Houston Stewart Chamberlain - Bermbach, Udo
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Houston Stewart Chamberlain (1855-1927) war einer der wirkungsmächtigsten Publizisten im Deutschen Kaiserreich. Sein Buch Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts wurde ein Weltbestseller. Der Schwiegersohn Richard Wagners und engste Vertraute Cosimas war der führende Kopf Bayreuths. Die Nazis erklärten ihn zu ihrem Vordenker. Doch sein Denken ging über solche Verengung hinaus, wie seine erfolgreichen Bücher zu Kant, Goethe und zur Theologie belegen. Chamberlain entwarf eine Weltanschauung aus verschlanktem Christentum, klassischer Bildung, Antisemitismus und Rassismus und erleichterte damit Teilen…mehr

Produktbeschreibung
Houston Stewart Chamberlain (1855-1927) war einer der wirkungsmächtigsten Publizisten im Deutschen Kaiserreich. Sein Buch Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts wurde ein Weltbestseller. Der Schwiegersohn Richard Wagners und engste Vertraute Cosimas war der führende Kopf Bayreuths. Die Nazis erklärten ihn zu ihrem Vordenker. Doch sein Denken ging über solche Verengung hinaus, wie seine erfolgreichen Bücher zu Kant, Goethe und zur Theologie belegen. Chamberlain entwarf eine Weltanschauung aus verschlanktem Christentum, klassischer Bildung, Antisemitismus und Rassismus und erleichterte damit Teilen des Bürgertums den Weg zum Nationalsozialismus. Die hier vorgelegte erste deutsche Werkbiographie will Leben und Weltanschauung im historischen Kontext aufschließen und so zum Verstehen eines wichtigen Abschnitts deutscher Geschichte beitragen.
  • Produktdetails
  • Fachbuch Metzler
  • Verlag: J.B. Metzler
  • Erscheinungstermin: 13. Juli 2015
  • Deutsch
  • Abmessung: 236mm x 161mm x 43mm
  • Gewicht: 1169g
  • ISBN-13: 9783476025654
  • ISBN-10: 3476025659
  • Artikelnr.: 43001486
Autorenporträt
Udo Bermbach war bis 2001 Professor für Politische Wissenschaft an der Universität Hamburg und 1999/2000 Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin. Neben Publikationen zum politischen System der Bundesrepublik Deutschland, zur Politischen Ideengeschichte und Theorie und zum Verhältnis von Oper, Gesellschaft und Staat hat er zahlreiche Arbeiten zu Richard Wagner veröffentlicht. Er ist Gründer und Mitherausgeber der internationalen Zeitschrift wagnerspectrum.
Rezensionen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 25.07.2015

