Genuss als Politikum - Sigmund, Monika

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Zwischen Währungsreform und Wiedervereinigung besaß Kaffee als Wohlstandsindikator in Ost und West einen hohen Symbolwert im individuellen und gesellschaftlichen Selbstverständnis. Monika Sigmund zeigt in ihrer vergleichend angelegten und reich illustrierten Darstellung den Stellenwert und die emotionale Aufladung, die mit einer Tasse Kaffee verbunden waren. In der DDR reichte eine Verschlechterung der Kaffeequalität, um massenhaften Konsumentenprotest und damit eine Legitimationskrise des SED-Regimes hervorzurufen. In der Bundesrepublik kritisierten Verbraucher die ausbeuterischen…mehr

Produktbeschreibung
Zwischen Währungsreform und Wiedervereinigung besaß Kaffee als Wohlstandsindikator in Ost und West einen hohen Symbolwert im individuellen und gesellschaftlichen Selbstverständnis. Monika Sigmund zeigt in ihrer vergleichend angelegten und reich illustrierten Darstellung den Stellenwert und die emotionale Aufladung, die mit einer Tasse Kaffee verbunden waren. In der DDR reichte eine Verschlechterung der Kaffeequalität, um massenhaften Konsumentenprotest und damit eine Legitimationskrise des SED-Regimes hervorzurufen. In der Bundesrepublik kritisierten Verbraucher die ausbeuterischen Produktionsbedingungen in der "Dritten Welt" und nahmen Einfluss auf die Präsentation des Genussmittels in der Werbung. Der Kaffeegenuss war hier wie dort weit mehr als ein privater Akt.
  • Produktdetails
  • Studien zur Zeitgeschichte Bd.87
  • Verlag: Oldenbourg; De Gruyter Oldenbourg
  • 2014
  • Ausstattung/Bilder: 2015. X, 342 S. 79 z.Tl. farbige Abb. und Grafiken. 242 mm
  • Deutsch
  • Abmessung: 241mm x 161mm x 25mm
  • Gewicht: 640g
  • ISBN-13: 9783486778410
  • ISBN-10: 3486778412
  • Best.Nr.: 40709913
Autorenporträt
Monika Sigmund, Publizistin und Historikerin, Hamburg.
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Kai Spanke hat Freude an Monika Sigmunds historischer Studie über die Ware Kaffee in der Bundesrepublik und in der DDR. Dass die Autorin Konsumgeschichte als Gesellschaftsgeschichte erzählt, scheint Spanke sinnvoll, derart eng, das lehrt ihn die Lektüre, sind und waren der Konsum von Kaffee, soziale Praktiken und Sinngebungsstrategien hüben wie drüben miteinander verzahnt. Es geht um Kaffeeschmuggel, Werbung, Kritik der Verbraucher und ein höchst wandelbares Image, von der Autorin laut Spanke mit reichlich Bildmaterial illustriert.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 09.03.2015
Genussmittel
des Volkes
Eine Geschichte des
Kaffeekonsums in Ost und West
Seit einiger Zeit erlaubt sich die Wohlstandsgesellschaft einen bemerkenswerten Widerspruch: Sie feiert den Genuss und die Ausschweifung genauso wie die Mäßigung und den Verzicht. Der Philosoph Slavoj Žižek hat Erquickung und Entsagung zusammengedacht und darauf hingewiesen, dass wir gerne genießen, ohne zu genießen. Wir konsumieren Sahne ohne Fett, Bier ohne Alkohol und Kaffee ohne Koffein. Ein solches Verhalten hat häufig mit privaten Ideologien zu tun, die Fürsprecher folgen Überzeugungen, welche sie unbedingt verteidigen. Im Falle des Kaffees gilt das außerdem für die Zubereitungsweise; ob man ihn schwarz, als Cappuccino, Café au lait oder Espresso zu sich nehmen sollte, ist gewiss Geschmackssache. Dass persönliche Vorlieben jedoch in hohem Maße von gesellschaftlichen Faktoren abhängen und feine Unterschiede markieren, wird häufig vergessen.
  Kaffee war in Deutschland stets ein politisches Gut mit beträchtlichem Symbolgehalt. Von seiner wirtschaftlichen Relevanz zu schweigen: Neben Erdöl ist Kaffee der global wichtigste Exportrohstoff. Nun hat sich die Historikerin Monika Sigmund des Themas angenommen. In ihrer lesenswerte Studie „Genuss als Politikum“ geht es um die Ware Kaffee in der Bundesrepublik und der DDR. Sigmund zeigt, wie eng Kaffeekonsum, soziale Praktiken und Sinngebungsstrategien miteinander verbunden sind, wie lebendig der Kaffeeschmuggel zwischen Nachkriegszeit und Wirtschaftswunder war, wie sich Verbraucherkritik auf die Kaffeewerbung auswirken kann und wie wandelbar das Image des Kaffees ist. Konsumgeschichte wird so zu Gesellschaftsgeschichte.
