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Im Mittelpunkt dieses grundlegenden Buches stehen Alexis de Tocqueville und seine "neue Wissenschaft der Politik". Zum einen liefert Skadi Siiri Krause eine genaue Rekonstruktion von Tocquevilles Konzeption und wirft einen ausführlichen Blick auf ihre Einbindung in die sich gerade erst etablierenden Sozialwissenschaften. Zum anderen zeigt sie, dass Tocquevilles Analyse der Demokratie bis heute höchst relevant ist: als Kritik an dieser spezifischen Staats-, Gesellschafts- und Lebensform. Ein umfassendes Porträt dieses wirkmächtigen Denkers und seiner Zeit. …mehr

Produktbeschreibung
Im Mittelpunkt dieses grundlegenden Buches stehen Alexis de Tocqueville und seine "neue Wissenschaft der Politik". Zum einen liefert Skadi Siiri Krause eine genaue Rekonstruktion von Tocquevilles Konzeption und wirft einen ausführlichen Blick auf ihre Einbindung in die sich gerade erst etablierenden Sozialwissenschaften. Zum anderen zeigt sie, dass Tocquevilles Analyse der Demokratie bis heute höchst relevant ist: als Kritik an dieser spezifischen Staats-, Gesellschafts- und Lebensform. Ein umfassendes Porträt dieses wirkmächtigen Denkers und seiner Zeit.
  • Produktdetails
  • suhrkamp taschenbuch wissenschaft 2227
  • Verlag: Suhrkamp
  • Seitenzahl: 595
  • Erscheinungstermin: 13. November 2017
  • Deutsch
  • Abmessung: 175mm x 106mm x 35mm
  • Gewicht: 363g
  • ISBN-13: 9783518298275
  • ISBN-10: 3518298275
  • Artikelnr.: 48057376
Autorenporträt
Krause, Skadi Siiri§Skadi Siiri Krause war von 2013 bis 2016 wissenschaftliche Mitarbeiterin im DFG-Forschungsprojekt »Theorie und Praxis der Demokratie. Tocquevilles erfahrungswissenschaftliche Konzeption einer Neuen Wissenschaft der Politik« an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 23.01.2018

Besitzbürger sind keine Garantie für Demokratie
Amerikanische Lektionen: Skadi Siiri Krause widmet sich dem eigensinnigen Liberalen Alexis de Tocqueville

Alexis de Tocqueville (1805 bis 1859) hat seinen festen Platz in der Geschichte des politischen Denkens, seine Bücher "Über die Demokratie in Amerika" (in zwei Teilen 1835 und 1840 erschienen) und "Der alte Staat und die Revolution" (1856) sind Klassiker. Im zweiten Werk analysierte Tocqueville, wie sich die von der französischen Revolution vorangetriebene und von Napoleon noch vertiefte Zentralisierung schon in den Strukturen des absolutistischen Staates vorgebildet hatte. Dort finden sich zwei Hypothesen, die in den Sozialwissenschaften mit Tocquevilles Namen verbunden sind und bis in unsere Tage immer wieder bestätigt werden: dass der gefährlichste Augenblick für eine Regierung oder ein Regime gewöhnlich derjenige sei, in dem Reformen eingeleitet werden (heute auch als Gorbatschow-Effekt bezeichnet); dass sich mit dem Abbau sozialer Ungerechtigkeiten keineswegs Zufriedenheit einstellt, sondern verbleibende Ungleichheiten nur noch stärker empfunden werden - ein Phänomen, das zu den Triebfedern des Wohlfahrtsstaates gehört.

Dieses Phänomen ist auch in Tocquevilles Amerika-Buch präsent. Aber dessen Fokus ist weiter. In der Einleitung zum ersten Band, der vor allem die politischen und gesellschaftlichen Zustände beschreibt, die Tocqueville auf einer zehnmonatigen Reise durch Amerika studiert hatte, stellt er seine Erkenntnisse in einen geschichtsphilosophischen Zusammenhang: In der neuen Welt ist die Zukunft Europas gewissermaßen vorweggenommen, nämlich "die allmähliche Entwicklung zur Gleichheit der Bedingungen", die er in allen modernen Gesellschaften für unumkehrbar hält, in der er geradezu ein "Werk der Vorsehung" sieht, das sich nicht aufhalten lasse. Politisch gesehen, führt das zwangsläufig zur Demokratie als Staats- und Regierungsform. Und hier findet sich der Satz, der Skadi Siiri Krauses Buch seinen Titel gegeben hat: "Eine neue Welt bedarf einer neuen politischen Wissenschaft". Anders gesagt: In einem Staat, in dem es keine durch Herkunft oder Stand zur Führung bestimmte Elite mehr gibt, müssen sich auch die Auswahl der Regierenden sowie die Formen und Mittel des Regierens ändern.

