die höchsten Ziffern aufzuweisen hatten: "Aus keinem der besetzten westeuropäischen Länder wurden derart viele Jüdinnen und Juden in die Vernichtungslager in Osteuropa deportiert." Für Seyß-Inquart war sein Engagement gegen die niederländischen Juden eine konsequente Fortsetzung seiner jahrzehntelangen völkischen Lebensauffassung und einer antisemitischen Haltung, die er bereits in den 1930er Jahren in Österreich vertreten und als stellvertretender Generalgouverneur in Polen in der Praxis erprobt hatte.

Stand er in Krakau noch im Schatten von Generalgouverneur Hans Frank, so boten ihm die Niederlande nun ein eigenes Profilierungsgebiet. Für Seyß-Inquart verbanden sich dabei in selbstverständlicher Weise Ideologie und Karrierestreben: Als bekennender und "bis zum letzten Atemzug" überzeugter Antisemit konnte er seinen Rassismus ausleben und sich durch entsprechende Aktionen im Herrschaftsgefüge profilieren. Seine moralische und vor allem praktische Mitverantwortung für die Judenvernichtung wollte Seyß-Inquart selbst angesichts der in Nürnberg in Fülle vorgebrachten Fakten nicht akzeptieren. Er provozierte durch die verharmlosende Betonung des Begriffs "Evakuierung" und sein Bemühen um Rechtfertigung des genozidalen Massenmords.

Obwohl Seyß-Inquart im Bewusstsein seiner Verantwortung unzählige Akten vernichten ließ und insbesondere Dokumente zu seinem Privatleben und seiner persönlichen Entwicklung nur spärlich vorliegen, ist die Vielzahl der von Koll aus den Quellen gehobenen Details und der adressierten Forschungsfragen überaus beachtlich. Die Ausführlichkeit mag den vermutbaren Kreis der über Fachfragen hinaus Interessierten eingrenzen. Das sollte aber nicht als Vorwurf verstanden werden, denn das Buch liefert jenseits der Informationen zu Seyß-Inquart und den Niederlanden eine Fülle von Einblicken in die strukturelle Komplexität und alltägliche Brutalität der nationalsozialistischen Herrschaftspraxis. Sichtbar und lobenswert ist die Achtsamkeit des Autors, in seinem Stil eine passende Balance zwischen wissenschaftlicher Detail-Ausführlichkeit und sprachlicher Anschaulichkeit zu halten. Koll bietet ein gelungen-reflektiertes Forschungswerk, das neugierig macht auf das in seiner Einleitung angekündigte Folgewerk einer Gesamtbiographie dieses merkwürdig unscheinbaren, gleichwohl für die Verbrechensmaschinerie so wirksamen NS-Tätertypus.