Gefährlicher
Fantast
Hitlers Vordenker und Wagners Schwiegersohn:
Wer war Houston Stewart Chamberlain?
VON JENS MALTE FISCHER
Seinen Schwiegervater Richard Wagner hat Houston Stewart Chamberlain (1855 –1927) nie kennengelernt, seinen Schüler Adolf Hitler sehr wohl. In seinem neuen Buch legt der Politikwissenschaftler Udo Bermbach, der durch fundierte Untersuchungen zu Richard Wagner hervorgetreten ist, die erste zusammenfassende Darstellung eines Mannes vor, der in der Zeit bis zum Ende des Ersten Weltkriegs ein viel gelesener Autor war.
  Chamberlains größter Erfolg war ein in Umfang und Anspruch monumentales, zuerst in drei Bänden erschienenes Buch mit dem Titel „Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts“, das pünktlich im letzten Jahr dieses 19. Jahrhunderts publiziert wurde. Ein älterer Zeitgenosse äußerte gesprächsweise über Chamberlain: „Er ist in vielem ein Fantast, aber ein merkwürdig belesener und geistvoller Kerl. Er hat sich in seine Rassenfantasie hinein verbohrt. Aber er bringt eine Menge interessanter Einzelheiten und allerlei Tatsachen, die ich noch nicht wusste.“ Man wird nicht gleich darauf kommen, wer das geäußert haben könnte – es war der alte Wilhelm Busch kurz nach der Jahrhundertwende.
  Zur etwa gleichen Zeit notiert die Baronin Spitzemberg, eine kluge und weltläufige Frau mit tiefen Einblicken in die Berliner Hofgesellschaft, Folgendes: „Wo man hinkommt, ist das Buch gelesen, hat begeisterte Anhänger, allerdings auch solche, die es oberflächlich, unwissenschaftlich, phantastisch nennen, ein Urteil, das ich völlig begreife vom Standpunkt der landesüblichen, hochwissenschaftlichen und streng logischen Beurteilung aus. Das Werk wimmelt von gewagten Hypothesen, unbewiesenen Voraussetzungen; aber es gibt so viel zu denken, reißt hin, macht mutig, begeistert die Seele, vernichtet alle graue Theorie, alle Nörgelei – ist das in unserer matten, kühlen, skeptischen Zeit nicht genug des Lobes?“ Auch Karl Kraus las dieses Buch und lud Chamberlain zur wenn auch kurzfristigen Mitarbeit an der frühen Fackel ein.
  Das Buch hatte eine erstaunliche Resonanz. Die Höhe der einzelnen Auflagen, mal teure Prachteditionen, mal preiswerte Volksausgaben, ist nicht leicht zu bestimmen. Vage Schätzungen bewegen sich zwischen 120 000 und 200 000 Exemplaren. Oswald Spenglers „Untergang des Abendlandes“ von 1918 dürfte rund 200 000 Exemplare erreicht haben, allerdings über einen längeren Zeitraum. Die angeblich rund 1,2 Millionen von Rosenbergs „Mythus des 20. Jahrhunderts“ aus dem Jahr 1930 sind aus verschiedenen Gründen nicht vergleichbar – beide Bücher sind eindeutig mit Blick auf Chamberlains Erfolg konzipiert worden.
  Udo Bermbach hat durchaus recht, wenn er darauf besteht, dass der breite Erfolg gerade der „Grundlagen des 19. Jahrhunderts“ nicht erklärbar gewesen wäre, wenn es sich hier um ein Buch handeln würde, in dem vor allem Rassismus und Antisemitismus im Mittelpunkt stehen, auch wenn nicht zu bestreiten ist, dass es, um es vorsichtig auszudrücken, nicht frei von diesen Dingen ist.
  Bermbach macht nicht den Versuch eine Art Ehrenrettung. Als erster Autor jedoch bemüht er sich um eine umfassende Gesamtdarstellung von Leben und Werk Chamberlains. Chamberlain wird zwar, außer von Wissenschaftlern, seit Langem nicht mehr gelesen, aber es gibt keine Darstellung der deutschen Ideen-, besser Ideologiegeschichte der Zeit zwischen dem Ende des 19. Jahrhunderts und dem Dritten Reich, die sich nicht mit Chamberlain auseinandersetzen würde.
  Dieser Engländer, der mitten im Ersten Weltkrieg die deutsche Staatsbürgerschaft annahm, hat sich durch drei Konstellationen dem historischen Gedächtnis eingeprägt: erstens durch den Erfolg seines „Grundlagen“-Buches (im Jahr 1944 erschien es in der 29. Auflage), dann durch die Heirat mit Eva, der Tochter Richard Wagners, was gleichbedeutend war mit dem Eintritt in den engsten Bayreuther Dunstkreis, und schließlich durch einen berühmt gewordenen Besuch Hitlers am Krankenbett Chamberlains in Bayreuth, der durch eine fortschreitende Parkinson-Erkrankung (so die überzeugendste Diagnose) die letzten zehn Jahre seines Lebens körperlich zunehmend verfiel, jedoch bis zu seinem Tod im Jahr 1927 geistige Klarheit bewahrte.
  Bermbach konzentriert sich nicht, wie die meisten Wissenschaftler, auf das „Grundlagen“-Buch, sondern stellt die an Breite der Interessen und der Kenntnisse von heute aus gesehen ungewöhnliche intellektuelle Kapazität Chamberlains im Ganzen dar. So beharrt er zum Beispiel darauf, dass das Goethe-Buch von 1912 dasjenige seiner Werke sei, das den höchsten Rang einnimmt; nicht zuletzt wurde es von Walter Benjamin geschätzt. Allerdings muss Bermbach auch feststellen, dass an diesem eher unerwarteten Ort Chamberlains Antisemitismus fast noch massiver zutage tritt als in den „Grundlagen“, und zwar in Zusammenhang mit jenen Äußerungen Goethes zum Judentum, die die Goethe-Forschung gerne „zwiespältig“ nennt und die Chamberlain besonders dick unterstreicht. Ein Erfolg war seinerzeit auch das Buch über Kant von 1905. Der erste buchhändlerische Knüller jedoch war das wenige Jahre vor den „Grundlagen“ erschienene umfangreiche Buch über Richard Wagner. Mit ihm empfahl sich Chamberlain für Bayreuth, lange bevor er in zweiter Ehe Eva Wagner heiratete.
  Bermbach macht deutlich, dass Cosima Wagner von den „Grundlagen des 19. Jahrhunderts“ begeistert war, jedoch, bevor dieser Autor ihr Schwiegersohn wurde, durchaus eifersüchtig auf Chamberlain blickte, weil sich im Bayreuther Kreis kein einziger Autor fand, der dessen weiten Blick und stilistische Fähigkeiten besaß. Und auch das wird deutlich: Es ist ihm durchaus gelungen, sich seinen eigenen Blick auf Wagner nicht von der Bayreuther Ideologie verstellen zu lassen.
