Die mediale Inszenierung von Amok und Terrorismus

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Schulamokläufer und Terroristen sichern sich durch das kalkulierte Ausüben von Gewalt einen Platz in den Schlagzeilen der Weltpresse. Sie folgen damit einer bewährten Kommunikationsstrategie, die ebenso menschenverachtend wie durchschaubar ist. Dieses Kalkül der Täter geht insbesondere dann auf, wenn Medien die destruktiven Botschaften der Täter ungefiltert weitertragen. Sie verbreiten auf diese Weise Angst in der Gesellschaft, belasten die Opfer und liefern im schlimmsten Fall eine Inspiration für Nachahmer. Mit Hilfe von Erkenntnissen aus Psychologie, Kommunikationswissenschaft und…mehr

Produktbeschreibung
Schulamokläufer und Terroristen sichern sich durch das kalkulierte Ausüben von Gewalt einen Platz in den Schlagzeilen der Weltpresse. Sie folgen damit einer bewährten Kommunikationsstrategie, die ebenso menschenverachtend wie durchschaubar ist. Dieses Kalkül der Täter geht insbesondere dann auf, wenn Medien die destruktiven Botschaften der Täter ungefiltert weitertragen. Sie verbreiten auf diese Weise Angst in der Gesellschaft, belasten die Opfer und liefern im schlimmsten Fall eine Inspiration für Nachahmer. Mit Hilfe von Erkenntnissen aus Psychologie, Kommunikationswissenschaft und Kriminologie zeigen die Autoren Möglichkeiten auf, schonend über derartige Taten zu kommunizieren. Ihre pragmatischen Leitlinien für einen konstruktiven medialen Umgang mit Gewalt erlauben es, die Gefahr von Nachahmungstaten zu verringern und das Leid der Opfer zu lindern.
  • Produktdetails
  • Verlag: Springer, Berlin; Springer Fachmedien Wiesbaden
  • Artikelnr. des Verlages: 978-3-658-12135-8
  • 1. Aufl. 2016
  • Erscheinungstermin: 19. April 2016
  • Deutsch
  • Abmessung: 211mm x 149mm x 17mm
  • Gewicht: 308g
  • ISBN-13: 9783658121358
  • ISBN-10: 3658121351
  • Artikelnr.: 44247471
Autorenporträt
Dr. Frank J. Robertz ist Professor für Kriminologie und Sozialwissenschaften an der Fachhochschule der Polizei des Landes Brandenburg. Er hat unter anderem grundlegende Arbeiten zu jugendlichen Amokläufern und deren Gewaltphantasien verfasst.

Robert Kahr ist Kommunikationswissenschaftler und Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachgebiet "Einsatzlagen der Schwerkriminalität" an der Deutschen Hochschule der Polizei. Er promoviert zum Themenbereich Terrorismus und Social Media.

Inhaltsangabe
Berichterstattung als Anlass zur Eskalation.- Phantasien absoluter Gewalt.- Mediale Tradierung von School Shootings.- Nachahmungseffekt bei Terrorismus.- Verantwortung von Journalisten.
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur WELT-Rezension