Was Tocquevilles neue Wissenschaft ausmacht, was ihre Methoden und ihr Ziel seien, darüber ist gerätselt und gestritten worden. So gilt Tocqueville Raymond Aron als einer der Begründer einer historisch informierten und empirisch orientierten Soziologie. Theodor Eschenburg hat das Besondere von Tocquevilles politischer Wissenschaft als "Synthese von prinzipiellem Denken und empirisch-gesellschaftlicher Analyse" bezeichnet. In einem Nachwort zu dem Amerika-Buch ist er dem nicht unbeträchtlichen Einfluss nachgegangen, den Tocqueville zeitweise, vor allem im Vormärz, auf deutsche Staatswissenschaftler hatte (etwa auf Mohl, Rotteck, Dahlmann), die aus der juridischen Engführung ihres Faches ausbrechen wollten. Wilhelm Hennis dagegen hat Tocqueville in die Traditionslinie der praktischen Philosophie gestellt, die von Aristoteles und in der Neuzeit über Rousseau führt: Bei allen Unterschieden sei es beider Anliegen gewesen, das richtige "Verhältnis von Mensch und Bürger" zu bestimmen; "gegen die Disjunktion des Privaten und des Öffentlichen" in der modernen Welt kämpfe auch Tocqueville.

Krause geht auf diese Diskussionen nur am Rande ein. Sie will Tocquevilles Werk in die zeitgenössischen Debatten einordnen und zeigen, dass er "ein neues Verständnis von Demokratie, Volkssouveränität, Repräsentation und politischem Handeln" formuliert habe. Auf dem Weg dazu hat sie keine wissenschaftlichen Mühen gescheut und neben neuerer Literatur die französischen, amerikanischen und englischen Debatten seiner Zeit aufgearbeitet. Dazu gehören die auch theoretisch ergiebigen politischen Diskussionen über die Revolution und ihre Folgen im Frankreich der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts oder der Streit zwischen "Federalists" und "Anti-Federalists" in Amerika. Dieser ideengeschichtliche Ansatz ist verdienstvoll, aber die umfänglichen Referate der einschlägigen Texte sind auch ein wenig ermüdend. Nicht überraschend zeigt sich, warum Tocqueville im Unterschied zu vielen der zitierten Autoren zum Klassiker geworden ist: Weil er origineller und weitsichtiger war, weil seine Reflexionen und theoretischen Erkenntnisse über die damaligen Debatten hinausführen und bis heute Standards setzen.

Unbestritten ist, dass Tocqueville als zentrales Thema der Demokratie den spannungsreichen Zusammenhang von Gleichheit und Freiheit erkannte. Dort setzen gerne jene Autoren an, die Tocqueville als liberalen oder liberal-konservativen Denker einordnen. Doch die gesellschaftliche wie politische Entwicklung zu immer mehr Gleichheit ist für ihn eine weltgeschichtliche Tatsache, gegen die ein direktes Anrennen vergebens ist. Inhärent ist ihr die Tendenz zur Zentralisierung der Macht bei einem Staat, der allzuständig wird und damit die Bürger zwar womöglich versorgt, sie aber auch entmündigt. Fortschreitende Gleichheit in Form einer wohlwollenden Despotie bedroht die Freiheit vor allem dann, wenn (und weil) die Bürger immer mehr in ihrer - durchaus legitimen - Rolle als Vertreter ihrer vornehmlich materiellen Interessen aufgehen, mit der Tendenz, auf die Beteiligung an den öffentlichen Angelegenheiten zu verzichten.