  Kein Zweifel jedoch kann daran bestehen, dass Chamberlain den spezifischen Rassismus und den Antisemitismus Wagners im Sinne von dessen späten sogenannten Regenerationsschriften für sich fruchtbar machte. Und kein Zweifel kann auch daran bestehen, dass Chamberlain sich den von allen jüdischen Elementen gereinigten „arischen Christus“ aus Wagners Spätschriften für seinen auf Rassetheorien basierenden Antisemitismus zurechtbog. Anders als Wagner verließ Chamberlain jedoch nie den Boden seiner protestantisch geprägten Religiosität. Der studierte Biologe, der nie einen universitären Abschluss erreicht hatte, war ein Privatgelehrter von besonderem Zuschnitt, mit einer bis heute erhaltenen Bibliothek von mehr als 10 000 Bänden, die die Weite seiner Lektüre in Literatur, Philosophie, Naturwissenschaft, Geschichte, Religionsgeschichte und Theologie, sowie natürlich Rassenkunde, eine ja zu seiner Zeit weit verbreitete und keineswegs verteufelte „Wissenschaft“, bezeugt.
  Es gehört zu den Stärken Bermbachs, dass er auch die berüchtigten Kriegsaufsätze Chamberlains im Ersten Weltkrieg unvoreingenommen liest und den schnell aufkommenden Verdacht, hier schreibe ein vom Germanenkult benebelter Chauvinist, modifizieren kann. Natürlich war der von Wilhelm II. höchst geschätzte und auch persönlich umworbene Autor kein Demokrat. Im Unterschied zu seinem Idol Wagner jedoch wollte er Politik nicht durch Kunst, sondern durch Wissenschaft ersetzen, wobei ihm eine Art Expertokratie vorschwebte.
  Bermbachs Buch stellt unmissverständlich heraus, dass man Chamberlain durchaus als einen Vordenker des Nationalsozialismus bezeichnen kann, der in seinen Schriften Stichworte, Ideen und Weltanschauungspartikel lieferte, an die der Nationalsozialismus anschließen konnte. Es wird allerdings auch deutlich, dass nicht alle Vereinnahmung Chamberlains im Dritten Reich, das er nicht mehr erlebte, mit der Essenz seines Denkens und Schreibens in Übereinstimmung zu bringen war. Das Problem war nur, dass sich darin neben Konzisem auch viel Unscharfes, Widersprüchliches und gefährlich Verschwimmendes findet.
  Und was wurde nun bei dem Besuch Hitlers am Bayreuther Krankenbett am
30. September 1923 gesprochen? Wir wissen es nicht. Gesprochen hat wohl eigentlich nur Hitler, aber nicht nur, weil seine berüchtigte Suada wieder einmal alles überrollte, sondern vor allem, weil Chamberlain nur noch zu lallenden Lauten fähig war. Der Kranke selbst notiert in seinem Tagebuch, das von seiner Frau geführt wurde: „Besuch Hitlers, erhebend“. Es folgte ein von den Nationalsozialisten dann immer wieder ausgeschlachteter Brief Chamberlains an Hitler, der es an Begeisterung für den jungen Mann aus München nicht fehlen lässt. In merkwürdiger Parallele zu Martin Heidegger schwärmt Chamberlain von Hitlers Händen, wie auch von seinen Augen. „Dass Deutschland in der Stunde seiner höchsten Not sich einen Hitler gebiert, das bezeugt sein Lebendigsein“, ist einer der zentralen Sätze.
  Bermbach hat sicher recht, wenn er feststellt, dass Chamberlain zu diesem Zeitpunkt, krank und isoliert wie er war, von Hitler und seiner Bewegung kaum etwas wusste. In die NSDAP eingetreten ist er erst später, ein Jahr vor seinem Tod. Selbst, wenn er gewollt hätte, hätte er sich der nationalsozialistischen Atmosphäre im Haus Wahnfried und im Bayreuth der Zwanzigerjahre nur schwer entziehen können, aber sicher hat er das gar nicht gewollt. Bermbach beharrt auch hier wie im ganzen Buch auf Differenzierung. Chamberlain, so seine Interpretation des Briefes, habe mehr versucht, sich einen Hitler nach seinem und dem Bayreuther Bild zu formen, als dass er sich dessen politischen Zielen vorbehaltlos angeschlossen hätte. Die Crux dieses Briefes bleibt es, dass er umstandslos als Parteinahme für Hitler und den Nationalsozialismus interpretiert werden kann.
  Dies gilt gewiss auch für die wohl heikelste Frage, inwieweit in Bezug auf den Antisemitismus eine direkte Linie von Chamberlain zu Hitler führt. Es wurde ja schon insinuiert, Chamberlain habe damals am Krankenbett in Bayreuth die „Endlösung der Judenfrage“ gewissermaßen wortlos in die Hände Hitlers gelegt. Obwohl Hitler noch genug andere trübe Quellen hatte, aus denen er schöpfen konnte, war Chamberlain zweifellos eine dieser Quellen. Bermbachs Buch will es ganz genau wissen: Die Ermordung des europäischen Judentums wird an keiner Stelle in Chamberlains Werk auch nur andeutend ins Visier genommen. Dennoch führte dieser polyglotte Bildungsbürger bei all seiner nicht nur prätendierten Vornehmheit das bürgerliche Publikum auf einen Weg, der es ihm ermöglichte, Rassismus und Antisemitismus als politisch akzeptable, ja sogar unterstützungswürdige Haltung und Vision wenn nicht anzusehen, dann zumindest zu tolerieren.
  Das ist die nicht geringe historische Schuld Chamberlains. Die entscheidende Frage ist wohl die, ob man bereit ist, eine Grenze zwischen einem „normalen“ und gängigen Antisemitismus mit im Horizont des späten 19. Jahrhunderts „wissenschaftlichen“ Grundlagen und einem eliminatorischen oder auch exterminatorischen Antisemitismus zu akzeptieren, oder ob man bereits diese Unterscheidung als Sündenfall begreift. Bermbach zufolge hat Chamberlain diese Grenze nicht übertreten. Welches Gewicht diese Tatsache bei der politisch-historisch-moralischen Beurteilung von Chamberlain besitzt, darüber wird kontrovers zu diskutieren sein.
  Udo Bermbachs gewichtiges Buch ermöglicht es uns, das im historischen Abstand immer rätselhaftere Phänomen Houston Stewart Chamberlain zum ersten Mal annähernd zu verstehen. Nicht nur, weil man weiß, dass die Lektüre seiner Werke kein Spaziergang ist, muss man das als bedeutende Leistung würdigen.
Chamberlains raunende
Ideologie passte bestens in
den Bayreuther Dunst
1908 heiratete Chamberlain Richard Wagners Tochter
Eva und lebte fortan
in Bayreuth. 1923 notierte der Schwerkranke im
Tagebuch: „Besuch Hitlers, erhebend“.
Foto: Blanc
Kunstverlag/SZ Photo
      