MAGNUS BRECHTKEN

Johannes Koll: Arthur Seyß-Inquart und die deutsche Besatzungspolitik in den Niederlanden (1940-1945). Böhlau Verlag, Wien 2015. 691 S., 59,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Spätestens mit Johannes Kolls umfangreicher Biografie lernt Ludger Heid den "Reichskommissar" in den besetzten Niederlanden, Arthur Seyß-Inquart, als überzeugten Austronazi kennen, als skrupellosen, klerikalfaschistischen Machtmenschen, aktiv und voller antisemitischer Energie. Der Nachvollzug von Seyß-Inquarts Entwicklung vom gebildeten und kultivierten Menschen zum karrieristischen wie idealistsichen Verbrecher und Mörder gelingt dem Rezensenten mit diesem Buch und auch die Erkenntnis, dass Leute wie Seyß-Inquart im Nationalsozialismus durchaus über große Handlungsspielräume verfügten und nicht nur Rädchen im System waren.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 01.02.2016
Der tückische Tyrann
Arthur Seyß-Inquart sah sich als katholischen Gentleman, als Rädchen im Getriebe des NS-Staats.
Eine Biografie zeigt nun, welche Macht und Brutalität solche Schreibtischtäter ausüben konnten
VON LUDGER HEID
Der 1892 in Südmähren in eine gutbürgerliche Familie hineingeborene Arthur Seyß-Inquart war Jurist, Weltkriegsteilnehmer, katholisch, national, konservativ, eigentlich kein typischer Nazi. Ein Grübler und Zauderer. Als Mitglied in der katholisch-nationalen „Deutschen Gemeinschaft“ wurde er Freund von Engelbert Dollfuß, einem Anhänger eines austrofaschistischen Ständestaates, der durch einen Staatsstreich ins Kanzleramt in Wien gelangt war. Nach der Ermordung Dollfuß’ sah sich Seyß-Inquart als „Brückenbauer“ zwischen den Nationalsozialisten und dem christlich-sozialen Regime. Unter Dollfuß begann sein Aufstieg und unter dessen Nachfolger Kurt von Schuschnigg wurde Seyß-Inquart am 16. Februar 1938 österreichischer Innenminister. Da hatte Adolf Hitler bereits seine Hände im Spiel und Seyß-Inquart war die Rolle einer Marionette zugedacht, deren Fäden in Berlin gezogen wurden. Für ganze zwei Tage machte ihn der „Führer“ zum österreichischen Regierungschef, doch dieses Amt wurde mit dem „Anschluss“ obsolet. Seyß-Inquart wurde Reichsminister ohne Geschäftsbereich. Da war aus einem schüchternen katholischen Advokaten längst ein sattelfester klerikalfaschistischer NS-Machtmensch geworden.
  Der Wiener Historiker Johannes Koll hat eine voluminöse Biografie über diesen Mann vorgelegt, die eine „Umwertung“ des Bildes von Seyß-Inquart belegt: In Österreich gilt Seyß-Inquart mitunter immer noch als „katholischer Gentleman mit leichten nazistischen Einschlägen“. Koll ist es mit seiner Biografie gelungen nachzuvollziehen, wie ein eigentlich intelligenter, gebildeter und kultivierter Mensch dazu kommen konnte, aktiv und voller Überzeugung an dem größten Menschheitsverbrechen teilzunehmen.
  Schwerpunkte der Koll’schen Studie bilden die systematische Judenverfolgung, an der Seyß-Inquart bereits nach dem „Anschluss“ in der nun genannten „Ostmark“, 1939 als Stellvertreter des Generalgouverneurs im polnischen Generalgouvernement, und schließlich zwischen 1940 und 1945 als „Reichskommissar“ in den besetzten Niederlanden maßgebend beteiligt war, sowie Seyß-Inquarts politisches Instrumentarium, mit dem er sich an die Spitze der nationalsozialistischen Verwaltung hochgearbeitet hatte.
  Dass Seyß-Inquart ein überzeugter Nationalsozialist in der Uniform eines SS-Generals gewesen war, und jede Möglichkeit genutzt habe, um seine Karriere innerhalb des NS-Regimes voranzutreiben, daran lässt Koll keinen Zweifel. Seyß-Inquart habe ein Talent gehabt, mit den richtigen Leuten zum richtigen Zeitpunkt zusammenzukommen. Idealismus, Karrierismus und Pragmatismus, alle drei Grundhaltungen könne man in Seyß-Inquarts Handeln finden, so Koll. Seyß-Inquart war ein ehrgeiziger Schreibtischtäter, ein furchtbarer Austronazi, der ein ganzes Land mit unbarmherzigem Terror, Zerstörung und Barbarei überzog, Verbrechen, die in der niederländischen Geschichte singulär sind. Öffentlicher und privater Besitz wurde im großen Stil geplündert; durch seine Anordnungen wurde der Anschein der Legalität gewahrt. In seinen letzten Monaten in den Niederlanden gab der einst so distanzierte und kühle Intellektuelle detaillierte Exekutionsbefehle, und legte die Zahl der Opfer eigenhändig vorher fest.