Christian Meier lobt den von Frank J. Robertz und Robert Kahr herausgegebenen Band, in dem der Kriminologe und der Medienwissenschaftler den Umgang der Medien mit Gewalttätern, insbesondere Amokläufern und Terroristen kritisieren. Wenn die Autoren zu einer zurückhaltenden, Täter und Tat nicht inszenierenden Berichterstattung raten, erinnert Meier zwar an das utopische Element einer solchen Forderung in Zeiten des Internets, kann die Forderung aber nachvollziehen, die darauf abzielt, keine Nachahmungstäter zu motivieren. Das Dilemma der Medien zwischen Zurückhaltung und Informationsauftrag tritt Meier mit diesem Buch deutlich vor Augen.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 08.08.2016
„Man wird
noch berühmt“
Wie Medien mit Amoktaten umgehen sollten
In Deutschland ist es eine Romanfigur aus der Sturm-und-Drang-Zeit, Goethes Werther mit seiner unerfüllten Liebe, seinem Hang zu Poesie und am Ende seinem pathetischen Entschluss zum Suizid. In den USA ist es Marilyn Monroe. Als die Schauspielerin sich 1962 in ihrem Schlafzimmer das Leben nahm, stieg die Selbstmordrate in Los Angeles für einige Wochen auf das Doppelte an. Große wie kleine Zeitungen hatten berichtet, überaus anschaulich und mit viel Sympathie für die Motive der lebensmüden Diva. Landesweit gab es in jenem August sogar zweihundert mehr Selbstmorde als sonst – Nachahmer, die viele Journalisten hinterher erschrecken ließen und die an jene Suizidwelle im Europa des Herbsts 1774 erinnerten, als auch Goethes Werther so viele vermeintliche Romantiker zum „Freitod“ inspiriert hatte, dass der Briefroman in Italien, Deutschland und Dänemark zeitweise verboten wurde.
  Seither hat es Selbstkritik der Medien gegeben, vielerorts haben sie sich Zurückhaltung auferlegt, wenn es um Selbstmorde geht, und es gibt auch positive Erfahrungen, die sie darin bestätigen. Als in Wien 1978 die U-Bahn eröffnet wurde, stürzten sich reihenweise Menschen auf die Gleise. Es wurde oft berichtet. 1987 hörten die Journalisten schlagartig auf – und auch die Taten gingen um 80 Prozent zurück.
  Müssten Journalisten sich bei Amokläufen nicht genauso zurückhalten, fragen die Kriminologen Frank J. Robertz und Robert Kahr, die an Fachhochschulen der Polizei lehren, in ihrem jüngst (noch vor dem Münchner Amoklauf) erschienenen Sammelband. Parallelen zum öffentlichen Suizid lägen auf der Hand: So ruhmsüchtig, wie jugendliche Amoktäter seien, so begierig darauf, ihr kleines privates Unglück wenigstens einmal auf die große Bühne zu bringen und damit ihre Feinde und Mobber zu beschämen – wäre es da nicht das einzig Verantwortliche, sie medial ins Leere laufen zu lassen? Zumal angesichts von Nachahmungseffekten?
  Bei Amok ist es anders als bei Suizid, mag man gleich einwenden, moralisch schwieriger für Berichterstatter. Es geht nicht nur um eine Person, die ihr Schicksal mit sich selbst ausgemacht hat. Das könnte man ja auf sich beruhen lassen und beschweigen. Es gibt Opfer, denen öffentliche Anteilnahme mitunter auch guttut. Es gibt Fragen, denen sich die Sicherheitsbehörden stellen müssen, auch öffentlich. Wenn den beiden Kriminologen trotzdem ein starkes Plädoyer gelingt, dann liegt das an ihrer akribischen Beschreibung einer neu entstandenen Subkultur, einer „virtuellen Peergroup“, wie sie es nennen. „Ich weiß, wir werden Anhänger haben“, prophezeite einer der beiden Täter des Columbine-Schulmassakers von 1999. „Wir werden eine Revolution lostreten“, glaubte der andere. Die Autoren des Sammelbands – unter anderem aus den USA und dem mit Schulamokläufen erfahrenen Finnland – geben zahlreiche Beispiele dafür, wie seither gemobbte Schüler in den USA, Finnland, Deutschland, Australien, England und Brasilien die Columbine-Tat als Blaupause genutzt haben. „Offenbar fanden viele der späteren Täter durch die Auseinandersetzung mit den Selbstdarstellungen ihrer Vorgänger eine neue Sinngebung, die ihnen ermöglichte, (. . .) sich als omnipotente Rächer neu zu erfinden.“