      
    
Udo Bermbach: Houston
Stewart Chamberlain.
Wagners Schwiegersohn –
Hitlers Vordenker.
Verlag J. B. Metzler.
Stuttgart, Weimar 2015.
640 Seiten, 39,95 Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Der hier rezensierende Musikwissenschaftler Jörg Rothkamm nennt die Chamberlain-Monografie des Politologen und Wagner-Forschers Udo Bermbach einen Meilenstein und ein differenziertes Bild des Schwiegersohns von Richard Wagner. Nicht nur sichtet der Autor laut Rothkamm Chamberlains gesamtes Werk, interpretiert es und ordnet es in den biografischen Kontext ein, er schafft es auch, Chamberlain durch "saubere" Textanalyse von Wagner abzusetzen und das Darwinsche Modell als ausschlaggebend für seine Rassentheorie darzulegen. Wenn der Autor Chamberlains eher unpolitisches "Programm" von der "nationalsozialistischen Endlösung" unterscheidet, scheint der Rezensent froh darüber, dass er gleichwohl die Problematik erkennt, die im Einfluss Chamberlains auf Hitler liegt. Bermbachs Neulektüre der Schriften Chamberlains und unbekannter biografischer Quellen scheint dem Rezensenten in jedem Fall gewinnträchtig, schon da der Autor sich des heiklen Gegenstands seiner Untersuchung stets bewusst ist, wie Rothkamm erläutert.