  In Den Haag trat Seyß-Inquart als antisemitischer Hardliner auf und trat für einen „erweiterten Judenbegriff“ ein. Was er unter dem Ziel der „Sonderbehandlung des Juden“ in den Niederlanden verstand, formulierte er so: „Seine vollkommene Ausscheidung aus dem niederländischen Volkskörper ist im Gange.“ Und er führte dabei mit verbissener Entschlossenheit Regie. Sein verbaler Radikalismus stand im Einklang mit der Wirklichkeit der von ihm zu verantwortenden deutschen Besatzungspolitik. Sich auf den „Führer“ berufend, stellte er unmissverständlich fest, dass die Juden in Europa ihre Rolle ausgespielt hätten. Die reibungslose Durchführung der Judenverfolgung rangierte für Seyß-Inquart im Zweifelsfall vor dem konzipierten Ziel der Gewinnung der Niederländer für den Nationalsozialismus.
  Unter seinem Terrorregime wurden 120 000 der 140 000 Juden Hollands nach Auschwitz deportiert. Vor dem Nürnberger Tribunal behauptete Seyß-Inquart, dass es den Juden dort „verhältnismäßig gut“ gegangen sei und er gedacht habe, dass man sie in Auschwitz für die Neuansiedlung nach dem Kriege festhalte. Dass sein Biograf ihm an einer Stelle zubilligt, kein „Verbrecher im kriminologischen Sinn“ gewesen zu sein, mag verwundern, wenn er ihm andererseits die Gesamtverantwortung für die Brutalisierung und Radikalisierung in den Niederlanden durch eigene Beiträge zuschreibt.
  Frappierend für Koll war, welche großen Handlungsspielräume Seyß-Inquart innerhalb der NS-Verwaltung gehabt habe. „Das gibt interessante Aufschlüsse über jene Leute, die nach Kriegsende behauptet haben, sie seien nur ein Rädchen in einem großen Getriebe gewesen. So etwas zu falsifizieren und zu zeigen, dass sie zum Teil eine ganz eigene Politik betreiben konnten, das sind die interessanten Momente“, betont Koll. Ein Rädchen im Getriebe der nationalsozialistischen Gewaltpolitik, das war Seyß-Inquart gewiss nicht – er war ein Rad.
  In Nürnberg endete Seyß-Inquarts Karriere – am 16. Oktober 1946 am Strick. Der Vertreter der Anklage hatte ihn „gefährlich“ und „zügellos“ genannt und zu den „schlauen Tyrannen“ gezählt. Er habe Macht mit Betrug, Drohungen mit technischen Mitteln und abwegigen Manövern gepaart, Falschheit hinter einer scheinheiligen Maske verborgen. Als Hauptkriegsverbrecher wurde er, der sich auch vor Gericht als intransigenter Nationalsozialist präsentiert hatte, vom internationalen Militärtribunal schuldig gesprochen wegen Verbrechens der Ausplünderung, Mitwirkung an Deportationen und Ermordung von Menschen. Und diese Verbrechen brachen ihm im Wortsinn das Genick, wobei er wusste, dass sein Strick aus holländischem Hanf gedreht war. Mit einer leichten österreichischen Verbeugung nahm der Angeklagte, der sich bis zuletzt zu seinem „Führer“ bekannte, nach dessen testamentarischen Willen er am 1. Mai 1945 noch deutscher Außenminister hätte werden sollen, das Todesurteil zur Kenntnis.
Ludger Heid ist Neuzeithistoriker. Er lebt in Duisburg.
Als „Reichskommissar“ ließ er
fast alle niederländischen Juden
in Vernichtungslager deportieren
Herrscher über Leben und Tod in den Niederlanden: „Reichskommissar“ Arthur Seyß-Inquart (Mitte) während einer Parade im Februar 1941 in Amsterdam.
Foto: picture-alliance /akg-images
  
  
  
Johannes Koll,
Arthur Seyß-Inquart und die deutsche Besatzungspolitik in den Niederlanden (1940-1945). BöhlauVerlag 2015, 691 Seiten. 59,90 Euro.
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