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"Die Revolution ist wie Saturn, sie frißt ihre eigenen Kinder", und das tut sie bei Mo Yan in einem wörtlichen Sinn: Gerüchte besagen, dass in einer entlegenen Provinz Chinas dekadente Parteikader, die nach der Wirtschaftswende zu Reichtum gekommen sind, kleine Kinder nach allen Regeln der Kochkunst zubereiten lassen. Sonderermittler Ding Gou'er wird in die "Schnapsstadt" entsandt, um der Sache auf den Grund zu gehen. Doch kaum hat Ding den Fall aufgegriffen, sieht er sich konfrontiert mit einer wahnhaften Welt ...…mehr

Produktbeschreibung
"Die Revolution ist wie Saturn, sie frißt ihre eigenen Kinder", und das tut sie bei Mo Yan in einem wörtlichen Sinn: Gerüchte besagen, dass in einer entlegenen Provinz Chinas dekadente Parteikader, die nach der Wirtschaftswende zu Reichtum gekommen sind, kleine Kinder nach allen Regeln der Kochkunst zubereiten lassen. Sonderermittler Ding Gou'er wird in die "Schnapsstadt" entsandt, um der Sache auf den Grund zu gehen. Doch kaum hat Ding den Fall aufgegriffen, sieht er sich konfrontiert mit einer wahnhaften Welt ...
  • Produktdetails
  • UT Nr.563
  • Verlag: Unionsverlag
  • Seitenzahl: 511
  • Erscheinungstermin: 16. Februar 2012
  • Deutsch
  • Abmessung: 190mm x 116mm x 37mm
  • Gewicht: 454g
  • ISBN-13: 9783293205635
  • ISBN-10: 3293205631
  • Artikelnr.: 34556230
Autorenporträt
Mo Yan,
Mo Yan (was so viel heißt wie »keine Sprache«) ist das Pseudonym von Guan Moye. Er wurde 1956 in Gaomi in der Provinz Shandong geboren und entstammt einer bäuerlichen Familie. Spätestens seit Zhang Yimous preisgekrönter Verfilmung seines Romans Das rote Kornfeld gilt Mo Yan auch international als einer der wichtigsten und erfolgreichsten Autoren der chinesischen Gegenwartsliteratur. 2012 wurde Mo Yan mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet.

Peter Weber-Schäfer,
Peter Weber-Schäfer war von 1968 bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2000 Professor für Politik Ostasiens an der Ruhr-Universität Bochum. Neben wissenschaftlichen Publikationen hat er auch eine Anzahl von Übersetzungen belletristischer Literatur aus dem Chinesischen, dem Japanischen und dem Englischen veröffentlicht.
Rezensionen
Besprechung von 03.12.2002
Das lächelnde Bewußtsein
Affenscharf : Mo Yan bringt die Geschmacksknospen auf Trab

Vielleicht steht am Ende jedes großen Glaubens der Menschheit die Verdauung: der direkte Blick auf den Körper und seine Überlebensfunktion, die rauschhafte Freude am Sinnesreiz und das Leid am Exzeß. Rabelais markiert mit seinen grotesken Wort- und Freßorgien den Ausklang der mittelalterlichen Gottvertrautheit. George Orwells "Animal Farm" zeigt den Verrat an den Revolutionsidealen als Transformation der herrschenden Schweine in fressende Menschen. Und in Mo Yans nun übersetztem Roman "Die Schnapsstadt", der im Original 1992 erschienen ist, wird nicht nur ein üppiges Fresko der Speisen und der Spirituosen, des Schlemmens und der Schilddrüsenaktivität entworfen, eine nachrevolutionäre Besinnung auf die Freuden der Sinnlichkeit. Im Zentrum dieses Porträts Chinas steht vielmehr ein ungeheuerlicher Verdacht: Die Parteikader einer Provinzstadt äßen saftige "Fleischkinder", "kleine Tiere in menschlicher Gestalt, die gemäß für beide Seiten verbindlichen Verträgen produziert werden, um den wachsenden Anforderungen der Entwicklung und des Wohlstands in Jiuguo nachzukommen". Gesotten, gebraten, gegart: Am Ende verdaut die Revolution ihre Kinder.