  Beispiel Emsdetten. Der ehemalige Realschüler, der dort 2006 um sich schoss, trug einen schwarzen Trenchcoat, darunter ähnlich bizarre Waffen wie die Columbine-Mörder, er gab sich das Online-Pseudonym „ResistantX“, schrieb zuvor in Onlineforen: „Es ist erschreckend, wie ähnlich Eric (einer der beiden Columbine-Täter, Anm. d. Red.) mir war. Manchmal kommt es mir so vor, als würde ich sein Leben noch einmal leben.“ Was seine Selbstinszenierung anging, zeigte er die Sehnsucht, „durch subkulturelle Anerkennung zu einem recherchierbaren Teil der Geschichte zu werden“, schreiben die Kriminologen Robertz und Kahr. In Onlineforen hatte er erklärt, Rache im Namen aller Unterdrückten nehmen zu wollen, ähnlich wie einige School Shooter in den USA und in den beiden darauffolgenden Jahren im finnischen Jokela und Kauhajoki. In einem der Videos, die der Emsdettener hinterließ, erklärte er sich sogar auf Englisch.
  „Ich bin keine Kopie von REB, VoDKa, Steini, Gill, Kinkel, Weise oder sonst wem!“, schrieb der 18-jährige Emsdettener einmal mit Bezug auf die Pseudonyme vorangegangener Amokläufer. „Ist ein kleiner Dorfpriester nur ein ,Nachahmungstäter‘ des Papstes? Nein! Natürlich nicht! Er glaubt an dieselbe Sache wie der Papst, aber er macht ihn nicht nach.“ Auch der 18-jährige Täter des Münchner Amoklaufs vom 22. Juli ist jetzt von Sympathisanten gefeiert worden: „Er hat es getan, er hat es wirklich getan“ freute sich ein User der Onlinegruppe „social club misfits gang“, die Besucher mit einem Hakenkreuz und den Worten „Willkommen, künftiger Amokläufer“ begrüßt. Der Münchner war in mehreren solcher Gruppen gewesen.
  Es überrascht nicht, dass potenzielle Nachahmer besonders stark angesprochen werden, wenn sie Gemeinsamkeiten mit früheren Tätern entdecken. Deshalb appellieren die Kriminologen Robertz und Kahr an Journalisten, möglichst keine Porträts der Täter zu zeichnen, die eine Identifikation mit ihnen erleichtern. Vor allem aber geht es ihnen um etwas, das sie „Täter-PR“ nennen. Der Schulamokläufer im amerikanischen Blacksburg, Virginia, unterbrach 2007 seine Tat, um ein Paket mit Fotos, Texten und Videos für den Fernsehsender NBC in die Post zu geben. Ein finnischer Täter lud sein „Medienpaket“ hoch, zwanzig Minuten bevor er sein erstes Opfer erschoss. 2009 schrieb der Winnenden-Amokläufer über seine Ziele: „Also ich meine nur, man wird noch berühmt und bleibt anderen Menschen im Gedächtnis.“
  Die beiden Columbine-Attentäter, mit denen diese ganze Welle begann, brachten ihre unzähligen Videos, Fotos und Texte gar nicht zur Post. Die Polizei, die das Material fand, wollte es unter Verschluss halten. Erst eine Klage der Denver Post zwang sie zur Veröffentlichung.
RONEN STEINKE
Frank J. Robertz, Robert Kahr (Hrsg.):
Die mediale Inszenierung von Amok und Terrorismus. Zur medienpsychologischen Wirkung des Journalismus bei exzessiver Gewalt. Springer Berlin 2016, 218 Seiten, 29,99 Euro. E-Book: 22,99 Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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“… analysieren Wissenschaftler und Praktiker Kommunikationsaspekte von Terror- und Amok-Taten. Im Zentrum stehen die Verantwortung der Medien und eine Berichterstattung, die für die Verbreitung der verqueren Gedanken der Täter sorgt. Die Inszenierung von Amok und Terrorismus wird von mehreren Seiten aus beleuchtet.” (Polizei, Heft 4, 2016)

“... ergänzen die weiteren, im Buch sorgfältig erarbeiteten Richtlinien so, dass sie für Praktiker einen sinnvollen Leitfaden für den Umgang mit Gewaltverbrechen darstellen ...” (Guido Keel, in: rkm – Rezension Kommunikation Medien, 15. März 2017)