© Perlentaucher Medien GmbH

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 25.09.2015

Hat Hitler ihn denn missverstanden?
Udo Bermbachs Biographie des gebildeten Rassisten Houston Stewart Chamberlain

Wagners Schwiegersohn und Hitlers Vordenker - auf diese Formel bringt Udo Bermbach im Untertitel seiner voluminösen Biographie das Leben seines Protagonisten Houston Stewart Chamberlain. Der Titel scheint eine Entwicklungsgeschichte anzukündigen, die vom Nationalismus des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts zum Nationalsozialismus führte. Doch das ist gerade nicht Bermbachs Anliegen. Vielmehr interessiert ihn an Chamberlain die gleiche Frage, die schon seine Arbeiten zu Wagner antrieb: Welche Verbiegungen und Verfälschungen musste ein Werk der Jahrhundertwende erfahren, um nach 1933 vom den Nationalsozialisten vereinnahmt zu werden? Was wollte der Autor eigentlich sagen, und was wurde später daraus gemacht?

Nun haben wir es bei Chamberlain mit einem Klassiker des rassistischen Antisemitismus zu tun, was auch Bermbach zugibt. Dennoch will er es genau wissen, er will Bilanz ziehen: Welche von Chamberlains Ideen arbeiteten den Nationalsozialisten tatsächlich zu und welche widersprachen deren Ideologie? Denn zunächst einmal, und das ist Bermbachs Ausgangspunkt, war Chamberlain ein breit belesener, gebildeter und "bemerkenswerter Mann", der viel Kluges über Wagner, Kant und Goethe gesagt hat.

Schon das hebe ihn vom populären Rassismus der Nazis ab, auch wenn diese ihn zum unbestrittenen Vordenker der eigenen Sache erklärten. Um hier Klarheit zu gewinnen, schaut Bermbach Chamberlain intensiv beim Lesen, Denken und Schreiben zu, von den ersten Aufsätzen bis zu seinen letzten Essays.

Dieser werkbiographische Zugang ist durchaus erhellend, insofern er den Leser in die intellektuellen Kreise und Denkweisen der Jahrhundertwende einführt, die politisch sehr viel ambivalenter waren, als häufig angenommen wird. Zudem ist die eigentliche Biographie Chamberlains so bekannt wie unspektakulär: In Portsmouth als Sohn eines britischen Konteradmirals geboren, in Frankreich erzogen und aufgewachsen, fand er schließlich in Wien und Bayreuth in jeder Hinsicht seine deutsche Heimat.

Zunächst botanisch interessiert, entwickelte Chamberlain früh eine Begeisterung für Deutschland und die deutsche Geistesgeschichte. Wagners Musik, Familie und Fangemeinde waren für Chamberlain der Einstieg in die Tiefen der deutschen Kultur. Schon unmittelbar nach seinen ersten deutschsprachigen Aufsätzen zu Wagner gehörte er zum inneren Zirkel, genoss eine tiefe Freundschaft mit Cosima Wagner und heiratete schließlich 1908 in zweiter Ehe Richard Wagners Tochter Eva von Bülow. Sein Bestseller über "Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts" (1899) verschaffte ihm Zugang zum deutschen Hochadel bis hin zur Kaiserfamilie, aber ebenso zu vielen prominenten Zirkeln des deutschen Bildungsbürgertums. Sich selbst immer als einen gebildeten Dilettanten bezeichnend, schrieb er weitere Bücher über Goethe, Kant oder Heinrich von Stein und am Ende seines Lebens eine aus Briefen und Dokumenten kompilierte Autobiographie.

Im Jahr 1923 wurde er von Adolf Hitler in Bayreuth besucht, für den er sich sofort begeisterte und der 1927 auch an seiner Beerdigung teilnahm. Für Hitler war Chamberlain ein intellektuelles Vorbild, gerade weil dieser sich nie als einen echten Intellektuellen verstand. In "Mein Kampf" versuchte sich Hitler in vielen Passagen an einer Nachahmung der "Grundlagen", und im Gegensatz zu vielen anderen völkischen Denkern, von denen sich Hitler deutlich absetzte, sah er in Chamberlain trotz ein wenig Kritik im Einzelnen einen Geistesverwandten.