Mo Yan, Jahrgang 1956, kann auf ein umfangreiches Werk zurückblicken und wird sogar als Nobelpreiskandidat Chinas gehandelt. Auch im Ausland hat er sich einen Namen gemacht: mit dem Roman "Das rote Kornfeld" (1986, deutsch 1993), der hauptsächlich im ländlichen China der Revolutionsjahre spielt und dem westlichen Publikum auch dank der Verfilmung Zhang Yimous ein Begriff ist. Mit "Die Schnapsstadt" ist Mo Yan in der urbanen Gegenwart der Volksrepublik angelangt und stellt fest: Trotz - oder wegen - des erworbenen Wohlstands ist etwas faul im Staat.

Um den Kannibalismusverdacht herum legen sich in Schleifen die verschiedenen Erzählstränge dieses großartigen Romans: Es gibt einen Krimi, in dem Sonderermittler Ding Gou'er dem unglaublichem Gerücht auf den Grund gehen soll, statt dessen jedoch dem weißen Nacken einer temperamentvollen Lastwagenfahrerin verfällt. Weiter folgt der Leser einem Briefwechsel zwischen dem Romanautor und einem ehrgeizigen Doktoranden der Alkoholkunde, der Schriftsteller werden möchte. Es ist ein Austausch über das literarische Schreiben und seine Bedingungen, er greift aber auch Themen des Krimis auf und verleiht ihnen Plausibilität. Die Erzählungen des Doktoranden Li Yidou werden ebenfalls geliefert, sie infizieren den Krimi des Mentors und lassen aus der Figur des heroischen Ermittlers ein frustriertes, alkoholkrankes Wrack werden. Auf einer letzten Erzählebene treffen Mo Yan und sein Schüler aufeinander, und alles löst sich auf in einem finalen Schnapsdelirium.

Der Schnaps ist es, der die zweite Schlüsselstelle des Romans besetzt. Schon "Das rote Kornfeld" hatte es verstanden, über Herstellung und Konsum von Alkohol die gesamte ländliche Lebenswelt zu entfalten. In "Die Schnapsstadt" ist Alkohol zum Prinzip des Geistigen in einer unheilbar materialistisch gewordenen Gesellschaft geworden. Allerdings bringt nicht erst der Kater das Ende der Fröhlichkeit; schon der Rausch selbst schlägt um in einen "bad trip". So liefert der Roman neben einer mitreißenden Geschichte zugleich einen Bericht ihrer Genese und die Begründung ihres Scheiterns: Der Autor ist vom Sinnverlust angesteckt und gibt sich den alkoholischen und kulinarischen Ausschweifungen einer brutalen Gegenwart hin. Die selbstreflexive Verschachtelung in der Tradition der westlichen Moderne - Joyce und Faulkner führt Mo Yan selbst an, aber auch Gide oder Flann O'Brien kommen einem in den Sinn - ist nicht Selbstzweck. Sie ist Ingredienz, wie auch die dämonischen Gestalten und andere Anleihen bei chinesischen Märchen. Der "magische Realismus" Lateinamerikas mag Mo Yan bei der Verbindung von kruder Realität und Motiven des Wunderbaren das Rezept geliefert haben. Hinzu kommen Phrasen und Bilder aus dem Wortschatz der Ideologie ("Der Motor heulte auf und begann zu pfeifen wie die Kugeln der Faschisten") sowie kulturelle Referenzen, die dem westlichen Leser fremd bleiben müssen. Eine wahre Enzyklopädie der alltäglichen und literarischen Formen und Sprachen wird hier verbraut zu einem fulminanten Kosmos, der seine Bestandteile in einem Prozeß der kreativen Gärung und Destillation veredelt.

Gegenpol der formalen Kraft ist eine lukullische Sinneswelt, die stets die ihr eigene Schwerkraft behält: "Mein Gott, wie köstlich! Die Geschmackszellen auf seiner Zunge brachen in einstimmigen Jubel aus, seine Kinnmuskulatur geriet ins Zittern, und aus den Tiefen seiner Kehle schob sich eine Hand nach oben, um den Leckerbissen hinabzuziehen." Der Leser wird in Elementarfreuden hineingerissen; auch wenn er für Kamelhufe, Bärentatzen, Affenhirn und Schwalbennester nichts übrig hat, geht es ihm wie dem sturztrunkenen Ermittler: "Ding Gou'ers Bewußtsein hing unter der Decke und lächelte ihm zu." Wie geschickt Mo Yan in der Verbindung von Essen, Ideologie, Literatur und Zeitdiagnose ist, zeigt die Diskussion der Schriftsteller um die literarische Verwendung des Gerichts "Drache und Phönix glücklich vereint", das aus den Geschlechtsorganen weiblicher und männlicher Esel besteht. Der Meister hat Einwände: "Ich fürchte, die Kritik wird ein Gericht wie dieses mit seinem offensichtlich bourgeoisen Liberalisierungspotential nicht akzeptieren." Wird doch ein Arbeitstier in eine dekadente Speise verwandelt, deren Name an Brisanz nicht zu überbieten ist: Drache und Phönix sind die Symbole Chinas. Solche Verdichtungen verleihen einem schlichten Gericht politische und literarische Raffinesse.