Dort aber wird idealiter ein Ausgleich zwischen privaten und öffentlichen Interessen geleistet, jedenfalls wird in der politischen Debatte über die Bedingungen der Freiheit mitentschieden. Mit Aufrufen zu bürgerlicher Tugend ist es dabei nicht getan; es bedarf korrigierender Strukturen und Institutionen, welche Teilhabe an der Res publica eröffnen, erleichtern oder geradezu erzwingen. Dazu gehören die Meinungs-, die Presse-, die Religions-, die Vereinigungs- und die Versammlungsfreiheit. Die alles überwölbende politische Idee ist für Tocqueville jedoch ein Föderalismus, dessen Keimzelle die kommunale Selbstverwaltung ist, wie er sie in den Neuengland-Staaten kennengelernt hatte. Nichts unterscheidet sich stärker vom französischen Zentralismus als diese nach dem Subsidiaritätsprinzip organisierte dezentrale Form der Selbstorganisation, die das Entstehen eines kompakten Zentrums der Macht und damit einer "Tyrannei der Mehrheit" verhindert. Amerika, Du hast es besser - der Satz könnte auch von Tocqueville stammen, denn im Unterschied zu Europa hatte sich Amerika als "Neue Welt" nicht mit der Last eines historischen Erbes herumzuplagen, sondern entwickelte sich aus seinen Kolonien heraus zu einem so eigenartigen wie einzigartigen politischen Gebilde. Die Gleichheit mit ihrer Tendenz zur Konzentration der Macht wird darin konterkariert durch die aus ihrer Historie erwachsene Neigung der Amerikaner, zu allen möglichen (unter anderem auch religiösen) Zwecken Vereinigungen zu bilden, die sich dann auch in der Politik zur Geltung bringen. In diesem, modern gesprochen, partizipativen Element und Elan sieht Tocqueville nicht nur das Gegengewicht zur Konzentration der Macht, sondern auch ein Korrektiv des Individualismus, der Eigensucht und des ausgeprägten Strebens nach materiellen Gütern, die er bei den Amerikanern konstatiert. Das sind in seinen Augen zwar unvermeidliche Begleiterscheinungen von Gleichheit und Demokratie, aber Tocqueville beschreibt sie doch mit einem Unterton der Missbilligung - insofern war er, wie Hennis trocken konstatiert hat, in der Tat ein "sonderbarer Liberaler".

Krause referiert das alles umfänglich und kommt am Schluss ihres Buches zu einer Betrachtung über Tocquevilles neue Politische Wissenschaft, die ganze zehn Seiten umfasst. Da findet sich wenig, was nicht schon andernorts geschrieben worden wäre, und die "Frage nach der Modernität Tocquevilles und nach den Möglichkeiten, an den Demokratietheoretiker des 19. Jahrhunderts anzuknüpfen", beantwortet Krause mit einem engagierten Plädoyer gegen heutige Gefährder der Demokratie wie Trump oder Erdogan sowie rechtspopulistische Parteien und Regierungen.

Sie müssten durch die Erhaltung und den Ausbau der freiheitsstiftenden Handlungsräume bekämpft werden, deren amerikanisches Vorbild Tocqueville seinen Zeitgenossen nahebringen wollte - ein etwas schlichtes Ergebnis angesichts des vorhergehenden Aufwands. Willy Brandt hat das mit dem Satz "Mehr Demokratie wagen" kürzer gesagt. Dass Tocqueville in seinem Amerika-Buch auch gezeigt hat, welche Gefahren dieses Rezept birgt, verliert die Autorin im Schwung ihres politischen Plädoyers weitgehend aus den Augen.

GÜNTHER NONNENMACHER.

Skadi Siiri Krause: "Eine neue Politische Wissenschaft für eine neue Welt". Alexis de Tocqueville im Spiegel seiner Zeit.

Suhrkamp Verlag, Berlin 2017. 595 S., br., 28,- [Euro].

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»[Krause] will Tocquevilles Werk in die zeitgenössische Debatten einordnen und zeigen, dass er 'ein neues Verständnis von Demokratie, Volkssouveränität, Repräsentation und politischem Handeln' formuliert habe. Auf dem Weg dazu hat sie keine wissenschaftlichen Mühen gescheut.«
Günther Nonnenmacher, Frankfurter Allgemeine Zeitung 23.01.2018