Allein der Entstehung, kritischen Würdigung und Rezeption von Chamberlains Hauptwerk widmet Bermbach volle zweihundert Seiten: von den ersten Ideen über einen detaillierten Durchgang der Kapitel bis zu zwei gesonderten Abschnitten über den Antisemitismus und Rassismus dieses Buches. Bei Letzterem bemerkt Bermbach zunächst die Abwesenheit einer klaren Definition von "Rasse", um dann zu erläutern, wie sich Chamberlains Rassenbegriff aus biologischen und kulturellen Faktoren zusammensetzte.

Eine Verbindung, die laut Chamberlain vor allem im Germanentum zum Ausdruck komme, das sich seit Jahrhunderten zu immer höherer Blüte entfalte und dessen weitere Entwicklung und Höherzüchtung jetzt, am Ende des 19. Jahrhunderts, vom germanischen Menschen selbst in die Hand genommen werden müsse. Rassen waren für Chamberlain also keine feststehenden Größen, sondern bio-kulturelle Gebilde, die gestaltet sein wollen: nach innen durch Eheschließung, Technik und Politik, nach außen durch den Kampf gegen das Völkerchaos einerseits und gegen das Judentum als die seit Jahrtausenden sich gleich erhaltende Gegenrasse andererseits.

Immer wieder bemüht sich Bermbach, in der Darstellung des Werks das Besondere Chamberlains gegenüber anderen völkischen Denkern der Zeit, vor allem aber gegenüber dem Nationalsozialismus herauszuarbeiten. Letzterem widmet sich ganz am Ende das zusammenfassende Kapitel über Verbindendes und Trennendes. Und spätestens hier, wo Bermbach eine klare Bilanz ziehen will, hat er Schwierigkeiten, überhaupt noch eine Differenz zwischen seinem Protagonisten und dem Nationalsozialismus auszumachen. Denn auch im Nationalsozialismus wurde keine klare Definition der Rasse entwickelt, auch im NS-Rassismus gingen Biologie, Kultur und Politik nahtlos ineinander über, und auch hier mündete die scheinbar ordnende Rassenlehre unmittelbar in einem Gestaltungs- und Züchtungswahn samt Rassenkampf gegen Völkerchaos und Judentum.

Die Differenz zwischen Original und Verfälschung, um die es Bermbach geht, entpuppt sich als die simple Differenz zwischen Theorie und Praxis. Dass die Nazis Ernst gemacht haben mit der rassenpolitischen Gesellschaftsgestaltung, wie sie Chamberlain vorschwebte, ist der einzige wirklich erkennbare Unterschied. Bermbach aber interpretiert ihn in der gleichen Weise, in der er schon das Verhältnis Wagners zum Dritten Reich deutete: als illegitime Verfälschung und Vereinnahmung eines Werkes, das der belesene und gebildete Chamberlain niemals so intendiert hatte.

Dieses wiederholte Bemühen, das Original von seiner ideologischen Vereinnahmung zu trennen, es in manchen Passagen regelrecht in Schutz zu nehmen, hat aber, entgegen Bermbachs eigener Absicht, den Effekt einer weitgehenden Enthistorisierung ideengeschichtlicher Zusammenhänge. Nicht nur weil sich diese nur schwer bilanzieren lassen, sondern auch weil eine solche Bilanz am Ende suggeriert, dass der rein theoretische Rassismus und Antisemitismus des Originals irgendwie normal, verständlich oder geschichtlich nachvollziehbar gewesen sei.

Anders gesagt: Legt man Bermbachs Kriterien an, hätte der Nationalsozialismus gar keine ideologische Vorgeschichte mehr. Denn bei jedem der vielen völkischen, rassistischen und antisemitischen Autoren würde eine detaillierte Werkbiographie zeigen, dass auch ihre Thesen nicht hundertprozentig in die NS-Ideologie eingingen. Ohne alle diese gebildeten Rassisten aber, inklusive Chamberlain, hätte der Nationalsozialismus kaum noch etwas gehabt, das er von der Theorie in die Praxis hätte übersetzen können.

CHRISTIAN GEULEN

Udo Bermbach: "Houston Stewart Chamberlain". Wagners Schwiegersohn - Hitlers Vordenker. J. B. Metzler Verlag, Stuttgart 2015. 636 S., Abb., geb., 39,95 [Euro].

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