Nicht immer leicht zu verorten ist Mo Yans eigene Position: Er übt ebenso Kritik an gierigen kommunistischen Funktionären, wie er die neue kapitalistische Raubtiermentalität anprangert. Es spricht für ihn, daß die Publikation des Romans in Taiwan zum Ereignis wurde, in China aber so unauffällig wie möglich vonstatten ging. Es ist zu hoffen, daß der Roman hierzulande ähnlichen Erfolg ernten wird - und daß die nächste Übersetzung nicht wieder zehn Jahre braucht.

NIKLAS BENDER

Mo Yan: "Die Schnapsstadt". Roman. Aus dem Chinesischen übersetzt von Peter Weber-Schäfer. Rowohlt Verlag, Reinbek 2002. 512 S., geb., 22,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Besprechung von 10.03.2003
Ein rundes
Vollmondgesicht
Fein und brutal: Mo Yans
Roman „Die Schnapsstadt”
Die Form dieses Romans kann man sofort bewohnen. Wer in westlichen Erzähltraditionen beheimatet ist, lässt sich von den fiktionalen Spiegelgefechten Mo Yans nicht so leicht aus dem Konzept bringen: Das Spiel mit der Figur des Autors kennt man seit Sterne und Jean Paul, im Fluss des Bewusstseinsstroms schwimmt man nach Joyce wie ein geübter Schwimmer, und dass sich Realismus mit Magie verträgt, hat Gabriel García Marquez schon längst der ganzen Welt bewiesen. Doch so vertraut die Form dieses 1992 im chinesischen Original publizierten Romans erscheint, so fremd ist der Inhalt. Und das hat weniger politische als kulturelle Gründe. Während man die politischen Koordinaten dieses 1989 in einer entlegenen Provinz Chinas spielenden Romans leicht wiedererkennt, sind es die Details, die den Leser immer wieder in Verwirrung stürzen.
In der seltsamen Differenz zwischen dem Altbekannten und dem erschütternd Anderen steckt der Reiz dieses Romans. Es ist die kleine Verschiebung, die die Lust am Text erzeugt. Oft hat die minimale Abweichung eine große, häufig auch groteske Wirkung. Das reicht von der kurzen Verblüffung über ein anderes Schönheitsideal – wer würde ein rundes Vollmondgesicht in unserem Kulturkreis als Gipfel der Schönheit empfinden? – bis hin zur unterschwelligen Verknüpfung zweier Prinzipien, die nach westlicher Auffassung im Gegensatz stehen: Brutalität und Verfeinerung.
Der 1955 in der Provinz Shandong geborene Autor, der durch Zhang Yimous Verfilmung seines Romans „Das rote Kornfeld” berühmt wurde, benützt einen Krimi-Plot zur Strukturierung seines Romans. Reichlich ungewöhnlich ist der Auftrag, den der Sonderermittler Ding Gou’er eines Tages erhält. Er soll Gerüchte aufklären, die Ungeheuerliches behaupten: Im fiktiven Ort Jiuguo, der „Schnapsstadt”, werden kleine Jungen gebraten und als Delikatesse von dekadenten Parteikadern verspeist. Die Ermittlungen gestalten sich schwierig, denn Ding Gou’er, ein ziemlich abgebrühter und gleichwohl sensibler Genosse, lässt sich durch allerlei Spielchen ablenken, die man vor Ort mit ihm treibt und in die ihn sein Autor virtuos verwickelt.
Sieger und Verlierer
Bei allem Chaos, das Mo Yan planmäßig auf den über fünfhundert Seiten seines Romans erzeugt, schlägt er immer wieder Breschen, die dem Leser ein bequemes Fortkommen erlauben. Eine Handvoll charakteristischer Figuren bilden den roten Faden. Famos, gleich am Anfang, eine LKW-Fahrerin, so herb, derb und grob, wie man es sich nur vorstellen kann. Ihr begegnet Ding Gou’er, verheiratet mit einer Frau, die er aus Trägheit nicht verlässt, ausgestattet mit einer Geliebten, die zwar seinen Lüsten schmeichelt, ihm aber als Lebensgefährtin untauglich scheint. Im Verlauf des Romans fordert sie ihn immer wieder heraus, lockt ihn und macht ihn an, um, sobald es Ernst wird, mit den erwachten Trieben des chinesischen Machos brutal Schlitten zu fahren. Es ist der Kampf der Geschlechter, der dem Klassenkampf nicht unähnlich ist: „Manchmal tragen die Männer den Sieg davon, manchmal die Frauen, aber am Ende ist der Sieger immer zugleich der Verlierer.”