  Während Kaffee in den Fünfzigerjahren ein Luxusartikel war, wurde er in den Sechzigern aufgrund von massiver Überproduktion und der Entwicklung des Weltmarktes zunächst zum Sonntags-, dann zum Alltagsgetränk. 1951 etwa betrug der jährliche Pro-Kopf-Verbrauch von Bohnenkaffee in der DDR 11,2 Gramm, knapp eine Dekade später wurde die Ein-Kilo-Marke geknackt. Anders in der Bundesrepublik. Dort stieg der Kaffeeverbrauch in einkommensschwachen Haushalten zwischen 1952 und 1956 von monatlich 22 auf 81 Gramm. 1961 tranken die Bundesdeutschen dann erstmals mehr Kaffee als Bier.
In den Siebziger- und Achtzigerjahren hat sich der Kaffee schließlich zur Massenware gemausert. Wenige Großkonzerne begannen in der Bundesrepublik damit, den Kaffeemarkt unter sich aufzuteilen, in der DDR führte ein Importrückgang 1977 zur sogenannten Kaffeekrise. Albert Norden, Mitglied im Politbüro, erkannte die Brisanz der Situation und schrieb an Erich Honecker: „Hier geht es ja nicht um irgendeine Versorgungsposition, sondern um ein Volksgenußmittel im besten Sinne des Wortes. Es ist für mich einfach unvorstellbar, daß wir den Ausschank von Bohnenkaffee in den Gaststätten völlig einstellen wollen, zukünftig nur noch etwa 20 Prozent der jetzigen Menge an Bohnenkaffee in den Geschäften verkaufen und der Rest als Mischkaffee angeboten werden soll.“ Am Ende zwangen Bürgerproteste, die bis 1989 beispiellos bleiben sollten, den Staat zu Eingeständnissen.
  Sigmunds Untersuchung bietet reichlich Bildmaterial. Es finden sich Karikaturen, Werbeseiten, Grafiken und DDR-Propaganda aus dem Kalten Krieg. Eine Fotomontage von 1965 zeigt, wie sich ein westdeutsches Paar am Frühstückstisch entspannt. Sie gießt Kaffee in eine Tasse, er schnuppert an einem Glas Nescafé. Im Mittelgrund sieht man Garten und Haus, im Hintergrund den Pilz einer nuklearen Explosion. Der Text dazu: „Uns passiert nichts. Wir sind unpolitisch.“ Der Kaffeetisch als „Synonym für die sorglose Wohlstandsidylle“ ist aber nur die eine Seite der Medaille. Im Juni 1981 verteilten Aktivisten in mehreren westdeutschen Städten Flugblätter gegen unfairen Handel mit lateinamerikanischen Ländern und boten zugleich Kaffee aus Dritte-Welt-Läden an. Das dahinter stehende Bewusstsein hat sich bis heute gehalten.
Ebenfalls gehalten hat sich die absatzfördernde Maßnahme einiger Firmen, neben Kaffee ein Zusatzsortiment anzubieten. Deswegen kam es 1973 zum Eklat zwischen Tchibo und dem Buchhandel. Wer beim Filialisten ein Pfund Kaffee für 7,90 DM kaufte, hatte die Möglichkeit, zusätzlich das Buch „Kochen heute“ des Verlags Gräfe und Unzer zum Preis von 8,05 DM zu erwerben. Dieses Buch kostete regulär 55 DM. Eduscho ging ähnlich vor und verscherbelte 1977 Hildegard Knefs Bestseller „Der geschenkte Gaul“ für 7,95 DM. Der Einzelhandel hatte bald genug davon und revanchierte sich, indem er 1982 zentnerweise Markenkaffee zu Schleuderpreisen anbot. Den Unternehmen war das auf lange Sicht egal, sie machen bis heute weiter wie gehabt. Statistisch gesehen, weiß Monika Sigmund, „besaß 2006 jede deutsche Frau einen Tchibo-BH, und in jedem zweiten Haushalt stand ein Tchibo-Spargeltopf“. So kommen selbst die Deutschen, die keinen Kaffee trinken, nicht recht an diesem Genussmittel vorbei.
KAI SPANKE
Monika Sigmund: Genuss als Politikum. Kaffeekonsum in beiden deutschen Staaten. Oldenbourg/De Gruyter, Berlin/München/Boston 2015. 342 Seiten, 49,95 Euro.
Der Kaffeetisch taugte zum
Symbol der sorglosen
Wohlstandsidylle
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"Da sei aus einem Promotionsvorhaben ein feines, gut lesbares Buch geworden, resümieren die versammelten Fachwissenschaftler." Richard Rabensaatin: Potsdamer Neueste Nachrichten, 27. Mai 2015 "Sigmund zeigt, wie eng Kaffekonsum, soziale Praktiken und Sinngebungsstrategien miteinander verbunden sind, wie lebendig der Kaffeeschmuggel zwischen Nachkriegszeit und Wirtschaftswunder war, wie sich Verbraucherkritik auf die Kaffeewerbung auswirken kann und wie wandelbar das Image des Kaffees ist. Konsumgeschichte wird so zur Gesellschaftsgeschichte." Kai Spanke in: Süddeutsche Zeitung, 9. März 2015