Vergleichbar prägnant ist Ding Gou’ers Gegenspieler, der stellvertretende Abteilungsleiter für Öffentlichkeitsarbeit im Parteikomittee von Jiuguo. Jin Gangzuan weiß die Ära der Reformen und der Liberalisierung für eigene Zwecke zu nutzen. Früher war er Lehrer, nun scheint er, als treibende Kraft bei der „Verfeinerung” der Lebenskünste, Kinder lieber zu verspeisen als auszubilden. Ob die Gerüchte allerdings tatsächlich der Wahrheit entsprechen, gibt der Autor bis zum Schluss nicht preis.
Der Parteisekretär hütet zusammen mit dem Bergwerksdirektor die kleine Zeche, in deren unterirdischem Speisesaal sich die ungeheuerlichen Festgelage zutragen sollen. In einer perfiden Übersteigerung traditioneller Höflichkeitsformen zwingen sie Ding Gou’er, kaum dass er zu Aufklärungszwecken in den Speisesaal vorgedrungen ist, sich heillos zu betrinken. So weiß er am Ende nicht, ob der Junge, den er soeben mitverspeist hat, tatsächlich lebensecht aus Gemüse nachgebildet wurde oder vielleicht doch ein richtiges Kind gewesen war.
Kannibalismus und Alkoholismus sind die skurrilen Appetizer, mit denen Mo Yan den Leser an eine Festtafel ganz anderer Art lockt. Denn eigentlich ist dieser Roman vor allem einer übers Schreiben. Mo Yan hat sich selbst zu einer Figur gemacht. Unter seinem Namen korrespondiert dieses Alter ego mit einem Fan, einem Doktoranden der Alkoholkunde, der ständig neue Erzählungen zur Begutachtung schickt. Sie sind Bestandteil des Romans und bringen ihn nicht nur in der Handlung, sondern vor allem in der Selbstreflexion voran.
Denn dieser Li Yidou schreibt seine Erzählungen in den unterschiedlichsten realistischen Stilen, mal als „grausamer”, „dämonischer” oder „magischer” Realismus, mal als „dokumentarische Erzählung” oder als Pastiche aus Volks- und Hochliteratur. Und so wird der Autor schließlich doch mit seinem Roman fertig, auch wenn sein Alter ego beteuert, mit dem Schreiben der „Schnapsstadt” in eine Sackgasse geraten zu sein.
MEIKE FESSMANN
MO YAN: Die Schnapsstadt. Roman. Deutsch von Peter Weber-Schäfer. Rowohlt Verlag, Hamburg 2002. 512 Seiten, 22,90 Euro.
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung exklusiv über www.diz-muenchen.de
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"Mo Yan verdient einen Platz im Pantheon der Weltliteratur. Seine Stimme wird den Weg ins Herz seiner Leser finden wie die von Kundera und Garcìa Marquez." (Amy Tan)

Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Von der Form dieses Romans lässt sich Meike Fessmann nicht aus der Fassung bringen, wie sie zunächst betont, denn was dieser chinesische Roman da an Spielen mit der Figur des Autors, an erzählten Bewusstseinsströmen und magischem Realismus aufbietet, kennt sie von Sterne, Joyce und Marquez. Trotzdem ist sie hingerissen von dem Roman, der bereits 1992 auf Chinesisch erschien, denn sie entdeckt in der Geschichte um einen Ermittler, der in der Stadt Jiuguo untersuchen soll, ob dort tatsächlich Kinder verspeist werden, zwischen "Altbekanntem" eben auch das "erschütternd Andere". Dies mache den "Reiz" des Buches aus, betont die begeisterte Rezensentin, die insbesondere von einer LKW-Fahrerin beglückt ist, die sich in einen "Geschlechterkampf" erster Güte mit dem Protagonisten begibt, der dem "Klassenkampf" in nichts nachsteht, wie Fessmann schwärmt.

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